Sex, Drugs & Crime: die Serie „True Blood“ (überarbeitet)

Es gibt nicht viele Serien die von der „Freiwilligen Selbstkontrolle“ (FSK) erst ab 16 empfohlen werden, aber die HBO-Serie „True Blood“ gehört dazu.
Der grobe Rahmen der Serie ist irgendwo in einer alternativen Jetztzeit in den US-Südstaaten angesiedelt. Zwei Jahre zuvor ist die Vampirheit an die menschliche Öffentlichkeit gegangen und hat der ihre Existenz eingestanden. Nachdem nämlich in Japan ein synthetisches Blut erfunden wurde und in Flaschen der Marke „True Blood“ zu vermarkten begonnen hatten, ist das Versteckspiel der Vampire überflüssig geworden. Die „American Vampire League“ macht jetzt in aller Öffentlichkeit Lobbyarbeit für die Gleichstellung von Unsterblichen und Sterblichen. Doch in beiden Lagern gibt es Gegner_innen einer solchen Entwicklung. Christliche Frömmler sehen in Vampiren die Ausgeburten des Teufels und große Teile der Bevölkerung haben einfach Angst vor dem Bluttrinken. Auf der anderen Seite wollen viele Vampire gar kein synthetisches Blut trinken und haben über die Jahrhunderte der Jagd und durch ihre Kraft einen argen Übermenschen-Komplex kultiviert. Menschen sind für diese Vampire nur Vieh bzw. Blutbeutel.

Die Serien-Täter_innen und –Opfer

True Blood

Das Hauptgeschehen spielt sich in und um die Bar „Merlottes“ ab. Deren Angestellte und Besucher_innen stellen die Hauptprotagonisten der Serie und generell ein interessantes Soziotop dar.
Frauen spielen dabei sehr starke Rollen. Zugegeben, es sind sehr attraktive Frauen, aber Kamera-Nahaufnahmen zeigen durchaus auch mal die Unreinheiten in ihrem Gesicht.

Die wichtigste Hauptrolle wird von der Kellnerin Sookie Stackhouse ausgefüllt, eine furchtlose 25jährige mit einer süßen Zahnlücke. Sookie verfügt über eine ungewöhnliche Fähigkeit, die hier aber nicht verraten werden soll.

Ihr zur Seite steht ihre beste Freundin Tara, die sich mit ihrer bigotten Alkoholiker-Mutter herumplagen muss und die als afroamerikanerische Frau immer wieder kritische Kommentare zum Rassismus und der Geschichte der Südstaaten macht.

Am Anfang noch verliebt ist Tara in Jason, Sookies Bruder. Jason sieht so aus wie einer der Bauarbeiter aus der Coca-Cola-Werbung für Frauen. Tatsächlich ist er auch Bauarbeiter und er ist vor allem eines: Dumm, dumm wie Brot. Jason vögelt gedankenlos in der Gegend herum, was ihm in der ersten Staffel allerlei Probleme einbringt. Jason ist eine Art Mietnomade weiblicher Herzen und Körper.

Ganz anders als Jason ist Bill Compton, der Vampir. Vampir Bill, Jahrgang 1835 bzw. Vampirjahrgang 1865, ist wie bei Vampirdarstellungen so häufig die Verkörperung des aristokratischen Prinzips. Er ist immer umweht von einem Hauch von Gotik. Wo könnte das aber besser hinpassen als in die Südstaaten, in denen viele Weiße immer noch sehnsüchtig auf die Zeit der Feudalherrschaft blicken, in denen die Sklavenbesitzer in ihren großen Südstaaten-Villen residierten.
Bill ist selbst eher konservativ bzw. nach eigenem Bekunden „just old fashioned“.

Bei „True Blood“ gibt es aber auch Raum für sehr ungewöhnliche Lebensentwürfe wie den afroamerikanischen Koch Lafayette in der ersten Staffel, der starke trans- und homosexuelle Neigungen aufweist und auslebt. Dieser ist nicht nur Koch und Bauarbeiter, sondern auch Teilzeit-Sexarbeiter und der lokale Drogendealer.

Natürlich gibt es noch weitere interessante Gestalten in „True Blood“, die aber schwerlich alle vorzustellen sind: Zwei trottelige und inkompetente Dorfbullen, allerhand rednecks oder Sam Merlotte, den Betreiber des „Merlottes“. Kurz erwähnt sei noch der zurückgekehrte Irakkriegs-Veteran, der ein romantisches Kompliment an die Dame seines Herzens in dem stärksten Gleichnis verpackt, was ihm einfällt: „Dein Haar ist wie ein Sonnenuntergang nachdem eine Bombe hochgegangen ist: Hübsch!“

das setting: down in the south
True Blood b
Ein großartiges Intro stellt die Zuschauerschaft auf das setting ein. Gezeigt werden kurze Clips von Momenten im Süden: Krokodile, Sumpflandschaft, Ku-Klux-Klan-Kids, eine strippende Frau, ein Schild mit der christlichen Botschaft „God hate fangs” (was natürlich an „God hate fags“ = „Gott hasst Schwule“ erinnern soll) God hate Fangs und vieles mehr. Dazu erklingt das Stück „I wanna do bad things with you“ als Titelmusik.
Der fiktive Handlungsort „Bone Temps” ist in den französisch geprägten Bundesstaat Louisiana gesetzt worden. Doch „Bone Temps“ hat schon bessere Zeiten gesehen. Wie viele Vampirfilme spielt auch dieser in einer eher verfallenden und verrottenden Gegend.
Wie es sich für Südstaaten-Darstellungen gehört gibt es jede Menge „white trash“ in Form von rednecks, mit denen die Hauptprotagnisten in der Bar immer wieder aneinander geraten.

Sex, Drugs’n Crime
Prüde ist „True Blood“ nicht gerade, gottseidank! Statt einer Barbie gibt es mit Sookies Bruder Jason einen Ken, der zumindest in der ersten Staffel allerhand Sex hat. Dabei wird gezeigt, was man in TV-Serien vor 23 Uhr zeigen darf ohne Probleme mit der Zensur zu bekommen.

Auch Masturbation wird mehrmals gezeigt und auch nicht verurteilt. Verurteilt wird aber ein
bigotter konservativer Senator, der sich erst von einem Schwarzen mit Sex und Drogen bedienen lässt und dann in der Öffentlichkeit gegen Schwule und Vampire hetzt.

Drogen spielen auch eine größere Rolle in „True Blood“: Natürlich ist echtes menschliches Blut für Vampire eine Art von Droge, aber auch für Menschen hat Vampirblut eine halluzinogene und Libido-fördernde Wirkung. Da stellt sich natürlich die Frage: Wer zapft hier wen an?

Die Gewaltdarstellungen und die Mord-Rate in „True Blood“ sind ordentlich und verdienen Lob. Kein verschämtes Zurückhalten. Nein, „True Blood“ spielt in einer gewalttätigen Gesellschaft und diese Gewalt wird auch ehrlich und authentisch dargestellt.

Fazit: Absolut sehenswert!
Die Serie „True Blood“ lohnt sich absolut. Letztendlich ist „True Blood“ eine Art intelligentes „Twilight” für Erwachsene. Aber Vorsicht! Wer einsteigt, kann nicht mehr so einfach aufhören, die Serie hat unglaublich grausame cliffhanger, so dass ein enormes Suchtpotenzial angelegt ist. Wie Vampire nach Tagen der Blut-Abstinenz auf Menschen, so stürzt sich die Zuschauerschaft auf jede neue Folge von „True Blood“.

Wer „True Blood“ nicht mag oder versteht, für den habe ich noch ein Zitat aus der Serie:
„Du bist so blöd, Du könntest noch nicht mal nen Loch in den Schnee pinkeln.“

*** Nachtrag (26.12.2011) ***
Die zwei folgenden Staffeln sind recht durchwachsen. Die Spannung bleibt erhalten und die Komposition mit dem cliffhanger am Ende auch. Allerdings wird manchmal zuviel in die Überraschung investiert. Plötzlich entpuppt sich jede_r zweite Bewohner_in von „Bone Temps“ als irgendeine Art von Metawesen. Der Anteil noch Nicht(ganz)menschen liegt damit ähnlich hoch wie in „Sunnydale“ von Buffy.

Die zweite Staffel fängt gut an mit der Einführung der charismatischen und fundamental christlichen Anti-Vampirsekte „Fellowship of the Sun Church” nimmt aber mit dem Auftauchen eines Bacchanten-Kult, der arg albern wirkt, an Qualität ab.

In der dritten Staffel tauchen dann auch noch Werwölfe und eine alte Nazi-Geschichte auf und es wird recht „Twilight“-lastig.
Die Vampir-Königin von Louisiana und der Vampir-König von Mississippi bekriegen sich, wobei letzterer ein schwuler Dandy und ein arger Graf-Zahl-Verschnitt ist.
Immerhin wird am Beispiel von Tara die Traumatisierung von Vergewaltigungsopfern exemplarisch thematisiert.