Preußens Glanz und Gloria – Mythos Friedrich der Große

Friedrich der Große - Sockel
Der „Friedrich der Große“ wäre dieses Jahr 300 Jahre alt geworden. Da war allerhand Glorifizierung des „Alten Fritz“ und Preußen-Sympathie zu hören und zu lesen. Teile des Establishments, aber auch der extremen Rechten brachten ihre Liebeserklärungen in diese Richtung vor.
Diese „Vorkämpfer einer Verpreußung“ versuchen Friedrich den Großen für ihre Angelegenheiten nutzbar zu machen. Besonders oft ist dabei die Rede von „preußischen Werten“. Meist sind damit Sekundärtugenden wie Fleiß, Ordnung, Sauberkeit, Disziplin gemeint. Das sind nicht nur altertümliche Werte, sie können auch an bestimmte Zwecke gebunden werden, die gefährlich bis schlecht sind. Disziplin als Wert für sich in einer Verbrecher-Armee wie der Wehrmacht ist nichts Gutes. So sind die von Konservativen hoch gelobten „preußischen Tugenden“ nicht nur altbacken, sondern auch höchst gefährlich.
Die Brauchbarmachung von Preußen und seinen Protagonisten durch die Nazis, etwa in dem Film „Fridericus Rex“ von 1936, ist daher kein Missbrauch, sondern eine Möglichkeit „preußische Tugenden“ zu interpretieren.
Nicht nur die Nazis, sogar die realsozialistische DDR versuchte sich Preußens Erbe zu bemächtigen. In den 1980er Jahren schrieb der DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker einen Brief an das damalige Oberhaupt des Hauses Hohenzollern, Prinz Louis Ferdinand, mit der Anrede „Kaiserliche Hoheit“. Honecker bat darum, den Sarg König Friedrichs II. von der Burg Hohenzollern nach Potsdam zu überführen, was jedoch abgelehnt wurde. Gegen ihr Ende hin, wurde die DDR immer mehr zu einem „roten Preußen“. Im Jahr 1980 kehrte sogar das Standbild von „Friedrich dem Großen“ nach Berlin Unter die Linden zurück. Im „Arbeiter- und Bauern-Staat“ ignorierte man also, wer die Bäuerinnen und Bauern über Jahrhunderte beherrscht und ausgepresst hat. Auch der aufgeklärte Absolutismus eines Friedrichs des Großen bleibt ein Absolutismus. Schon seltsam. Es sind die Nachfahren der Unterdrückten, die plötzlich für den Unterdrücker ihrer Vorfahren schwärmen.

In der extremen Rechten wurde Preußen und Friedrich der Große vor ein paar Jahren vor allem von der rechtspopulistischen Pro-Bewegung in Berlin wiederentdeckt. Dabei ist für die Pro-Bewegung mit ihrem Hauptfeindbild Islam gerade Friedrich der Große eher nicht so gut nutzbar. Der Monarch war nämlich, mit Ausnahme der Jüdinnen und Juden, vergleichsweise tolerant gegenüber den verschiedenen Konfessionen und Religionen.

„Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, die sich bekennen, ehrliche Leute sind und wenn Türken kamen und hier im Lande wohnen, dann würden wir ihnen Moscheen bauen.“
Friedrich der Große

Neben der Pro-Bewegung versuchte auch die so genannte „Neue Rechte“ sich aus gegebenem Anlass an diesem Thema. Der neurechte thinktank „Institut für Staatspolitik“ (IfS) widmete sein „20. Berliner Kolleg“ am 21. Januar 2012 Friedrich dem Großen „zum 300. Geburtstag“. Die dabei gehaltenen Vorträge widmeten sich den Themen „Kann ein König heute Vorbild sein? Friedrich als gerechter Herrscher im Sinne Platons“, „Zwischen Prinz Eugen und Napoleon. Friedrich als Feldherr“, „»Nachruhm ist die wahre Unsterblichkeit der Seele«. Der Mythos von Friedrich dem Großen“ und „»Größe ist, was wir nicht sind«. Friedrich als großes Individuum“.

Friedrich der Große ziert auch das Cover des „Taschenkalender des Nationalen Widerstandes“ für 2012, der im NPD-eigenen „Deutsche Stimme“-Verlag erscheint und die Nazi-Klamottenmarke „Ansgar Aryan“ brachte ihn als Tshirt-Motiv heraus:

„LIMITED EDITION
ANSGAR ARYAN gedenkt einem weiteren Helden der deutschen Geschichte!
Disziplin, Standhaftigkeit und Vaterlandstreue waren seine Werte.
Zum 300jährigen Jubiläum erinnern wir auf diese Weise an „Friedrich den Großen“ – König von Preußen.“

Ansgar Aryan Tishirt zu Friedrich der Große

Das braune Magazin „Deutsche Geschichte“ widmete ihm sogar ein ganzes Sonderheft. Sonderheft. Das Geschichtsmagazin „Deutsche Geschichte“ (DG) erscheint zweimonatlich (Auflage: 5-10.000). Es kommt aus dem extrem rechten Druffel- und Vowickel-Verlag von Gert Sudholt und ist auch gegenwartspolitisch orientiert. Das liegt auch daran, dass das rechtsextreme Magazin „Opposition“ 2002 mit „Deutsche Geschichte“ zusammengelegt wurde. In den alten DG-Ausgaben schrieben noch Gestalten des historischen Faschismus mit. Auch der Verlag in dem DG erscheint wurde von einem Altnazi gegründet. Helmut Sündermann, ehemals stellvertretender Reichspressechef, gründete 1952 den Druffel-Verlag und 1972 übernahm ihn sein Schwiegersohn Gert Sudholt.
Sonderheft Deutsche Geschichte zu Friedrich der Große

Interessant ist auch, was der Berufsschlesier Rudi Pawelka in einer Presseinformation der „Landsmannschaft Schlesien“ von 2012 schreibt:

„Auch wenn Friedrich II. Widersprüchlichkeiten vorgehalten werden können, bleibt er eine überragende Gestalt der deutschen Geschichte. Er war Reformer aus eigenem Antrieb. Er war Machtpolitiker in einer Zeit, in der Krieg für alle noch ein Mittel der Politik war. Unter seiner Regentschaft wuchs das preußische Staatsgebiet von 120 000 auf 200 000 qkm, die Bevölkerung gar von 2,5 Mio. auf 5,5 Mio. Für Franzosen gilt Napoleon noch immer als bedeutende Person ihrer Geschichte, auf die man stolz ist, obwohl er weite Teile Europas verwüstete. Auch den Deutschen stünde es gut an, sich nicht von einem Großen der Geschichte zu distanzieren.“

Durch Friedrich den Großen zu mehr Nationalstolz heißt also das Credo. Kritiker_innen des deutschen Nationalismus sollten diese Versuche, den deutschen Nationalismus durch Projektion und Bezug auf Preußen zu rehabilitieren, im Auge behalten und sich ihm bei Gelegenheit auch entgegen stellen.
Stern-Sonderausgabe zu Preußen