Buchkritik: Der Sammelband „Braune Karrieren: Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus“

Da Dresden durch den nationalen bis nazionalen Bombenopfermythos ein Kulminationspunkt geschichtsrevisionistischer Diskurse darstellte und zum Teil auch immer noch darstellt, ist ein ernsthaftes Buch zum Nationalsozialismus in Dresden immer willkommenes Antidot (Gegengift). Dazu ist auch der in diesem Jahr erschienene Sammelband „Braune Karrieren: Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus“, herausgegeben von Christine Pieper, Mike Schmeitzner und Gerhard Naser, zu zählen. Zur Motivation des Buches heißt es im Vorwort:
D

resden war – mit Blick auf den 13. Februar 1945 – keineswegs nur eine »Stadt der Opfer«, wie dies über Jahrzehnte hinweg gern kolportiert worden ist; sie war auch eine bedeutende Gauhauptstadt im »Dritten Reich«, in der viel zu viele braune Akteure ihre »Arbeit« verrichteten. Diesem weitem Personenkreis und deren »Arbeit« nachzuspüren, ist das Grundanliegen dieses Buches.

(Seite 10)
Obwohl es in der DDR keine generelle Tabuisierung der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus gab, betritt der Band als Täterbuch für eine ganze Stadt doch Neuland. Dabei arbeiteten die Autor_innen mit einem erweiterten Täter-Begriff:

Der vorliegende Band, der […] eine ostdeutsche Großstadt mit ihren landesspezifischen Verflechtungen thematisiert, differenziert verstärkt zwischen einem Täterbegriff im eher juristischen Sinne und einem Akteursbegriff, der auf Personen abzielt, die zur Stabilisierung und Dynamisierung des Systems beigetragen haben.

(Seite 16)
Insgesamt sind in dem Band 50 biografische Skizzen von NS-Tätern, erstellt von 33 Autor_innen in 42 Beiträge versammelt.
Braune Krrieren in Dresden
Natürlich ist eine Täter-Skizze dem Provinzfürsten Martin Mutschmann gewidmet, der gerne als „Sachsenführer“ auftrat und im Volksmund auf Grund seines, selbst für einen NS-Gauleiter noch besonders, autoritären Stils auch „König Mu“ genannt wurde. Der Leser bzw. die Leserin erfährt so u.a. das Mutschmann auch ein persönlicher Freund des fränkischen „Stürmer“-Herausgebers Streicher war.

Neben biografischen Details über die Skizzierten im engeren Sinne, erfährt man auch allerhand über die „Gau-Hauptstadt“ Dresden als solche. Beispielsweise das bis 1945 30% aller Zigaretten in Deutschland in Dresden hergestellt wurden. Im Jahr 1929 wurde extra für die SA eine eigene Zigaretten-Marke mit dem Namen „Sturm“ gegründet. Arthur Dressler handelte mit der SA einen Deal aus, wonach diese für 1.000 verkaufte Zigaretten 15 bis 20 Pfennig erhalten. Die SA stellte im Gegenzug den Konsum anderer Zigaretten unter Strafe. So wurden hunderttausende Reichsmark in die SA-Kassen gespült.

Nicht alle im Buch Versammelten sind Nazi-Urgesteine. Es gibt auch so genannte „März-Gefallene“, also Personen die nach der Machtübernahme im März 1933 in die NSDAP eingetreten sind. Außergewöhnlich ist auch die Biografie von Arthur Kunze, einem höherrangigen sächsischen SPD-Funktionär, der als Angehöriger des rechten SPD-Flügels immer wieder in Konflikt mit der linken Basis geriet. Kunze floh 1933 in die benachbarte CSSR, stellte sich aber Anfang 1934 selbst als eine Art Aussteiger. Er liefert viele ehemalige Genoss_innen ans Messer und durfte nach einem kurzen und privilegierten Zuchthaus-Aufenthalt wieder eine (klein-)bürgerliche Existenz in Dresden aufbauen. Er musste aber innerhalb Dresdens seinen Wohnort wechseln, weil er in seinem ehemaligen Viertel bedroht und einmal auch verprügelt wurde. Nach 1945 floh Kunze übrigens in den Westen und saß für die CSU 1952 bis 1970 im Stadtrat von Schnaittenbach.

Durch die Lektüre erfährt man auch, dass Dresden „in Anzahl und Ausmaß immer an der Spitze bei Durchführungen der Zwangssterilisierungen“ (Seite 165) lag.
Interessant ist auch, dass 47 Sonnensteiner T4-Mitarbeiter sich freiwillig am Holocaust beteiligten. Leider ist in diesem Abschnitt die Bezeichnung „Krankenmorde“ nicht durchgängig mit Anführungszeichen versehen.

Dass die nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ eine Zeit lang die sächsische Kirchenführung dominierten ist auch aus dem Buch zu erfahren. Im Jahr 1935 soll es aber insgesamt „nur“ 30.000 „Deutsche Christen“ in Sachsen gegeben haben. Als ihr Organ erschien das sächsische Monatsblatt „Christenkreuz und Hakenkreuz“. Die starke Vertretung der „Deutschen Christen“ in den oberen Reihen der sächsischen Kirchenführung schlug sich direkt in antisemitischen Erlassen nieder. Ein Kirchengesetz von 22. Februar 1939 untersagte die Aufnahme von Juden in die Landeskirche und am 17. Dezember 1941 wurden Christen jüdischer Herkunft aus der Landeskirche ausgeschlossen.

Interessant für die Analyse des Neo-Nationalsozialismus im heutigen Sachsen dürfte das Kapitel über Arthur Graefe, genannt „Der Sachsenmacher“, sein. Der Journalist Graefe war angestellt in der sächsischen Staatskanzlei und bemühte sich um „die programmatische Verbindung von Heimatstolz und Verpflichtung zur Leistungsbereitschaft für die Nation“ (Seite 250). Dazu wurde die Monatszeitschrift „Das schöne Sachsen“ herausgegeben und 1936 das „Heimatwerk Sachsen“ als „Verein zur Förderung des sächsischen Volkstums e.V.“, dass eine Heimat-Propaganda verbreitete und ein völkisches Heimat-Bild propagierte, begründet. Wer die Wahlpropaganda der sächsischen NPD betrachtet, die sehr starken Bezug auf die sächsische Regional-Identität nimmt, könnte glatt auf die Idee kommen diese sei von Graefe inspiriert worden.

Hohe Verwaltungs- und Universitäts-Beamte werden auch in dem Sammelband porträtiert. Zum Beispiel Dr. Hans Heinrich Nieland, der 1940 bis 1945 Oberbürgermeister von Dresden war und als unerfindlichen Gründen 1949 als minderbelastet bzw. 1950 sogar als entlastet eigestuft wurde. Oder Wilhelm Jost, der seit 1937 „Führer-Rektor“ der TH Dresden war und bereits 1932 öffentlicher NSDAP-Parteigänger und –Mitglied.

Interessant ist auch der Lebensweg von Wilhelm Kreis, der den 1906 erbauten Bismarckturm in Dresden entwarf. Kreis war Hitlers „Generalbaurat für die Gestaltung der deutschen Kriegerfriedhöfe“. Der Speer-Freund entwarf 1937 das „Gauforum der Stadt Dresden“, einen geplanten Versammlungsplatz für 200.000 Menschen. Die Bauarbeiten wurden 1939 begonnen und 1942 eingestellt. Die meisten von Kreis entworfenen Nazi-Prunkbauten kamen über den Entwurf nicht hinaus. Er entwarf auch ein entwarf ein Rommel- und ein Heydrich-Denkmal.
Der deutschnationale Kreis passte sich dem Regime gut an und polemisierte 1938 gegen „deutschfremde und jüdische Elemente“ in der deutschen Bauszene. Seit 1938 war er Mitglied des Reichskulturrat. Zusätzlich war er auch noch Direktor der vereinigten Dresdner Kunstakademie und der Kunstgewerbeschule und stand auf der „Gottbegnadeten-Liste“. Seit war er 1942 Gaukulturhauptstellenleiter und ab 1943 sogar Präsident der „Reichskammer der bildenden Künste“.

Ein reimetreuer und regimetreuer Poet und Literat war Will Vesper (1882-1962), der lange in Meißen ansässig war. Vesper war sächsischer Gau-Obmann im Reichsverband deutscher Schriftsteller, Herausgeber der führenden NS-Literaturzeitschrift und hielt im wahrsten Sinne des Wortes 1933 eine nationalistische und antisemitische Brandrede bei den Bücherverbrennungen in Dresden. Interessantes Detail im Buchbeitrag über Vesper ist, dass sich dieser gegen die drohende, kriegsbedingte Schließung des Bertelsmann-Verlages einsetzte, da er Autor in diesem Verlag war.

Fazit: Gelungener Sammelband
Insgesamt bekommen die Täter im Buch ein Profil und man erfährt einiges an Details über das nationalsozialistische Dresden und seine Funktionsweise, beispielsweise auch über die ständigen Konkurrenzkämpfe von NS-Funktionären untereinander.
Die generellen Probleme personenzentrierter Geschichtsschreibung bleiben natürlich erhalten. Die Fokussierung auf Einzelne und Herausragende, führt schnell zur Ignoranz der Masse und ihres Verhaltens. Das ist aber in dem Band nicht intendiert und dem wird durch die Auswahl der Porträtierten teilweise auch entgegen gearbeitet.
An Täter-Frauen wird unter den 50 Biografien nur Hitlers Schwester und Irma Loose (1915-1993), eine BDM-Untergauführerin in Dresden 1933 bis 1938, erwähnt. Eventuell wären in damals frauenspezifischen Berufen, z.B. in der Pflege und hier z.B. beim Themenkomplex „Euthanasie“ noch mehr Täterinnen zu finden gewesen.
Trotzdem: ein absolut lesenswertes Buch, nicht nur für Dresdner_innen und Fachleute.

* Christine Pieper, Mike Schmeitzner, Gerhard Naser (Hgg.): Braune Karrieren: Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus, Dresden 2012.