Buchkritik „Empört Euch!“ von Stephane Hessel

Das Lebenswerk von Stephane Hessel, Jahrgang 1917, nötigt einem unzweifelhaft Respekt ab. Im Jahr 1941 schloss sich der Sohn nach Frankreich ausgewanderter Deutscher in London de Gaulles „Freien Frankreich“ an. Ab 1944 begab er sich nach Frankreich zur Kontaktaufnahme mit Résistance -Formationen im Raum Paris. Hier wurde Hessel verhaftet, gefoltert und schließlich nach Buchenwald deportiert. Er überlebte. Knapp.
Hessel hat dann nach Kriegsende an der Formulierung der universalen Erklärung der Menschenrechte mitgewirkt.
Empört euch!
Stephane Hessel hat nun dieses Jahr unter dem Titel „Empört euch!“ einen Text verfasst, der sich selbst als „Streitschrift“ bezeichnet.
Unter Rückgriff auf alte Forderungen der Résistance fordert Hessel mehr Gerechtigkeit in der Welt ein:

Dieses gesamte Fundament der sozialen Errungenschaften der Résistance ist heute in Frage gestellt.

(Seite 9)
Mit Berufung auf seine Biografie fordert er:

Das Grundmotiv der Résistance war die Empörung Wir, die Veteranen der Widerstandsbewegungen und der Kampfgruppen des Freien Frankreich, rufen die Jungen auf, das geistige und moralische Erbe der Résistance, ihre Ideale mit neuem Leben zu erfüllen und weiterzugeben. Mischt euch ein, empört euch!

(Seite 9-10)
Dieses ehrenwerte Anliegen wird aber leider an keiner Stelle mit einer echten Analyse unterstützt. Der Text „Empört euch!“ ist vielmehr ein anschauliches Beispiel dafür dass Empörung allein nicht ausreicht.
Für Hessel liegt das Grundproblem nicht etwa im Kapitalismus an sich – mal ganz zu schweigen von anderen Unterdrückungsverhältnissen wie Patriarchat und Staat –, sondern in der „internationale[n] Diktatur der Finanzmärkte“ und in einer menschlichen Charaktereigenschaft, der Gier nach „Immer noch mehr“.
Hessel beklagt den Ist-Zustand der Welt und hält die Konzepte von Martin Luther King und Nelson Mandela hoch, leider vergisst der alte Widerstandskämpfer dabei zu erwähnen dass diese Konzepte bedauerlicherweise nur begrenzt anwendbar sind. Sie gehen nämlich von einem humanen Restfunken beim Gegner aus.

Der zweite Teil der Schrift ist überschrieben mit: „Meine Empörung in der Palästina-Frage“ (Seite 16). Nicht der Bürgerkrieg im (Ost)Kongo mit Millionen Toten und Vertriebenen, nicht der Konflikt in der Darfur-Region im Sudan, nicht die homophobe Theokratie im Iran, nicht das Wüten rechter Paramilitärs in Kolumbien und nicht die institutionell verankerte Frauenunterdrückung in Saudi-Arabien empören den Autor, sondern der Nahost-Konflikt:

Derzeit bin ich am meisten über die Verhältnisse in Palästina empört, im Gaza-Streifen, im Westjordanland.

(Seite 16)
Konkret ist aber nicht die islamistische Hamas-Regierung im Gaza-Streifen oder die korrupte und autoritäre PLO-Regierung im Westjordanland das Problem, sondern – wie könnte es auch anders sein – natürlich nur Israel allein.
Hessel beklagt, dass „drei Millionen aus ihrer Heimat geflohene und vertriebene Palästinenser auf eine immer fraglicher werdende Rückkehr“ (Seite 16) warten müssten. Dass die Mehrheit dieser Palästinenser_innen noch nie in ihrem Leben die Heimat sah, aus der sie „geflohen“ und „vertrieben“ wurden, wird nicht erwähnt. Es handelt sich nämlich um die Nachkommen von Flüchtlingen, die ihren Flüchtlings-Status vererbt bekommen haben.
Sicher ist der Gaza-Streifen für die Mehrheit seiner Bewohnerschaft ein trübseliger Ort. Dazu tragen Israel und Ägypten mit ihrer Isolation kräftig bei. Aber ob es deswegen tatsächlich nichts weiter ist als „ein Gefängnis unter freiem Himmel“, wie Hessel den Gaza-Streifen bezeichnet, ist fragwürdig. Was unterscheidet den Gaza-Streifen von den vielen anderen Armen-Quartieren auf diesen Globus, die häufig von einer Mafia regiert und teilweise von brutalen Polizei-Razzien heimgesucht werden?
Dass im Gaza-Streifen eine aggressiv religiös-fundamentalistische Macht regiert, wird von Hessel so nirgendwo erwähnt. Vielmehr wird von der Leserschaft Verständnis für die Hamas, ihren Raketenterror und ihre Wahl eingefordert.

Ich weiß: Unter der Hamas, die die letzten Wahlen gewonnen hat, wurden als Reaktion auf die Isolierung und die Blockade der Menschen im Gaza-Streifen Raketen gegen israelische Städte abgefeuert. Selbstverständlich halte ich den Terrorismus für inakzeptabel. Aber ist es wirklich realistisch zu erwarten, dass ein mit unendlich militärischen Mitteln besetzt gehaltenes Volk gewaltlos reagiert?

(Seite 17)
Mit solch einer Nichtkritik legitimiert Hessel letztlich auch die Hamas als alleinige Vertretung der Gaza-Bevölkerung. Die von der Hamas unterdrückten und verfolgten Dissidenten, Frauen, Homosexuellen und Jugendlichen fallen so unter den Tisch.
Der Autor wird im Nachwort mit dem Satz „Ich habe mich immer auf die Seite der Dissidenten gestellt“ (Seite 30) zitiert. Offenbar hat diese einfache pro-underdog-Einstellung Hessels ihn bei der oberflächlichen Betrachtung des überaus komplizierten Nahostkonflikts zu seiner einseitigen Parteinahme verleitet.
An Israel hat Hessel hingegen besondere moralische Anforderungen:

Dass Juden Kriegsverbrechen begehen können, ist unerträglich.

(Seite 17)
Warum und wodurch Israel und seine Bewohner_innen sich soviel besser verhalten sollten als andere bürgerliche Staaten, sagt Hessel nicht. Offenbar glaubt er dass die Israelis aus der jüdischen Geschichte unbedingt auch seine Schlüsse gezogen haben müssen. Viele Holocaust-Überlebende und ihre Nachkommen, die Israel mit aufbauten, zogen nun aber mal aus Auschwitz weniger den Schluss „Nie wieder Krieg!“, sondern „Nie wieder schwach!“. In Anbetracht der hasserfüllten, judenfeindlichen Propaganda der Hamas und der weltweiten Verbreitung von Antisemitismus ist so eine Einstellung durchaus nachvollziehbar. Dass sollte aber die Freunde Israels nicht davon abhalten echte (!) Kritik zu üben oder sich ihm auch mal entgegen zu stellen. Dafür sind Freunde schließlich da (1).

Insgesamt lohnt es sich nicht Geld in die „Streitschrift“ zu investieren, Sie bietet nichts Neues, nur Altbekanntes. Sie wird sicher auch irgendwo in den Weiten des Internet aufzutreiben sein.

Stephane Hessel: Empört Euch!, Berlin 15. Auflage 2011.

(1) Natürlich kann man im Grunde nicht der Freund eines ganzen Staates sein. Israel besteht schließlich aus Millionen Einwohnern, sympathischen und unsympathischen (z.B. Liebermann oder homophobe Ultraorthodoxe). Mit Israel-Freundschaft ist die Sympathie mit, die Verständnis für und die grundsätzliche Anerkennung Israels gemeint.