Buchkritik „Villa Waigner“ von Erich Später

Der Historiker Erich Später beschäftigt sich in seinem Buch „Villa Waigner. Hanns Martin Schleyer und die deutsche Vernichtungselite in Prag 1939-45“ mit der deutschen Besatzungszeit in Tschechien, wobei er seinen Schwerpunkt auf Böhmen und Mähren abzüglich des so genannten „Sudetenlandes“ legt.

Villa Waigner

Später ist ein Historiker, der offen und klar benennt was der Nationalsozialismus war:

„Die Nationalsozialisten und ihr Führer verkörpern den radikalen deutschen Nationalismus, der zur Staatsmacht wird.“ (Seite 9)

„An ihre [der Juden] Vernichtung knüpfen sich eschatologische Endzeiterwartungen eines vom Bösen befreiten Planeten und der dann einsetzenden »tausendjährigen« Herrschaft der arischen Rasse.“ (Seite 27-28)

Später stellt die Republik Tschechoslowakei (CSSR) als das dar, was sie war, nämlich eine parlamentarische Demokratie mit gesicherten Rechten für die vielen religiösen und sprachlichen Minderheiten. Das betrifft auch die jüdische Minderheit. So war antisemitische Diskriminierung gesetzlich verboten und wurde im Gegensatz zu den Nachbarländern erfolgreich zurückgedrängt und isoliert. Zionistische Veranstaltungen konnten in der CSSR ohne Probleme stattfinden. Der erste Präsident der CSSR, Masaryk, besuchte sogar als erster europäischer Staatspräsident, der 1927 die jüdische Gemeinschaft in Palästina.

Doch mit dem Münchner Abkommen von 1938 wird das Schicksal der letzten antifaschistischen Demokratie in Ost- und Mitteleuropa besiegelt. Durch das Abkommen werden die mehrheitlich deutschsprachigen Randgebiete von Böhmen und Mähren („Sudetenland“) mit Zustimmung der mehrheitlich pronazistischen Bevölkerung dem „Dritten Reich“ zugeschlagen. Slowakische Klerikalfaschisten nutzen die Gunst der Stunde und erklären sich mit Unterstützung der Nationalsozialisten für unabhängig und die autoritären Nachbar-Regime in Ungarn und Polen annektieren für sich kleiner Gebiete aus dem ehemaligen Staatsgebiet der CSSR. Bereits vor der Annexion der Sudetengebiete flüchteten 25.000 Personen, darunter auch deutschsprachige Antifaschist_innen und Jüdinnen & Juden, vor der aufgehetzten deutschnationalen Stimmung ins Innere des Landes, nach dem Münchner Abkommen flüchteten weitere 151.000 Menschen vom „Sudetenland“ in die „Rest-Tschechei“. Doch dieser Rest der CSSR sollte nicht lange Bestand haben. Im März 1939 marschiert auch hier die Wehrmacht ein und es wird das „Protektorat Böhmen und Mähren“ ausgerufen. Diese Besetzung wird vom Westen weitgehend akzeptiert, nur die UdSSR protestiert scharf. Ein halbes Jahr später, nach dem Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes, erkennt auch die UdSSR die Konsulate des Protektorats an.

Deutsche Besatzungspolitik in Tschechien
Die deutsche Besatzungspolitik im „Protektorat“ unterschied sich von der in Polen. Im hochindustrialisierten Böhmen verzichtete man erst einmal auf eine radikale „völkische Flurbereinigung“ wie in Polen. Während des Krieges benötigte man die Arbeitskraft der Millionen Tschechen. Erst nach dem erwarteten „Endsieg“ war eine Abrechnung vorgesehen.
Neben der Aussiedlung vieler Tschechen und der Ermordung der Elite, spekulierte man auch über die mögliche „Eindeutschungsfähigkeit“ und „Umvolkung“ großer Bevölkerungsteile. Dafür wurden bis Kriegsende mindestens 100.000 Menschen auf ihre „rassische Eignung“ hin untersucht.

Wenn auch für die nichtjüdischen Tschechen nicht ganz so radikal und brutal wie in Polen, so herrschte unter der deutschen Besatzung doch ein grausames Regime. Die Gestapo-Stelle in Prag war mit 850 Beamten die größte Dienststelle im Deutschen Reich.
Für deutsche Truppenübungsplätze im „Protektorat“ wurden viele Menschen vertrieben. Außerdem wurden etwa 16.000 Höfe enteignet, etwa 10% der landwirtschaftlichen Fläche im „Protektorat“.

Die Funktionäre der Besatzung waren nicht selten Absolventen der Deutschen Karls-Universität in Prag, die unter deutscher Besatzung zur „Reichsuniversität Prag“ wird. Unter den 3.000 Studenten befanden sich seit jeher viele schlagende Verbindungsstudenten, besonders auch Burschenschafter, die sich schon vor 1939 mit einer antisemitischen und nationalistischen Rabulistik hervorgetan haben. Bis heute gibt es übrigens in der Bundesrepublik und in Österreich so genannte „Exil-Burschenschaften“, sie sich als stolze Erben dieser Vorbereiter der Vernichtung sehen.
Neben den Studenten halfen auch Institutionen wie die Dresdner Bank bei der Ausbeutung der „Protektorats“-Bevölkerung und der Ermordung der Juden. Später zitiert hier einen Historiker, der die Banken treffend als „Finanzdienstleister des Völkermordes“ bezeichnet.

Die jüdische Minderheit erfährt dieselbe Ausplünderung und Ausgrenzung wie anderswo, die sich bis zur Vernichtung steigert. Später zitiert Berichte wonach eine „Goldgräberstimmung“ unter Deutschen geherrscht hätte, was die Verteilung von jüdischem Eigentum betraf („Arisierung“).
Später räumt für die Leserschaft auch mit dem Klischee auf Theresienstadt sei eine Art Luxus-Ghetto gewesen, wo sich die Bewohnerschaft vor allem der Kunst-&Kulturproduktion verschrieben hätte.
Das KZ Theresienstadt fungierte vor allem als Zwischenstation. Etwa 140.000 Menschen wurden dorthin deportiert, davon starben insgesamt 118.000 (33.500 starben dort, 88.000 wurden in Vernichtungslager deportiert).
Die Misshandlung der jüdischen Minderheit, aber auch die Unterdrückung der tschechischen Mehrheitsbevölkerung verschärfte sich wesentlich unter der Herrschaft von Heydrich. Der SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich war seit dem 27. September 1941 durch einen Hitler-Erlass de facto der Alleinherrscher im „Protektorat“, er fällt 1942 einem Attentat des Widerstandes zum Opfer. Trotzdem funktioniert die Unterdrückungsmaschinerie im „Protektorat“ bis zum Schluss. Am Ende sind fast alle Angehörigen der jüdischen Minderheit der CSSR ermordet und die Täter haben ihren Besitz unter sich aufgeteilt. Ein Beispiel wäre die titelstiftende Villa des jüdischen Ehepaar Waigner, die 1944 an das Ehepaar Schleyer vergeben wird.

Ent-Schleyerung der braunen Biografie von Hanns Martin Schleyer

Ein Kapitel widmet Später Dr. jur. Hanns Martin Schleyer, einem der einflussreichsten deutschen Industriellen in der Nachkriegszeit, der 1977 im so genannten „Deutschen Herbst“ von einem RAF-Kommando hingerichtet wurde. Schleyers gewalttätiger Tod überdeckt dessen NS-Biografie bis heute. Schleyer war nämlich ein Wegbereiter des Nationalsozialismus, sein Profiteur und ein NS-Täter.

Schleyer-Halle in Stuttgart

Bereits im Jahr 1931 wurde Schleyer Mitglied der Hitlerjugend und 1933 trat er im Alter von 18 Jahren der SS bei. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten hatte Schleyer das Amt für Politische Erziehung an der Universität Heidelberg inne, wo er Jura studierte und Verbindungsstudent war. Aus dieser Zeit datiert folgendes Zitat von Schleyer in der HJ-Zeitschrift „Wille und Macht“, 1935:

„Ich muß es allerdings ablehnen, daß man den Begriff der Treue, der uns Deutschen heilig ist, in irgendeiner Weise mit Juden in Verbindung bringt, und ich werde es nie verstehen können, daß ein Corps aus der Auflage, zwei Juden aus einer Gemeinschaft zu entfernen, eine Existenzfrage macht. Eher würde ich schon verstehen, wenn es in einem nationalsozialistischen Staat diese Frage im Stillen bereinigen würde, damit die Öffentlichkeit von dieser immerhin peinlichen Frage nichts erfährt.“

Nach dem Einmarsch in Österreich war Schleyer Leiter des Studentenwerks in Innsbruck und als Mitglied der Innsbrucker Studentenführung beteiligt an der rassistischen und politischen Säuberung der Leopold-Franzen-Universität Innsbruck. Im Jahr 1970 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität für „seine treue Verbundenheit“.

Seine Frau, Waltrude Ketterer (NSDAP-Mitglied seit 1937), kam aus einer hohen NS-Funktionärsfamilie. Mit ihr zog er 1941 ins besetzte Prag in einem „arisierten“ Haus ein. Ab 1. Oktober 1944 lebten die beiden in der Villa des jüdischen Ehepaar Waigner, die den Titel von Späters Buch stiftete.
In Prag war Schleyer 1941 Leiter des Studentenwerk in Prag, die über einen Etat von 10 Millionen Reichsmark und 160 Beschäftigte verfügte.
Ein Jahr später, 1942, brach Schleyer seiner juristischen Laufbahn ab und wurde Referent des Vorsitzenden des „Zentralverbund der Industrie in Böhmen und Mähren“.
In der SS hatte er den Rang eines Untersturmführers und war Mitarbeiter des SS-Geheimdienstes „Sicherheitsdienst“, seit 1944 war er SS-Führer beim Reichssicherheitshauptamt seit 1944.

Fazit: Gute Einführung

Das Buch von Später ist eine gute und kritische Einführung zur NS-Besatzungszeit. Besonders die Benennung von Nachkriegskarrieren von Besatzungs-Funktionären macht die Lektüre interessant.
Immer wieder lässt Später auch Opfer zu Wort kommen, indem er aus Erinnerungen von Überlebenden zitiert.
Leider erwähnt Später nicht die Ermordung behinderter Menschen im Zuge der T4-Aktionen, die auch im „Protektorat“ stattfanden.

Erich Später: Villa Waigner. Hanns Martin Schleyer und die deutsche Vernichtungselite in Prag 1939-45, Hamburg, 2. Auflage 2009.