Buchkritik „Antifa“ aus der theorie.org-Reihe

Das Autor_innen-Quartett Keller, Kögler, Krawinkel und Schlemermeyer hat mit dem Buch „Antifa. Geschichte und Organisierung“ in der linken theorie.org-Reihe ein Buch vorgelegt das sich vor allem mit der Geschichte der Antifa in Deutschland und ihren theoretischen Ansätzen beschäftigt. Diese Beschäftigung geschieht auf durchaus ehrliche und kritische Weise.

lessons of antifascist history: I. bis 1945
Das Buch setzt bei der historischen „Antifaschistischen Aktion” an, einer KPD-nahen Organisation in der Weimarer Republik, die gegen die Nationalsozialisten gebildet wurde. Die Autor_innen vergessen aber nicht auch Schattenseiten des deutschen Parteikommunismus, wie den nationalistischen Schlageter-Kurs, zu benennen. Im Gegensatz zu diversen parteikommunistischen Geschichtsschreibungen definieren die Autor_innen auch das „Dritte Reich“ als Zustimmungsdiktatur:

Die Mehrheit der Deutschen stand hinter ihrem Führer, glaubte an die auszubügelnde »Schande von Versailles«, an das »Recht auf Raum« des deutschen Volkes, an die »Überlegenheit der arischen Rasse«, an die angebliche Bedrohung der »Volksgemeinschaft« durch die Juden und deren Schuld an den Widrigkeiten der kapitalistischen Moderne, glaubte an die Notwendigkeit, den vermeintlichen jüdischen Einfluss zu brechen. Die Mehrheit der Deutschen arbeitete daran mit oder nahm hin, dass ihre jüdischen NachbarInnen verschwanden, viele eigneten sich den Besitz der Deportierten an; sie wussten, dass niemand zurückkehren würde. Und 1945, nachdem der Krieg nach Deutschland zurückgekehrt war, als deutsche Städte in Trümmern und die Alliierten das Land selbst befreiten, wollte die Mehrheit der Deutschen gewusst haben, sahen viele Deutsche sich selbst als Opfer

(Seite 40-41)

theorie.org Antifa

lessons of antifascist history: II. 1945-1990
Bei der antifaschistischen Nachkriegsgeschichte beginnen die Autor_innen mit der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN). Sie unterschlagen nicht, dass der größte Teil der VVN lange Zeit dem Realsozialismus sehr nahe stand. Dazu trug auch die die SPD bei als sie 1946 einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit der VVN beschloss. Erwähnt und kritisiert wird im Buch die Kriminalisierung dieser NS-Überlebenden-Organisation in der frühen Bundesrepublik, die zeitweise in mehreren Bundesländern verboten war.
Trotz der leidvollen Erfahrungen vieler VVN-Mitglieder mit dem deutschen Nationalismus beteiligt sich auch die VVN am deutschen Opfermythos-Diskurs, sie stellt die Deutschen als Opfer des „Hitlerregimes“ dar und gibt sich staatstreu und verfassungspatriotisch:

Vom Verfassungsschutz wird die Organisation bis heute beobachtet. Trotzdem ist gerade in den frühen Schriften ein regelrechter »positiver Patriotismus« zu erkennen, ihren Kampf gegen das Nazi-Regime begriffen viele WiderstandskämpferInnen als Verpflichtung gegenüber dem Vaterland. Von diesem Bewusstsein war auch die Stimmung nach Kriegsende bestimmt: Viele WiderstandskämpferInnen wollten die »Schande des Nationalsozialismus« durch Etablierung eines wahrhaft antifaschistischen Staates beseitigen. So ist die Forderung nach Erfüllung der durch das Grundgesetz festgelegten rechtsstaatlichen Maßstäbe für die VVN zentral in der politischen Praxis. Auch heute noch besteht ein ausgesprochen positiver Bezug auf das Grundgesetz und Deutschland.

(Seite 47)

In seiner Darstellung der antifaschistischen Nachkriegsgeschichte erwähnt das Buch auch die Demonstration 1952 in Essen, wo damals 30.000 Menschen gegen die Wiederbewaffnung demonstrieren. Bei dieser Demonstration stirbt Philipp Müller durch einen Schuss von einem Polizisten. Dieser erste Polizeitote der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte zeigt wie gefährlich linkes, politisches und antifaschistisches Engagement sein kann.
Eine der ersten Zäsuren im Bewusstsein der BRD-Bevölkerung war sicher 1963 der Auschwitzprozess in Frankfurt. Dieses Ereignis politisierte auch einen Teil der frühen so genannten 68er-Generation. Nachdem die antiautoritäre 68er-Bewegung versandete, entstanden aus ihrem Personal zum Teil die autoritären K-Gruppen. Aus diesen Gruppen sticht der „Kommunistischer Bund“ (KB) mit einer eher freien Diskussionskultur und mit weniger Dogmen heraus. Im KB entsteht schließlich die zentrale Antifa-Kommission, die stilbildend für kommende Antifa-Generationen war. Die Antifa-Kommission betrieb erstmals im professionellen Stil Recherche, Pressearbeit und Kampagnen (wie z.B. „Rock gegen Rechts“).
Doch auch beim KB fällt auf, dass er versucht historische Faschismustheorien auf die Gegenwart zu übertragen. In der Analyse des KB hat sich die BRD vom postfaschistischen zum präfaschistischen Staat gewandelt.
Allgemein erfuhr der Faschismus-Begriff in den 1970er Jahren eine inflationäre Verwendung, ja er wurde zum Kampfbegriff, der ohne Analyse und nur zum Zwecke der Diffamierung auf jeden Gegner angewendet wurde. So auch auf Israel, was die Autor_innen kritisieren:

Während die Situation der palästinensischen Bevölkerung zuvor keinerlei Beachtung gefunden hatte, identifizierte sich die deutsche Linke nun mit ihr – und brandmarkte Israel als faschistisch. […] Dieses relativierende Faschismusverständnis erlaubte es, den antiimperialistischen Kampf gegen die USA als antifaschistisch zu begreifen. So konnte der Antiimperialismus als aktuelle Form des Antifaschismus fungieren, wodurch quasi nachträglich in die Geschichte eingegriffen und sich durch die Identifikation mit einer als absolut gut begriffenen Sache der »Last der Geschichte« entledigt werden konnte.

(Seite 51)

Im Jahr 1978 wurde in Frankfurt bei den Protesten gegen einen Aufmarsch von 3.000 Nazis erstmals ein Schwarzer Block gebildet. Die Träger_innen der ersten Schwarzen Blöcke waren vor allem Autonome. Eine Zeit lang machten Autonome nicht nur Antifa-Arbeit, sondern versuchten auch in den Neuen Sozialen Bewegungen mitzuarbeiten. Neben KB-Mitgliedern sind vor allem die Autonomen das Standbein des Antifaschismus.

Auch der antifaschistische Anspruch und die antifaschistische Wirklichkeit (in) der DDR werden im Buch kurz gestreift.

lessons of antifascist history: III. ab 1990
Ab Ende der 1980er und Anfang der 1990er kam es zu einer Pluralisierung der Antifa-Szene. Mit der Antifa Genclik in Berlin gab es eine Antifa für türkisch- und kurdischstämmige Jugendliche und in einigen Städten bildeten sich reine Frauen-Antifas (FANTIFA), um der männlichen Dominanz in der Szene etwas entgegen zu setzen.
Die ersten Antifa-Gruppen in Ostdeutschland bzw. der späten DDR rekrutierten sich vor allem aus Ost-Punks, die häufig durch persönliche Erfahrungen mit neonazistischer Straßengewalt anfingen sich zu organisieren.

Der deutsche Wiedervereinigungs-Nationalismus und die damit einher gehende Welle von faschistischen Übergriffen ließen vielerorts Antifa-Gruppen aus purer Notwendigkeit entstehen.

Zusammengefasst: Spätestens mit dem Fall der Mauer lag die Notwendigkeit antifaschistischer Politik klar auf der Hand. Ein nationaler Einheitschor schmetterte alle Zweiflerinnen nieder. Gleichzeitig schossen in jeder Stadt Antifa-Gruppen wie Pilze aus dem Boden.

(Seite 80)

Antifaschismus zwischen Mainstream und Selbstisolation
Die Autor_innen betrachten besonders für die letzten Jahrzehnte den Widerspruch zwischen autonomen Antifaschismus und staatlichen Antinazismus („Aufstand der Anständigen“), der sich in der Antifa-Politik häufig niederschlug. Diskussionen wurden in diesem Zusammenhang auch über die Bündnisarbeit bzw. -optionen geführt:

Doch im Zweifelsfall demonstrierten eben auch diejenigen gegen Nazis, die kurz zuvor noch die Asylgesetzgebung verschärft haben oder selbst den deutschen Opfermythos pflegen.

(Seite 41)
Konnten Neonazi-Aufmärsche und –Organisationen be- bis verhindert werden, so konnte breiten rassistischen oder anderweitig menschenverachtenden gesellschaftlichen Stimmungen kaum etwas entgegen gesetzt werden. Da stellt sich die Frage ob Antifa eine Erfolgsgeschichte ist? Es hat sich einerseits bundesweit keine extrem rechte Partei etablieren können und rechte Massenaufmärsche wurden erfolgreich gestoppt, andererseits konnte z.B. die Abschaffung des Rechts auf Asyl nicht verhindert werden.
Parallel zum staatlichen und bürgerlichen Antinazismus existierte problemlos ein staatlicher Rassismus, der sich beispielsweise in der repressiven und abwehrenden Behandlung von Flüchtlingen niederschlägt. Teile der „Neuen Mitte“ konnten sowohl antinazistisch als auch wohlstandschauvinistisch sein.

Nicht nur das der Staat versucht auf seine Weise „Antifaschismus“ zu betreiben, er antwortete auf den unabhängigen Antifaschismus, der zum Teil militant agierte, auch mit Repression. So waren viele Antifa-Gruppen gezwungen große Teile ihrer Zeit der Antirepressionsarbeit zu widmen. Treffend stellen die Autor_innen dazu fest:

Kriterien des Antifaschismus seien daher nicht Strafgesetzbuch oder politische Bündnisoptionen, sondern im Zweifelsfall sein Erfolg in der Praxis.

(Seite 114)

Um nicht nur Antinazi-Arbeit zu machen, sondern die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse zu hinterfragen, wurde von Teilen der Antifa der „revolutionäre Antifaschismus“ wiederentdeckt. Hier stellt sich die Frage ob Antifaschismus als Instrument dienen soll, z.B. um Jugendliche zu gewinnen oder gar um revolutionäre Verhältnisse herbeizuführen oder ist Antifaschismus erst einmal Selbstzweck, d.h. es geht um die Abwehr von Nazis und den Schutz ihrer (potenziellen) Opfer. Im „revolutionären Antifaschismus“ wird der Kapitalismus als Hauptfeind angesehen, den es zu beseitigen gilt. Ein wirklich nachhaltiger Antifaschismus soll vor allem erst einmal antikapitalistische Arbeit leisten. Andere Unterdrückungsverhältnisse wie Patriarchat, Religion oder Rassismus nehmen hier häufig nur den Platz von „Nebenwidersprüchen“ ein.
Teile der Antifa lehnten diese zu sehr auf ökonomische Verhältnisse gemünzte (Faschismus-)Analyse aber ab:

Teile der AA/BO kamen zu der Erkenntnis, dass das komplexe Gefüge westlicher Industrienationen nicht vollständig steuerbar sei, sondern eine Eigendynamik habe, die allen AkteurInnen des kapitalistischen Systems ihre Sachzwänge – Ausrichtung auf Profit, Konkurrenz etc. – auferlege. Darüber hinaus wurde die monokausale, allein auf die Ökonomie fixierte, Erklärung des Nationalsozialismus verworfen, weil diese die, selbst im Sinne einer nur zweckrationalen Vernunft als irrational anzusehende, millionfache Ermordung von Juden und Jüdinnen und anderer als »rassisch minderwertig« stigmatisierter Menschen nicht hinreichend erklären konnte.

(Seite 98-99)

Lange schon schwelte in der Antifa-Szene die Organisierungsdebatte. Es kam Anfang der 1990er schließlich zu einer Organisierung mit Struktur. So gab es Anfang der 1990er Jahre zwei bundesweite Organisations-Ansätze: Die „Antifaschistische Aktion / Bundesweite Organisation“ (AA/BO) und das „Bundesweite Antifa-Treffen“. Die AA/BO wurde im Frühjahr 1993 gegründet und 2001 aufgelöst, als Restprodukt besteht bis heute das Magazin „Phase Zwei“ fort. Dass BAT existierte von 1992 bis 1997 und ihm waren zeitweise bis zu 50 Gruppen angeschlossen.

Antifaschismus heute und morgen
Natürlich erwähnen die Autor_innen auch die Spaltung des Antifa-Lagers in antinational, antideutsch und antiimperialistisch, die Anfang der 1990er ihren Ursprung hatte. Dabei gehen die Autor_innen in ihrer Beschreibung der zugrunde liegenden Motive kritisch aber durchaus durchaus fair mit den Antideutschen um, eine Strömung die andernorts nur noch diffamiert wird. Zu den Motiven der Antideutschen schreiben sie:

Welches Verhältnis zum Krieg haben AntifaschistInnen nach der Erfahrung der notwendig militärischen Zerschlagung des Nationalsozialismus? Teile der antideutschen Antifa befürworten Krieg als Mittel staatlicher Politik gegen reaktionäre Staaten und Bewegungen, schließlich gebe es etwas noch Schlimmeres als Krieg; andere Antifas ziehen aus der gleichen historischen Erfahrung den Schluss, jede Form von staatlichem Militarismus konsequent ablehnen.

(Seite 41)
Als Beispiel für eine antinationale Antifa-Arbeit wird das „… ums Ganze“-Bündnis benannt, dass sich auch neuer Themen wie Islamismus annimmt. Positiv vermerken die Autor_innen bei Antideutschen und Antinationalen deren Erkenntnis um die „Eigenständigkeit von reaktionären Ideologien wie Antisemitismus, Sexismus, Rassismus und religiösen Fundamentalismus“.

Seit etwa einem Jahrzehnt gibt es eine starke popkulturelle Inszenierung von Antifaschismus. Diese Pop-Antifa ist zwar für Jugendliche sehr attraktiv, teilweise bleiben aber Inhalte auf der Strecke. So bleiben viele Antifas letztlich Lebensabschnitt-Antifas. Das liegt aber auch daran, dass es kaum Konzepte der Gruppen für berufstätige Mitglieder gibt.
Darüber hinaus besteht die Antifa heutzutage vor allem aus biodeutschen, akademischen und männlichen Personen, was einen bedeutenden Unterschied zu der historischen Antifa darstellt:

Dennoch lässt sich, so denken wir, ein gemeinsamer Kern bestimmen. Die heutige Antifa erscheint, trotz aller inhaltlichen Unterschiede im Detail, zunächst vor allem als eine soziale Bewegung, die bis hinein in das Freizeit- und Partyverhalten eigene kulturelle Codes, Verhaltensweisen und Wertvorstellungen besitzt. Darüber hinaus weist sie eine relativ klar bestimmbare Sozialstruktur auf: Die meisten aktiven Antifas entstammen einem »biodeutschen«, akademischen Elternhaus, sind zwischen sechzehn und dreißig Jahre alt, deutlich häufiger männlich als weiblich und befinden sich noch in Ausbildung und/oder Studium. Schon darin unterscheiden sie sich natürlich radikal von der Zusammensetzung der historischen Antifaschistischen Aktion, in der vor allem ArbeiterInnen organisiert waren.

(Seite 156-57)

Stammte das „Konzept Antifa“ aus der Bundesrepublik, so wurde es in den 2000er Jahren u.a. nach Schweden, in die Niederlande oder nach Tschechien „exportiert“.

Fazit: Lernen aus der Geschichte
Das Buch richtet sich erkennbar auch gegen die „Geschichtsvergessenheit“ der Linken und will einen Beitrag zur Intervention in der Wirklichkeit aus historischer Erfahrung leisten. Dabei ist die Geschichte der Antifa auch immer eine Geschichte der Linken. Das Buch ist insgesamt vor allem ein sehr guter Abriss der antifaschistischen Geschichte und damit für alle an dieser Thematik Interessierten ein absoluter Lesetipp.

Insgesamt verstehen die Autor_innen Antifa als Bewegung, die sich aber an verschiedenen Punkten inhaltlich spaltet:
* das Verhältnis von Theorie und Praxis
* Antinationale, antideutsche oder antiimperialistische Grundhaltung
* Bündnisoptionen
* „revolutionärer Antifaschismus“ oder Antifaschismus aus Selbstzweck
* undogmatische oder dogmatische Linke

Ungenügend behandelt wurde allerdings in der rückblickenden Betrachtung die Trennung von Antifa und Antira. Auch hätte ein organisatorischer „Stammbaum“ der Antifa-Geschichte zum besseren Verständnis beigetragen. Wenig Erwähnung fand ebenfalls die grenzübergreifende Vernetzung und die Verankerung in Subkulturen von Punks und Redskins, die heutzutage allerdings in Osteuropa häufiger anzutreffen ist.

Keller/Kögler/Krawinkel/Schlemermeyer: Antifa. Geschichte und Organisierung, Stuttgart 2011.