Archiv für Oktober 2012

Schul-Vorstand von kritisierter evangelischer Schule in München ist rechtsklerikaler Verleger

In der „Süddeutschen Zeitung erschien“ am 19. Oktober 2012 der Artikel „Wenn der Lehrer mit dem Teufel droht“, der über eine evangelische Privatschule Lukas-Schule mit fundamentalistischen Zügen berichtet. Unter anderem steht dort offenbar auch Kreationismus auf dem dem Lehrplan. Dem versucht Ingo Resch, Mitglied des Vorstands der Lukas-Schule, zu widersprechen.
Das grenzt an Realsatire, denn Ingo Resch ist Leiter des rechtsklerikalen Resch-Verlag in Bayern. Dieser schaltete in Vergangenheit Anzeigen in rechten Blättern wie der „Deutschen Militärzeitschrift“, dem neurechten Strategieblatt „Sezession“ (Ausgabe V – April 2004), dem Magazin „Criticon“ oder in der ultrarechten Wochenzeitung „Jungen Freiheit“ (z.B. JF 22/2011).
Resch gilt als christlicher Anti-Darwinist [1], auch einen Aufruf zugunsten des rechtskonservativen Ex-CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann unterzeichnete [2] und der neurechten Wochenpostille „Junge Freiheit“ 2000 als Fragebogen-Interviewpartner zur Verfügung stand [3].
Eigentlich ist der Resch-Verlag ein Fachverlag für Bau- und Maschinentechnik. Aber hier wird auch der stramme Rechtsaußen-Autor Löw verlegt, sein Werk bei Resch trägt den Titel: „Die Schuld – Christen und Juden im Urteil des Nationalsozialismus und der Gegenwart“. In diesem Buch weist Löw den Vorwurf, die katholische Kirche und katholische Christen trügen Mitverantwortung für die NS-Verbrechen zurück. Wider alle geschichtlichen Tatsachen spricht Löw davon, dass es ab 1933 eine „Juden- und Christenverfolgung“ gegeben hätte [4] und parallelisiert dadurch wahrheitswidrig den Umgang der Nazis mit Christen und Juden. Der Antisemitismus in der Weimarer Republik wird von Löw sogar noch als angebliche Reaktion auf die „[…] die enorme Beteiligung von Juden an den von der Bevölkerungsmehrheit verhassten Revolutionen in Russland, in Bayern, in Ungarn.“[5] gerechtfertigt. Der Rezensent Thomas Foster vom Erzbischöflichen Ordinariat München fasst in seiner Rezension zu Löws Werk abschließend zusammen: „Sein Buch ist der – allerdings ohne große Mühen durchschaubare – Versuch, Wissenschaft als Medium der Politik zu missbrauchen und hinter den Masken eines aufrechten Katholiken und integeren Wissenschaftlers revisionistische Geschichtspolitik zu betreiben.“ [6]
Ebenfalls werden bei Resch Werke von Roland Baader verlegt. Dieser war Redaktions-Beirat und Autor der nationalliberalen Zeitschrift „eigentümlich frei“. Baader publizierte zusammen mit anderen rechten Gesinnungsgenossen auch schon im extrem rechten Tübinger Hohenrain-Verlag („Europa ja – aber was wird aus Deutschland?“) [7].

[1] Ingo Resch: Die Verbindung zu Jesus macht zum Christen. Serie „Warum ich Christ bin“(8): Ingo Resch, Verleger in München, in: Sonntagsblatt Bayern, http://www.sonntagsblatt-bayern.de/archiv01/37/woche3.htm
[2] Raimund Hethey: Das antisemitische Coming-Out der Hohmänner“, in: Der Rechte Rand Nr. 86, http://www.nadir.org/nadir/periodika/drr/archiv/NR86/86-2.html
[3] Junge Freiheit 35/00 – 25. August 2000, http://www.jf-archiv.de/archiv00/350yy63.htm
[4] Thomas Forstner: Rezension zu dem Buch „Die Schuld. Christen und Juden im Urteil der Nationalsozialisten und der Gegenwart“ von Konrad Löw, 23.04.2003; http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-2-047 & Antonia Leugers: Salonfähiger Antisemitismus?, Newsletter zur Geschichte und Wirkung des Holocaust · Nr. 26 · Herbst 2004, Rezensionen; http://www.fritz-bauer-institut.de/rezensionen/nl26/leugers.htm
[5] Nach: Thomas Forstner: Rezension zu dem Buch „Die Schuld. Christen und Juden im Urteil der Nationalsozialisten und der Gegenwart“ von Konrad Löw, 23.04.2003, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-2-047
[6] Nach: Thomas Forstner: Rezension zu dem Buch „Die Schuld. Christen und Juden im Urteil der Nationalsozialisten und der Gegenwart“ von Konrad Löw, 23.04.2003, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-2-047
[7] Hma: Ein echtes Vorbild, in: Antifaschistische Nachrichten Nr. 09/2006, http://www.antifaschistische-nachrichten.de/2006/09/1vorbild.shtml

Buchkritik „ Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere“ von Günter Wallraff

Er ist inzwischen so etwas wie eine Institution: Günter Wallraff. Verzweifelte wenden sich an ihn, wenn die Behörden und Medien nicht reagieren. Und Wallraff tut tatsächlich etwas. Bekannt ist er für seinen investigativen Journalismus. Mit diesem macht er seine Leserschaft vor allem auf den Kapitalismus mit unmenschlichen Antlitz aufmerksam. Was für die Einen Alltag ist, ist für die Anderen ein unbekannter oder ignorierter Abgrund.
Angenehm bei Wallraff ist, dass seine Reportagen für ihn nicht nur eine Story sind. Er ist auch ein sozialpolitischer Aktivist, der versucht nicht nur Opfer zu porträtieren, sondern ihnen auch konkret zu helfen. Gerade das macht Wallraff sympathisch.

Das Genre von Wallraff ist bekannt, er schreibt aufklärende Sozial-Reportagen, die meist durch investigative Recherche zustande kommt. So auch im Sammelband „Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere“, der 2012 in Neuauflage erschienen ist. Neben dem Alltagsrassismus gegen schwarze Menschen geht es in dem Buch vor allem um die frühkapitalistischen Verhältnisse, die in der Bundesrepublik wieder verstärkt auftreten:

Aber die Arbeit als Paketauslieferer im Dauerlauf und Dauerstress hat mich an meine Grenzen gebracht. Ich schäme mich fast, darüber mehr als einen Satz zu verlieren. Denn die Männer und die wenigen Frauen, die sich diesen Job antun, ertragen in den Monaten und Jahren, in denen sie durchhalten, ein Vielfaches. Dahinter verblasst meine Erschöpfung, sie wird nichtig. Denn was mir mir die Kollegen in dieser Zeit berichtet haben, welche Zerstörung an Leib und Seele diese Arbeit für sie gebracht hat – ich hatte geglaubt, so etwas gäbe es in diesem Extrem seit dem Frühkapitalismus nicht mehr, dann auf anderen Kontinenten, die wir »Dritte Welt« nennen.

(Seite 18)
Das Gute bei Wallraff und seinem Abtauchen in die Rolle der Porträtierten ist, dass er es am eigenen Leib erfährt. Dadurch wird in seinen Beschreibungen klar, dass Kapitalismus nicht nur ein gesellschaftliches Verhältnis ist, sondern auch eine Ideologie, die unseren Alltag bis hinein in das Denken kolonialisiert. Man betreibt nicht nur massiven „Raubbau am Körper“, sondern wird auch von der Arbeit im Privaten verfolgt, sie frisst sich ein bis in die Träume. Das wird bei Wallraffs Reportage über die Paket-Bringdienste besonders ersichtlich. Weswegen die meisten Kollegen und Kolleginnen auch keine funktionierende Beziehung mehr haben. In dieser Branche ist auch ist auch das Phänomen der „working poor“ weit verbreitet.

Das sich Wallraff als schwarzer Mensch ausgibt, tut er, um den modernisierten Rassismus zu entlarven:

Das soll wohl die moderne Variante des Rassismus sein: »Ich hab ja nicht gegen die. Aber bitte woanders. Die passen nicht hierher.« Der altbackene Rassismus spricht dem Fremden ganz generell die Menschenwürde und das Existenzrecht ab, und ganz handgreiflich dann, wenn der Fremde sich ins Hoheitsgebiet des Weißen wagt. Der moderne Rassist behandelt den Fremden anders. Er erkennt dessen Menschenwürde und Existenzrecht abstrakt an, solange er auf Distanz bleibt. Aber im eigenen Dunstkreis wird der Fremde immer noch unwürdig behandelt. Der Unterschied ist durchaus nicht nur theoretischer, sondern auch handgreiflicher Natur – das habe ich später noch erleben müssen –, wenn auch, wie ich zugeben muss, die Übergänge fließend sind.

(Seite 53)
Dieser neualte Rassismus wird besonders spürbar, wenn man ihn am eigenem Leib erfährt.

„Sie haben gewonnen“ – undercocer im Callcenter
Auch seine Recherche in Callcentern ist sehr aufschlussreich. Hier müssen Menschen tagein, tagaus anderen Menschen unnütze Dinge am Telefon andrehen. Um überhaupt über die dafür notwendigen Nummern zu verfügen, wird ein schwunghafter Datenhandel betrieben. Persönliche Daten von Millionen Menschen werden im Paket verkauft.
Der Betrug per Telefon ist vielfältig. Das geht vom Lotterielos bis zum Putzmittel. Nicht ohne Witz ist es, als Wallraff als Callcenter-Verkäufer für Lotto-Abos am Telefon auf einen Statistiker stößt, der ihm erklärt die Chance vom Blitz erschlagen zu werden sei 45 Mal höher als sechs Richtige im Lotto zu haben. Dieser Telefonterror wurde übrigens auch von der „Süddeutschen Klassenlotterie“ praktiziert, für die Jauch als Werbeträger auftritt. Aber auch UNICEF soll derart Spender_innen akquirieren.
Die Callcenter-Mitarbeiter_innen stehen in beständiger Konkurrenz untereinander und ihr Arbeitsplatz ist häufig eher eine menschliche Legebatterie als ein Büro. Beim Callcenter der Sparkasse, „S – Direkt Marketing“, arbeiten beispielsweise 800 Beschäftigte, von denen jede_r einen Arbeitsplatz von 2,8 Quadratkilometer haben.

Kaum weniger menschenfreundlich sind die Verhältnisse in der Brötchenfabrik „Weinzheimer“, deren alleiniger Kunde „Lidl“ ist. Hier kommt es am laufenden Band zu Unfälle, vor allem Verbrennungen.
Nebenbei erfährt man in diesem Kapitel, dass fünf Discounter 70% der Lebensmittel Europas um setzen.
Wallraff jedenfalls skandalisiert die Verhältnisse in der Industriebäckerei und organisiert Protest:

Entscheidend war: Es geschah etwas. Die Kolleginnen und Kollegen konnten aufatmen. Die Bude machte weder zu – die inflationären Androhung von Westerhorstmann, wenn es Kritik und Forderungen gab –, noch versandete die öffentliche Aufregung über so viel Frühkapitalismus, Ekelbrötchen und Unrecht mitten im hochzivilisierten und demokratisch blank gewienerten Deutschland.

(Seite 219)

Interessant ist auch Wallraffs Kapitel über Anwälte als Männer – es werden tatsächlich fast nur Männer genannt – fürs Grobe gegen die betriebliche Mitbestimmung:

Und wie immer in Phasen großer gesellschaftlicher Umwälzungen gibt es einen Vorreiterbereich, in dem die Zerschlagung des bestehenden Rechtsgebäudes mit illegalen Mitteln vorangetrieben wird. Das sind Rechtsanwälte willkommen, die eine solche Klassenkampfstrategie von oben zielbewusst und skrupellos vorantreiben und mit dem Schein der Legalität versehen.

(Seite 303)
Ein besonders fieses und extrem gewerkschaftsfeindliches Exemplar nennt er zu Recht „Betriebsratkiller“.
Um den Betriebsrat auszuschalten setzen Anwälte und die Geschäftsleitung Mittel wie Kaltstellen, Vereinzelung, Mobbing und Bossing ein. Die FAZ definiert letzteres wie folgt: „Bossing heißt eine besonders belastende Variante dieses psychischen Drucks am Arbeitsplatz. Dann nämlich ist es der Chef persönlich, der den Mitarbeiter schlecht behandelt.“

Endstation Privatisierte Bahn
Bei seinem Bericht über den Innenzustand der „Deutschen Bahn“ (DB) kann Wallraff auf anonyme Informant_innen aus der Chefetage zurückgreifen. Aus deren Berichten wird klar, dass besonders unter Hartmut Mehdorn bei der DB ein extrem autoritärer Stil herrschte. Dieser Konzern-Stalinismus führte zu einem Spitzelregime gegen Privatisierungs-Kritiker_innen. Die DB-Oppositionellen mussten sich konspirativ treffen und waren einer massiven Datenspionage ausgesetzt. Als das öffentlich wurde, musste Hartmut Mehdorn bekanntlich seinen Hut nehmen. Davor organisierten er und seine Freund_innen 2009 aber noch eine umfangreiche Aktenvernichtung. Inzwischen ist Mehdorn als gut bezahlter, externer Berater zurück. An der Spitze der DB stehen heute ehemalige Getreue von ihm.

Fazit: das unbekannte Bekannte
Wallraffs Reportagen sind Zustandsbeschreibungen und enthalten kaum Analysen, die über die Kennzeichnung von Verantwortlichen als Charakterschweine hinausgehen. Die Lektüre des Buchs lohnt sich aber trotzdem. Der Autor beschreibt für die Leserschaft das unbekannte Bekannte. Eigentlich weiß man ja wie es ist, aber das es solche Ausmaße angenommen hat …
Manchmal stellt sich beim Lesen die Frage, ob Deutschland in der Krise so gut dasteht, weil hierzulande die Leute noch mehr mit sich machen lassen als anderswo. Das soll nicht den tapferen Widerstand von Betriebsräten schmälern, aber auffällig ist doch, dass viele hinnehmen zu scheinen, dass sie derart extrem ausgebeutet werden. Hierzulande existiert ja eine weitaus weniger ausgeprägte Tradition von sozialen Kämpfen als anderswo. Möglicherweise wirkt hier das verinnerlichte Modell der Konsensfindung am Arbeitsplatz.

Günter Wallraff: Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere, Köln, Neuauflage 2012

Buchkritik „Der Karren“ und „Regierung“ von B. Traven

Wer war B. Traven? Über die Frage, wer sich hinter dem Schriftsteller-Pseudonym „B. Traven“ versteckt, wurde in Vergangenheit viel spekuliert. Inzwischen vermutet man dahinter mit ziemlicher Gewissheit den Schauspieler und anarchistischen Revolutionär Ret Marut. Doch auch damit ist man erst einmal nicht viel weiter, denn auch über Marut ist nicht sonderlich viel bekannt. Marut gab das anarchistische Blättchen „Der Ziegelbrenner“ heraus, war an der Münchner Räterepublik beteiligt und flüchtete 1919 nach deren gewaltsamen Niederschlagung. In Mexiko hielt sich Ret Marut seit 1924 auf. Das passt zeitlich auch zu B. Traven. Ab Mitte der 1920er Jahre erschienen die Bücher von B. Traven, die vor allem in Mexiko spielen. Seine Werke erschienen auf Deutsch in der gewerkschaftlichen Gutenberg-Gilde in Deutschland. Zu den Büchern von Traven gehörte auch die so genannte „Mahagoni-Serie“, zu der wiederum auch die Bücher „Der Karren“ und „Regierung“ gehören. Diese spielen in Südmexiko und schildern das Schicksal der Indios an Hand von Einzelbiografien, wie z.B. die eines indianischen Wagenlenkers. Dabei nimmt Traven eindeutig Stellung für die Indios. Er beschreibt ihr hartes Leben und wer dieses Leben so hart für sie macht. Traven selbst sagte von sich einst, er schreibe „keine Märchen für Erwachsene, damit sie leichter einschlafen können, sondern […] Dokumente, nichts anderes, Dokumente, denen er, leichterer Lesbarkeit wegen, die Form von Romanen gibt“.

Ein Teil der Herrschenden über die arme Bevölkerung in Mexiko ist die katholische Kirche. Nicht ohne tiefgründigen Witz nimmt B. Traven die Rolle der Kirche bei der Unterdrückung und Ausbeutung aufs Korn:

Wer vermag eine bessere Reklame zu machen als die katholische Kirche in Mexiko, wo man so häufig vor den Geldbüchsen einen Zettel sieht mit der zugkräftigen Anzeige: Der Centavito, den du hier bezahlst, wird dir mit Gold zurückbezahlt im Himmel. Ein Bankier, der eine solche Anzeige in das Fenster seiner Bank hängen würde, wird sofort verhaftet wegen Unterschlagung von Depositengeldern. Von ihm würde der Richter verlangen, daß er unzweifelsfrei zu beweisen haben, daß die Depositen im Himmel zurückgezahlt werden und daß es einen Himmel gibt und wo er sich befindet. Die mexikanische Kirche braucht das nicht zu beweisen. Ihr glaubt man es. Und wer es nicht glaubt, lästert Gott.
Wie soll sich hier ein Indianer noch zurechtfinden.

(Seite 91)

Immer wieder bezieht sich Traven im ironischen Stil auch auf die Situation andernorts:

Auf den Schlachtfeldern Europas, wo dem Glauben der erregbaren Bürgerchen, um Ehre und Staatsbestand gekämpft wird, sind diese Geschäfte lediglich umfangreicher. Das ist der Unterschied. Und es kommt nur in sehr verunglückten Fällen dem Bürgerlein zur Kenntnis, wenn Magnaten den fremden Mächten Öl, Kohle, Unterseeboote, Kanonen, Kriegsschiffe und Panzerplatten um die Hälfte billiger verkaufen als dem eigenen und geliebten Vaterlande. Die Tat eines mexikanischen Generals sieht nur darum so schäbig aus, weil sie ehrlich ist und ganz offen betrieben wird und weil sie sich in Ziffern abwickelt, die der Bürger begreift. Erst wenn die Geschäfte mit hundert Millionen beginnen, besteht eine Möglichkeit, ja die Sicherheit, Staatsgründe vorzuschieben, um Untersuchungen und Prozesse zu vermeiden. Denn sobald es sich um Staatsgründe handelt, wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen; und weil alle Beteiligten, einschließlich der Richter des obersten Staatstribunals, alle an derselben Krippe sitzen, wird nicht aus der Schule geschwatzt. Man darf hierbei nicht vergessen, daß an allen Geschäften, bei denen die niedrigste Ziffer nicht geringer ist als hundert Millionen Dollar, Pfund oder Mark, sich nur solche Leute beteiligen können, die das Recht haben am Klingelknopf der Regierung nach Belieben drücken zu dürfen.

(Seite 279)

Auch den weltweiten Zusammenhang von Wohlstand und Elend vergisst Traven nicht zu erwähnen:

Viele Hände und Hirne müssen kräftig am Werke sein, ehe man hundert Dollars für eine Tonne Mahagoniholz einsacken kann. Und wenn niemand Mahagoniholz in den Urwäldern Amerikas hackt und keiner das gehackte Mahagoniholz die Urwaldströme hinunterschwemmt, so gibt es keine Mahagonischränke und keine Mahagonischmuckkästchen. Billiges Mahagoniholz und zugleich Schutz von unschuldigen Indianern, die zu Tausenden in den Dschungeln, dem Mahaginiholz zuliebe, hingeopfert werden müssen, kann man nicht haben. Entweder eines oder das andere.

(Seite 286)

Klassenkampf im Urwald?
Etwas ungewohnt mag der heutigen Leserschaft erscheinen, dass B. Traven immer wieder von „Proletarier“ spricht. Er verwendet diesen Begriff aber nicht im engen Sinne einer Industriearbeiterschaft, sondern als Begriff für Menschen, die gezwungen sind ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Traven selbst outet sich recht offen als Anarchist:

Indianern braucht man keinen Rat zu geben und keine Bibelsprüche einzuhämmern. Sie benötigen auch keine kommunistischen und sozialistischen Parteiprogramme.

(Seite 154)
Im Nachwort der DDR-Ausgabe von Werner Sellhorn erntet B. Traven dafür Kritik, dass er glaubt „jede Form von Staatsgewalt ablehnen zu müssen“. Sellhorn wirft ihm vor, Anarchismus zu propagieren, „der rein destruktiven Charakter trägt“ und Staatlichkeit, also auch die Diktatur des Proletariats, abzulehnen:

Durch eigenes Erleben hat er die Unterdrückung und Entwürdigung des Menschen hassen gelernt – aber er glaubte, mit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung jede Form von Staatsgewalt ablehnen zu müssen. Von seiner anarchistischen Position her forderte er schrankenlose Freiheit für den einzelnen.

(Seite 307)

Traven fehlt das tiefere Verständnis der Klassenfrage, er begreift nicht die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats als Durchgangsstadium auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft.

(Seite 309)
B. Traven hingegen meinte einmal an anderer Stelle:

Regierung ist überall gleich, ist immer Unterdrückung eines Teiles eines Volkes zugunsten eines anderen Teiles desselben Volkes. Was die Menschen brauchen, ist Organisation und Verwaltung. Was die Menschen nicht brauchen und darum beseitigen müssen, ist Regierung.

Traven weist in seinen Texten auf ursprüngliche Selbstverwaltungsstrukturen der Indios hin, die erst durch den Einfluss von außen teilweise beseitigt wurden:

Fremde Mächte, die keine andere Berührung mit diesen Menschen hier besaßen als jene kalte Annäherung, die sich auf reine politische Macht stützte, hatten sich berufen gefühlt, Sitten und Gebräuche nach eigenem Gutdünken abzuändern, um die Welt nach europäischem Muster einzurichten und ihr dadurch den Ruf zu geben, daß diese Welt den Zutritt zu jener würdevollen Institution zu versagen, die am Abend des ersten Tages ihres Bestehens bereits verkalkt und eingeblecht war.

(Seite 270)
Davon waren bzw. sind in Südmexiko noch Reste vorhanden, in Form der unabhängigen freien indianische Gemeinden und Dörfer. An einer Stelle schildert Traven, wie es das Beste für ein Dorf war, von der Regierung vergessen zu werden.

Sehr anschaulich analysiert Traven in „Der Karren“ und „Regierung“ Herrschaft, Religion, Patriarchat und Kapitalismus in Südmexiko. Beide Bücher spielen um das Jahr 1910, als 834 Finqueros (Großgrundbesitzer) in Mexiko 85% des Bodens besaßen. Viele Indios befanden sich durch gefälschte Verträge und Wucherzinsen in Schuldsklaverei der Finqueros.
Beide Bücher lesen sich auch heute noch gut. Gerade mit dem seit 1994 entstandenen Interesse an Chiapas und der dort stark vertretenen zapatistischen Bewegung lohnt sich eine Wiederentdeckung von Traven noch einmal doppelt. Man beginnt zu ahnen, warum der Zapatismus in den Gemeinden von Chiapas eine so gute Basis gefunden hat.

Dynamo Dresden: Der Fisch stinkt auch vom Kopfe her

Am 3. Oktober 2012 fand im so genannten „glücksgas-Stadion“ (ehemals Rudolf-Harbig-Stadion) in Dresden eine Vorführung des Films „Schwarz auf Weiß – Eine Reise durch Deutschland“, eine Reportage von Günter Wallraff aus dem Jahr 2009, statt. Im Anschluss gab es eine Diskussion mit Günter Wallraff, Christian Müller (Geschäftsführer SG Dynamo Dresden) und Grit Hanneforth (Geschäftsführerin Kulturbüro Sachsen), unter Moderation von Christoph Ruf (Sportjournalist).

Aus Zeitgründen wurde der Film allerdings auf 50 Minuten zusammengeschnitten. Wallraff zeigte sich schon in den einleitenden Worten zur Präsentation seines Films als sympathische Person, die Nazis einfach mal als „Faschos“ bezeichnet. Im Film gibt sich Wallraff als schwarzer Mann aus Somalia aus. Dabei stößt er auf viel rassistisch motivierte Ablehnung. In einer Szene schließt sich der schwarze Wallraff einer Senioren-Wandergruppe an. Diese Vertreter der HJ- und BdM-Generation versuchten ihn während der ganzen Wanderung loszuwerden.
Das Perfide am Rassismus heutzutage ist, dass er für die Nicht-Opfer häufig unsichtbar und nur schwer nachweisbar ist. Da ist es schon fast erfrischend ehrlich, wenn die rassistische Vermieterin offen erklärt „Das passt nicht im Haus“ und „Ganz schwarz, ganz schlimm“. So drucksen viele der deutschen Rassist_innen im Film nur herum und versuchen den schwarzen Wallraff irgendwie draußen zu halten. Da funktioniert die Entlarvung des Rassismus am besten über den Vergleich, so auch im Film. Schwarze Menschen, werden anders behandelt als weiße.
Eine Szene in Film zeigt wie der schwarze Wallraff mit einer schwarzen Statisten-Familie versucht auf einem Campingplatz einen Standplatz zu mieten. Mit einer verdeckten Kamera wird gefilmt, wie der Betreiber meint, dass seine Kundschaft gesagt habe „Wenn Zigeuner hier rein gelassen werden, dann packen wir.“
Eine andere Szene zeigt wie der schwarze Wallraff versucht ein Schrebergarten in Berlin-Marzahn zu bekommen. Dort wird die Volksgemeinschaft aber noch nach streng rassistischen Kriterien definiert. Die zuständige Frau meint, als sie sich mit anderen Rassist_innen unter sich glaubt: „Den wimmeln wir von vornherein schon mal ab“. Im Verein für Polizei- und Schutzhunde ist es nicht anders. Dort gibt es plötzlich einen „Aufnahmestopp“ und einen fiktiv hohen Mitgliedsbeitrag, der für die weiße Bewerberin, die gleich nach Wallraff vorbeikommt, aber nicht gilt.
Kaum eine_r, der im Film gezeigten, Rassist_innen dürfte sich übrigens selber als Rassist_in begreifen. Vermutlich könnte man diese Personen an einen Lügendedektor anschließen und sie/er würde auf die Frage „Sind sie Rassist_in?“ nicht ausschlagen, wenn die Person mit „Nein“ antwortet.
Durch den Film wird klar, die „Deutschen“ mögen „ihre Ausländer“ nur als Kellner im Spezialitätenrestaurant, Hiphoper im TV, als Fußballer (solange sie auch gewinnen), die drei Weisen aus dem Morgenland oder wenigstens weit weg von sich wohnend.
Als gleichberechtigte Mitbürger in den eigenen Sphären sind als „Ausländer“ markierte Personen aber nur im Ausnahmefall zugelassen. Deswegen sind viele Kleingartensparten, Stadien, Kaninchenzüchtervereine, Volksfeste, Jagdvereine, Golfclubs, Discos, Feuerwehr-Feiern oder Waldorfschulen de facto National befreite Zonen.
Eine Szene in dem Film spielte sich in einem Fanzug von Dynamo Dresden ab. Nach einem Spiel von Energie Cottbus II gegen Dynamo Dresden. Der schwarze Wallraff wird zuerst auf der Straße von Dynamo-Fans angepöbelt und im Fanzug wird sein Durchqueren des alkoholisierten Dynamo-Mobs dann zum Spießrutenlauf. Letztlich rettet ihn nur eine resolut auftretende Polizistin.

Aus rassistischer Diskriminierung wird Diskriminierung von Dynamo-Fans
Besonders die Szene im Dynamo-Fanzug sorgte am 3. Oktober im Dynamo-Stadion-Gebäude für Diskussionen. Christian Müller, Geschäftsführer von SG Dynamo Dresden, versuchte mehrere Szenen im Film zu relativieren und wollte im Verhalten der Rassist_innen keinen Rassismus erkennen. Im Verein mit einem Teil des Publikums warf er Wallraff vor keine Fortschritte wahrzunehmen, er soll „nicht nur anprangern“. Sowohl er, als auch einige der anwesenden Fans meinten die Fanzüge seien nicht alle so und überhaupt hätte auch ein Anzugsträger Probleme bekommen, wenn er durch den Fanzug geirrt wäre. Der schwarze Wallraff wurde eben „als Fremdartiger wahrgenommen“, so Müller. So kann man Rassismus auch verharmlosen. Müller ließ sich noch dazu herab, anzuerkennen, dass bei bestimmten Fans ein „gewisses Aggressionspotenzial besteht“.
Stellenweise wurde in der Diskussion eher die Diskriminierung von Dynamo-Fans beklagt. Es sei ungerechtfertigt, dass Dynamo-Fans als rechts verrufen seien. Aber dieser Ruf kommt eben nicht von ungefähr. Überhaupt ist nicht der Ruf das Problem, sondern der Rassismus. Daran erinnerten auch mehrere Personen im Publikum. Eine Person wies darauf hin, dass „unsere Ordner Thor Steinar tragen “. Eine Mutter von zwei schwarzen Kindern sagte auch, dass sie einmal einen Dynamo-Fanzug mit ihren Kindern betreten hätte und um deren Leben gefürchtet hätte. Müller schien das irgendwie peinlich zu sein, trotzdem scheint er das Problem nicht wirklich erfasst zu haben. Da helfen Pressemitteilungen und Transparente wie „Rassismus ist kein Fangesang“ dann auch nicht wirklich, wenn der Fisch auch vom Kopfe her stinkt.

Che Guevara – jetzt auch als Energydrink

Che als Energydrink
Der Kapitalismus kriegt sie alle!