Buchkritik: „Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus“ von Wolfgang Kraushaar

In dem Buch „Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus“ von Wolfgang Kraushaar geht es darum, dass am 9. November 1969 Linke aus dem Umfeld der „Umherschweifenden Haschrebellen“ alias „Tupamaros Westberlin“ versuchten einen Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Westberlin zu verüben. Die Brandbombe sollte die Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung zum 31. Jahrestag „Reichskristallnacht“ zerfetzen. Die Zeitzünder versagten aber glücklicherweise. Parallel zu diesem Anschlagsversuch wurden jüdische Gedenkstätten mit Schmierereien wie „Schalom“, „El Fatah“ und „Napalm“ geschändet.

Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus

Tausche Palästina gegen Vietnam
Der antisemitische Mordanschlag sollte eine Zäsur in der außerparlamentarischen Linken einleiten. Statt Vietnam sollte nun Palästina die Projektionsflächen der Revolutionssehnsüchte westlicher Linker werden.

Dieser Wandel hatte sich bereits zuvor angedeutet. Kraushaar schreibt zur wichtigsten Institution der außerparlamentarischen Linken, dem SDS:
Die Spitze des SDS hatte nach dem Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 keine Scheu mehr, offen antiisraelisch aufzutreten und damit Kritikern die Gelegenheit zu geben, aus ihrer antizionistischen Einstellung eine kaum verdeckte antisemitische herauszulesen.

(Seite 16)

Frans M. Richters, ein ausländischer Beobachter, berichtet ebenfalls irritiert über einen im SDS anzutreffenden antizionistischen Antisemitismus; er wird von Kraushaar mit den folgenden Worten zitiert:
Als ich im Jahre 1967 beim SDS-Kongreß in Frankfurt den holländischen sozialistischen Studentenbund POLITEIA vertrat war ich sehr beunruhigt wegen der von den SDS-Leuten verwendeten Terminologie (»jüdisches Kapital«; »jüdische Kapitalisten und Imperialisten«) und habe das später in der Berichterstattung hervorgehoben.

(Seite 82)

Kein Wunder, dass am Abend des 9. Novembers 1969, also am Tatabend, es den Vortrag „Palästina – ein neues Vietnam?“ im „Republikanischen Club“ in Westberlin gab. Hier wurde dann auch das Bekennerschreiben „Schalom + Napalm“ ausgelegt. In Reaktion auf den Bombenfund distanziert sich zwar der „Republikanische Club“, macht dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde aber massive antizionistische Vorhaltungen. Am 13. November druckte das anarchistische Wochenblatt „agit 883““ das Bekenner-Flugblatt unkommentiert ab.
Das Beunruhigende bei der Lektüre von Kraushaars Buch ist, dass trotz einer gewissen Kritik an dem Anschlagsversuch die Täter/innen trotzdem gedeckt wurden und dass die Distanzierungen nicht selten nur so von antizionistischen Tiraden strotzen. Übel nahm man den Täter/innen eher, dass sie mit ihren Taten die Linke in Verruf gebracht haben und dass sie die Repression anzogen.

Die Gruppe der Täter/innen entstammt im Wesentlichen einer Gruppierung namens „Umherschweifende Haschrebellen“. Sie lernte den Waffen- und Sprengstoff-Gebrauch in den jordanischen Lagern der palästinensischen Al-Fatah, die als ihr großes Vorbild fungierte. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland war die Gruppe unter wechselnden Namen wie „Palästina-Fraktion“ mit Anschlägen aktiv, nannte sich aber vor allem „Tupamaros Westberlin“. Es gab damit bereits ein halbes Jahr vor der RAF-Gründung eine aktive linksterroristische Gruppe in der Bundesrepublik.

Wer steckt konkret dahinter?
Als mutmaßlich entscheidenden Auftraggeber benennt Kraushaar Dieter Kunzelmann und kann das auch gut in seinem Buch begründen. Unter anderem zitiert er den Mittäter Albert Fichter, den Kraushaar 2004 interviewt hat, mit den Worten:

Die Sache mit der Bombe im Jüdischen Gemeindehaus sollte eine propalästinensische Aktion sein. Dies war eine Idee von Dieter. Der Dieter Kunzelmann hat ja immer von »Saujuden« geredet und ständig gehetzt. Er ist damals wie ein klassischer Antisemit aufgetreten. […] Dieter hat die ganze Aktion geplant. Es hieß, daß sich die bekanntesten Zionisten aus ganz Europa im Jüdischen Gemeindehaus treffen würden.

(Seite 247)

Nach dem Anschlagsversuch vom 9. November 1969 planten Kunzelmann noch weitere antisemitische Anschlägen:

Kunzelmann habe darüber hinaus den Plan entwickelt, einen Anschlag auf den in der Joachimsthaler Straße in der Synagoge gelegenen Kindergarten zu verüben. Seine Gefährten habe er damit beauftragt, die Örtlichkeiten abzuchecken. Dieser habe es jedoch nach einer ersten Inspektion abgelehnt, bei einem solchen Anschlag mitzumachen. Kinder als Opfer – das sei ihm zu weit gegangen. Danach sei die ganze Geschichte abgeblasen worden.

(Seite 209)
Und wiederum Albert Fichter:

Er [Kunzelmann] und die anderen wollten, daß unsere Aktionen unbedingt weiter eskalieren sollten. Ein Denkmal für die in den Konzentrationslagern ermordeten Juden sollte mit PLO-Parolen beschmiert werden.

(Seite 250)
Kunzelmann ging es darum, den „Zionismus im eigenen Land [zu] schlagen“. Selbst als 1970 ein Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in München sieben Todesopfer und neun Verletzte forderte machte verhöhnt Kunzelmann noch die Opfer.

Kraushaar sieht zwar hier inhaltlich eine Form des Schuldabwehrantisemitismus am Werk, sieht aber durch die Tat auch eine Form von eliminatorischen Antisemitismus gegeben. Martin Jander bezeichnete die Aktion einmal treffend als „bewaffneter Schuldabwehrantisemitismus“.

Zwar wurde Kunzelmann verhaftet, aber für den Anschlagsversuch im Jüdischen Gemeindehaus nicht angeklagt und wegen weiterer Anschläge frei gesprochen, lediglich für Urkundenfälschungen wurde er verurteilt. So konnte Kunzelmann in der maoistischen KPD aktiv werden und saß später für zwei Jahre für die „Alternative Liste“ im Westberliner Abgeordnetenhaus.
Dass Kunzelmann so gut wegkam mag auch daran gelegen haben, dass die Bombe für den Anschlag von Peter Urbach, V-Mann der Berliner Behörde und Agent Provocateur im Auftrag des Innensenators, geliefert wurde. Im Hintergrund wirkte auch noch der heutige Nazi-Antisemit und damalige Links-Antizionist Horst Mahler bei der Gruppe mit, der später auch zur RAF dazu stieß.

Chris Sedlmaier
OBEN: Antizionisten mit Hang zur Gewalt gibt es immer noch, hier: Linkspartei-Mitglied Chris Sedlmair (Screenshot 2011)

Fazit: Lesenswertes Puzzlestück für bisherige Forschungs- und Aufmerksamkeits-Lücke
Wolfgang Kraushaar hat mit seinem 2005 erschienen Buch „Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus“ eine wichtige Forschungs- und Aufmerksamkeits-Lücke geschlossen. Im Buch geht er hinreichend auf die Kontexte der Geschehnisse ein und scheut sich nicht auch einmal kritisch über Polizei-Repression oder Presse-Hetze gegen die außerparlamentarischen Linken zu schreiben.
Positiv anzumerken ist, dass Kraushaar viel mir Original-Quellen und kaum mit Sekundär-Quellen gearbeitet hat.
Leider kostet es 20 Euro für knapp 300 Seiten. Also eventuell lieber in einer gut sortierten Bibliothek oder im heimischen Infoladen ausleihen.

Wolfgang Kraushaar: Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus, Hamburg 2005.