Buchkritik „Der Karren“ und „Regierung“ von B. Traven

Wer war B. Traven? Über die Frage, wer sich hinter dem Schriftsteller-Pseudonym „B. Traven“ versteckt, wurde in Vergangenheit viel spekuliert. Inzwischen vermutet man dahinter mit ziemlicher Gewissheit den Schauspieler und anarchistischen Revolutionär Ret Marut. Doch auch damit ist man erst einmal nicht viel weiter, denn auch über Marut ist nicht sonderlich viel bekannt. Marut gab das anarchistische Blättchen „Der Ziegelbrenner“ heraus, war an der Münchner Räterepublik beteiligt und flüchtete 1919 nach deren gewaltsamen Niederschlagung. In Mexiko hielt sich Ret Marut seit 1924 auf. Das passt zeitlich auch zu B. Traven. Ab Mitte der 1920er Jahre erschienen die Bücher von B. Traven, die vor allem in Mexiko spielen. Seine Werke erschienen auf Deutsch in der gewerkschaftlichen Gutenberg-Gilde in Deutschland. Zu den Büchern von Traven gehörte auch die so genannte „Mahagoni-Serie“, zu der wiederum auch die Bücher „Der Karren“ und „Regierung“ gehören. Diese spielen in Südmexiko und schildern das Schicksal der Indios an Hand von Einzelbiografien, wie z.B. die eines indianischen Wagenlenkers. Dabei nimmt Traven eindeutig Stellung für die Indios. Er beschreibt ihr hartes Leben und wer dieses Leben so hart für sie macht. Traven selbst sagte von sich einst, er schreibe „keine Märchen für Erwachsene, damit sie leichter einschlafen können, sondern […] Dokumente, nichts anderes, Dokumente, denen er, leichterer Lesbarkeit wegen, die Form von Romanen gibt“.

Ein Teil der Herrschenden über die arme Bevölkerung in Mexiko ist die katholische Kirche. Nicht ohne tiefgründigen Witz nimmt B. Traven die Rolle der Kirche bei der Unterdrückung und Ausbeutung aufs Korn:

Wer vermag eine bessere Reklame zu machen als die katholische Kirche in Mexiko, wo man so häufig vor den Geldbüchsen einen Zettel sieht mit der zugkräftigen Anzeige: Der Centavito, den du hier bezahlst, wird dir mit Gold zurückbezahlt im Himmel. Ein Bankier, der eine solche Anzeige in das Fenster seiner Bank hängen würde, wird sofort verhaftet wegen Unterschlagung von Depositengeldern. Von ihm würde der Richter verlangen, daß er unzweifelsfrei zu beweisen haben, daß die Depositen im Himmel zurückgezahlt werden und daß es einen Himmel gibt und wo er sich befindet. Die mexikanische Kirche braucht das nicht zu beweisen. Ihr glaubt man es. Und wer es nicht glaubt, lästert Gott.
Wie soll sich hier ein Indianer noch zurechtfinden.

(Seite 91)

Immer wieder bezieht sich Traven im ironischen Stil auch auf die Situation andernorts:

Auf den Schlachtfeldern Europas, wo dem Glauben der erregbaren Bürgerchen, um Ehre und Staatsbestand gekämpft wird, sind diese Geschäfte lediglich umfangreicher. Das ist der Unterschied. Und es kommt nur in sehr verunglückten Fällen dem Bürgerlein zur Kenntnis, wenn Magnaten den fremden Mächten Öl, Kohle, Unterseeboote, Kanonen, Kriegsschiffe und Panzerplatten um die Hälfte billiger verkaufen als dem eigenen und geliebten Vaterlande. Die Tat eines mexikanischen Generals sieht nur darum so schäbig aus, weil sie ehrlich ist und ganz offen betrieben wird und weil sie sich in Ziffern abwickelt, die der Bürger begreift. Erst wenn die Geschäfte mit hundert Millionen beginnen, besteht eine Möglichkeit, ja die Sicherheit, Staatsgründe vorzuschieben, um Untersuchungen und Prozesse zu vermeiden. Denn sobald es sich um Staatsgründe handelt, wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen; und weil alle Beteiligten, einschließlich der Richter des obersten Staatstribunals, alle an derselben Krippe sitzen, wird nicht aus der Schule geschwatzt. Man darf hierbei nicht vergessen, daß an allen Geschäften, bei denen die niedrigste Ziffer nicht geringer ist als hundert Millionen Dollar, Pfund oder Mark, sich nur solche Leute beteiligen können, die das Recht haben am Klingelknopf der Regierung nach Belieben drücken zu dürfen.

(Seite 279)

Auch den weltweiten Zusammenhang von Wohlstand und Elend vergisst Traven nicht zu erwähnen:

Viele Hände und Hirne müssen kräftig am Werke sein, ehe man hundert Dollars für eine Tonne Mahagoniholz einsacken kann. Und wenn niemand Mahagoniholz in den Urwäldern Amerikas hackt und keiner das gehackte Mahagoniholz die Urwaldströme hinunterschwemmt, so gibt es keine Mahagonischränke und keine Mahagonischmuckkästchen. Billiges Mahagoniholz und zugleich Schutz von unschuldigen Indianern, die zu Tausenden in den Dschungeln, dem Mahaginiholz zuliebe, hingeopfert werden müssen, kann man nicht haben. Entweder eines oder das andere.

(Seite 286)

Klassenkampf im Urwald?
Etwas ungewohnt mag der heutigen Leserschaft erscheinen, dass B. Traven immer wieder von „Proletarier“ spricht. Er verwendet diesen Begriff aber nicht im engen Sinne einer Industriearbeiterschaft, sondern als Begriff für Menschen, die gezwungen sind ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Traven selbst outet sich recht offen als Anarchist:

Indianern braucht man keinen Rat zu geben und keine Bibelsprüche einzuhämmern. Sie benötigen auch keine kommunistischen und sozialistischen Parteiprogramme.

(Seite 154)
Im Nachwort der DDR-Ausgabe von Werner Sellhorn erntet B. Traven dafür Kritik, dass er glaubt „jede Form von Staatsgewalt ablehnen zu müssen“. Sellhorn wirft ihm vor, Anarchismus zu propagieren, „der rein destruktiven Charakter trägt“ und Staatlichkeit, also auch die Diktatur des Proletariats, abzulehnen:

Durch eigenes Erleben hat er die Unterdrückung und Entwürdigung des Menschen hassen gelernt – aber er glaubte, mit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung jede Form von Staatsgewalt ablehnen zu müssen. Von seiner anarchistischen Position her forderte er schrankenlose Freiheit für den einzelnen.

(Seite 307)

Traven fehlt das tiefere Verständnis der Klassenfrage, er begreift nicht die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats als Durchgangsstadium auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft.

(Seite 309)
B. Traven hingegen meinte einmal an anderer Stelle:

Regierung ist überall gleich, ist immer Unterdrückung eines Teiles eines Volkes zugunsten eines anderen Teiles desselben Volkes. Was die Menschen brauchen, ist Organisation und Verwaltung. Was die Menschen nicht brauchen und darum beseitigen müssen, ist Regierung.

Traven weist in seinen Texten auf ursprüngliche Selbstverwaltungsstrukturen der Indios hin, die erst durch den Einfluss von außen teilweise beseitigt wurden:

Fremde Mächte, die keine andere Berührung mit diesen Menschen hier besaßen als jene kalte Annäherung, die sich auf reine politische Macht stützte, hatten sich berufen gefühlt, Sitten und Gebräuche nach eigenem Gutdünken abzuändern, um die Welt nach europäischem Muster einzurichten und ihr dadurch den Ruf zu geben, daß diese Welt den Zutritt zu jener würdevollen Institution zu versagen, die am Abend des ersten Tages ihres Bestehens bereits verkalkt und eingeblecht war.

(Seite 270)
Davon waren bzw. sind in Südmexiko noch Reste vorhanden, in Form der unabhängigen freien indianische Gemeinden und Dörfer. An einer Stelle schildert Traven, wie es das Beste für ein Dorf war, von der Regierung vergessen zu werden.

Sehr anschaulich analysiert Traven in „Der Karren“ und „Regierung“ Herrschaft, Religion, Patriarchat und Kapitalismus in Südmexiko. Beide Bücher spielen um das Jahr 1910, als 834 Finqueros (Großgrundbesitzer) in Mexiko 85% des Bodens besaßen. Viele Indios befanden sich durch gefälschte Verträge und Wucherzinsen in Schuldsklaverei der Finqueros.
Beide Bücher lesen sich auch heute noch gut. Gerade mit dem seit 1994 entstandenen Interesse an Chiapas und der dort stark vertretenen zapatistischen Bewegung lohnt sich eine Wiederentdeckung von Traven noch einmal doppelt. Man beginnt zu ahnen, warum der Zapatismus in den Gemeinden von Chiapas eine so gute Basis gefunden hat.