Buchkritik „Männer-WG mit Trinkzwang“ von Karsten Hohage

Studentenverbindungen sind unzweifelhaft umstritten und das nicht erst seitdem bekannt geworden ist, dass die „Deutsche Burschenschaft“ intern über die Einführung einer Art „Arierparagraphen“ diskutierte.
Da ist es interessant mal ein Buch zu lesen, in dem ein Verbindungsstudent über das Innenleben einer Studentenverbindung berichtet. Denn Studentenverbindungen sind eine ganz eigene und für Außenstehende nur schwer verständliche und einsehbare Welt für sich. Insofern ist der Titel des autobiografisch geprägten und nach Eigenbekunden nur leicht verfremdeten Lebensabschnitt-Berichts von Karsten Hohage aus Heidelberg, Jahrgang 1968, irreführend. Nach der Lektüre ist der Leserin bzw. dem Leser klar, dass eine Studentenverbindung eben mehr ist als eine „Männer-WG mit Trinkzwang“, wie der Buchtitel ankündigt.
Männer-WG mit Trinkzwang
Die nicht unparteiische, sondern teilnehmende Perspektive kündigt der Autor ehrlicherweise gleich am Anfang an:

Es geht mir nicht darum, den bösen, ekligen, verwerflichen Anteil von Verbindungen in den Vordergrund zu stellen. Ich hoffe vielmehr, einen Mittelweg zu finden, der nicht allzu weich zeichnet, nicht allzu hoch lobt und nur ein bisschen lächerlich macht. Eines ist dieses Buch mit Sicherheit nicht: unvoreingenommen […].

(Seite 13)

Die Wohnungsnot an seinem Studienort führte Hohage zu den „Mützenstudenten“, wie er Verbindungsstudenten nennt. Er ist zwar familiär etwas vorbelastet – sein Opa ist ein so genannter „Alter Herr“ (Verbindungsmitglied nach dem Studium) – aber eigentlich ist der Autor unwissend. So kommt er im Jahr 1989 auf das Haus einer Sängerschaft, also einer Studentenverbindung mit musikalischem Schwerpunkt. Wie der Autor anmerkt ist eine Sängerschaft eine Verbindung, die bereits vor und nicht erst nach dem Trinken singt. Neben dem billigen Wohnraum ist offenbar besonders das Freibier eine Einstiegsdroge für ihn. Nach einiger Zeit auf dem Haus entschließt sich der Autor zu bleiben bzw. „das Band aufzunehmen“, wie es im Verbindungsjargon heißt. Da die Sängerschaft des Autors nur fakultativ (freiwillig) schlagend (fechtend) ist, spielt vor allem Alkohol eine überaus große Rolle.

Eine Kneipe ist meistens erst in den frühen Morgenstunden endgültig vorbei und hinterlässt in der Regel bei allen Teilnehmern mittelschwere Frontalhirnschäden.

(Seite 82)
So eine „Kneipe“ ist bei Korporierten ein ritualisiertes Trinkritual. Es geht nicht um entspanntes Genuss-Trinken, sondern Trinken auf Kommando. Besonders als „Fux“. Als „Fux“ werden die Neumitglieder bezeichnet, die in der Hierarchie ganz unten stehen. Der Autor berichtet, dass sich „Füxe“ in früheren Tagen sogar die Erlaubnis für einen Gang zur Toilette holen mussten. Auch heute sind „Füxe“ normalerweise stark an die Anweisungen ihres „Leibbursches“ (Quasi-Vorgesetzer) gebunden. Wer so etwas freiwillig mitmacht, muss schon über eine gewisse Knechtseele verfügen.

Verbindungen sind sehr abgeschlossene Lebenswelten, die ihre Mitglieder häufig isolieren. Das wird klar, wenn der Autor schreibt:

Am Abend […] waren wir zur Abwechslung draußen in der Welt unterwegs.

(Seite 162)
Die Isolation funktioniert u.a. durch den elitären Habitus, die eigene „kryptische Geheimsprache“ und den hohen Zeitaufwand. Hohage schreibt von fast jedem Wochenende und zwei Wochenabenden Minimum, die er an Zeit erübrigen muss.

Blinder Fleck Sexismus
Immer wieder fällt in dem Buch der blinde Fleck Sexismus auf. Fast jede Studentenverbindung ist ein Männerbund, der Frauen erst einmal weitgehend ausschließt. Der Autor gibt das auch gleich am Anfang zu:

Ja, Verbindungen sind ein Anarchronismus. Ja, sie produzieren gleichermaßen verschrobene wie erquickende Männergemeinschaften.

(Seite 12)
Später schreibt er, man habe nichts gegen Frauen, trotzdem „wollen wir sie auf Dauer nicht im Haus haben.“ (Seite 96)
Auch die Berichte über die Sauftouren der Männergemeinschaft lassen immer wieder eine enthemmte Männlichkeit durchschimmern. Beispielsweise wenn ein Mit-Korporierter besoffen seinen Penis in der Hand hält und schreit das wäre, was alle Frauen begehrten.
Dass die Freundin des Autors sich durch das Verbindungsleben, von dem sie an den meisten Stellen ausgeschlossen ist, stark vernachlässig fühlt und deswegen mit ihm Schluss macht, ist ein Schritt zu dem man ihr nur recht herzlich gratulieren kann.

Der rechte Rand wird toleriert
Der Autor bezeichnet einen Burschenschafter an seinem Ort als „kleiner nationalistischer Giftzwerg […], der laut über das Fechten und leise über das »nächste Reich« zu reden pflegte“ (Seite 182). Offenbar haben solche Einstellungen ihn aber nicht von der Zusammenarbeit mit diesem „Giftzwerg“ beim Fechten abgehalten.
Der Vorwurf des Nationalismus trifft im korporierten Milieu auch nicht nur die Deutsche Burschenschaft. Das illustriert auch der Bericht des Autors über einen Besuch bei einer großdeutsch gestimmten Sängerschaft in Österreich 1990.
Hier wird man mit der Existenz von mündlich tradierten Zusatzstrophen konfrontiert, die nirgendwo verzeichnet sind. So singen die Österreicher in so einer Nachstrophe:

Ich spreng den Mast in Südtirol,
Den Bahnhof von Trient,
Mein Rucksack ist mit Sprengstoff voll,
An dem die Lunte brennt,
Von Bozen bis Trient,
Und darum hat Italien Angst,
Vor Deutsch-Deutsch-Südtirol.

(Seite 240)
Der Autor empört sich zwar im Buch über solche deutschnationale Töne bei seinen Sängerschafts-Brüdern aus Österreich, die er als „großdeutsches Gequake“ kritisiert, doch nahm er sie damals erst einmal schweigend hin.
Noch abgefahrener wird es als ein Mitglied seiner eigenen Sängerschaft mit kaum weniger rechten Liedgut antwortet:

Ein letztes Heil, dir Kaiser Franz,
Wenn ich zur Hölle geh,
Und in dem letzten Augenblick
Mein heiliges Deutschland seh.
Ein vivat crescat floreat
Dem Reich und seinem Thron,
Es lebe bis in Ewigkeit
Die deutsche Reaktion!

(Seite 241)

Fazit: Eine ganzheitliche Kritik an Korporationen bleibt berechtigt!
Hinterfragt wird in dem Buch das Leben in einer Studentenverbindung nicht. Doch kritische Geister werden trotzdem allerhand Kritikwürdiges entdecken. Für Studentenverbindungen gilt ganz nämlich besonders; hier ist das (scheinbar) Private politisch. Das Buch hat also durchaus auch für Verbindungskritiker_innen interessante Informationen zu bieten.
Ansonsten ist das Buch durchaus unterhaltsam geschrieben. Es ähnelt den Insiderberichten von Rockern oder Hooligans. Lustig ist es zum Beispiel zu lesen wie der Autor in einer linken Studi-Kneipe ein Burschenschafter-Lied („Germanias Klingen“) anstimmt und dafür Ärger bekommt.
An einer Stelle irrt Hohage übrigens, wenn er schreibt, dass es in der DDR 1989 auch gar keine Studentenverbindung hätte geben können (Seite 27). Zu dieser Zeit gab es in der DDR bereits wieder Studentenverbindungen, die in einer nationalistischen Wende durchaus auch vom Regime toleriert wurden.


1 Antwort auf “Buchkritik „Männer-WG mit Trinkzwang“ von Karsten Hohage”


  1. 1 Splitter 14. Januar 2013 um 21:02 Uhr

    Hallo,

    Ich habe auf meinem Blog eine Rezension zu Hohages Interview im Magazin „Spiesser“ verfasst: splitter.blogsport.de

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.