Archiv für Dezember 2011

Buchkritik „Kommunismus-Erfahrung“ von Wilfried Reckert

Wilfried Reckert hat mit seinem Büchlein „Kommunismus-Erfahrung. Zwanzig Jahre als DKP-Funktionär. Analytische Reflexionen“ ein sehr ehrliches und selbstkritisches Selbstzeugnis vorgelegt.

Kommunismus-Erfahrung

Wilfried Reckert war das was man klassischerweise einen Berufsrevolutionär nennt. Er war ein hoher SDAJ- und DKP-Funktionär in der Bundesrepublik. Doch die Situation parteikommunistischer Funktionäre im Westen war eine andere als im Osten. Sie waren „machtlose Oppositionelle“. Die Westkommunisten waren insgesamt ohnmächtig und erfuhren nicht selten Repressionen von staatlicher Seite. Reckert war beispielsweise 1973 von der Berufsverbot-Praxis betroffen.

Diese Erfahrungen und die fehlende Praxis der Machtausübung über die Massen haben Reckert aber nicht davon abgehalten selbstkritische Lebensrückschau zu halten. Dabei wird er so mancher Widersprüche gewahr:

Ich kritisiere in meinem Lebenslauf nicht den Nonkonformismus, den ich mir zugute halte, sondern die Kritiklosigkeit gegenüber den eigenen Leuten.

(Seite 16)
Denn die standen unter dem „Artenschutz prinzipieller Solidarität“. Dass führte schnell zu doppelten Maßstäben. Die Parteikommunist_innen sollen in die Bundeswehr gehen und dort „Friedensarbeit“ leisten. Sie sollen sich an der Anti-AKW-Bewegung beteiligen, aber nicht die Atomkraft-Nutzung in den realsozialistischen Staaten kritisieren. Sie sollen sich der Friedensbewegung anschließen, aber nicht mit der „Schwerter zu Pflugscharen“-Bewegung im Ostblock kooperieren.
Besonders kritisiert er die doppelten Maßstäbe im Parteikommunismus wenn es um die Parteilinie ging.

Wenn wir Kommunistinnen und Kommunisten es ablehnten, uns auf Kosten anderer und Schwächerer zu nähren, wenn wir Solidarität pflegten, Wohlstandsegoismus abstreiften und uns den Armen in der Welt verbunden fühlten, so ist uns umso mehr vorzuwerfen, dass wir die Wolfsmoral der kommunistischen Regimes kritiklos hinnahmen und den zahllosen Opfern kommunistischer Politik Mitleid und Solidarität versagten.

(Seite 31)

Im Rückblick kritisiert Reckert auch, dass der Parteikommunismus seine Interpretationen der Marx-Engels-Lenin-Werke zur Wissenschaft erklärte. Somit waren die Deutungen nicht mehr änderbar. Alles wurde vom eigenen „Klassenstandpunkt“ aus „wissenschaftlich“ analysiert. Der Parteikommunismus baute auf die Opferbereitschaft und Unterwerfung seiner Mitglieder. Das Denken wurde ans ZK delegiert.
Er beklagt eine „fehlende Diskussionskultur“ und Demokratie innerhalb der Partei. Wahlen bestätigen nur Ernennungen, Ablehnung von Kandidaturen, die vorher bereits festgelegt wurden. Statt Kritik wird von den Parteimitgliedern Selbstkritik und Unterwerfung erwartet:

Das genau macht Kommunistische Parteien zu potenziell totalitären, dass sie ihre Mitglieder »fressen«, dass Mitgliedschaft nicht Rechte und Einfluss, sondern eine Anpassungsleistung bedeutet.

(Seite 123)

Reckert hat heute auch einen dezidiert genderkritischen Standpunkt. Er kritisiert auch die „revolutionäre Moral“, die zum Verbot von Drogen und Frauen für die überwiegend männlichen Funktionäre führte. Es herrscht das „Zölibat des revolutionären Ordens“. Überhaupt findet sich bei Reckert immer wieder eine sehr sympathische Patriarchatskritik.
So sieht er auch einen Zusammenhang zwischen Männlichkeit und „totalitären Persönlichkeit“.

Reckert ist generell kein simpler Links-Rechts-Gleichsetzer, so schreibt er:

Zwischen Kommunismus und Faschismus ist zu differenzieren und auch innerhalb des Kommunismus und innerhalb des Faschismus.

(Seite 67)
Bei ihm ist die Totalitarismus-Kritik etwas anders als bei Antikommunisten. Er ist ein Ex-Parteikommunist und gewandelter Linker, aber kein Antikommunist und Renegat.
Somit ist seine Kritik anders fundiert und motiviert. Seine Gedanken zum Arbeiterbewegungsmarxismus entspringen einem tieferen Verständnis als dem plumpen Ressentiment. So ist seine Kritik als solche anzunehmen und zu diskutieren, wenn er beispielsweise schreibt:

Das totalitäre Moment im Marxismus ist die Vorstellung, dass man Geschichte machen könne und dass Politik als Herstellung zu verstehen sei.

(Seite 92)
Besonders die Anpassung an die Gewalt nach der Erringung von Herrschaft kritisiert er und das sicherlich zu Recht:

Es gibt eine Dialektik von Zweck und Mitteln, dass sich die besten Ziele unter Terror und Gewalt verwandeln. Gerade durch diese unheiligen Mittel änderten sich die kommunistischen Länder in Kastenherrschaften von Parteibürokraten. Die Taten hinterlassen Spuren bei den Tätern. Selbst wenn die Täter skrupulös gewesen wären, mit der Zeit entwickeln Lüge, Denunziation und Mord ihre eigene Dynamik.

(Seite 95)
Stalinismus und Realsozialismus waren nach Reckert „Paranoia an der Macht“, die zur Gewaltausübung tendierte.
Auch hat Reckert Recht mit seiner Analyse, dass im Realsozialismus Eigentum nicht vergesellschaftet, sondern bürokratisiert wurde.

Einen Teil seiner Reflexions-Schrift widmet Reckert dem Vergleich von Parteikommunismus und religiösen Fundamentalismus, weil er zwischen beiden viele Gemeinsamkeiten zu entdecken glaubt. Die einen seien „Fundamentalisten“ im Glauben, die anderen in ihrer Weltanschauung. Hier ist Reckert nicht immer überzeugend. Auch seine Entdeckung des autoritären Charakters im Idealisten lässt zweifeln.
Seltsam wird’s zudem wenn Reckert von „europäische[n] zivilisierten Bedingungen“ schreibt.

Insgesamt ein sehr nachdenkliches und nachdenklich machendes Buch, das vielen, die sich kritisch mit dem Marxismus-Leninismus auseinandersetzen oder auseinandersetzen mussten weiterhelfen wird.
Grundsympathisch wirkt Reckert, wenn er am Buchende die „eigene Liebenswürdigkeit“ und „eigene Liebesfähigkeit“ als Abwehr gegen autoritäre Tendenzen benennt.
Schade nur dass der Autor zwar Linker geblieben ist, aber Utopien jenseits von Attac und Konzepten einer Finanzmarkt-Besteuerung offenbar aufgegeben hat. Jedenfalls wirkt es stellenweise so als hätte er aufgegeben. Der Kapitalismus ist ja tatsächlich als – eines unter mehreren – Unterdrückungsverhältnis schrecklich und für viele Menschen todbringend.
Insofern hat Reckert früher tatsächlich gegen das richtige Übel gekämpft, nur eben mit den falschen Analysen, Strategien und Mitteln.

Wilfried Reckert: Kommunismus-Erfahrung. Zwanzig Jahre als DKP-Funktionär. Analytische Reflexionen, undatiert (vermutlich 2010).

Nationalkommunismus oder warum ich auf den Tod von Kim Jong Il anstoße

Hier mal ein Zitat vom guten alten und sicher nur durch einen vorübergehenden Anfall von Sterblichkeit abwesenden, aber demnächst auferstehenden Kim Jong Il.

Die Imperialisten und andere Reaktionäre nehmen den Mund voll, als ob zwischen dem Kommunismus und dem Nationalismus ein Abgrund bestünde, der nicht zu überbrücken ist, um in die Nation einen Keil des Haders und der Uneinigkeit hineinzutreiben, aber der Kommunismus und der Nationalismus haben ein gemeinsames Anliegen, nämlich die Liebe zu Vaterland und Nation.

(Kim Jong Il, Sohn Kim Il Sungs)

Kim Jong Il

Buchkritik „Empört Euch!“ von Stephane Hessel

Das Lebenswerk von Stephane Hessel, Jahrgang 1917, nötigt einem unzweifelhaft Respekt ab. Im Jahr 1941 schloss sich der Sohn nach Frankreich ausgewanderter Deutscher in London de Gaulles „Freien Frankreich“ an. Ab 1944 begab er sich nach Frankreich zur Kontaktaufnahme mit Résistance -Formationen im Raum Paris. Hier wurde Hessel verhaftet, gefoltert und schließlich nach Buchenwald deportiert. Er überlebte. Knapp.
Hessel hat dann nach Kriegsende an der Formulierung der universalen Erklärung der Menschenrechte mitgewirkt.
Empört euch!
Stephane Hessel hat nun dieses Jahr unter dem Titel „Empört euch!“ einen Text verfasst, der sich selbst als „Streitschrift“ bezeichnet.
Unter Rückgriff auf alte Forderungen der Résistance fordert Hessel mehr Gerechtigkeit in der Welt ein:

Dieses gesamte Fundament der sozialen Errungenschaften der Résistance ist heute in Frage gestellt.

(Seite 9)
Mit Berufung auf seine Biografie fordert er:

Das Grundmotiv der Résistance war die Empörung Wir, die Veteranen der Widerstandsbewegungen und der Kampfgruppen des Freien Frankreich, rufen die Jungen auf, das geistige und moralische Erbe der Résistance, ihre Ideale mit neuem Leben zu erfüllen und weiterzugeben. Mischt euch ein, empört euch!

(Seite 9-10)
Dieses ehrenwerte Anliegen wird aber leider an keiner Stelle mit einer echten Analyse unterstützt. Der Text „Empört euch!“ ist vielmehr ein anschauliches Beispiel dafür dass Empörung allein nicht ausreicht.
Für Hessel liegt das Grundproblem nicht etwa im Kapitalismus an sich – mal ganz zu schweigen von anderen Unterdrückungsverhältnissen wie Patriarchat und Staat –, sondern in der „internationale[n] Diktatur der Finanzmärkte“ und in einer menschlichen Charaktereigenschaft, der Gier nach „Immer noch mehr“.
Hessel beklagt den Ist-Zustand der Welt und hält die Konzepte von Martin Luther King und Nelson Mandela hoch, leider vergisst der alte Widerstandskämpfer dabei zu erwähnen dass diese Konzepte bedauerlicherweise nur begrenzt anwendbar sind. Sie gehen nämlich von einem humanen Restfunken beim Gegner aus.

Der zweite Teil der Schrift ist überschrieben mit: „Meine Empörung in der Palästina-Frage“ (Seite 16). Nicht der Bürgerkrieg im (Ost)Kongo mit Millionen Toten und Vertriebenen, nicht der Konflikt in der Darfur-Region im Sudan, nicht die homophobe Theokratie im Iran, nicht das Wüten rechter Paramilitärs in Kolumbien und nicht die institutionell verankerte Frauenunterdrückung in Saudi-Arabien empören den Autor, sondern der Nahost-Konflikt:

Derzeit bin ich am meisten über die Verhältnisse in Palästina empört, im Gaza-Streifen, im Westjordanland.

(Seite 16)
Konkret ist aber nicht die islamistische Hamas-Regierung im Gaza-Streifen oder die korrupte und autoritäre PLO-Regierung im Westjordanland das Problem, sondern – wie könnte es auch anders sein – natürlich nur Israel allein.
Hessel beklagt, dass „drei Millionen aus ihrer Heimat geflohene und vertriebene Palästinenser auf eine immer fraglicher werdende Rückkehr“ (Seite 16) warten müssten. Dass die Mehrheit dieser Palästinenser_innen noch nie in ihrem Leben die Heimat sah, aus der sie „geflohen“ und „vertrieben“ wurden, wird nicht erwähnt. Es handelt sich nämlich um die Nachkommen von Flüchtlingen, die ihren Flüchtlings-Status vererbt bekommen haben.
Sicher ist der Gaza-Streifen für die Mehrheit seiner Bewohnerschaft ein trübseliger Ort. Dazu tragen Israel und Ägypten mit ihrer Isolation kräftig bei. Aber ob es deswegen tatsächlich nichts weiter ist als „ein Gefängnis unter freiem Himmel“, wie Hessel den Gaza-Streifen bezeichnet, ist fragwürdig. Was unterscheidet den Gaza-Streifen von den vielen anderen Armen-Quartieren auf diesen Globus, die häufig von einer Mafia regiert und teilweise von brutalen Polizei-Razzien heimgesucht werden?
Dass im Gaza-Streifen eine aggressiv religiös-fundamentalistische Macht regiert, wird von Hessel so nirgendwo erwähnt. Vielmehr wird von der Leserschaft Verständnis für die Hamas, ihren Raketenterror und ihre Wahl eingefordert.

Ich weiß: Unter der Hamas, die die letzten Wahlen gewonnen hat, wurden als Reaktion auf die Isolierung und die Blockade der Menschen im Gaza-Streifen Raketen gegen israelische Städte abgefeuert. Selbstverständlich halte ich den Terrorismus für inakzeptabel. Aber ist es wirklich realistisch zu erwarten, dass ein mit unendlich militärischen Mitteln besetzt gehaltenes Volk gewaltlos reagiert?

(Seite 17)
Mit solch einer Nichtkritik legitimiert Hessel letztlich auch die Hamas als alleinige Vertretung der Gaza-Bevölkerung. Die von der Hamas unterdrückten und verfolgten Dissidenten, Frauen, Homosexuellen und Jugendlichen fallen so unter den Tisch.
Der Autor wird im Nachwort mit dem Satz „Ich habe mich immer auf die Seite der Dissidenten gestellt“ (Seite 30) zitiert. Offenbar hat diese einfache pro-underdog-Einstellung Hessels ihn bei der oberflächlichen Betrachtung des überaus komplizierten Nahostkonflikts zu seiner einseitigen Parteinahme verleitet.
An Israel hat Hessel hingegen besondere moralische Anforderungen:

Dass Juden Kriegsverbrechen begehen können, ist unerträglich.

(Seite 17)
Warum und wodurch Israel und seine Bewohner_innen sich soviel besser verhalten sollten als andere bürgerliche Staaten, sagt Hessel nicht. Offenbar glaubt er dass die Israelis aus der jüdischen Geschichte unbedingt auch seine Schlüsse gezogen haben müssen. Viele Holocaust-Überlebende und ihre Nachkommen, die Israel mit aufbauten, zogen nun aber mal aus Auschwitz weniger den Schluss „Nie wieder Krieg!“, sondern „Nie wieder schwach!“. In Anbetracht der hasserfüllten, judenfeindlichen Propaganda der Hamas und der weltweiten Verbreitung von Antisemitismus ist so eine Einstellung durchaus nachvollziehbar. Dass sollte aber die Freunde Israels nicht davon abhalten echte (!) Kritik zu üben oder sich ihm auch mal entgegen zu stellen. Dafür sind Freunde schließlich da (1).

Insgesamt lohnt es sich nicht Geld in die „Streitschrift“ zu investieren, Sie bietet nichts Neues, nur Altbekanntes. Sie wird sicher auch irgendwo in den Weiten des Internet aufzutreiben sein.

Stephane Hessel: Empört Euch!, Berlin 15. Auflage 2011.

(1) Natürlich kann man im Grunde nicht der Freund eines ganzen Staates sein. Israel besteht schließlich aus Millionen Einwohnern, sympathischen und unsympathischen (z.B. Liebermann oder homophobe Ultraorthodoxe). Mit Israel-Freundschaft ist die Sympathie mit, die Verständnis für und die grundsätzliche Anerkennung Israels gemeint.

Buchkritik „Antifa“ aus der theorie.org-Reihe

Das Autor_innen-Quartett Keller, Kögler, Krawinkel und Schlemermeyer hat mit dem Buch „Antifa. Geschichte und Organisierung“ in der linken theorie.org-Reihe ein Buch vorgelegt das sich vor allem mit der Geschichte der Antifa in Deutschland und ihren theoretischen Ansätzen beschäftigt. Diese Beschäftigung geschieht auf durchaus ehrliche und kritische Weise.

lessons of antifascist history: I. bis 1945
Das Buch setzt bei der historischen „Antifaschistischen Aktion” an, einer KPD-nahen Organisation in der Weimarer Republik, die gegen die Nationalsozialisten gebildet wurde. Die Autor_innen vergessen aber nicht auch Schattenseiten des deutschen Parteikommunismus, wie den nationalistischen Schlageter-Kurs, zu benennen. Im Gegensatz zu diversen parteikommunistischen Geschichtsschreibungen definieren die Autor_innen auch das „Dritte Reich“ als Zustimmungsdiktatur:

Die Mehrheit der Deutschen stand hinter ihrem Führer, glaubte an die auszubügelnde »Schande von Versailles«, an das »Recht auf Raum« des deutschen Volkes, an die »Überlegenheit der arischen Rasse«, an die angebliche Bedrohung der »Volksgemeinschaft« durch die Juden und deren Schuld an den Widrigkeiten der kapitalistischen Moderne, glaubte an die Notwendigkeit, den vermeintlichen jüdischen Einfluss zu brechen. Die Mehrheit der Deutschen arbeitete daran mit oder nahm hin, dass ihre jüdischen NachbarInnen verschwanden, viele eigneten sich den Besitz der Deportierten an; sie wussten, dass niemand zurückkehren würde. Und 1945, nachdem der Krieg nach Deutschland zurückgekehrt war, als deutsche Städte in Trümmern und die Alliierten das Land selbst befreiten, wollte die Mehrheit der Deutschen gewusst haben, sahen viele Deutsche sich selbst als Opfer

(Seite 40-41)

theorie.org Antifa

lessons of antifascist history: II. 1945-1990
Bei der antifaschistischen Nachkriegsgeschichte beginnen die Autor_innen mit der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN). Sie unterschlagen nicht, dass der größte Teil der VVN lange Zeit dem Realsozialismus sehr nahe stand. Dazu trug auch die die SPD bei als sie 1946 einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit der VVN beschloss. Erwähnt und kritisiert wird im Buch die Kriminalisierung dieser NS-Überlebenden-Organisation in der frühen Bundesrepublik, die zeitweise in mehreren Bundesländern verboten war.
Trotz der leidvollen Erfahrungen vieler VVN-Mitglieder mit dem deutschen Nationalismus beteiligt sich auch die VVN am deutschen Opfermythos-Diskurs, sie stellt die Deutschen als Opfer des „Hitlerregimes“ dar und gibt sich staatstreu und verfassungspatriotisch:

Vom Verfassungsschutz wird die Organisation bis heute beobachtet. Trotzdem ist gerade in den frühen Schriften ein regelrechter »positiver Patriotismus« zu erkennen, ihren Kampf gegen das Nazi-Regime begriffen viele WiderstandskämpferInnen als Verpflichtung gegenüber dem Vaterland. Von diesem Bewusstsein war auch die Stimmung nach Kriegsende bestimmt: Viele WiderstandskämpferInnen wollten die »Schande des Nationalsozialismus« durch Etablierung eines wahrhaft antifaschistischen Staates beseitigen. So ist die Forderung nach Erfüllung der durch das Grundgesetz festgelegten rechtsstaatlichen Maßstäbe für die VVN zentral in der politischen Praxis. Auch heute noch besteht ein ausgesprochen positiver Bezug auf das Grundgesetz und Deutschland.

(Seite 47)

In seiner Darstellung der antifaschistischen Nachkriegsgeschichte erwähnt das Buch auch die Demonstration 1952 in Essen, wo damals 30.000 Menschen gegen die Wiederbewaffnung demonstrieren. Bei dieser Demonstration stirbt Philipp Müller durch einen Schuss von einem Polizisten. Dieser erste Polizeitote der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte zeigt wie gefährlich linkes, politisches und antifaschistisches Engagement sein kann.
Eine der ersten Zäsuren im Bewusstsein der BRD-Bevölkerung war sicher 1963 der Auschwitzprozess in Frankfurt. Dieses Ereignis politisierte auch einen Teil der frühen so genannten 68er-Generation. Nachdem die antiautoritäre 68er-Bewegung versandete, entstanden aus ihrem Personal zum Teil die autoritären K-Gruppen. Aus diesen Gruppen sticht der „Kommunistischer Bund“ (KB) mit einer eher freien Diskussionskultur und mit weniger Dogmen heraus. Im KB entsteht schließlich die zentrale Antifa-Kommission, die stilbildend für kommende Antifa-Generationen war. Die Antifa-Kommission betrieb erstmals im professionellen Stil Recherche, Pressearbeit und Kampagnen (wie z.B. „Rock gegen Rechts“).
Doch auch beim KB fällt auf, dass er versucht historische Faschismustheorien auf die Gegenwart zu übertragen. In der Analyse des KB hat sich die BRD vom postfaschistischen zum präfaschistischen Staat gewandelt.
Allgemein erfuhr der Faschismus-Begriff in den 1970er Jahren eine inflationäre Verwendung, ja er wurde zum Kampfbegriff, der ohne Analyse und nur zum Zwecke der Diffamierung auf jeden Gegner angewendet wurde. So auch auf Israel, was die Autor_innen kritisieren:

Während die Situation der palästinensischen Bevölkerung zuvor keinerlei Beachtung gefunden hatte, identifizierte sich die deutsche Linke nun mit ihr – und brandmarkte Israel als faschistisch. […] Dieses relativierende Faschismusverständnis erlaubte es, den antiimperialistischen Kampf gegen die USA als antifaschistisch zu begreifen. So konnte der Antiimperialismus als aktuelle Form des Antifaschismus fungieren, wodurch quasi nachträglich in die Geschichte eingegriffen und sich durch die Identifikation mit einer als absolut gut begriffenen Sache der »Last der Geschichte« entledigt werden konnte.

(Seite 51)

Im Jahr 1978 wurde in Frankfurt bei den Protesten gegen einen Aufmarsch von 3.000 Nazis erstmals ein Schwarzer Block gebildet. Die Träger_innen der ersten Schwarzen Blöcke waren vor allem Autonome. Eine Zeit lang machten Autonome nicht nur Antifa-Arbeit, sondern versuchten auch in den Neuen Sozialen Bewegungen mitzuarbeiten. Neben KB-Mitgliedern sind vor allem die Autonomen das Standbein des Antifaschismus.

Auch der antifaschistische Anspruch und die antifaschistische Wirklichkeit (in) der DDR werden im Buch kurz gestreift.

lessons of antifascist history: III. ab 1990
Ab Ende der 1980er und Anfang der 1990er kam es zu einer Pluralisierung der Antifa-Szene. Mit der Antifa Genclik in Berlin gab es eine Antifa für türkisch- und kurdischstämmige Jugendliche und in einigen Städten bildeten sich reine Frauen-Antifas (FANTIFA), um der männlichen Dominanz in der Szene etwas entgegen zu setzen.
Die ersten Antifa-Gruppen in Ostdeutschland bzw. der späten DDR rekrutierten sich vor allem aus Ost-Punks, die häufig durch persönliche Erfahrungen mit neonazistischer Straßengewalt anfingen sich zu organisieren.

Der deutsche Wiedervereinigungs-Nationalismus und die damit einher gehende Welle von faschistischen Übergriffen ließen vielerorts Antifa-Gruppen aus purer Notwendigkeit entstehen.

Zusammengefasst: Spätestens mit dem Fall der Mauer lag die Notwendigkeit antifaschistischer Politik klar auf der Hand. Ein nationaler Einheitschor schmetterte alle Zweiflerinnen nieder. Gleichzeitig schossen in jeder Stadt Antifa-Gruppen wie Pilze aus dem Boden.

(Seite 80)

Antifaschismus zwischen Mainstream und Selbstisolation
Die Autor_innen betrachten besonders für die letzten Jahrzehnte den Widerspruch zwischen autonomen Antifaschismus und staatlichen Antinazismus („Aufstand der Anständigen“), der sich in der Antifa-Politik häufig niederschlug. Diskussionen wurden in diesem Zusammenhang auch über die Bündnisarbeit bzw. -optionen geführt:

Doch im Zweifelsfall demonstrierten eben auch diejenigen gegen Nazis, die kurz zuvor noch die Asylgesetzgebung verschärft haben oder selbst den deutschen Opfermythos pflegen.

(Seite 41)
Konnten Neonazi-Aufmärsche und –Organisationen be- bis verhindert werden, so konnte breiten rassistischen oder anderweitig menschenverachtenden gesellschaftlichen Stimmungen kaum etwas entgegen gesetzt werden. Da stellt sich die Frage ob Antifa eine Erfolgsgeschichte ist? Es hat sich einerseits bundesweit keine extrem rechte Partei etablieren können und rechte Massenaufmärsche wurden erfolgreich gestoppt, andererseits konnte z.B. die Abschaffung des Rechts auf Asyl nicht verhindert werden.
Parallel zum staatlichen und bürgerlichen Antinazismus existierte problemlos ein staatlicher Rassismus, der sich beispielsweise in der repressiven und abwehrenden Behandlung von Flüchtlingen niederschlägt. Teile der „Neuen Mitte“ konnten sowohl antinazistisch als auch wohlstandschauvinistisch sein.

Nicht nur das der Staat versucht auf seine Weise „Antifaschismus“ zu betreiben, er antwortete auf den unabhängigen Antifaschismus, der zum Teil militant agierte, auch mit Repression. So waren viele Antifa-Gruppen gezwungen große Teile ihrer Zeit der Antirepressionsarbeit zu widmen. Treffend stellen die Autor_innen dazu fest:

Kriterien des Antifaschismus seien daher nicht Strafgesetzbuch oder politische Bündnisoptionen, sondern im Zweifelsfall sein Erfolg in der Praxis.

(Seite 114)

Um nicht nur Antinazi-Arbeit zu machen, sondern die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse zu hinterfragen, wurde von Teilen der Antifa der „revolutionäre Antifaschismus“ wiederentdeckt. Hier stellt sich die Frage ob Antifaschismus als Instrument dienen soll, z.B. um Jugendliche zu gewinnen oder gar um revolutionäre Verhältnisse herbeizuführen oder ist Antifaschismus erst einmal Selbstzweck, d.h. es geht um die Abwehr von Nazis und den Schutz ihrer (potenziellen) Opfer. Im „revolutionären Antifaschismus“ wird der Kapitalismus als Hauptfeind angesehen, den es zu beseitigen gilt. Ein wirklich nachhaltiger Antifaschismus soll vor allem erst einmal antikapitalistische Arbeit leisten. Andere Unterdrückungsverhältnisse wie Patriarchat, Religion oder Rassismus nehmen hier häufig nur den Platz von „Nebenwidersprüchen“ ein.
Teile der Antifa lehnten diese zu sehr auf ökonomische Verhältnisse gemünzte (Faschismus-)Analyse aber ab:

Teile der AA/BO kamen zu der Erkenntnis, dass das komplexe Gefüge westlicher Industrienationen nicht vollständig steuerbar sei, sondern eine Eigendynamik habe, die allen AkteurInnen des kapitalistischen Systems ihre Sachzwänge – Ausrichtung auf Profit, Konkurrenz etc. – auferlege. Darüber hinaus wurde die monokausale, allein auf die Ökonomie fixierte, Erklärung des Nationalsozialismus verworfen, weil diese die, selbst im Sinne einer nur zweckrationalen Vernunft als irrational anzusehende, millionfache Ermordung von Juden und Jüdinnen und anderer als »rassisch minderwertig« stigmatisierter Menschen nicht hinreichend erklären konnte.

(Seite 98-99)

Lange schon schwelte in der Antifa-Szene die Organisierungsdebatte. Es kam Anfang der 1990er schließlich zu einer Organisierung mit Struktur. So gab es Anfang der 1990er Jahre zwei bundesweite Organisations-Ansätze: Die „Antifaschistische Aktion / Bundesweite Organisation“ (AA/BO) und das „Bundesweite Antifa-Treffen“. Die AA/BO wurde im Frühjahr 1993 gegründet und 2001 aufgelöst, als Restprodukt besteht bis heute das Magazin „Phase Zwei“ fort. Dass BAT existierte von 1992 bis 1997 und ihm waren zeitweise bis zu 50 Gruppen angeschlossen.

Antifaschismus heute und morgen
Natürlich erwähnen die Autor_innen auch die Spaltung des Antifa-Lagers in antinational, antideutsch und antiimperialistisch, die Anfang der 1990er ihren Ursprung hatte. Dabei gehen die Autor_innen in ihrer Beschreibung der zugrunde liegenden Motive kritisch aber durchaus durchaus fair mit den Antideutschen um, eine Strömung die andernorts nur noch diffamiert wird. Zu den Motiven der Antideutschen schreiben sie:

Welches Verhältnis zum Krieg haben AntifaschistInnen nach der Erfahrung der notwendig militärischen Zerschlagung des Nationalsozialismus? Teile der antideutschen Antifa befürworten Krieg als Mittel staatlicher Politik gegen reaktionäre Staaten und Bewegungen, schließlich gebe es etwas noch Schlimmeres als Krieg; andere Antifas ziehen aus der gleichen historischen Erfahrung den Schluss, jede Form von staatlichem Militarismus konsequent ablehnen.

(Seite 41)
Als Beispiel für eine antinationale Antifa-Arbeit wird das „… ums Ganze“-Bündnis benannt, dass sich auch neuer Themen wie Islamismus annimmt. Positiv vermerken die Autor_innen bei Antideutschen und Antinationalen deren Erkenntnis um die „Eigenständigkeit von reaktionären Ideologien wie Antisemitismus, Sexismus, Rassismus und religiösen Fundamentalismus“.

Seit etwa einem Jahrzehnt gibt es eine starke popkulturelle Inszenierung von Antifaschismus. Diese Pop-Antifa ist zwar für Jugendliche sehr attraktiv, teilweise bleiben aber Inhalte auf der Strecke. So bleiben viele Antifas letztlich Lebensabschnitt-Antifas. Das liegt aber auch daran, dass es kaum Konzepte der Gruppen für berufstätige Mitglieder gibt.
Darüber hinaus besteht die Antifa heutzutage vor allem aus biodeutschen, akademischen und männlichen Personen, was einen bedeutenden Unterschied zu der historischen Antifa darstellt:

Dennoch lässt sich, so denken wir, ein gemeinsamer Kern bestimmen. Die heutige Antifa erscheint, trotz aller inhaltlichen Unterschiede im Detail, zunächst vor allem als eine soziale Bewegung, die bis hinein in das Freizeit- und Partyverhalten eigene kulturelle Codes, Verhaltensweisen und Wertvorstellungen besitzt. Darüber hinaus weist sie eine relativ klar bestimmbare Sozialstruktur auf: Die meisten aktiven Antifas entstammen einem »biodeutschen«, akademischen Elternhaus, sind zwischen sechzehn und dreißig Jahre alt, deutlich häufiger männlich als weiblich und befinden sich noch in Ausbildung und/oder Studium. Schon darin unterscheiden sie sich natürlich radikal von der Zusammensetzung der historischen Antifaschistischen Aktion, in der vor allem ArbeiterInnen organisiert waren.

(Seite 156-57)

Stammte das „Konzept Antifa“ aus der Bundesrepublik, so wurde es in den 2000er Jahren u.a. nach Schweden, in die Niederlande oder nach Tschechien „exportiert“.

Fazit: Lernen aus der Geschichte
Das Buch richtet sich erkennbar auch gegen die „Geschichtsvergessenheit“ der Linken und will einen Beitrag zur Intervention in der Wirklichkeit aus historischer Erfahrung leisten. Dabei ist die Geschichte der Antifa auch immer eine Geschichte der Linken. Das Buch ist insgesamt vor allem ein sehr guter Abriss der antifaschistischen Geschichte und damit für alle an dieser Thematik Interessierten ein absoluter Lesetipp.

Insgesamt verstehen die Autor_innen Antifa als Bewegung, die sich aber an verschiedenen Punkten inhaltlich spaltet:
* das Verhältnis von Theorie und Praxis
* Antinationale, antideutsche oder antiimperialistische Grundhaltung
* Bündnisoptionen
* „revolutionärer Antifaschismus“ oder Antifaschismus aus Selbstzweck
* undogmatische oder dogmatische Linke

Ungenügend behandelt wurde allerdings in der rückblickenden Betrachtung die Trennung von Antifa und Antira. Auch hätte ein organisatorischer „Stammbaum“ der Antifa-Geschichte zum besseren Verständnis beigetragen. Wenig Erwähnung fand ebenfalls die grenzübergreifende Vernetzung und die Verankerung in Subkulturen von Punks und Redskins, die heutzutage allerdings in Osteuropa häufiger anzutreffen ist.

Keller/Kögler/Krawinkel/Schlemermeyer: Antifa. Geschichte und Organisierung, Stuttgart 2011.

Gerhard Wisnewski, ein prominenter Verschwörungstheoretiker

Der Münchner Gerhard Wisnewski, Jahrgang 1955, ist einer der prominentesten Verschwörungstheorie-Autoren im deutschsprachigen Raum. Der studierte Politikwissenschaftler sieht Verschwörungstheoretiker generell als „Vertreter plausibler Theorien“, wie er im Vorwort zu „2011. Das andere Jahrbuch“ schreibt. Neben den üblichen Verschwörungsmythen um die Bilderberger oder die 9/11-Attentate kreiert Wisnewski auch eigene „Theorien“. Bei den 11/9-Anschlägen vermutete Wisnewski übrigens Israel als den eigentlichen Urheber. Solche Inhalte sind sowohl anschlussfähig an Inhalte der extremen Rechten aber auch an den Islamismus, wovon Wisnewskis Auftritt als Interviewpartner des iranischen Staatsrundfunksenders IRIB zeugt. Über seine 9/11-Verschwörungstheorie produzierte er auch für die rechte Firma Polarfilm ein eigenes Hörbuch („OPERATION 9/11 – Der Wahrheit auf der Spur“).

Für den rechts-esoterischen und in Teilen rechtspopulistischen KOPP-Verlag verfasste Wisnewski neben diversen Online-Artikeln auch das Buch „Jörg Haider. Unfall, Mord oder Attentat?“ (2009). Wisnewski war bereits ein großer Möllemann-Fan, den er als einzigen deutschen Politiker, „der noch den Mut besitzt, israelische Verbrechen Verbrechen zu nennen“ bezeichnete. Zu Haiders Tod strickte Wisnewski an einer eigenen Verschwörungstheorie.
Er bewarb auch eine Online-Petition für eine neue Untersuchung zum Haider-Unfall. In seinem Haider-Buch offenbart sich Wisnewski als Hitler-Kritiker der ganz eigenen Art:

Indem Hitler durch seine Taten auch den Nationalismus gleich mitkompromittierte, war er einer der wirksamsten Globalisierer überhaupt.

(Gerhard Wisnewski: Jörg Haider, Rottenburg 2009, Seite 31)

Zum Beispiel: Das andere Jahrbuch
Für das von Wisnewski vertretene Verschwörungs-Gebräu darf das jährlich im Knaur-Verlag erscheinende „Das andere Jahrbuch“ als geradezu exemplarisch gelten. In der Ausgabe zum Jahr 2011 stellt er unter dem Motto „verheimlicht – vertuscht – vergessen“ (München 2011) Ereignisse aus seiner Sicht dar, die nach Wisnewskis unbescheidener Eigenauskunft auf „meinen spannenden Recherchen“ basieren.

Das Andere Jahrbuch

Einige der angeführten Verschwörungsmythen Wisnewskis nehmen sich für rational denkende Menschen sehr komisch aus. Unter der Überschrift „Ein Land wird sturmreif gebebt“ behauptet Wisnewski die USA seien verantwortlich für das Erdbeben auf Haiti. Dabei bezieht er sich u.a. auf Venezuelas Staatschef Hugo Chavez, der sagte die USA hätten Haiti mit einer „Erdbeben-Waffe“ beschossen.

I, Wisnewski, der Antifeminist

Wisnewski sieht sich mit vielen Rechten von einer Frauen-Verschwörung bedroht, die nach nichts geringerem strebt als der Macht:

Die Frauenbewegung hat sich damit ad absurdum geführt und als das entlarvt, was sie ist: ein Umerziehungsprogramm zum Austausch der gesellschaftlichen Führungsschicht.

(Seite 348)
Denen stellt er die „heile Welt“ – in Wahrheit eher repressive Welt – religiöser communities entgegen:

Während Muslime noch traditionelle Familien mit Vater, Mutter und mehreren Kinder gründen, ist der Rest der Welt auf den »Genderwahn« hereingefallen. »Gender Mainstreaming« heißt ein globales Programm zur Einebnung der Geschlechterunterschiede zur Abschaffung der Mutter- und Vaterrolle.

(Seite 63)

II, Wisnewski, der Homosexuellenfeind
Wie die meisten Antifeministen ist Wisnewski auch homophob. So beklagt er eine „Verherrlichung von gleichgeschlechtlichen Sex“ (Seite 64) und fürchtet den Volkstod durch eine Art Mode-Homosexualität:

Wenn sich Homosexualität, Verhütung und Abtreibung zum »Breitensport« mausern, ist es kein Wunder, dass die Geburtenraten dabei auf der Strecke bleiben. Ganze Völker werden auf diese Weise sozusagen »psychosozial« unfruchtbar.

(Seite 93)

Besonders in den antihomophoben Aktivitäten im Männer-Fußball sieht er eine Art schwuler Verschwörung. Für ihn sind schwullesbische Fanclubs die „Totengräber des Männerfußballs“ (Seite 195).
Er behauptet Fußballfunktionäre und die „politisch korrekten Eliten“ würden Homosexualität im Fußball geradezu forcieren:

Analverkehr im Fußball ist nämlich Chefsache. Niemand anderer als Theo Zwanziger, Träger einer hochkarätigen Auszeichnung des Zentralrats der Juden, will Geburtshilfe leisten, wenn der erste Profifußballer sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt.

(Seite 191-192)

Warum lechzt Zwanziger geradezu nach dem ersten Outing?

(Seite 198)

III, Wisnweski, der Israelfeind
Ein Freund Israels ist Wisneswki nicht gerade. Die von der islamistischen Hamas im Gaza-Streifen abgefeuerten Quassam-Raketen sind für ihn nur „große Silvesterraketen“ (Seite 170). Außerdem steckt in Wahrheit Israel selber dahinter, wie Wisnewski andeutet:

Zugespitzt formuliert, könnte man zu dem Schluss kommen, dass Israel dieses ständige »Feuerwerk« regelrecht duldet. Ist es möglicherweise einfach zu nützlich?

(Seite 172)
Wisnewski beklagt stattdessen die Situation der Palästinenser_innen im Gaza-Streifen:

Der Gazastreifen ist so etwas Ähnliches wie eine »Reservation« für Palästinenser an der Mittelmeerküste Israels.

(Seite 169)

Für Wisnewski führen vielleicht nicht alle Verschwörungswege nach Israel, aber doch viele. Er hat mal eine ganz neue Verschwörungstheorie parat: Der israelische Geheimdienst Mossad wars. Natürlich ist der Mossad auch am Tod von Uwe Barschel Schuld:

Demnach war Barschels angebliche Bespitzelungsaktion gegen den Oppositionspolitiker Engholm von Anfang an vom Mossad inszeniert und Barschel in die Schuhe geschoben worden. Hintergrund dieser Intrige und schließlich der Ermordung sei Barschels Weigerung gewesen, einen illegalen Waffendeal des israelischen Geheimdiensts zu decken.

(Seite 335)
Besonders perfide ist nach Wisnewski die Vorgehensweise des Mossad, er arbeitet nämlich mit rektalen Anschlägen:

Danach habe man Barschel die Hosen heruntergezogen und ihm rektal Zäpfchen mit einem starken Beruhigungsmittel und einem Fieber erzeugenden Medikament eingeführt. Anschließend seien ihm die Hosen wieder hochgezogen worden.

(Seite 337)

IV, Wisnewski, der Deutschnationale
Beim Lesen von „Das andere Jahrbuch“ dringt immer wieder Wisnewskis deutschnationale Grundhaltung durch. Für ihn sind ist Deutschland nur ein „Vasall“ der USA und das deutsche Nationalbewußtsein wird nach ihm niedergehalten durch „die offizielle Ideologie vom bösen deutschen Volk“ (Seite 57).
Neben der mentalen Ent-Nationalisierung käme es auch zu einer „Vermischung“ Deutschlands:

[…] ein Steckenpferd der globalen Sozialingenieure, die beobachten, wie Deutschland zunehmend nicht mehr von Deutschen, sondern von »gemischten Identitäten« bewohnt wird.

(Seite 261)

V, Wisnewski, der Rächer der Vertriebenen und (Ent-)Rech(te)ten
Wisnewski ist nicht nur selber ganz offensichtlich deutschnational eingestellt, er verteidigt auch Gesinnungsgenossen wie Hohmann, Heitman, Herman (Seite 269-271). Diese würden den „politisch korrekten Eliten“ zum Opfer fallen. Eva Herman wäre beispielsweise „medial hingerichtet“ worden und sie ist nicht das einzige Opfer:

So schwimmen im Kielwasser des dunklen Hitler- oder Nazi-Eisbergs jede Menge politische und gesellschaftliche Leichen, egal ob sie nun Philipp Jenninger, Martin Hohmann oder Eva Herman heißen.

(Seite 58)

Gerhard Wisnewski: 2011. Das andere Jahrbuch. verheimlicht. vertuscht. vergessen, München 2011

*** Lesetipp zu Wisnewski ***
Daniel Kulla: Entschwörungstheorie. Niemand regiert die Welt, Löhrbach, 2. Auflage 2007, Seite 62-67