Archiv für Dezember 2011

Greenpeace völlig beknackt!

Die werden ja immer verrückter. Nach den nationalistischen Kampagnen Atomkraft schadet Deutschland (OBEN: Screenshot von neofaschistischer Homepage) „Atomkraft schadet Deutschland“, Deutschland ist erneuerbar „Deutschland ist erneuerbar“ (mutmaßlich inspiriert vom Buchtitel eines Rechtsökologen) und Atom-Eingreiftrupps den „Atom-Eingreiftrupps“ von Greenpeace in Österreich geht der Wahnsinn weiter. Jetzt gibt es den nächsten Wahnsinn, die Kampagne „Politicians talk, leader act!“ Die freiwillige Unterwerfung unter die Herrschaft der vermeintlich „Guten“ ist also jetzt Programm. Die Forderung nach einer Öko-Diktatur ist da eigentlich schon mit enthalten wird aber vielleicht demnächst auch noch explizit gestellt. Den deutschsprachigen Greenpeace-Aktivisten war die Übersetzung von leaders act „Politicians talk, leaders act!“ dann doch etwas zu hart. Statt „Politiker reden, Führer handeln!“ übersetzten sie lieber mit Staatslenker handeln „Politiker reden – Staatslenker handeln!“

Buchkritik „Jugend in Deutschland“ von Ernst Toller

Eine Jugend in Deutschland

Der libertäre Linkssozialist und Literat Ernst Toller hat 1933 das Buch „Jugend in Deutschland“ verfasst, in dem er auf ehrliche Weise auf sein bisheriges Leben zurückblickt. Diese Kurzbiografie ist deswegen ehrlich, weil Toller auch Schwächen und Fehler von sich oder seinen Genoss_innen nicht verschweigt.
Dabei musste Buch bereits im Exil herausgeben werden, „Am Tag der Verbrennung meiner Bücher in Deutschland.“ (Seite 10), wie er sein Vorwort datiert. Bereits am Buchanfang fragt er sich, wie es soweit kommen konnte. Wer hat versagt, wer ist verantwortlich, wer hat nichts gelernt?

Die Republikaner, die die Republik ihren Feinden auslieferten.
Die Revolutionäre, die über Thesen und Parolen den Willen des Menschen und seine Entscheidung vergaßen.
Die Gewerkschaftsfunktionäre, die über gefüllten Kassen die wachsende Gewalt des Gegners nicht sahen, der sie mitsamt ihren Kassen fortfegen sollte.
Die Bürokraten, die den freien Mut, die Kühnheit, den Glauben erstickten.
Die Doktrinäre, die über spitzfindigen Fehden versäumten, dem Volk klare und große Ziele zu weisen.
Die Schriftsteller, die ein verstiegenes Bild des kämpfenden Arbeiters schufen, und verzagten, wenn sie dem wirklichen Arbeiter begegneten, mit seiner Schwäche und seiner Stärke, seiner Kleinheit und seiner Größe.
Die Realpolitiker, die taub waren für die Magie des Wortes, blind für die Macht der Idee, stumm von der Kraft des Geistes.
Der Fetischisten der Ökonomie, die die moralischen Kräfte des Volkes und die großen Impulse der Menschen nach Freiheit, nach Gerechtigkeit, nach Schönheit kleinbürgerliche Untugenden hießen.

(Seite 7)

Ernst Toller wurde im Jahr 1893 in Samotschin, im damaligen preußischen Bezirk Bromberg, geboren. Er stammt aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie von deutschnationalen Juden. Er macht schon früh Erfahrungen mit Antisemitismus, wiederholt aber auch selbst die Polenfeindlichkeit seines deutschnationalen Umfeldes, für das Polen nur „Polacken“ sind.
Toller fängt an zu studieren und geht nach Frankreich, dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Toller gelangt über die Schweiz nach Bayern, wo in ihm die deutschnationale Begeisterung ausbricht. Rückblickend schreibt Toller ironisch, selbst die bayrischen Eisenbahner hätte er damals enthusiastisch begrüßt, denn „wenn ihre Vollbärte wedeln, hören wir die deutschen Wälder rauschen.“ (Seite 38). Natürlich meldet sich der derart vaterländisch Begeisterter in Bayern als Kriegsfreiwilliger. An der Front verliert er schnell seinen Hurra-Patriotismus und die Wandlung zum Pazifisten setzt ein. Nach über einem Jahr an der Front kommt Toller frei und kann studieren.
In München verfestigt sich durch seine Kriegs-Ablehnung seine politische Einstellung und er kommt mit der örtlichen linken Prominenz und der Boheme zusammen. Er trifft Kurt Eisner, Gustav Landauer oder Rainer Maria Rilke:

In einem Buchladen begegne ich Rainer Maria Rilke: »Ich habe seit Jahren keine Verse mehr geschrieben«, sagt Rilke leise, »der Krieg hat mich stumm gemacht.«

(Seite 55)
Toller und seine Mitstreiter geben ein pazifistisches Manifest heraus, wofür sie von ihrer Mehrheitsumgebung angefeindet werden. In den Zeiten der nationalistisch verhetzten Kriegsbegeisterung gilt das Normale, nämlich die Ablehnung von Krieg, als unnormal und anders herum. Normalität richtet sich an der Mehrheitsmeinung aus:

Daß wir Wenige sind, soll als Argument nichts gegen die Wirklichkeit sagen, die wir aussprechen.

(Seite 61)
Ihre Organisation wird verboten, die Mitglieder verfolgt und eingesperrt. Toller wird auch eingesperrt und kommt auch kurzzeitig in eine Anstalt, denn wer gegen Kaiser und Krieg aufbegehrt muss ja verrückt sein.

Die erste bayrische Räterepublik: errichtet gegen den Widerstand der Rechtssozialisten und Parteikommunisten und blutig niedergeschlagen von den Weißgardisten
Die Person Tollers ist besonders bekannt durch seine Funktion in der ersten bayrischen Räterepublik, wo er der militärischer Anführer bzw. Truppenkommandant war, obwohl er im Grunde ein Pazifist war.
Die erste Münchner Räterepublik bestand nur vom 7. Bis zum 13. April 1919. Nicht nur von den Gegnern von Außen wird dieser libertäre Versuch bedrängt, auch die Parteikommunisten unter Eugene Levine lehnen die „Scheinräterepublik“ ab.

Nur die Kommunisten bekämpfen die Räterepublik, sie rufen die Arbeiter zu Demonstrationen auf, sie schicken Redner in die Kaserne, diese Räterepublik verdiene es nicht, daß die Soldaten sie verteidigen.

(Seite 91)

Nur wollte damals die Kommunistische Partei nicht als Minderheit in einer Regierung vertreten sein, sie forderte, obgleich sie die Arbeiterschaft nicht führte, die Führung der Regierung, das Diktat ihres politischen Willens, diesen Machtanspruch hoffte sie jetzt durchzusetzen.

(Seite 94)
Ähnlich wie in der Oktoberrevolution reißen die Parteikommunisten in einer Art Putsch die Macht an sich und setzen die erste Regierung, die vor allem von den Räten gebildet wurde, ab.

Wie ich in den Mattäserkeller eintrete, spricht Levine. Die Räterepublik sei eine Scheinräterepublik, die Regierung sei unfähig, man müsse sie stürzen, anstelle des Zentralrats einen neuen Rat wählen, der die Macht übernehmen werde. Die Versammlung stimmt Levine zu.

(Seite 94)
Auch sonst will man sich an der Sowjetunion orientieren:

- Wenn ihr heute eure politische Haltung revidiert habt, rufe ich den Kommunisten zu, und glaubt, daß nur die unfähige Regierung an der Verfahrenheit schuld sei, liegt es an euch, durch eure Mitarbeit die Revolution zu retten. Wenn ihr uns stürzt, eine neue Regierung bildet und die Bauern nicht mittun, was wollt ihr beginnen, wie wollt ihr München ernähren?
- Wir werden es wie in Rußland halten, antwortet Leviné, wir werden durch Strafexpeditionen die Bauern zwingen, Korn und Milch zu liefern.

(Seite 94)

Insgesamt soll aber nicht behauptet werden, dass ohne äußere Bedrohung die Räterepublik sich unbedingt hätte positiv entwickeln müssen. Der Finanzminister der Räte-Regierung war beispielsweise der Freiwirtschaftler und Deutsch-Argentinier Silvio Gesell (1862-1930). Die ökonomische Analyse des Sozialdarwinisten und Sexisten Silvio Gesell ist viel zu einfach und beschränkt, also falsch. Auch andere Gestalten von der Art Gesells tauchen plötzlich auf, wie Toller schildert:

Verkannte Lebensreformer bieten ihre Programme zur Sanierung der Menschheit an, ihr seit Jahrzehnten befehdetes Lebenswerk bürge dafür, daß jetzt endlich die Erde in ein Paradies verwandelt werde. Sie wollen die Welt aus einem Punkt kurieren, läßt man die Prämisse gelten, ist ihre Logik unangreifbar. Die einen sehen die Wurzel des Übels im Genuß gekochter Speisen, die anderen in der Goldwährung, die dritten im Tragen unporöser Unterwäsche, die vierten in der Maschinenarbeit, die fünften im Fehlen einer gesetzlich vorgeschriebenen Einheitskurzschrift, die sechsten machen Warenhäuser und sexuelle Aufklärung verantwortlich.

(Seite 91)

Während die Parteikommunisten versuchen ihre „reine“ Linie durchzusetzen, marschieren bewaffnete Truppe, vor allem rechte Freikorps, auf München zu, die nach „Spartakistenblut“ nur so lechzen. In Bewegung gesetzt wurden sie von den Rechtssozialisten der SPD. Die Freikorps hassen alle „Roten“ und Juden. Aufgestachelt sind sie und große Teile des Bürgertums noch dazu durch Falschmeldungen über die Geschehnisse in München. Angeblich habe es blutige Massaker und Misshandlungen gegeben. Ehrlicherweise erwähnt Toller, die eine Geißelerschießung (von Mitgliedern des „Thule“-Ordens, einem rechtsradikalen Geheimbund) und auch die Vergewaltigungen durch Rotgardisten, die ihm bekannt werden.
Dazu bemerkt Toller:

Mögen die Gesetze des Bürgerkriegs noch so brutal sein, ich weiß die Konterrevolution hat in Berlin rote Gefangene ohne Schonung gemordet, wir kämpfen für eine gerechtere Welt, wir fordern Menschlichkeit, wir müssen menschlich sein.

(Seite 106)
Der Großteil der Kriegsverbrechen geht aber von den Weißgardisten aus. Bei der Niederschlagung der bayrischen Räterepublik verüben rechte Freikorps etwa 1.000 standesrechtliche Erschießungen.

Nur ein paar tausend Bewaffnete stehen etwa 100.000 Weißgardisten gegenüber, die auf München zumarschieren. Toller befiehlt angesichts dieser Lage und der allgemeinen Isolation Münchens, den Rückzug. Zuvor hatte er einige erfolgreiche Gefechte mit dem Gegner befehligt.
Er bleibt lange auf seinem Posten und muss aber schließlich flüchten und untertauchen. Bei seinem Freund Rilke kann er nicht unterkommen, da dieser unter den Schutz der Räterepublik gestellt war und deswegen in den Augen der neuen Machthaber verdächtig ist. Toller kommt schließlich bei einem befreundeten Maler unter. Doch letztlich wird er erwischt und verhaftet. Die Militärs versuchen den Konflikt zwischen Leuten wie Toller und den Parteikommunisten auszunutzen, um diese gegeneinander auszuspielen, doch Toller weigert sich mitzuspielen. Er weiß vor den Gewehrläufen der Weißen sind alle Linken gleich.

Verurteilt und eingesperrt
Im Gegensatz zu anderen entkommt Toller mehrmals seiner Ermordung und landet vor einem Gericht. Hier wird er wegen Hochverrats zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt. Sein Anwalt Hugo Haase betont, dass es seltsam sei wenn die Revolutionäre von gestern (SPD) die Revolutionäre von heute (Rätedemokraten) wegen Hochverrats verurteilen. Toller schreibt es sei kein Urteil des Rechts, sondern ein Urteil der Macht.

Seine fünf Jahre Haft sitzt Toller in Niederschönenfeld ab. Während seiner Inhaftierung wird Toller sogar in den Landtag gewählt.
Im Gefängnis finden die linken Streitereien und Spaltereien ihre Fortsetzung:

In Deutschland zerfällt die Arbeiterbewegung, die Parteien spalten sich wieder und wieder, Gruppen und Sekten entstehen, das gleiche wiederholt sich im Gefängnis, aber während draußen die Handlungen der Menschen durch sinnliche Wirklichkeiten gehemmt und gelenkt werden, fehlt hier in der dünnen Luft der Haft jede Möglichkeit der Korrektur, es bilden sich Parteigruppen, die einander verfolgen, verleumden, schlagen.

(Seite 146)

Am unduldsamsten sind gewisse byzantinische Intellektuelle, sie vergötzen den Proletarier, sie treiben einen förmlichen Kult mit ihm und lehren ihn die Verachtung der andern Intellektuellen. Sie ahmen Formen proletarischen Lebens nach, die der Arbeiter nur aus Not angenommen haben.

(Seite 147)
Selbst die eher aus der Not geborenen homoerotischen Beziehungen werden politisch instrumentalisiert:

Einige Gefangene, orthodoxe Parteifunktionäre und lüsterne Spießer, bilden ein Gericht, in tagewährender Verhandlung, bei erregter Aufmerksamkeit der Richter, müssen Liebhaber und Geliebte sich verantworten.

(Seite 150)

Toller muss erkennen, dass er mit manchen Linken nicht sonderlich viel teilt:

Manche Sozialisten verspotten die Idee der Freiheit als eine bürgerliche Illusion, sie unterscheiden nicht zwischen Freiheit als Lebensgefühl, als Gewissen, das dem Menschen Würde und Selbstachtung verleiht, und Freiheit als Lebensordnung, als Lebensform. Jede Form bedeutet Begrenzung. Jede politische und soziale Ordnung muß notwendig individuelle Freiheiten einschränken. Entscheidend ist nur der Grad der Einschränkung.

(Seite 153)
Toller vertritt stark libertäre Positionen, so hat er sich über die Zeit auch zu einem Weltbürger und Kosmopoliten entwickelt:

[…] und wenn mich einer fragte, wohin ich gehöre, ich würde antworten: eine jüdische Mutter hat mich geboren, Deutschland hat mich genährt, Europa hat mich gebildet, meine Heimat ist die Erde, die Welt mein Vaterland.

(Seite 162)

Am Anfang seines Buches hat Toller geschrieben:

Um tapfer zu sein, muß man verstehen. Um gerecht zu sein, darf man nicht vergessen. Wenn das Joch der Barbarei drückt, muß man kämpfen und darf nicht schweigen. Wer in solcher Zeit schweigt, verrät seine menschliche Sendung.

(Seite 10)

Genau das war er auch: Tapfer und verständnisvoll. Gerecht, ohne zu vergessen. Kämpfend, nicht schweigend. Genau deswegen lohnt sich auch die Lektüre dieses Buches.

Ernst Toller: Jugend in Deutschland, Reinbek 1978, Original: 1933.