Buchkritik „Und schuf mir einen Götzen“ von Lew Kopelew

Im Jahr 1978 verfasste Lew Kopelew das Buch „Und schuf mir einen Götzen. Lehrjahre eines Kommunisten“, das den Untertitel „Lehrjahre eines Kommunisten“ trägt und in dem er kritisch auf sein Leben in der Sowjetunion zurückblickt.

Der Autor kommt aus einer säkularen, jüdischen Familie aus der Ukraine. Er wuchs während des Bürgerkriegs und in der Frühzeit der Sowjetunion auf. Obwohl er und seine Eltern nur jüdischer Herkunft waren, nicht aber religiöse Juden und Angehörige der (bildungs-)bürgerlichen Mittelschicht waren, so waren auch sie von Antisemitismus betroffen.
Kopelew beschreibt die Pogrom-Gefahr wie eine Naturkatastrophe, die man nur im Keller abwarten kann:

Damals gingen wir in eine andere Straße zu einer Freundin der Baronin, sie selbst kam auch mit, und alle zusammen saßen wir in einem Keller, weil man mit einem Pogrom rechnete. Mutter sagte mir: »Wenn sie dich fragen, woher du bist, sag, ‚vom Kaukasus’! Wenn die herauskriegen, daß wir Juden sind, schlagen sie uns tot.« Sie flüsterte atemlos und hysterisch, und ihre Augen waren verängstigt.

(Seite 23)
Dem „normalen“ Straßen-Antisemitismus begegnet Kopelew mit der Faust:

Wenn man mich Saujud‘ nannte oder Wurstfresser, wenn man mich in nachgeahmten Jiddisch verspottete – so prügelte ich mich. War mein Gegner stärker als ich, griff ich zu Steinen oder Knüppeln.

(Seite 131)

Mit der Zeit entwickelte sich Kopelew zu einem überzeugten KP-Anhänger. In dieser Zeit zog seine Familie auch von Kiew nach Charkow.
Eine Zeit lang war der sprachbegabte Kopelew begeisterter antinationaler Esperantist. Als Anhänger der „linken Opposition“ wurde Kopelew bereits recht früh Opfer von Repression. Im Jahr 1929 gab es zehn Tage vor seinen 17. Geburtstag eine Hausdurchsuchung deswegen.
In der Folgezeit fand Kopelew zurück zu seiner Linientreue und arbeitete als Redakteur von Zeitungen und beim Radio.

An der „Getreidefront“
Kopelew folgt als treuer Parteikommunist dem offiziellen Kurs der Partei, betet deren Saboteur- und Schädlings-Paranoia nach und folgt der Forderung nach „revolutionärer Wachsamkeit“.
Opfer sind auch in der Ukraine eine Schicht von Mittelbauern, die als „Kulaken“ bezeichnet werden. Häufig werden Mitglieder dieser Gruppe und andere Oppositionelle nach Sibirien oder an das Eismeer verbannt, wo sie häufig umkommen. Andere bleiben zurück als Ausgestoßene:

Einige Kilometer von Popowka entfernt wohnten in einer Waldschlucht »Aussiedler« in halb in die Erde gegrabenen Hütten. Frauen und Kinder von Kulaken. Die Männer und Frauen waren nach Sibirien verschickt worden, die Familien hatte man aus den Dörfern verjagt.

(Seite 305-306)

Es kam zum Kampf an der „Getreidefront“:

Getreidefront. Stalin hat gesagt: Der Kampf ums Getreide ist ein Kampf um den Sozialismus. Ich glaubte der Parole aufs Wort. Wir waren Soldaten an einer unsichtbaren Front, bekämpften die Sabotage der Kulaken, kämpften um Brot für das Land, für den Fünfjahrplan.

(Seite 291)
Beim Kampf an der „Getreidefront“ beteiligte sich auch Kopelew persönlich als Agitator, der von der Stadt auf das Land geschickt wurde. Damals wurde von den Behörden und der Partei eine Kollektivierung der Landwirtschaft forciert. Das führte zu Widerstand und Engpässen auf dem Land. Es wurden Einheiten aufs Land geschickt, die sogar das Saatgut beschlagnahmten. Hintergrund war die ideologische Übertragung des urbanen Klassenkampf-Konzepts auf die Dörfer und der Dogmatismus, der dazu führte nie Fehler bei sich selber suchen.
Im Rückblick reflektiert Kopelew kritisch seinen Anteil an der Gewalt im Kampf um die „Getreidefront“:

Schließlich hatte auch ich Marussja festgehalten, als er sie würgte und das »Dokument« aus dem Mund holte. Zuerst dachte ich: eine Spionin der Banditen … eine Geheimbotschaft … Aber dann schämte ich mich bis zur Übelkeit. Noch heute – mehr als vierzig Jahre danach – ist die Erinnerung scheußlich.

(Seite 315)
Ergebnis der ganzen Entwicklung war eine furchtbare Hungersnot, die Millionen Opfer forderte:

Freunde, die mich während meiner Krankheit besuchten, erzählten, die Bahnhöfe seien vollgestopft mit Bauern. Ganze Familien mit Greisen und Kindern versuchten wegzufahren, einerlei wohin, vor dem Hunger zu fliehen. Viele strichen durch die Straßen und bettelten. Jede Nacht wurden mit besonderen Autos auf den Bahnhöfen, unter Brücken, in Torwegen und Einfahrten die Leichen eingesammelt. Diese mit Leinwandplanen zugedeckten Lastwagen fuhren in den späten Nachtstunden herum, wenn niemand das Haus verließ. Andere Autos sammelten die Obdachlosen ein, die Kranken und völlig Entkräfteten wurden in Krankenhäuser eingeliefert. Alle Kliniken der Stadt, ebenso alle Leichenschauhäuser waren überfüllt. Elternlos gewordene Kinder wurden in Waisenhäuser gebracht. Erwachsene, die noch halbwegs bei Kräften waren, fuhr man einfach aus der Stadt hinaus und überließ sie sich selbst.

(Seite 320)

Irgendwann kam Kopelew ins Grübeln und hinterfragte seine ehemaligen Ideale. Am Ende seines Buches schreibt er:

Wir waren zu Bekennern und Predigern der neuen Glaubenslehre erzogen worden, der einzig wahren Religion des wissenschaftlichen Sozialismus. Die Partei wurde zu unserer kämpfenden Kirche, die der ganzen Menschheit ewige Seligkeit brachte, ewigen Frieden und das Paradies auf Erden. Sie hatte siegreich alle anderen Kirchen, Sekten und Häresien überwunden. Die Werke von Marx, Engels, Lenin waren unsere Heilige Schrift, Stalin der unfehlbare hohe Priester.

(Seite 344-45)

* Lew Kopelew: Und schuf mir einen Götzen. Lehrjahre eines Kommunisten, München 1982