Der Penisneid der christlichen Hardliner

Warum Piusbrüder nur wollen, was Moslembrüder schon können
Mitte Mai 2011 wurde erneut eine Gesetzesinitiative ins Parlament von Uganda eingebracht, die die Todesstrafe für Homosexuelle in „schweren Fällen“ vorsieht1. Im Herbst letzten Jahres wurde die Initiative für diese „Anti-Homosexuality Bill“2 nach Protesten wieder zurückgezogen. Die parlamentarische Initiative heizt weiter das ohnehin repressive Klima gegen die sexuelle Minderheit an. Geoutete Homosexuelle wurden bereits ermordet oder mussten fliehen.
Wenig bekannt sind die christlich-evangelikalen Kräfte aus den USA, die weltweit die Kriminalisierung von Homosexualität vorantreiben. William Hiscott schreibt in der Wochenzeitung „Jungle World“, dass „die homophobe Agenda des US-amerikanischen Kulturkriegs nach Afrika exportiert“3 werde und benennt als Beispiel Uganda.
Kannte man die Todesstrafe für praktizierte Homosexualität bisher nur aus islamistisch regierten Staaten und Regionen wie dem Sudan, Mauretanien, Iran, Saudi-Arabien oder Nord-Nigeria, scheint das christlich geprägte Uganda nun gleichzuziehen zu wollen. Ob sich die christlichen Fundamentalisten ihre von der islamistischen Konkurrenz beeinflussten Gesetzgebungen direkt zum Vorbild nahmen ist unbekannt. In anderen Fällen aber resultiert aus der Wesensähnlichkeit religiöser Fundamentalismen eine Orientierung an der erfolgreicheren Bewegung, in diesem Fall am Islamismus.

Unsere Feinde konzentrieren sich auf die Kinder. […] Der Islam trainiert seine Kinder hart. Kein Wunder dass sie bereit sind, in den Tod zu gehen. Ich möchte erleben, dass junge Menschen sich genau so sehr der Sache Jesu verschreiben wie andere sich dem Islam verschreiben. Ich will sehen, wie sie ihr Leben dem Evangelium hingeben, so wie sie es in Pakistan, Israel oder Palästina für ihre Religion tun.

Diesen Wunsch äußert Becky Fischer, Pastorin aus den USA und Organisatorin evangelikaler Sommercamps. Andere radikale Christen deuten ihren Neid nur an.
Peter Winnemöller schrieb in dem katholischen Kampfblatt „KOMMA“:

Erfahrungen mit dem Islamismus lassen schnell die Alarmglocken läuten, wenn der Islam Opfer von Häme oder Beschimpfung wird. Hier wird den Christen in unserem Lande ihre Friedfertigkeit rechtlich gesehen tatsächlich zum Nachteil. Natürlich wird niemand einem christlichen Terrorismus das Wort reden, doch die völlige Abwesenheit und Undenkbarkeit eines solchen, macht den Nachweis einer Störung des öffentlichen Friedens schwer.

Hier schwingt erkennbar zwischen den Zeilen ein starkes „Wenn wir doch auch …“ mit. Auffällig häufig verweisen Christen bei der „Lästerung“ gegen ihren Gott und ihre Heiligtümer auf die organisierten Proteste beleidigter Muslime gegen die Mohammed-Karikaturen. Zumindest auf die Ergebnisse solcher Kampagnen ist man neidisch. Islamisten können ihre Agenda und Forderungen nämlich häufiger durchsetzen als ihre christlichen Brüder und Schwestern im Geiste.
Neben diesem Neid existieren vereinzelt offenbar auch direkte Orientierungsversuche an der Jihadisten-Szene, die damit zum Trendsetter unter den religiösen Fundamentalisten wird. Der Informationsdienst „Blick nach Rechts“ berichtete 2004 davon, dass gewalttätige christliche Terroristen damit begonnen hätten, sich an ihren islamistischen Kollegen zu orientieren1. Militante Abtreibungsgegner in den Vereinigten Staaten würden zu einer Terrorkampagne gegen Ärzte aufrufen und einen „christlichen Terrorismus“ propagieren. Der christliche Terrorist Chuck Spingola von der „Army of God“ schrieb auf deren Website:

Man könnte fragen, was Muslime und Christen gemeinsam haben? Die Bibel und der Koran verurteilen beide die Ermordung von Babies und Homosexualität als Kapitalverbrechen

Und weiter:

Die radikalen Elemente beider Religionen sind gewillt, die Verbreitung dieser beiden Kapitalverbrechen mit mehr als nur Reden zu bekämpfen.

christlicher Manichäismus

Gefährliche Nähe

Wie gezeigt gibt einen Unterschied zwischen nicht wollen und nicht können bzw. sich nicht trauen.
Christen, seien es nun Fundamentalisten oder Gemäßigte, wenden bei Vergleichen zwischen christlichen Fundamentalisten und Islamisten immer wieder ein, dass dieser Vergleich fehl ginge. Sie seien ja ganz anders. Denn das Neue Testament sei im Gegensatz zum Koran voller Liebe und Liebesgebote. Mohammed sei ein kriegerischer Stammesfürst, Jesus aber sei ein menschenfreundlicher Handwerker, der alle gern hatte.
Bei genauerer Betrachtung verfängt diese Argumentation aber nicht wirklich. Auch die Bibel bietet – und zwar entgegen einem verbreiteten Vorurteil in ihren beiden Teilen – allerhand theoretischen Stoff für eine menschenfeindliche Praxis. Religionen sollten daher nicht nur von ihren Ausgangstexten her kritisiert werden, sondern auch von ihren diversen Interpretationen. Es steht den religiösen Interpreten durchaus frei, wenigstens die krudesten Texte und Anweisungen umzuinterpretieren oder ganz abzulehnen.
Jedenfalls bietet auch der biblische Zitatesteinbruch allerhand harten Stoff. Dass führte dazu, dass es Entwicklungen vergleichbar zum Islamismus auch bei Christen gab und gibt. Der Schweizer Gottesstaat Zwinglis im Kanton Zürich oder die Wiedertäuferkommune von Münster wirken in manchem wie eine frühe Vorwegnahme des Taliban-Regimes in Afghanistan. Sie basierten auf Tugendterror. Die Tugendwächter im Früh-Protestantismus hießen übrigens „Sünden-Policey“.
Sogar eine Art christlicher Taliban existiert heutzutage. Freilich ohne weltweite, millionenstarke Sympathisanten-Szene. Nur wenig ist über die „Lord Resistance Army“ (LRA) in Uganda in Erfahrung zu bringen. Die 1993 gegründete Gruppe verfolgt das Ziel der Errichtung einer christlichen Theokratie, agiert vom Kongo und vom Südsudan aus und soll über 2.000 bis 8.000 Kämpfer verfügen. Von Menschenrechtsgruppen wird die LRA für den Einsatz von Kindersoldaten kritisiert. Dass das Subsahara-Afrika mit seinen politischen und ökonomischen Krisen einen guten Humus für Turbo-Christen darstellt, ist bekannt. Doch die in diesem Humus aufgegangenen Samen stammen nicht nur aus der Peripherie, sondern häufig auch aus den Metropolen. Eher gemäßigte und säkularisierte europäische Missionare wurden seit den 1960ern durch nordamerikanische Missionare (Evangelikale) ersetzt. Inzwischen kommen die Einpeitscher auch aus Europa. Das bekannteste Beispiel dürfte der evangelikale Missionar Reinhard Bonnke, Selbstbezeichnung: „Mähdrescher Gottes“, aus Deutschland sein.
Auch hierzulande gibt es christliche Anhänger eines Gottesstaat. Sei es die evangelikale „Partei Bibeltreuer Christen“, die nach einem „Deutschland nach Gottes Geboten“ verlangt, seien es die radikalen Katholiken von der ehemals abtrünnigen Piusbruderschaft, die Ratzinger wieder zurück in den Schoss der heiligen römisch-katholischen Kirche führte. So schreibt der oberste Piusbruder in Deutschland, Pater Franz Schmidberger, in dem der Bruderschaft nahestehenden Blatt „Civitas“ (Ausgabe 1/2007) über die „Grundsätze einer christlichen Gesellschaftsordnung“. Der Text wird auch auszugsweise in einer kleinen Anfrage von grünen Bundestags-Abgeordneten bezüglich der „Erkenntnisse der Bundesregierung über die extremistischen Auffassungen der Piusbruderschaft“ vom 29. September 2010 zitiert. Schmidberger schreibt unter anderem:

Die Gewalt in Staat und Gesellschaft geht nicht vom Volk aus, von der Basis aus, sondern von Gott. Folglich bezeichnet das Volk in Wahlen allein diejenigen, die es regieren sollen, verleiht ihnen aber nicht die Autorität; ebenso wenig kann es Regierungen beliebig absetzen.

Die christlichen Theokraten wollen damit hinter die positiven Errungenschaften der Aufklärung – die allerdings nicht nur Gutes hervorbrachte – zurück. Mag die Aufklärung auch eine Art Stiefkind des Christentum gewesen sein – im europäischen Judentum lief parallel dazu ein ähnlicher Prozess ab – so wendete sich die Aufklärung letztendlich auch gegen das Christentum und säkularisierte es. Diese Entkernung des Christentums bedeutete, dass dem Christentum einige Zähne gegen seinen Willen gezogen wurden. Es besteht aber immer die Gefahr, dass diese Zähne mangels kritischer Beaufsichtigung wieder nachwachsen.
Allerdings ist die Wirkungsmacht christlicher Radikaler derzeit im säkularisierten und zunehmend auch entchristianisierten Westen eher gering, verglichen mit den Islamisten in ihren Hochburgen.
Wer behauptet, der Islam allein bräuchte eine Aufklärung, der ignoriert, dass es auch im Christentum starke anti-aufklärerische Kräfte gibt. Mal abgesehen, davon dass eine Säkularisierung im Hinduismus oder Buddhismus nicht weniger nötig wäre.

Stehen uns (Un-)Heilige Allianzen bevor?
Im Geiste sind religiöse Fundamentalisten eigentlich vereint. Sie alle praktizieren Frauendiskriminierung, Geschlechtertrennung, Homophobie und unterdrücken oder verfolgen die jeweils vorhandenen religiösen Minderheiten. Ihre Feindbilder ähneln sich: Frauenemanzipation und Feminismus, Moderne, Säkularismus, Aufklärung und „Der Westen“. Als Vertreter und Verursacher all dieser Unannehmlichkeiten für die „Hardliner des Herren“ gelten nicht selten die Juden.
Christliche wie muslimische Fundamentalisten praktizieren Bücherverbrennungen. Die einen werfen Harry Potter und den Koran in die Flammen, die anderen Salman Rushdie. Auch der antiwissenschaftliche Kreationismus ist unter muslimischen wie christlichen Hardlinern verbreitet. Beide lehnen die Abstammung des Menschen vom Affen ab, da dieser in Wahrheit ein Produkt göttlicher Schöpfung sei.
Wenn die Fundis dieser Welt einen Waffenstillstand vereinbaren und die Welt in religiöse Einflußsphären a la Kampf der Kulturen von Huntington aufteilen würden, dann würden die Säkularen ganz schön in Bedrängnis geraten. Die vereinigten Fundamentalisten dieser Welt hätten eine nicht zu unterschätzende Schlagkraft. Im Kleinen wurde das schon demonstriert. Als eine Gaypride-Parade in Jerusalem geplant war, stellten christliche, muslimische und jüdische Fundamentalisten ihre Differenzen zurück, um vereint gegen die Gotteslästerlichkeit in ihrer heiligen Stadt vorzugehen. Mit Erfolg. Auch hierzulande gibt es einzelne Beispiele. Als der linksliberale Professor Jürgen Wertheimer aus Tübingen 2009 seinen Roman-Erstling „Als Maria Gott erfand“ veröffentlichte, zeichnete sich so ein unabgesprochenes Bündnis ab. In seinem Buch erzählt Wertheimer, dass Joseph schwul war und Maria sich in eine Affäre mit dem Wanderprediger Johannes flüchtete. Aus dieser Verbindung entstand dann Jesus. Der Inhalt dieses Romans versetzte diverse religiöse Fundamentalisten in Rage. Einer der ersten Proteste wegen verletzter religiöser Gefühle fand sich auf dem deutschsprachigen Portal „Muslim-Markt“ (MM). Hinter MM stecken vor allem die Brüder Yavuz und Gürhan Özugoz, zwei Schiiten, die der Theokratie im Iran nahe stehen. Unter den Interviewpartner von MM finden sich neben einschlägig bekannten Israel“kritikern“ auch extreme Rechte.
Yavuz Özoguz schrieb am 7. April 2009 unter der Überschrift „Piper-Verlag verunglimpft die Heilige Maria“:

Wo sind die katholischen Geistlichen, die angesichts einer solch unverschämten Verleumdung gegen die Heilige Maria zum Boykott des Verlages aufrufen? Warum sollte die Kirche nicht ihre Macht dazu nutzen, die Würde der Heiligen Maria zu verteidigen, wenn sie so schamlos angetastet wird und das Grundgesetz ihre Würde nicht verteidigt? […] Jede derartige Buchveröffentlichung und der ausbleibende Protest der katholischen Geistlichen, die mit ihrem Kulturkampf gegen den Islam und Muslime derart überfordert sind, dass sie ihre eigenen Heiligkeiten nicht mehr schützen können, zeigt auch sehr deutlich den Verfall der Werte jener Kultur, die vorgibt, Jesus vertreten zu wollen.

Das katholisch-fundamentalistische Internetportal „kreuz.net“ zog dann nach und brachte auch eine Hass-Attacke gegen das Wertheimer-Buch1. Verfasser der Tirade war ein Rodolfo E. Panetta, der für die Republikaner im Stadtrat von Horb-Grünmettstetten (Baden-Württemberg) saß.
Atheisten, Säkularen und von religiösen Fanatikern Angefeindeten und Unterdrückten kann ganz Angst und Bange werden, wenn die Fundis aller Coleur trotz ihrer Konkurrenz auf dem Seelenmarkt einmal ihre theologischen Streitigkeiten beiseiteschieben und sich auf ihre Gemeinsamkeiten beziehen, vor allem ihre gemeinsamen Feindbilder. Dazu bräucht es nur eine Art von Ethnopluralismus auf Religionsebene. Das aber möge Gott verhüten!


1 Antwort auf “Der Penisneid der christlichen Hardliner”


  1. 1 Bäumchen 03. Februar 2012 um 22:37 Uhr

    Sehr guter Text. David Berger hat in seinem Schwarzbuch über die Katholische Kirche auch festgestellt, dass es dort zu Kollaborationen von islamischen und christlichen Fundamentalismus kommt, wo es um den Kampf gegen den gemeinsamen Feind, nämlich die ,,Diktatur des Relativismus“ und die ,,Kultur des Todes“ gehe. Er zitiert dabei auch aus diesem Artikel http://www.domradio.de/aktuell/artikel_56698.html
    ,,Der vom Forum in Aschaffenburg veranstaltete Kongress „Freude am Glauben“ würdigte die Muslime am Wochenende in einer Resolution als „natürliche Verbündete“ im Kampf gegen eine „Kultur des Todes“. Dazu zählten internationale Geburtenkontrolle, Abtreibung und Gender-Ideologie. Christen und Muslime müssten sich gemeinsam Herausforderungen stellen, „die eine gottferne Zeit uns aufgibt“.“

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