Buchkritik „Kommunismus-Erfahrung“ von Wilfried Reckert

Wilfried Reckert hat mit seinem Büchlein „Kommunismus-Erfahrung. Zwanzig Jahre als DKP-Funktionär. Analytische Reflexionen“ ein sehr ehrliches und selbstkritisches Selbstzeugnis vorgelegt.

Kommunismus-Erfahrung

Wilfried Reckert war das was man klassischerweise einen Berufsrevolutionär nennt. Er war ein hoher SDAJ- und DKP-Funktionär in der Bundesrepublik. Doch die Situation parteikommunistischer Funktionäre im Westen war eine andere als im Osten. Sie waren „machtlose Oppositionelle“. Die Westkommunisten waren insgesamt ohnmächtig und erfuhren nicht selten Repressionen von staatlicher Seite. Reckert war beispielsweise 1973 von der Berufsverbot-Praxis betroffen.

Diese Erfahrungen und die fehlende Praxis der Machtausübung über die Massen haben Reckert aber nicht davon abgehalten selbstkritische Lebensrückschau zu halten. Dabei wird er so mancher Widersprüche gewahr:

Ich kritisiere in meinem Lebenslauf nicht den Nonkonformismus, den ich mir zugute halte, sondern die Kritiklosigkeit gegenüber den eigenen Leuten.

(Seite 16)
Denn die standen unter dem „Artenschutz prinzipieller Solidarität“. Dass führte schnell zu doppelten Maßstäben. Die Parteikommunist_innen sollen in die Bundeswehr gehen und dort „Friedensarbeit“ leisten. Sie sollen sich an der Anti-AKW-Bewegung beteiligen, aber nicht die Atomkraft-Nutzung in den realsozialistischen Staaten kritisieren. Sie sollen sich der Friedensbewegung anschließen, aber nicht mit der „Schwerter zu Pflugscharen“-Bewegung im Ostblock kooperieren.
Besonders kritisiert er die doppelten Maßstäbe im Parteikommunismus wenn es um die Parteilinie ging.

Wenn wir Kommunistinnen und Kommunisten es ablehnten, uns auf Kosten anderer und Schwächerer zu nähren, wenn wir Solidarität pflegten, Wohlstandsegoismus abstreiften und uns den Armen in der Welt verbunden fühlten, so ist uns umso mehr vorzuwerfen, dass wir die Wolfsmoral der kommunistischen Regimes kritiklos hinnahmen und den zahllosen Opfern kommunistischer Politik Mitleid und Solidarität versagten.

(Seite 31)

Im Rückblick kritisiert Reckert auch, dass der Parteikommunismus seine Interpretationen der Marx-Engels-Lenin-Werke zur Wissenschaft erklärte. Somit waren die Deutungen nicht mehr änderbar. Alles wurde vom eigenen „Klassenstandpunkt“ aus „wissenschaftlich“ analysiert. Der Parteikommunismus baute auf die Opferbereitschaft und Unterwerfung seiner Mitglieder. Das Denken wurde ans ZK delegiert.
Er beklagt eine „fehlende Diskussionskultur“ und Demokratie innerhalb der Partei. Wahlen bestätigen nur Ernennungen, Ablehnung von Kandidaturen, die vorher bereits festgelegt wurden. Statt Kritik wird von den Parteimitgliedern Selbstkritik und Unterwerfung erwartet:

Das genau macht Kommunistische Parteien zu potenziell totalitären, dass sie ihre Mitglieder »fressen«, dass Mitgliedschaft nicht Rechte und Einfluss, sondern eine Anpassungsleistung bedeutet.

(Seite 123)

Reckert hat heute auch einen dezidiert genderkritischen Standpunkt. Er kritisiert auch die „revolutionäre Moral“, die zum Verbot von Drogen und Frauen für die überwiegend männlichen Funktionäre führte. Es herrscht das „Zölibat des revolutionären Ordens“. Überhaupt findet sich bei Reckert immer wieder eine sehr sympathische Patriarchatskritik.
So sieht er auch einen Zusammenhang zwischen Männlichkeit und „totalitären Persönlichkeit“.

Reckert ist generell kein simpler Links-Rechts-Gleichsetzer, so schreibt er:

Zwischen Kommunismus und Faschismus ist zu differenzieren und auch innerhalb des Kommunismus und innerhalb des Faschismus.

(Seite 67)
Bei ihm ist die Totalitarismus-Kritik etwas anders als bei Antikommunisten. Er ist ein Ex-Parteikommunist und gewandelter Linker, aber kein Antikommunist und Renegat.
Somit ist seine Kritik anders fundiert und motiviert. Seine Gedanken zum Arbeiterbewegungsmarxismus entspringen einem tieferen Verständnis als dem plumpen Ressentiment. So ist seine Kritik als solche anzunehmen und zu diskutieren, wenn er beispielsweise schreibt:

Das totalitäre Moment im Marxismus ist die Vorstellung, dass man Geschichte machen könne und dass Politik als Herstellung zu verstehen sei.

(Seite 92)
Besonders die Anpassung an die Gewalt nach der Erringung von Herrschaft kritisiert er und das sicherlich zu Recht:

Es gibt eine Dialektik von Zweck und Mitteln, dass sich die besten Ziele unter Terror und Gewalt verwandeln. Gerade durch diese unheiligen Mittel änderten sich die kommunistischen Länder in Kastenherrschaften von Parteibürokraten. Die Taten hinterlassen Spuren bei den Tätern. Selbst wenn die Täter skrupulös gewesen wären, mit der Zeit entwickeln Lüge, Denunziation und Mord ihre eigene Dynamik.

(Seite 95)
Stalinismus und Realsozialismus waren nach Reckert „Paranoia an der Macht“, die zur Gewaltausübung tendierte.
Auch hat Reckert Recht mit seiner Analyse, dass im Realsozialismus Eigentum nicht vergesellschaftet, sondern bürokratisiert wurde.

Einen Teil seiner Reflexions-Schrift widmet Reckert dem Vergleich von Parteikommunismus und religiösen Fundamentalismus, weil er zwischen beiden viele Gemeinsamkeiten zu entdecken glaubt. Die einen seien „Fundamentalisten“ im Glauben, die anderen in ihrer Weltanschauung. Hier ist Reckert nicht immer überzeugend. Auch seine Entdeckung des autoritären Charakters im Idealisten lässt zweifeln.
Seltsam wird’s zudem wenn Reckert von „europäische[n] zivilisierten Bedingungen“ schreibt.

Insgesamt ein sehr nachdenkliches und nachdenklich machendes Buch, das vielen, die sich kritisch mit dem Marxismus-Leninismus auseinandersetzen oder auseinandersetzen mussten weiterhelfen wird.
Grundsympathisch wirkt Reckert, wenn er am Buchende die „eigene Liebenswürdigkeit“ und „eigene Liebesfähigkeit“ als Abwehr gegen autoritäre Tendenzen benennt.
Schade nur dass der Autor zwar Linker geblieben ist, aber Utopien jenseits von Attac und Konzepten einer Finanzmarkt-Besteuerung offenbar aufgegeben hat. Jedenfalls wirkt es stellenweise so als hätte er aufgegeben. Der Kapitalismus ist ja tatsächlich als – eines unter mehreren – Unterdrückungsverhältnis schrecklich und für viele Menschen todbringend.
Insofern hat Reckert früher tatsächlich gegen das richtige Übel gekämpft, nur eben mit den falschen Analysen, Strategien und Mitteln.

Wilfried Reckert: Kommunismus-Erfahrung. Zwanzig Jahre als DKP-Funktionär. Analytische Reflexionen, undatiert (vermutlich 2010).