Archiv für August 2012

Unrecht im Zeichen des großen Pandabären

Das Buch „Schwarzbuch WWF. Dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda“ von Wilfried Huismann sorgte bei seinem Erscheinen 2012 für einige Schlagzeilen. Auf Antrag vom WWF wurde das Buch gestoppt und nach einem Prozess erschien die zweite Ausgabe mit Schwärzungen auf knapp zwei Seiten.

WWF-Schwarzbuch

Der WWF hat 5 Millionen Mitglieder, wovon 5.000 hauptamtliche Mitarbeiter_innen sind, und verfügt über 500 Millionen Euro Spendengelder jährlich. Dieses Jahresaufkommen an Spenden sichert manchem Ehrenamtlichen ein enormes Gehalt. So erhält der WWF-Geschäftsführer in den USA 505.000 Dollar Jahresgehalt.

Die „World Wildlife Foundation“ (WWF) wurde 1961 von adeligen Großwildjägern und Naturschützern gegründet und darf durchaus als (post-)koloniales Relikt gesehen werden:

Am 11. September 1961 wurde der World Wildlife Fund als eine der letzten Zuckungen des Empire gegründet, mit Sitz in Gland am Genfer See.

(Seite 90)
Mit dabei war von Anfang an ein Prinzen-Duo: Prinz Philip, der Mann der britischen Königin Elisabeth II. und Prinz Bernhard der Niederlande, der u.a. für Schlagzeilen sorgte als raus kam, dass er 1 Million „Provision“ von dem Rüstungskonzern „Lockheed“ erhalten hatte.

Wie andere NGOs ist der WWF undemokratisch verfasst. Doch beim WWF nimmt das noch ganz andere Ausmaße an. Der WWF-Elitezirkel „Club der 1001“ nimmt maßgeblichen Einfluss auf die internationale WWF-Führung, weil er die Gehälter des WWF-Sekretariats bezahlt. Der „Club der 1001“ wurde 1971 gegründet. Seine Mitgliedschaft wird angetragen und kostet 25.000 Dollar. Die Mitglieder sind in der Öffentlichkeit nicht bekannt, aber ältere bekannt gewordene Mitglieder-Listen verzeichnen solche illustren Mitglieder wie: Charles de Chambrun (Führungsmitglied des „Front National“), Manuel Fraga-Iribama (Gründer der rechten Allianza Popular“ in Spanien), diverse Vertreter des Apartheidregimes oder Mobutu Sesse Seko (Diktator von Zaire).

„Weltmacht WWF“
Der Autor Huismann schreibt über das „grüne Empire“ des WWF und die „Weltmacht WWF“. Denn der WWF ist keine NGO im Kampf für den Planeten und seine Tiere, sondern eher eine Art gut funktionierender Konzern, der eine Art Bioimperialismus betreibt bzw. unterstützt.
Der WWF ist insofern selbst ein Konzern, als er selbst ein Produkt verkauft: Ansehen bzw. Renomee.
Das führt zum „greenwashing“, also dem Ausstellen grüner Persilscheine in Form von „Öko“-Zertifikaten an Konzerne: „Überall auf der Welt kaufen Agrar- und Energieriesen Land auf. Der WWF verleiht diesem Beutezug einen zivilisatorischen Anstrich. Vor allem dazu sind die Runden Tische gut: Sie verteilen kaum mehr als Persilscheine für die »nachhaltige und sozial verträgliche« Produktion strategischer Rohstoffe: Zucker, Holz, Biotreibstoff, Fisch, Fleisch, Mais, Soja, Palmöl. Das Zertifizierungsgeschäft blüht – und der WWF lebt nicht schlecht damit.“ (Seite 229)
In diesem Geschäft ist der WWF sicher nicht der einzige Akteur, aber der WWF ist am nachsichtigsten, unkritischsten und gewissenloseste, was seine Kooperationspartner angeht. So ist der WWF als einzige NGO Mitglied im Lobbyverband „Food & Agriculture Trade Policy Council“, der für grüne Gentechnik trommelt. Ebenfalls ist der WWF als einzige Naturschutzorganisation Mitglied in „Friends of Europe“, einem Lobbyverband für Gensoja-Kraftstoff.
So kommt es zu einer „Paarung von Panda und Profit“ (Seite 51). Der WWF verkauft sein Renomee, denn er gilt als vertrauenswürdige Marke. Seine Partner sind dabei Konzerne wie Shell, Palmöl-Konzerne, Fischfabriken, Weltbank, Bank HSBC oder Monsanto. Bei diesen toleriert der WWF die „Sünden seiner Partner an Mensch und Natur“ (Seite 168). Es findet ein „ökologischer Ablasshandel im Zeichen des Panda“ (Seite 171) statt. Dafür erhält der WWF Spenden und inhaltslose Versprechungen. Die Bewertung der Rolle des WWF fällt bei Huismann eindeutig aus:

Die Prinzipienerklärung des WWF macht einen guten Eindruck auf Konferenzen. Aber sie ist nicht viel mehr als ein Papiertiger, die Wirklichkeit ist hier.

(Seite 41)
Huismann zitiert den Aktivisten MacChapin mit den Worten:

Das ist so, als glaubte der Schwanz, er wedle mit dem Hund. Solche Unternehmen sind wie Haie, die sich alles nehmen, was sie haben wollen, und der WWF ist eine Art Putzerfisch. Er hat kaum Einfluss auf den Kurs des Raubfisches, meist schwimmt er einfach nur mit.

(Seite 225)
Interessant ist, dass es auch einen personeller Austausch zwischen Industrie und WWF stattfindet. So dass aus WWF-Funktionär_innen teilweise später kapitalistische Funktionär_inne werden.

Der WWF und seine Bündnispartner vor Ort
Die Auswirkungen der Politik des WWF und seiner Bündnispartner vor Ort sind verheerend. Es kommt durch die Einrichtung von Naturschutz-Gebieten auf Betreiben des WWF zu Naturschutzflüchtlingen.
Allgemein gibt es beim WWF eine kolonial geprägte Ignoranz der einheimischen Bevölkerung und ihrer Belange. Einheimische werden in der Regel nicht gefragt oder informiert. Teilweise kommt es zu einem regelrechten Terror gegen die Zivilbevölkerung.

Huismann berichtet zuerst aus Südasien vom Tigerrummel, den der WWF dort veranstaltet. Das ist insofern auch ironisch, weil die (adeligen) Gründer des WWF Tiger zuerst geschossen haben und sich dann für ihren Schutz engagierten. Für diesen Schutz bzw. Tiger-Schutzgebiete wurden in Indien eine Million Menschen vertrieben. Besonders die Adivasi-Minderheiten, also die indigene Bevölkerung Indiens, war davon betroffen. Huismann zitiert den indischen Naturschützer Ullash Kumar mit den Worten:

Der WWF verfolgt sein elitäres Naturschutzmodell aber nach wie vor. Das Wesen der Naturvölker ist ihm wohl eher fremd geblieben.

(Seite 36)
Anstelle der Adivasi kommt der „Öko-Tourismus“ und es gibt teilweise Tigerparks ohne Tiger. Trotzdem werden die Tigerprojekte des WWF von Leonardo DiCaprio als „Tigerbotschafter“ beworben.

In Chile sorgt der WWF-Partner „Marine Harvest“, ein Lachskonzern, für erhebliche Probleme. Die Lachszucht ist die „Massentierhaltung der Meere“. Inzwischen werden ½ des weltweiten Fischfangs zu Kraftfutter, u.a. für Lachse, verarbeitet. In Chile sind es sogar 95% in Chile, die vor allem an Vieh verfüttert werden.
„Marine Harvest“ betreibt Lachsfarmen in Südchile, die durch ihre massenhaften Fäkalien für ökologische Probleme sorgen. Um die Käfige zu reinigen etc. gibt es Lachstaucher, die eine lebensgefährliche Tätigkeit um des Profits ausüben. Seelöwen, die in die Käfige eindringen. werden übrigens erschossen.

Im Nachbarland Argentinien sorgen die Partner des WWF für Monokulturen und menschliches Leid. Der WWF sitzt am runden Tisch für Verantwortungsvolles Soja mit den beiden weltweit größten Gentechnik-Konzernen „Monsanto“ und „Synergeta“ zusammen. Diese roden in Argentinien wertvolle Flächen und legen Soja-Großplantagen an. In den Siedlungen in der Umgebung solcher Plantagen kommt es vermehrt zur Krebsbildungen durch die Gifte, die über den Soja-Feldern (Pestizide, Herbizide, Fungizide) versprüht werden.
In Argentinien funktioniert die Partnerschaft zwischen WWF und Industrie besonders gut. Kaum verwunderlich, war doch Jose Martinez de Hoz nicht nur Mitbegründer des WWF in Argentinien, sondern auch Wirtschaftsminister der argentinischen Militärdiktatur.

In Afrika nimmt die Vertreibung von Menschen für den Naturschutz ungeheure Ausmaße an. Laut Huismann wurden in Afrika 14 Millionen Menschen für den Naturschutz „umgesiedelt“. Ein Vordenker einer solchen Politik war der populäre Zoodirektor in Frankfurt, Prof. Bernhard Grimzek, der auch den WWF inspirierte. Grimzek sah die Hirtenvölker (Massai) als das eigentliche Problem in der Serengeti. In paternalistisch-kolonialer Manier meinte Grimzek: „Wir Europäer müssen unseren schwarzen Brüdern helfen, ihre eigenen Besitz schätzen zu lernen … weil wir nicht wollen, dass sie unsere Fehler und Sünden wiederholen.“ (Seite 85)
Im Resultat einer solchen Logik wurden 100.000 Massai vertrieben.
Huismann nennt die in Afrika auf Betreiben von WWF eingerichteten Naturschutzgebiete nicht zu unrechte auch „Paradiese des weißen Mannes in Afrika“ (Seite 89). Für deren Schutz ist man gewillt auch über Leichen zu gehen. Es hört sich an wie eine Filmstory ist aber wahr.
In der „Operation Lock“, finanziert aus der Privatschatulle von WWF-Funktionären, wurden 1987 Söldner von KAS Enterprises als eine Art WWF-Spezialeinheit im WWF-Auftrag gegen Elfenbein-Schwarzhandel engagiert. Nebenbei trainierten diese Söldner auch noch Pro-Apartheids-Kräfte.
Auch heute noch betreibt der WWF eine menschenfeindliche Politik in Afrika. In Uganda werden für Schutzgebiete Angehörige der Batwa vertrieben. Der WWF schützt lieber Menschenaffen statt Menschen. Doch der Naturschutz ist häufig letztlich nur Mittel zum Zweck. Es geht um die Erhaltung von Reise- und Jagd-Refugien: „Das Wild Afrikas, sein größter Reichtum, gehört wieder den weißen Großwildjägern und den westlichen Jagdreiseunternehmen.“ (Seite 123)

Der Einsatz des WWFs für Orang-Utans auf Borneo dürfte recht bekannt sein, da mit den sanft blickenden Menschenaffen von Seiten des WWF intensiv geworben wird. Unter anderem für das WWF-Projekt „Herz von Borneo“.
Für seine Projekte in Indonesien verbündet sich der WWF mit der Palmölindustrie. Diese hängt sich ein Öko-Etikette um und darf dafür abholzen und vertreiben was das Zeug hält. Dem WWF werden dafür der Erhalt von ausgesuchten Waldflächen versprochen. Jedoch sind das meist Bergwälder, die wirtschaftlich ohnehin nicht interessant ist. Die WWF-Verbündeten greifen für ihre Interessen durchaus auch mal zu härteren Mitteln. Ein Tochterunternehmen des WWF-Bündnispartners und Palmölkonzerns „Wilmar“ ließ beispielsweise von 300 Paramilitärs am 15. August 2011 auf Sumatra das Dorf Ariatu Persadu überfallen.
Neuestes Objekt der Begierde von WWF und den Konzernen ist West-Papua, die wirtschaftlich noch stark unerschlossene Inselhälfte der Insel Papua-Neuguinea, deren Bevölkerung zum Teil die Zugehörigkeit zu Indonesien stark ablehnt.

Fazit: eine unbedingte Leseempfehlung
Das Fazit des Autoren lautet:

Der WWF ist eine politische Macht geworden und zwar als Folge der Tatsache, dass die Regierungen der westlichen Länder in den 1990er-Jahren die lästige Naturschutz- und Umweltpolitik zum großen Teil an Nicht-Regierungsorganisationen abgetreten haben.

(Seite 230)
Das in einem eher lockeren Reportage-Stil verfasste Buch ist ein Produkt vorbildhafter investigativer und journalistischer Arbeit im Aufdecker-Stil.
Der etwas unreflektierte und manchmal leicht ins Romantisierende Blick auf so genannte „Naturvölker“ ist nur eine kleine Kritik. Interessiert hätte auch, inwiefern Huismann von dem früher (2011) erschienenen Buch „WWF. Die Biografie“ von Alexis Schwarzenbach, was über eine ähnlich kritische Tendenz verfügen soll, profitiert hat.
Trotzdem eine unbedingte Leseempfehlung!

Wilfried Huismann: Schwarzbuch WWF. Dunkle Geschäfte im Zeichen des Panda, Gütersloh 2. Auflage 2012

Buchkritik „Ich bin meine eigene Frau“ von Charlotte von Mahlsdorf

Ein wahrlich ungewöhnliches Leben führte der Trans*mensch Charlotte von Mahlsdorf. Das wird bei der Lektüre ihrer Autobiografie „Ich bin meine eigene Frau“ schnell klar. Das Buch führt durch die Jahrzehnte und drei verschiedene Systeme (Nationalsozialismus, DDR, BRD). Charlotte von Mahlsdorf erscheint dabei als mutige Person, die immer ihren eigenen Weg gegangen ist. Bereits als Jugendliche ermordete sie aus Verzweiflung und für ihre Mutter den brutalen Vater, der aus ihr versuchte einen „echten Mann“ zu machen.
Ich bin meine eigene Frau
Schon früh entwickelte Charlotte von Mahlsdorf nicht nur eine Trans*-Identität, sondern auch Interesse und Vorliebe für Sachen wie Möbel und andere Inneneinrichtungs-Gegenstände. Beides bestimmte ihr Leben. Charlotte von Mahlsdorf wird mit der Zeit eine anerkannte Expertin auf ihrem Gebiet, mit dem Spezialgebiet „Gründerzeit“. Sich selbst bezeichnet sie als „wandelnder Möbelkatalog“. Dieser Sachen-Fetisch, der auch in ihrem Buch immer wieder auftaucht ist vielleicht etwas irritierend für Leute, die ihn nicht teilen.

Handlungsort ist vor allem Berlin und Umgebung. Interessant ist ihre Jugend im Nationalsozialismus. Durch ihre Trans*-Identität bewegte sie sich immer außerhalb der nazifizierten Massen und eher in einem renitenten Milieu. Zu jung um Widerstand zu leisten steht sie dem Nationalsozialismus trotzdem ablehnend gegenüber. Eine Einstellung, die sie mit ihrem Umfeld teilweise teilt. Ihre lesbische Tante ist eine Nazi-Gegnerin und ihre erste Liebe ist ein jüdischer Junge, der deportiert und ermordet wurde. Aus ihrem Anderssein resultiert ihr Einstehen für andere Mitglieder angefeindeter Randgruppen:

Meine Liebe und Zärtlichkeit werden immer all jene teilhaftig werden, die sich zu wehren haben gegen eine feindliche Umwelt, die wie ich Außenseiter sind. Immer werde ich Partei ergreifen – für die Huren auf der Straße mit ihren Träumen, die frühreifen Stricher, die Lesben und Schwulen, die Roma und Sinti und natürlich die Juden. Tief in mir lebt ein Gefühl für Gerechtigkeit, und, noch wichtiger, ich fühle mich diesen am Rande Stehenden wesensverwandt. Keiner sollte sich über den anderen erheben.

(Seite 36)

Irgendwann ist der Nationalsozialismus besiegt und es beginnt der Wiederaufbau. Charlotte von Mahlsdorf findet sich plötzlich in der „Sowjetischen Besatzungszone“ bzw. der DDR wieder. Sie beginnt alte Möbel etc. zu sammeln und zu retten. Daraus entsteht 1960 an ihrem Wohnort in Mahlsdorf bei Berlin ein Gründerzeitmuseum. Doch es ist nicht nur ein Museum, sondern auch ein Treffpunkt für homosexuelle Menschen. Was wiederum die Stasi auf den Plan ruft. Denn wie in der BRD ist auch in der DDR Homosexualität lange Zeit tabuisiert:

Der SED-Staat lehnte Homosexualität bis weit in die achtziger Jahre rigoros ab. Man tat so, als gäbe es uns nicht. Bars waren geschlossen oder wurden observiert, inserieren durften wir nicht – selbst zu Kaisers Zeiten war man in dieser Beziehung aufgeschlossener –, und so blieben nur die Klappen und Parks oder Privatparties, um jemanden kennenzulernen.
Feierten wir im Museum ein Fest, war die Staatssicherheit mit von der Partie.

(Seite 156)
So alarmiert ein geplantes erstes DDR-weites Lesbentreffen in Mahlsdorf im April 1978 die Stasi. Trotzdem können sich die Frauen treffen, weil sie kurzerhand den Ort wechseln.
Homosexuelles Leben ist nicht leicht in der DDR und der Zwangsdienst in der „Nationalen Volksarmee“ führt sogar zu Selbstmorden:

Wirklich schlimm erging es den weiblichen Männern, die um keinen Preis in die Armee wollten. Ich kannte einige, die, weil sie nicht mehr ein noch aus wußten, die radikalste Lösung wählten: Sie drehten den Gashahn auf.

(Seite 158)

Doch Charlotte von Mahlsdorf betont trotz allem:

Man sollte sich davor hüten, die DDR-Diktatur mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen; man kann durchaus Vergleiche ziehen – und es gibt ja auch Parallelen –, so sie der Erkenntnis dienben. Aber eines bleibt gewiß: Die fabrikmäßige Tötung von Millionen Menschen durch Deutsche während der Jahre 1933 bis 1945 bleibt eine gräßliche Einzigartigkeit, gegen die irgend etwas aufzurechnen sich von vornherein verbietet.

(Seite 165)

Das Buch liest sich kurzweilig und bildet das Leben von Charlotte von Mahlsdorf als „Dasein zwischen allen Schubladen“ ab. Eine Empfehlung für alle, die mal eine etwas ungewöhnlichere Biografie lesen wollen!

Charlotte von Mahlsdorf: Ich bin meine eigene Frau. Ein Leben, St. Gallen/Berlin/Sao Paulo zweite Auflage 1992