Buchkritik „Der ewige Antisemit“ von Henryk M. Broder

Bereits im Jahr 1985 verfasste Henryk M. Broder das Werk „Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls“. Inzwischen ist das Werk ein Klassiker. In ihm zählt der Autor tausenderlei Beispiele für Antisemitismus und Antizionismus auf.
Broder, der sich heute selbst auch manchmal mit der Abendlandsretter-Fraktion wie Stefan Herre von PI-News hinter den Kulissen einlässt, schrieb selber vor 25 Jahren noch:

„Der Antisemitismus gehört zur abendländischen Kultur wie der Glaube an den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, er ist Teil und Erbe der christlichen Tradition […].“ (Seite 56)

Broder analysiert in seinem Buch Antisemitismus als Leidenschaft und erklärt einer Rationalisierung, weil nicht hilfreich, eine Absage. Er betont die Ventilfunktion von Antisemitismus und Antizionismus.

Antisemitismus ist laut Broder auch deswegen so erfolgreich, weil sich für jede_n etwas findet:

„Linke Antisemiten, die ihren Marx gelesen haben, können Juden nicht leiden, weil sie Kapitalisten, Ausbeuter und Unternehmer sind. Rechte Antisemiten, die sich auf Dühring, Stoecker oder Marr berufen, hassen Juden, weil sie Revolutionäre, Sozialisten und Skeptiker sind, Träger des zersetzenden Geistes, eine Gefahr für das Abendland, die Moral und das freie Unternehmertum. Gläubige Menschen mögen Juden nicht, weil viele Juden Ketzer und überzeugte Atheisten sind. Freigeister nehmen es den Juden übel, dass sie immer noch an ihrem alten Glauben festhalten. Feministinnen, die keine Zeile von Thomas von Aquin oder Franz von Assisi gelesen haben, sind über die notorische Frauenfeindlichkeit des Judentums voll im Bilde. Tierschützer und Vegetarier regen sich über das koschere Schächten der tiere auf. Internationalisten machen Juden zum Vorwurf, dass sie einen eigenen Staat gegründet haben, und Nationalisten bemängeln, dass noch nicht alle Juden geschlossen hingezogen sind. So sucht sich ein jeder aus, was ihm grad passt, um seine Leidenschaft zu befriedigen. Egal, worum es geht: Der Jud‘ ist schuld!“ (Seite 60-61)

Für Broder ist Antizionismus fast immer auch Antisemitismus. Nach der Lektüre der von Broder geschilderten Beispiele versteht man irgendwie, warum er nicht immer mit einer Lupe nach einer Unterscheidungslinie sucht. Israelhass bzw. Israel“kritik“ als Obzession scheint fast immer auch ein antisemitisches Element zu enthalten. Aus der „Judensau“ von früher wurde das „Zionistenschwein“ von heute.
Da Israel in der Sprache und Vorstellung seiner Feinde ein „faschistischer Staat“ ist, findet, wie Broder richtig vermerkt, eine „Entnazifizierung der Nazis zu Lasten der Zionisten“ statt.
Der wichtige Unterschied zwischen Israel“kritik“ und Israelkritik ist nicht so sehr in den Fakten zu suchen, als mehr in deren Präsentation und Wertung:

„Der ganz normale Antisemitismus besteht nicht darin, dass Juden gejagt, geprügelt und umgebracht werden. Seine banale Alltagsversion zeichnet sich dadurch aus, dass Juden per se mehr zugemutet wird als anderen und dass sie sich weniger herausnehmen dürfen als andere.“ (Seite 175-176)

„Israels Existenzrecht ist nicht so selbstverständlich wie das von Dänemark, Italien oder Gambia, es ist nicht mal, wie bei Südafrika, an die Herstellung bestimmter Konditionen gebunden, es ist schlicht ein Recht auf Widerruf.“ (Seite 315)

Broder geht auch ausgiebig auf die Formen von Antisemitismus nach 1945 ein. Nun gibt es nicht nur einen Antisemitismus ohne Juden, sondern auch einen Antisemitismus ohne Antisemiten. Denn war die Eigenbezeichnung als „Antisemit“ früher normal, so will nach Auschwitz niemand mehr so genannt werden.

Man muss Broder für das Betonen von einigen Basisbanalitäten dankbar sein. Etwa wenn er schreibt:

„Der Antisemitismus ist das Problem der Antisemiten.“ Auch, dass er betont, es gibt „keinen platonischen Antisemitismus“ ist wichtig. Latenter Antisemitismus droht immer zu einem aktiven zu werden. „[…], das antisemitische Potenzial lauert wie ein Exhibitionist hinter einem Busch, um von Zeit zu Zeit hervorzutreten und sich ein Blöße zu geben.“ (Seite 67)

Auch wenn Broder heutzutage nicht immer genießbar ist, so ist sein Buch „Der ewige Antisemit“ unbedingt zur Lektüre zu empfehlen. Dieses Buch sollten aber nicht die Antizionist_innen und Antisemit_innen zwecks Bekehrung lesen, sondern ihre Gegner_innen, um mehr gute Argumente parat zu haben.

* Henryk M. Broder: Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls, Leck, 2. Auflage 2006.