Archiv für März 2012

Buchkritik „Die Wahrheit und ihr Preis“ von Eva Herman

Drei Jahre nach ihrem Rauswurf beim NDR hat die umstrittene Moderatorin Eva Herman mit „Die Wahrheit und ihr Preis“ (Rottenburg 2010) ihre Darstellung der Ereignisse um sie herausgebracht. Erschienen ist ihr Buch im rechten Kopp-Verlag, für den sie als Online-TV-Nachrichtensprecherin arbeitet.

Eva Herman fühlte und fühlt sich unzweifelhaft verfolgt, sie sei einer „viele Monate dauernden Verfolgungskampagne“ (Seite 86) ausgesetzt gewesen. Sie sah sich nach der Veröffentlichung mehrerer anti-emanzipatorischen Bücher und Artikel besonders dem Druck „bestimmter linksfeministischer Interessengruppen“ (Seite 22) ausgeliefert. In ihren Schriften hatte sich Herman gegen die Gleichberechtigung und Erwerbstätigkeit von Frauen ausgesprochen und ihre „These des schöpfungsgewollten Auftrages von Mann und Frau“ (Seite 49) verteidigt. Dadurch sah sie sich vom „Weltfeminismus“ und „linksfeministische[n] Kreise[n]“ (Seite 52) bedroht. Was Hermans als Bedrohung darstellt und wohl auch tatsächlich so wahrnimmt, stellt in Wahrheit eine gerechtfertigte Kritik dar.
Hermans eigene „Kritik“ am Feminismus hingegen sinkt schon auch mal auf das Niveau von Männer-Stammtischen:

Allerdings konnte ich zu keinem Zeitpunkt verstehen, dass viele derjenigen Frauen, die für die angebliche weibliche Befreiung kämpften, immer gleich aussehen mussten wie verlotterte Vogelscheuchen.

(Seite 77)

Ein Opfer des Sensationsjournalismus?
Eva Herman inszeniert sich in ihrem Buch als unschuldiges Opfer eines Komplotts, dass dazu dienen sollte sie mundtot zu machen:

Um zu verhindern, dass meine Thesen in der breiten Öffentlichkeit bekannt wurden, wollte man mich anscheinend zuvor lieber mit der Nazikeule erschlagen.

So wurde sie nach eigenem Empfinden, mit einer „durch den Linksfeminismus erprobten Vernichtungsstrategie“ (Seite 38) „bösartig hingerichtet“ (Seite 114).
Zur Erinnerung: Herman befand sich vor allem durch ein Zitat auf der Presse-Konferenz zu einer Buchveröffentlichung und durch Äußerungen während eines Talkshow-Auftritts bei Johannes B. Kerner in der Kritik. Im ersten Fall wurde ihr ein Zitat als NS-Verherrlichung oder doch mindestens NS-Verharmlosung ausgelegt und ihr wurde daraufhin ihre Stelle beim NDR gekündigt. Tatsächlich könnte es so gewesen sein, dass sie im ersten Fall falsch verstanden wurde und in diesem Fall daher auch einer falschen Kritik ausgesetzt war. Nach der Lektüre der Transkription von Hermans Rede entsteht jedenfalls der Eindruck, dass Herman offenbar aus falschen Annahmen heraus als Moderatorin gestürzt wurde. Dabei existierten für dieses Absägen trotzdem allerhand gute Gründe. Der Sensationsjournalismus hatte aus den falschen Gründen die Richtige erwischt. Im offiziellen Antinazi-Deutschland, dass mit Schröders „Aufstand der Anständigen“ ausgerufen wurde, ist offenbar nur der reinrassige Nazi es wert ihn zu bekämpfen, der Sozialdarwinist Sarrazin schon weniger und die mörderische Flüchtlingspolitik Deutschlands fast gar nicht.
Nazi-Mutterkreuz
Ist Eva Herman also eine „Eva Braun“? Nein, nach allem was man über sie weiß nicht. Aber sie ist eine reaktionäre Antifeministin, die sich die verstaubte und knochenkonservative Adenauer-Zeit zurückwünscht und eine strikte Rollentrennung von Mann und Frau herbeisehnt. Derartige „back to the past“-Ausflüge würden sich massiv negativ für Frauen und Mädchen auswirken. Dafür sollte Herman vor allem kritisiert werden. Dafür das sie Gender-Mainstreaming als „menschheitsvernichtenden Wahnsinn“ (Seite 78) bezeichnet und behauptet:

Gender Mainstreaming ist das größte und gefährlichste Umerziehungsprogramm der Menschheit.

(Seite 46)
Auch ihre antilinke Einstellung, sie sich z.B. gegen die 68er richtet, verdient Kritik. Auch wenn diese sich stellenweise einfach nur lächerlich ausnimmt. So führt Herman das Ende des realsozialistischen Staatskapitalismus auf die (angebliche) Gleichstellung der Frau zurück:

Die Gleichstellung der Frau, die zum Grundgerüst von Sozialismus und Kommunismus gehört, hat in den zurückliegenden Jahrzehnten zahlreiche Gesellschaften an den Rand des Zusammenbruchs geführt.

(Seite 54)

Kreuzzug gegen die Kinderkrippe
Herman führt einen Kreuzzug gegen Kinderkrippen. Sie behauptet unter Bezugnahme auf eine angeblich ernst zu nehmende „Bindungsforschung“, es ständen „Gewaltbereitschaft, Kriminalität und Drogenkonsum in unmittelbaren Zusammenhang […] mit fehlender Mutterbindung“ (Seite 20-21), die durch das Kinderkrippen-System verursacht würden. Dadurch verursachen Krippen nach Herman u.a. „Depressionen, Kriminalität oder politisch radikalen Einstellungen“ (Seite 87) und die „komasaufende Jugendgeneration“ (Seite 204). Deswegen sei es die Pflicht der Mütter ihre Kinder zu Hause zu betreuen. Nur an einer Stelle nennt Herman die Person, die im deutschsprachigen Raum dieses „Mutterglück“ daheim so stark propagiert, nämlich Christa Meves:

Die betagte und erfahrene Kinderpsychotherapeutin Christa Meves, die mir als leuchtendes Vorbild in Sachen Durchhaltekraft dient […].

(Seite 160)

Flucht ins Religiöse
Bei Herman fällt der Leserin oder dem Leser immer wieder die Flucht ins Religiöse auf. Obwohl angeblich alles mit Fakten unterfüttert ist, so ist die religiöse Überzeugung Hermans letztlich ihr Motiv:

Unser Schöpfer hat sich schon etwas dabei gedacht, als er der Mutter durch Hormonausschüttungen bedingte zärtliche Versorgungsmechanismen sowie die wunderbare Einrichtung der Muttermilch verlieh, um den kleinen Kindern ein stabiles Urvertrauen sowie körperliche und seelische Gesundheit mit auf den Lebensweg geben zu können.

(Seite 56)
Nicht nur Gott, auch der Teufel treibt sich nach Herman in der Welt herum:

Wieder sehe ich müde, erschöpfte, hetzende arme Seelen, manche scheinen vom Teufel getrieben zu sein. Ja, viele von ihn hat er sicher und fest im Griff. Hohnlachend sitzt er ihnen auf den Schultern und treibt sie durch diese Welt, ihre Seelen verführend, Geld und Ansehen hinterherjagend.

(Seite 83)
Eine Stelle liest sich so, als wäre sie direkt aus einem Scientology-Programm entnommen:

Seht das Licht! Die Sonne, den Himmel, die Sterne. Jeder Baum ist klüger als ihr, der Fluss führt Weisheit mit sich, und der Wind kennt die Melodie der Liebe und der Ewigkeit. Das ist die Sprache der Schöpfung.

(Seite 85)
Wer sowas verquastet Irrationales schreibt, die oder den kann man schlecht ernst nehmen. Herman ist einfach nur meschugge und mit dem Kopp-Verlag hat sie einen Verlag gefunden, der perfekt zu ihr passt. Das muss wohl eine Liebesheirat gewesen sein.

Eva Herman: Die Wahrheit und ihr Preis, Rottenburg 2010.

Buchkritik: Der Sammelband „Braune Karrieren: Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus“

Da Dresden durch den nationalen bis nazionalen Bombenopfermythos ein Kulminationspunkt geschichtsrevisionistischer Diskurse darstellte und zum Teil auch immer noch darstellt, ist ein ernsthaftes Buch zum Nationalsozialismus in Dresden immer willkommenes Antidot (Gegengift). Dazu ist auch der in diesem Jahr erschienene Sammelband „Braune Karrieren: Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus“, herausgegeben von Christine Pieper, Mike Schmeitzner und Gerhard Naser, zu zählen. Zur Motivation des Buches heißt es im Vorwort:
D

resden war – mit Blick auf den 13. Februar 1945 – keineswegs nur eine »Stadt der Opfer«, wie dies über Jahrzehnte hinweg gern kolportiert worden ist; sie war auch eine bedeutende Gauhauptstadt im »Dritten Reich«, in der viel zu viele braune Akteure ihre »Arbeit« verrichteten. Diesem weitem Personenkreis und deren »Arbeit« nachzuspüren, ist das Grundanliegen dieses Buches.

(Seite 10)
Obwohl es in der DDR keine generelle Tabuisierung der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus gab, betritt der Band als Täterbuch für eine ganze Stadt doch Neuland. Dabei arbeiteten die Autor_innen mit einem erweiterten Täter-Begriff:

Der vorliegende Band, der […] eine ostdeutsche Großstadt mit ihren landesspezifischen Verflechtungen thematisiert, differenziert verstärkt zwischen einem Täterbegriff im eher juristischen Sinne und einem Akteursbegriff, der auf Personen abzielt, die zur Stabilisierung und Dynamisierung des Systems beigetragen haben.

(Seite 16)
Insgesamt sind in dem Band 50 biografische Skizzen von NS-Tätern, erstellt von 33 Autor_innen in 42 Beiträge versammelt.
Braune Krrieren in Dresden
Natürlich ist eine Täter-Skizze dem Provinzfürsten Martin Mutschmann gewidmet, der gerne als „Sachsenführer“ auftrat und im Volksmund auf Grund seines, selbst für einen NS-Gauleiter noch besonders, autoritären Stils auch „König Mu“ genannt wurde. Der Leser bzw. die Leserin erfährt so u.a. das Mutschmann auch ein persönlicher Freund des fränkischen „Stürmer“-Herausgebers Streicher war.

Neben biografischen Details über die Skizzierten im engeren Sinne, erfährt man auch allerhand über die „Gau-Hauptstadt“ Dresden als solche. Beispielsweise das bis 1945 30% aller Zigaretten in Deutschland in Dresden hergestellt wurden. Im Jahr 1929 wurde extra für die SA eine eigene Zigaretten-Marke mit dem Namen „Sturm“ gegründet. Arthur Dressler handelte mit der SA einen Deal aus, wonach diese für 1.000 verkaufte Zigaretten 15 bis 20 Pfennig erhalten. Die SA stellte im Gegenzug den Konsum anderer Zigaretten unter Strafe. So wurden hunderttausende Reichsmark in die SA-Kassen gespült.

Nicht alle im Buch Versammelten sind Nazi-Urgesteine. Es gibt auch so genannte „März-Gefallene“, also Personen die nach der Machtübernahme im März 1933 in die NSDAP eingetreten sind. Außergewöhnlich ist auch die Biografie von Arthur Kunze, einem höherrangigen sächsischen SPD-Funktionär, der als Angehöriger des rechten SPD-Flügels immer wieder in Konflikt mit der linken Basis geriet. Kunze floh 1933 in die benachbarte CSSR, stellte sich aber Anfang 1934 selbst als eine Art Aussteiger. Er liefert viele ehemalige Genoss_innen ans Messer und durfte nach einem kurzen und privilegierten Zuchthaus-Aufenthalt wieder eine (klein-)bürgerliche Existenz in Dresden aufbauen. Er musste aber innerhalb Dresdens seinen Wohnort wechseln, weil er in seinem ehemaligen Viertel bedroht und einmal auch verprügelt wurde. Nach 1945 floh Kunze übrigens in den Westen und saß für die CSU 1952 bis 1970 im Stadtrat von Schnaittenbach.

Durch die Lektüre erfährt man auch, dass Dresden „in Anzahl und Ausmaß immer an der Spitze bei Durchführungen der Zwangssterilisierungen“ (Seite 165) lag.
Interessant ist auch, dass 47 Sonnensteiner T4-Mitarbeiter sich freiwillig am Holocaust beteiligten. Leider ist in diesem Abschnitt die Bezeichnung „Krankenmorde“ nicht durchgängig mit Anführungszeichen versehen.

Dass die nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ eine Zeit lang die sächsische Kirchenführung dominierten ist auch aus dem Buch zu erfahren. Im Jahr 1935 soll es aber insgesamt „nur“ 30.000 „Deutsche Christen“ in Sachsen gegeben haben. Als ihr Organ erschien das sächsische Monatsblatt „Christenkreuz und Hakenkreuz“. Die starke Vertretung der „Deutschen Christen“ in den oberen Reihen der sächsischen Kirchenführung schlug sich direkt in antisemitischen Erlassen nieder. Ein Kirchengesetz von 22. Februar 1939 untersagte die Aufnahme von Juden in die Landeskirche und am 17. Dezember 1941 wurden Christen jüdischer Herkunft aus der Landeskirche ausgeschlossen.

Interessant für die Analyse des Neo-Nationalsozialismus im heutigen Sachsen dürfte das Kapitel über Arthur Graefe, genannt „Der Sachsenmacher“, sein. Der Journalist Graefe war angestellt in der sächsischen Staatskanzlei und bemühte sich um „die programmatische Verbindung von Heimatstolz und Verpflichtung zur Leistungsbereitschaft für die Nation“ (Seite 250). Dazu wurde die Monatszeitschrift „Das schöne Sachsen“ herausgegeben und 1936 das „Heimatwerk Sachsen“ als „Verein zur Förderung des sächsischen Volkstums e.V.“, dass eine Heimat-Propaganda verbreitete und ein völkisches Heimat-Bild propagierte, begründet. Wer die Wahlpropaganda der sächsischen NPD betrachtet, die sehr starken Bezug auf die sächsische Regional-Identität nimmt, könnte glatt auf die Idee kommen diese sei von Graefe inspiriert worden.

Hohe Verwaltungs- und Universitäts-Beamte werden auch in dem Sammelband porträtiert. Zum Beispiel Dr. Hans Heinrich Nieland, der 1940 bis 1945 Oberbürgermeister von Dresden war und als unerfindlichen Gründen 1949 als minderbelastet bzw. 1950 sogar als entlastet eigestuft wurde. Oder Wilhelm Jost, der seit 1937 „Führer-Rektor“ der TH Dresden war und bereits 1932 öffentlicher NSDAP-Parteigänger und –Mitglied.

Interessant ist auch der Lebensweg von Wilhelm Kreis, der den 1906 erbauten Bismarckturm in Dresden entwarf. Kreis war Hitlers „Generalbaurat für die Gestaltung der deutschen Kriegerfriedhöfe“. Der Speer-Freund entwarf 1937 das „Gauforum der Stadt Dresden“, einen geplanten Versammlungsplatz für 200.000 Menschen. Die Bauarbeiten wurden 1939 begonnen und 1942 eingestellt. Die meisten von Kreis entworfenen Nazi-Prunkbauten kamen über den Entwurf nicht hinaus. Er entwarf auch ein entwarf ein Rommel- und ein Heydrich-Denkmal.
Der deutschnationale Kreis passte sich dem Regime gut an und polemisierte 1938 gegen „deutschfremde und jüdische Elemente“ in der deutschen Bauszene. Seit 1938 war er Mitglied des Reichskulturrat. Zusätzlich war er auch noch Direktor der vereinigten Dresdner Kunstakademie und der Kunstgewerbeschule und stand auf der „Gottbegnadeten-Liste“. Seit war er 1942 Gaukulturhauptstellenleiter und ab 1943 sogar Präsident der „Reichskammer der bildenden Künste“.

Ein reimetreuer und regimetreuer Poet und Literat war Will Vesper (1882-1962), der lange in Meißen ansässig war. Vesper war sächsischer Gau-Obmann im Reichsverband deutscher Schriftsteller, Herausgeber der führenden NS-Literaturzeitschrift und hielt im wahrsten Sinne des Wortes 1933 eine nationalistische und antisemitische Brandrede bei den Bücherverbrennungen in Dresden. Interessantes Detail im Buchbeitrag über Vesper ist, dass sich dieser gegen die drohende, kriegsbedingte Schließung des Bertelsmann-Verlages einsetzte, da er Autor in diesem Verlag war.

Fazit: Gelungener Sammelband
Insgesamt bekommen die Täter im Buch ein Profil und man erfährt einiges an Details über das nationalsozialistische Dresden und seine Funktionsweise, beispielsweise auch über die ständigen Konkurrenzkämpfe von NS-Funktionären untereinander.
Die generellen Probleme personenzentrierter Geschichtsschreibung bleiben natürlich erhalten. Die Fokussierung auf Einzelne und Herausragende, führt schnell zur Ignoranz der Masse und ihres Verhaltens. Das ist aber in dem Band nicht intendiert und dem wird durch die Auswahl der Porträtierten teilweise auch entgegen gearbeitet.
An Täter-Frauen wird unter den 50 Biografien nur Hitlers Schwester und Irma Loose (1915-1993), eine BDM-Untergauführerin in Dresden 1933 bis 1938, erwähnt. Eventuell wären in damals frauenspezifischen Berufen, z.B. in der Pflege und hier z.B. beim Themenkomplex „Euthanasie“ noch mehr Täterinnen zu finden gewesen.
Trotzdem: ein absolut lesenswertes Buch, nicht nur für Dresdner_innen und Fachleute.

* Christine Pieper, Mike Schmeitzner, Gerhard Naser (Hgg.): Braune Karrieren: Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus, Dresden 2012.

Buchkritik: „Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus“ von Wolfgang Kraushaar

In dem Buch „Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus“ von Wolfgang Kraushaar geht es darum, dass am 9. November 1969 Linke aus dem Umfeld der „Umherschweifenden Haschrebellen“ alias „Tupamaros Westberlin“ versuchten einen Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Westberlin zu verüben. Die Brandbombe sollte die Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung zum 31. Jahrestag „Reichskristallnacht“ zerfetzen. Die Zeitzünder versagten aber glücklicherweise. Parallel zu diesem Anschlagsversuch wurden jüdische Gedenkstätten mit Schmierereien wie „Schalom“, „El Fatah“ und „Napalm“ geschändet.

Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus

Tausche Palästina gegen Vietnam
Der antisemitische Mordanschlag sollte eine Zäsur in der außerparlamentarischen Linken einleiten. Statt Vietnam sollte nun Palästina die Projektionsflächen der Revolutionssehnsüchte westlicher Linker werden.

Dieser Wandel hatte sich bereits zuvor angedeutet. Kraushaar schreibt zur wichtigsten Institution der außerparlamentarischen Linken, dem SDS:
Die Spitze des SDS hatte nach dem Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 keine Scheu mehr, offen antiisraelisch aufzutreten und damit Kritikern die Gelegenheit zu geben, aus ihrer antizionistischen Einstellung eine kaum verdeckte antisemitische herauszulesen.

(Seite 16)

Frans M. Richters, ein ausländischer Beobachter, berichtet ebenfalls irritiert über einen im SDS anzutreffenden antizionistischen Antisemitismus; er wird von Kraushaar mit den folgenden Worten zitiert:
Als ich im Jahre 1967 beim SDS-Kongreß in Frankfurt den holländischen sozialistischen Studentenbund POLITEIA vertrat war ich sehr beunruhigt wegen der von den SDS-Leuten verwendeten Terminologie (»jüdisches Kapital«; »jüdische Kapitalisten und Imperialisten«) und habe das später in der Berichterstattung hervorgehoben.

(Seite 82)

Kein Wunder, dass am Abend des 9. Novembers 1969, also am Tatabend, es den Vortrag „Palästina – ein neues Vietnam?“ im „Republikanischen Club“ in Westberlin gab. Hier wurde dann auch das Bekennerschreiben „Schalom + Napalm“ ausgelegt. In Reaktion auf den Bombenfund distanziert sich zwar der „Republikanische Club“, macht dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde aber massive antizionistische Vorhaltungen. Am 13. November druckte das anarchistische Wochenblatt „agit 883““ das Bekenner-Flugblatt unkommentiert ab.
Das Beunruhigende bei der Lektüre von Kraushaars Buch ist, dass trotz einer gewissen Kritik an dem Anschlagsversuch die Täter/innen trotzdem gedeckt wurden und dass die Distanzierungen nicht selten nur so von antizionistischen Tiraden strotzen. Übel nahm man den Täter/innen eher, dass sie mit ihren Taten die Linke in Verruf gebracht haben und dass sie die Repression anzogen.

Die Gruppe der Täter/innen entstammt im Wesentlichen einer Gruppierung namens „Umherschweifende Haschrebellen“. Sie lernte den Waffen- und Sprengstoff-Gebrauch in den jordanischen Lagern der palästinensischen Al-Fatah, die als ihr großes Vorbild fungierte. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland war die Gruppe unter wechselnden Namen wie „Palästina-Fraktion“ mit Anschlägen aktiv, nannte sich aber vor allem „Tupamaros Westberlin“. Es gab damit bereits ein halbes Jahr vor der RAF-Gründung eine aktive linksterroristische Gruppe in der Bundesrepublik.

Wer steckt konkret dahinter?
Als mutmaßlich entscheidenden Auftraggeber benennt Kraushaar Dieter Kunzelmann und kann das auch gut in seinem Buch begründen. Unter anderem zitiert er den Mittäter Albert Fichter, den Kraushaar 2004 interviewt hat, mit den Worten:

Die Sache mit der Bombe im Jüdischen Gemeindehaus sollte eine propalästinensische Aktion sein. Dies war eine Idee von Dieter. Der Dieter Kunzelmann hat ja immer von »Saujuden« geredet und ständig gehetzt. Er ist damals wie ein klassischer Antisemit aufgetreten. […] Dieter hat die ganze Aktion geplant. Es hieß, daß sich die bekanntesten Zionisten aus ganz Europa im Jüdischen Gemeindehaus treffen würden.

(Seite 247)

Nach dem Anschlagsversuch vom 9. November 1969 planten Kunzelmann noch weitere antisemitische Anschlägen:

Kunzelmann habe darüber hinaus den Plan entwickelt, einen Anschlag auf den in der Joachimsthaler Straße in der Synagoge gelegenen Kindergarten zu verüben. Seine Gefährten habe er damit beauftragt, die Örtlichkeiten abzuchecken. Dieser habe es jedoch nach einer ersten Inspektion abgelehnt, bei einem solchen Anschlag mitzumachen. Kinder als Opfer – das sei ihm zu weit gegangen. Danach sei die ganze Geschichte abgeblasen worden.

(Seite 209)
Und wiederum Albert Fichter:

Er [Kunzelmann] und die anderen wollten, daß unsere Aktionen unbedingt weiter eskalieren sollten. Ein Denkmal für die in den Konzentrationslagern ermordeten Juden sollte mit PLO-Parolen beschmiert werden.

(Seite 250)
Kunzelmann ging es darum, den „Zionismus im eigenen Land [zu] schlagen“. Selbst als 1970 ein Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in München sieben Todesopfer und neun Verletzte forderte machte verhöhnt Kunzelmann noch die Opfer.

Kraushaar sieht zwar hier inhaltlich eine Form des Schuldabwehrantisemitismus am Werk, sieht aber durch die Tat auch eine Form von eliminatorischen Antisemitismus gegeben. Martin Jander bezeichnete die Aktion einmal treffend als „bewaffneter Schuldabwehrantisemitismus“.

Zwar wurde Kunzelmann verhaftet, aber für den Anschlagsversuch im Jüdischen Gemeindehaus nicht angeklagt und wegen weiterer Anschläge frei gesprochen, lediglich für Urkundenfälschungen wurde er verurteilt. So konnte Kunzelmann in der maoistischen KPD aktiv werden und saß später für zwei Jahre für die „Alternative Liste“ im Westberliner Abgeordnetenhaus.
Dass Kunzelmann so gut wegkam mag auch daran gelegen haben, dass die Bombe für den Anschlag von Peter Urbach, V-Mann der Berliner Behörde und Agent Provocateur im Auftrag des Innensenators, geliefert wurde. Im Hintergrund wirkte auch noch der heutige Nazi-Antisemit und damalige Links-Antizionist Horst Mahler bei der Gruppe mit, der später auch zur RAF dazu stieß.

Chris Sedlmaier
OBEN: Antizionisten mit Hang zur Gewalt gibt es immer noch, hier: Linkspartei-Mitglied Chris Sedlmair (Screenshot 2011)

Fazit: Lesenswertes Puzzlestück für bisherige Forschungs- und Aufmerksamkeits-Lücke
Wolfgang Kraushaar hat mit seinem 2005 erschienen Buch „Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus“ eine wichtige Forschungs- und Aufmerksamkeits-Lücke geschlossen. Im Buch geht er hinreichend auf die Kontexte der Geschehnisse ein und scheut sich nicht auch einmal kritisch über Polizei-Repression oder Presse-Hetze gegen die außerparlamentarischen Linken zu schreiben.
Positiv anzumerken ist, dass Kraushaar viel mir Original-Quellen und kaum mit Sekundär-Quellen gearbeitet hat.
Leider kostet es 20 Euro für knapp 300 Seiten. Also eventuell lieber in einer gut sortierten Bibliothek oder im heimischen Infoladen ausleihen.

Wolfgang Kraushaar: Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus, Hamburg 2005.