Buchkritik „Exit. Ein Neonazi steigt aus“ von Kent Lindahl

Das Buch „Exit. Ein Neonazi steigt aus“ von Kent Lindahl (München, 2001) ist ein klassisches Neonazi-Aussteigerbuch. In ihm beschreibt der schwedische Ex-Neonazi Kent Lindahl, Jahrgang 1964, wie er zum Nazi wurde und sich allmählich wieder von dieser Szene entfernte. Zum Zeitpunkt als Lindahl dieses Buch schrieb, im Jahr 2000, war er bereits längere Zeit kein Nazi mehr.
In gewisser Weise ist Lindahl ein doppelter Aussteiger. Neben seiner politischen Tätigkeit, war er nämlich auch noch ein Krimineller, u.a. ein gewalttätiger Geldeintreiber.

Begonnen hat Lindahls Weg als Außenseiter, der aus einer sozial erkälteten Familie stammt. An der Schule war Lindahl als Außenseiter Opfer von Mobbing und Gewalt. Sein Vater hatte ihm mitgegeben, sich unter allen Umständen zu wehren. Dieser Maskulinismus macht Lindahl selbst zu einem gewalttätigen Jugendlichen:

„Er fuhr knallhart auf diese Dinge ab, wie: Ein richtiger Mann weint nicht, sondern schlägt zurück.“ (Seite 39)

Daneben weist Lindahl schon früh eine anfangs noch unpolitische Begeisterung für die deutschen Streitkräfte Nazi-Deutschlands auf. Seinen Wissensdurst befriedigt er auch mit Buch-Material, das aus dem Ausland stammt. Er liest Bücher auf Englisch und in Übersetzung aus dem Deutschen. Der extrem rechte Munin-Verlag ist einer seiner Hauptquellen:

„Andere Literatur, die mich faszinierte, waren die Publikationen des deutschen Munin Verlages, der eine ganze Reihe von Büchern über Deutschland im Zweiten Weltkrieg herausgegeben hat. So gut wie alle handeln von der deutschen Armee, der Waffen-SS und der Luftwaffe.“ (Seite 98)

Trotz seiner Herkunft aus einer so genannten bildungsfernen Familie, führen Lindahls Faszination für Wehrmacht und Waffen-SS zum selbstständigen Lesen.

Nach einer Karriere als jugendlicher Kleinkrimineller, wird Lindahl irgendwann rechter Skinhead. Doch ist Politik hier nicht der Hauptinhalt, sondern die Gewalt und der Alkohol. Lindahl spricht davon, dass diese „Alkoholskinheads“ „Alkoholiker auf dem Weg zu den Parkbänken“ wären. Doch ein Teil der vulgärrassistischen Schläger-Skinheads ideologisieren und politisieren sich weiter, darunter auch Lindahl. Lindahl wird zum medialen Aushängeschild der rechten Skinheads in Schweden. Er gerät immer „tiefer in die große nationalsozialistischen Finsternis hinein“.

Er trifft sich u.a. mit Ian Stuart Donaldson, der englischen Rechtsrocklegende. Donaldson versprechen die schwedischen Nazi-Skins bei dessen Schweden-Aufenthalt, Graham Atkinson, Herausgeber des Antifa-Magazins „Searchlight“ auf seiner Reise nach Schweden zu ermorden (Seite 107). Letztlich wird der Plan aber dann doch nicht umgesetzt, weil er bereits vorher bekannt geworden war.
Als Donaldson Lindahl bei einem England-Aufenthalt anbietet Speed, Kokain und sogar Heroin zu besorgen, ist Lindahl am Boden zerstört. Hatte Lindahl Junkies immer verprügelt, so ist der legendäre Donaldson plötzlich selber einer bzw. ein Dealer unter Kameraden. Hier findet sich ein wichtiges Motiv für Nazi-Aussteiger, die Enttäuschung über den Verrat der Kameraden an den eigenen NS-Idealen.
Ein weiteres Motiv ist die Freundschaft oder Beziehung zu einem Menschen außerhalb der Szene. In Lindahls Fall war es seine Freundin mit der er auch ein Kind bekommt. Diese Veränderung führt zu seinem Ausstieg aus der kriminellen Szene und einer stärkeren Reflexion seiner braunen Biografie, von der er sich aber schon früher entfernt hatte.

Am Rande des Buches werden auch die „Schwedendemokraten“ erwähnt, eine Partei die letztes Jahr erfolgreich in den Stockholmer Reichstag eingezogen ist.

„Ich hatte mich in der Schwedenpartei engagiert, die später mit der Framstegsparti (Fortschrittspartei) zusammengehen und ihre Namen zu Sverigedemokraterna (Schwedendemokraten) verändern sollte. Die Umbenennung änderte nichts an der politischen Ausrichtung. Die Partei war und blieb extrem nationalistisch und ausländerfeindlich, aber nicht direkt antisemitisch.“ (Seite 89)

Für einen bekennenden Nationalsozialisten wie Lindahl waren die „Schwedendemokraten“ aber trotzdem nicht hart genug.

„Wir gingen zwar zu den Treffen der Schwedendemokraten (Sverigedemokraterna), aber ihre politische Einstellung war nicht unser Ding. Unserer Meinung nach waren sie feige Populisten.“ (Seite 143)

Das Deutsch der übersetzten Ausgabe wirkt manchmal etwas holprig. Überaus irritierend wirkt auch Lindahls nachträgliche Forderung nach Disziplin gegenüber Jugendlichen durch Lehrer. Auch seine Kritik am „Mangel an Disziplin und das ewige Saufen“ innerhalb der Skin-Szene lesen sich manchmal als eine Enttäuschung, die bis heute anhält. So als wären abstinente und disziplinierte Nazi-Skinheads etwas Begrüßenswertes.

Trotzdem lohnt sich die Lektüre des Buches, also zugreifen wenn es einem in einer Bücher-Wühlkiste über den Weg läuft.

Kent Lindahl: Exit. Ein Neonazi steigt aus, München 2001.