Führung in der ehemaligen Stasi-Untersuchungsanstalt Berlin-Hohenschönhausen

Als libertärer Linker hat man es mit der rational ablehnenden Position zum Realsozialismus nicht immer ganz leicht. Da bewegt mensch sich zwischen rechten Antikommunist_innen und linken Autoritäts-Gläubigen. Die einen schelten einen bei der geringsten Kritik am Staatssozialismus als Antikommunisten, die Anderen nennen einen Stalinisten, wenn man sich weigert vom „roten Holocaust“ oder dergleichen zu sprechen.

In Berlin kann man an Führungen in der ehemaligen Stasi-Untersuchungsanstalt Hohenschönhausen teilnehmen. Diese Gedenkstätte wird von Hubertus Knabe geleitet. Hubertus Knabe (* 1959) wird von Wolfgang Wippermann als „Großinquisitor“ bezeichnet. Knabe war 1992 bis 1999 Mitarbeiter der Gauck-Behörde. In einem von ihm verfassten Buch versucht er den 8. Mai als Tag der Befreiung in Frage zu stellen.
Buch von Hubertus Knabe
Nach einer Filmvorführung fängt die eigentliche Führung in der ehemaligen Stasi-Untersuchungsanstalt an. Der Führer bzw. die Führerin ist nicht selten ein ehemaliger Häftling. Das macht eine inhaltliche Kritik natürlich schwer, denn es handelt sich um Menschen die Repression erfahren haben und deren Leiden man ernst nehmen muss.
Die Führung fängt im Hof an. Man erfährt, dass das Gebäude früher eine Fabrik war. Interessant wäre es zu wissen, ob hier im Nationalsozialismus auch Zwangsarbeiter_innen eingesetzt gewesen sind. Darüber erfährt man aber nichts.
Die Geschichte setzt mit der sowjetischen Besatzung ein, die hier auch schon ein Gefängnis unterhielt. Die/der Besucher_in erfährt, dass die Sowjets 20.000 Personen hier (?) gefangen hielten, von denen 900 starben. Dass diese Menschen im Zuge der Entnazifizierung inhaftiert wurden, erfährt man nur am Rande. Dabei ist das ja nicht ganz unwichtig. Die Mehrheit der von den Sowjets Inhaftierten waren nämlich Personen mit einer braunen Vergangenheit. Natürlich gerieten auch allerhand Unschuldige und Nicht-Nazis in Gefangenschaft. Auch wurden kleine Nazis und Mitläufer_innen teilweise unverhältnismäßig hart bestraft und die Prozesse genügten nicht unbedingt rechtsstaatlichen Standarts. Aber es waren eben nicht nur Unschuldige, sondern auch viele Schuldige. In der Ausstellung der Gedenkstätte wird beispielsweise die Biografie des 1953 erschossenen Walter Linse präsentiert. Im Jahr 2007 musste die „Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus“ erst durch öffentliche Proteste daran gehindert werden, einen Stiftungspreis nach dem NSDAP-Mitglied und Beauftragten für die „Arisierung“ jüdischer Unternehmen bei der Industrie- und Handelskammer zu benennen.
Gedenkstein Hohenschönhausen
Ab 1949 war das Gebäude dann eine Stasi-Untersuchungsanstalt. Deren Geschichte nimmt den Großteil der Führung ein. In den folgenden 90 Minuten wird einem unbescholtenen Mittelschichts-Publikum vor allem einmal ein relativ normales Gefängnis und seine Realität präsentiert. Da das Publikum mit dieser Seite der Realität meist nicht wirklich vertraut ist kommt es zu schreckensgeweitete Augen, offene Münder, erschrockene Gesichter. Die meisten der geschilderten Verhältnisse scheinen nicht besonders spezifisch zu sein, sondern gehören schlicht zum Gefängnis-Alltag und den damit verbundenen Hierarchien zwischen Wärtern und Häftlingen, die fast automatisch in Schikanen münden.
Natürlich, die Häftlinge waren aus politischen Motiven inhaftiert. Das ist ein Unterschied zu anderen Häftlingen. Aber legitimiert das die Verhältnisse, in denen „normale“ Gefangene eingesperrt werden? Nach Meinung der Führer in Hohenschönhausen teilweise schon. Mit „richtigen Verbrechern“ dürfe man so umgehen. Sowieso sei die DDR ein „großes Gefängnis“ gewesen, in der man die „Opposition liquidiert“ hätte.
Solche Vereinfachungen, Übertreibungen und gefährliche (sprachliche) Annäherungen an den Nationalsozialismus wie in Hohenschönhausen werden der historischen Realität nicht gerecht. Die Stasi war eben nicht die Gestapo, sondern nur ein repressiver Geheimdienst unter vielen anderen. Hohenschönhausen war eben nicht ein KZ, sondern ein politisches Gefängnis wie viele andere. Bei der Stasi und ihrer Untersuchungsanstalt in Hohenschönhausen kommt man statt mit relativierenden NS-Vergleichen mit einer allgemeinen Geheimdienst- und Knastkritik weiter. So wird man auch den unschuldigen und linken Opfern der Repression in der DDR wie Walter Janka oder Anatol Held gerecht.
* Walter Janka (1914-1994) war im NS ein kommunistischer Widerstandskämpfer, der in Spanien kämpfte, 1941 ins Exil ging und in der DDR stellvertretender Geschäftsführer des Aufbau-Verlages wurde. Am 6. Dezember 1956 wurde Walter Janka unter Anklage der konterrevolutionären Verschwörung verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen gebracht. Nach über einem halben Jahr Untersuchungshaft wurde Janka am 26. Juli 1957 „als unmittelbarer Hintermann und Teilnehmer einer konterrevolutionären Gruppe“ wegen Boykotthetze zu fünf Jahren Zuchthaus mit verschärfter Einzelhaft verurteilt. Ende 1960 wurde er auf Grund internationaler Proteste vorzeitig aus der Haft entlassen.
* Im Dezember 1968 wurde der damals 29-jährige Ost-Berliner Kinderarzt Anatol Held verhaftet. Aufgrund der Denunziation eines westdeutschen Stasi-Spitzels flog er bei dem Versuch auf, in Prag an bundesrepublikanische Pässe zu gelangen, die ihm, seiner Frau und dem gemeinsamen fünfjährigen Sohn die Flucht in den Westen ermöglichen sollten. Stattdessen wird er für zwei Jahre ins Gefängnis gesperrt. In Berlin-Hohenschönhausen wird Held, der der Mitgliedschaft im israelischen Geheimdienst Mossad bezichtigt wird, dem für Spione gebildeten „Kommando X“ zugeteilt. Nach der Haftentlassung 1970 nimmt er seine Tätigkeit als Kinderarzt wieder auf. Fünf Jahre später wird er „freigekauft“ und siedelt nach West-Berlin über.