Buchkritik „ Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere“ von Günter Wallraff

Er ist inzwischen so etwas wie eine Institution: Günter Wallraff. Verzweifelte wenden sich an ihn, wenn die Behörden und Medien nicht reagieren. Und Wallraff tut tatsächlich etwas. Bekannt ist er für seinen investigativen Journalismus. Mit diesem macht er seine Leserschaft vor allem auf den Kapitalismus mit unmenschlichen Antlitz aufmerksam. Was für die Einen Alltag ist, ist für die Anderen ein unbekannter oder ignorierter Abgrund.
Angenehm bei Wallraff ist, dass seine Reportagen für ihn nicht nur eine Story sind. Er ist auch ein sozialpolitischer Aktivist, der versucht nicht nur Opfer zu porträtieren, sondern ihnen auch konkret zu helfen. Gerade das macht Wallraff sympathisch.

Das Genre von Wallraff ist bekannt, er schreibt aufklärende Sozial-Reportagen, die meist durch investigative Recherche zustande kommt. So auch im Sammelband „Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere“, der 2012 in Neuauflage erschienen ist. Neben dem Alltagsrassismus gegen schwarze Menschen geht es in dem Buch vor allem um die frühkapitalistischen Verhältnisse, die in der Bundesrepublik wieder verstärkt auftreten:

Aber die Arbeit als Paketauslieferer im Dauerlauf und Dauerstress hat mich an meine Grenzen gebracht. Ich schäme mich fast, darüber mehr als einen Satz zu verlieren. Denn die Männer und die wenigen Frauen, die sich diesen Job antun, ertragen in den Monaten und Jahren, in denen sie durchhalten, ein Vielfaches. Dahinter verblasst meine Erschöpfung, sie wird nichtig. Denn was mir mir die Kollegen in dieser Zeit berichtet haben, welche Zerstörung an Leib und Seele diese Arbeit für sie gebracht hat – ich hatte geglaubt, so etwas gäbe es in diesem Extrem seit dem Frühkapitalismus nicht mehr, dann auf anderen Kontinenten, die wir »Dritte Welt« nennen.

(Seite 18)
Das Gute bei Wallraff und seinem Abtauchen in die Rolle der Porträtierten ist, dass er es am eigenen Leib erfährt. Dadurch wird in seinen Beschreibungen klar, dass Kapitalismus nicht nur ein gesellschaftliches Verhältnis ist, sondern auch eine Ideologie, die unseren Alltag bis hinein in das Denken kolonialisiert. Man betreibt nicht nur massiven „Raubbau am Körper“, sondern wird auch von der Arbeit im Privaten verfolgt, sie frisst sich ein bis in die Träume. Das wird bei Wallraffs Reportage über die Paket-Bringdienste besonders ersichtlich. Weswegen die meisten Kollegen und Kolleginnen auch keine funktionierende Beziehung mehr haben. In dieser Branche ist auch ist auch das Phänomen der „working poor“ weit verbreitet.

Das sich Wallraff als schwarzer Mensch ausgibt, tut er, um den modernisierten Rassismus zu entlarven:

Das soll wohl die moderne Variante des Rassismus sein: »Ich hab ja nicht gegen die. Aber bitte woanders. Die passen nicht hierher.« Der altbackene Rassismus spricht dem Fremden ganz generell die Menschenwürde und das Existenzrecht ab, und ganz handgreiflich dann, wenn der Fremde sich ins Hoheitsgebiet des Weißen wagt. Der moderne Rassist behandelt den Fremden anders. Er erkennt dessen Menschenwürde und Existenzrecht abstrakt an, solange er auf Distanz bleibt. Aber im eigenen Dunstkreis wird der Fremde immer noch unwürdig behandelt. Der Unterschied ist durchaus nicht nur theoretischer, sondern auch handgreiflicher Natur – das habe ich später noch erleben müssen –, wenn auch, wie ich zugeben muss, die Übergänge fließend sind.

(Seite 53)
Dieser neualte Rassismus wird besonders spürbar, wenn man ihn am eigenem Leib erfährt.

„Sie haben gewonnen“ – undercocer im Callcenter
Auch seine Recherche in Callcentern ist sehr aufschlussreich. Hier müssen Menschen tagein, tagaus anderen Menschen unnütze Dinge am Telefon andrehen. Um überhaupt über die dafür notwendigen Nummern zu verfügen, wird ein schwunghafter Datenhandel betrieben. Persönliche Daten von Millionen Menschen werden im Paket verkauft.
Der Betrug per Telefon ist vielfältig. Das geht vom Lotterielos bis zum Putzmittel. Nicht ohne Witz ist es, als Wallraff als Callcenter-Verkäufer für Lotto-Abos am Telefon auf einen Statistiker stößt, der ihm erklärt die Chance vom Blitz erschlagen zu werden sei 45 Mal höher als sechs Richtige im Lotto zu haben. Dieser Telefonterror wurde übrigens auch von der „Süddeutschen Klassenlotterie“ praktiziert, für die Jauch als Werbeträger auftritt. Aber auch UNICEF soll derart Spender_innen akquirieren.
Die Callcenter-Mitarbeiter_innen stehen in beständiger Konkurrenz untereinander und ihr Arbeitsplatz ist häufig eher eine menschliche Legebatterie als ein Büro. Beim Callcenter der Sparkasse, „S – Direkt Marketing“, arbeiten beispielsweise 800 Beschäftigte, von denen jede_r einen Arbeitsplatz von 2,8 Quadratkilometer haben.

Kaum weniger menschenfreundlich sind die Verhältnisse in der Brötchenfabrik „Weinzheimer“, deren alleiniger Kunde „Lidl“ ist. Hier kommt es am laufenden Band zu Unfälle, vor allem Verbrennungen.
Nebenbei erfährt man in diesem Kapitel, dass fünf Discounter 70% der Lebensmittel Europas um setzen.
Wallraff jedenfalls skandalisiert die Verhältnisse in der Industriebäckerei und organisiert Protest:

Entscheidend war: Es geschah etwas. Die Kolleginnen und Kollegen konnten aufatmen. Die Bude machte weder zu – die inflationären Androhung von Westerhorstmann, wenn es Kritik und Forderungen gab –, noch versandete die öffentliche Aufregung über so viel Frühkapitalismus, Ekelbrötchen und Unrecht mitten im hochzivilisierten und demokratisch blank gewienerten Deutschland.

(Seite 219)

Interessant ist auch Wallraffs Kapitel über Anwälte als Männer – es werden tatsächlich fast nur Männer genannt – fürs Grobe gegen die betriebliche Mitbestimmung:

Und wie immer in Phasen großer gesellschaftlicher Umwälzungen gibt es einen Vorreiterbereich, in dem die Zerschlagung des bestehenden Rechtsgebäudes mit illegalen Mitteln vorangetrieben wird. Das sind Rechtsanwälte willkommen, die eine solche Klassenkampfstrategie von oben zielbewusst und skrupellos vorantreiben und mit dem Schein der Legalität versehen.

(Seite 303)
Ein besonders fieses und extrem gewerkschaftsfeindliches Exemplar nennt er zu Recht „Betriebsratkiller“.
Um den Betriebsrat auszuschalten setzen Anwälte und die Geschäftsleitung Mittel wie Kaltstellen, Vereinzelung, Mobbing und Bossing ein. Die FAZ definiert letzteres wie folgt: „Bossing heißt eine besonders belastende Variante dieses psychischen Drucks am Arbeitsplatz. Dann nämlich ist es der Chef persönlich, der den Mitarbeiter schlecht behandelt.“

Endstation Privatisierte Bahn
Bei seinem Bericht über den Innenzustand der „Deutschen Bahn“ (DB) kann Wallraff auf anonyme Informant_innen aus der Chefetage zurückgreifen. Aus deren Berichten wird klar, dass besonders unter Hartmut Mehdorn bei der DB ein extrem autoritärer Stil herrschte. Dieser Konzern-Stalinismus führte zu einem Spitzelregime gegen Privatisierungs-Kritiker_innen. Die DB-Oppositionellen mussten sich konspirativ treffen und waren einer massiven Datenspionage ausgesetzt. Als das öffentlich wurde, musste Hartmut Mehdorn bekanntlich seinen Hut nehmen. Davor organisierten er und seine Freund_innen 2009 aber noch eine umfangreiche Aktenvernichtung. Inzwischen ist Mehdorn als gut bezahlter, externer Berater zurück. An der Spitze der DB stehen heute ehemalige Getreue von ihm.

Fazit: das unbekannte Bekannte
Wallraffs Reportagen sind Zustandsbeschreibungen und enthalten kaum Analysen, die über die Kennzeichnung von Verantwortlichen als Charakterschweine hinausgehen. Die Lektüre des Buchs lohnt sich aber trotzdem. Der Autor beschreibt für die Leserschaft das unbekannte Bekannte. Eigentlich weiß man ja wie es ist, aber das es solche Ausmaße angenommen hat …
Manchmal stellt sich beim Lesen die Frage, ob Deutschland in der Krise so gut dasteht, weil hierzulande die Leute noch mehr mit sich machen lassen als anderswo. Das soll nicht den tapferen Widerstand von Betriebsräten schmälern, aber auffällig ist doch, dass viele hinnehmen zu scheinen, dass sie derart extrem ausgebeutet werden. Hierzulande existiert ja eine weitaus weniger ausgeprägte Tradition von sozialen Kämpfen als anderswo. Möglicherweise wirkt hier das verinnerlichte Modell der Konsensfindung am Arbeitsplatz.

Günter Wallraff: Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere, Köln, Neuauflage 2012