Buchkritik „Ich bin meine eigene Frau“ von Charlotte von Mahlsdorf

Ein wahrlich ungewöhnliches Leben führte der Trans*mensch Charlotte von Mahlsdorf. Das wird bei der Lektüre ihrer Autobiografie „Ich bin meine eigene Frau“ schnell klar. Das Buch führt durch die Jahrzehnte und drei verschiedene Systeme (Nationalsozialismus, DDR, BRD). Charlotte von Mahlsdorf erscheint dabei als mutige Person, die immer ihren eigenen Weg gegangen ist. Bereits als Jugendliche ermordete sie aus Verzweiflung und für ihre Mutter den brutalen Vater, der aus ihr versuchte einen „echten Mann“ zu machen.
Ich bin meine eigene Frau
Schon früh entwickelte Charlotte von Mahlsdorf nicht nur eine Trans*-Identität, sondern auch Interesse und Vorliebe für Sachen wie Möbel und andere Inneneinrichtungs-Gegenstände. Beides bestimmte ihr Leben. Charlotte von Mahlsdorf wird mit der Zeit eine anerkannte Expertin auf ihrem Gebiet, mit dem Spezialgebiet „Gründerzeit“. Sich selbst bezeichnet sie als „wandelnder Möbelkatalog“. Dieser Sachen-Fetisch, der auch in ihrem Buch immer wieder auftaucht ist vielleicht etwas irritierend für Leute, die ihn nicht teilen.

Handlungsort ist vor allem Berlin und Umgebung. Interessant ist ihre Jugend im Nationalsozialismus. Durch ihre Trans*-Identität bewegte sie sich immer außerhalb der nazifizierten Massen und eher in einem renitenten Milieu. Zu jung um Widerstand zu leisten steht sie dem Nationalsozialismus trotzdem ablehnend gegenüber. Eine Einstellung, die sie mit ihrem Umfeld teilweise teilt. Ihre lesbische Tante ist eine Nazi-Gegnerin und ihre erste Liebe ist ein jüdischer Junge, der deportiert und ermordet wurde. Aus ihrem Anderssein resultiert ihr Einstehen für andere Mitglieder angefeindeter Randgruppen:

Meine Liebe und Zärtlichkeit werden immer all jene teilhaftig werden, die sich zu wehren haben gegen eine feindliche Umwelt, die wie ich Außenseiter sind. Immer werde ich Partei ergreifen – für die Huren auf der Straße mit ihren Träumen, die frühreifen Stricher, die Lesben und Schwulen, die Roma und Sinti und natürlich die Juden. Tief in mir lebt ein Gefühl für Gerechtigkeit, und, noch wichtiger, ich fühle mich diesen am Rande Stehenden wesensverwandt. Keiner sollte sich über den anderen erheben.

(Seite 36)

Irgendwann ist der Nationalsozialismus besiegt und es beginnt der Wiederaufbau. Charlotte von Mahlsdorf findet sich plötzlich in der „Sowjetischen Besatzungszone“ bzw. der DDR wieder. Sie beginnt alte Möbel etc. zu sammeln und zu retten. Daraus entsteht 1960 an ihrem Wohnort in Mahlsdorf bei Berlin ein Gründerzeitmuseum. Doch es ist nicht nur ein Museum, sondern auch ein Treffpunkt für homosexuelle Menschen. Was wiederum die Stasi auf den Plan ruft. Denn wie in der BRD ist auch in der DDR Homosexualität lange Zeit tabuisiert:

Der SED-Staat lehnte Homosexualität bis weit in die achtziger Jahre rigoros ab. Man tat so, als gäbe es uns nicht. Bars waren geschlossen oder wurden observiert, inserieren durften wir nicht – selbst zu Kaisers Zeiten war man in dieser Beziehung aufgeschlossener –, und so blieben nur die Klappen und Parks oder Privatparties, um jemanden kennenzulernen.
Feierten wir im Museum ein Fest, war die Staatssicherheit mit von der Partie.

(Seite 156)
So alarmiert ein geplantes erstes DDR-weites Lesbentreffen in Mahlsdorf im April 1978 die Stasi. Trotzdem können sich die Frauen treffen, weil sie kurzerhand den Ort wechseln.
Homosexuelles Leben ist nicht leicht in der DDR und der Zwangsdienst in der „Nationalen Volksarmee“ führt sogar zu Selbstmorden:

Wirklich schlimm erging es den weiblichen Männern, die um keinen Preis in die Armee wollten. Ich kannte einige, die, weil sie nicht mehr ein noch aus wußten, die radikalste Lösung wählten: Sie drehten den Gashahn auf.

(Seite 158)

Doch Charlotte von Mahlsdorf betont trotz allem:

Man sollte sich davor hüten, die DDR-Diktatur mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen; man kann durchaus Vergleiche ziehen – und es gibt ja auch Parallelen –, so sie der Erkenntnis dienben. Aber eines bleibt gewiß: Die fabrikmäßige Tötung von Millionen Menschen durch Deutsche während der Jahre 1933 bis 1945 bleibt eine gräßliche Einzigartigkeit, gegen die irgend etwas aufzurechnen sich von vornherein verbietet.

(Seite 165)

Das Buch liest sich kurzweilig und bildet das Leben von Charlotte von Mahlsdorf als „Dasein zwischen allen Schubladen“ ab. Eine Empfehlung für alle, die mal eine etwas ungewöhnlichere Biografie lesen wollen!

Charlotte von Mahlsdorf: Ich bin meine eigene Frau. Ein Leben, St. Gallen/Berlin/Sao Paulo zweite Auflage 1992