Archiv für November 2012

All about Helmut Schmidt

Schmidt hetzt
Nun hat er es mal wieder auf das Titelbild geschafft. Diesmal ist es der SPIEGEL, der mit Helmut Schmidt den Schwerpunkt Charisma verbildlicht. Wenn auch Schmidt nur eines von mehreren Variant-Covern schmückt.
Der 93jährige Helmut Schmidt ist so beliebt wie selten ein deutscher (Ex-)Politiker. Ob das wirklich nur an seinem Charisma liegt, ist fraglich.
Sich selbst inszeniert Schmidt gerne als older statesman und Altersweisen. Dieser In-Szene-Setzung folgen die Medien gerne und kritiklos. So darf Schmidt munter seine 0815-Weisheiten in Interviews und Talkrunden verbreiten. Egal wie banal diese sind. Die Inhalte seiner Kommentare sind bei genauerem Hinhören so tiefgehend wie die Weisheiten des Dalai Lamas oder die Sprüche aus chinesischen Glückskeksen. Hier findet eher eine Kultivierung der Langeweile statt, als ein spannendes Gespräch.

Doch wer ist eigentlich dieser kettenrauchende Altkanzler und warum ist er so beliebt? Schmidt gilt nicht grundlos als „soldatischer Sozialdemokrat“. Aufgewachsen und sozialisiert wurde er im „Dritten Reich“, was er aber nicht als besonders schlimm empfand. Über seine HJ-Zeit ließ er verlauten: „Was wir gemacht haben, war Rudern und Segeln, und das war ne schicke Sache.“ Schon ne schicke Sache so eine wilde, abenteuerlustige und paramilitärische Jugend. Klar, dass man dann gerne zum Militär geht. So war Schmidt seit 1937 Wehrmachts-Angehöriger. Zum November-Pogrom 1938 behauptete er, in seiner Kieler Kaserne sei von dem Pogrom nichts zu erfahren gewesen. Die Wehrmachts-Kaserne als inneres Exil? Irgendwann gings dann auch an die Front. Wozu hat man denn auch trainiert? So kämpfte er 1941-42 an der Ostfront, u.a. auch vor Moskau, und war seit Dezember 1944 Batteriechef an der Westfront. Zuletzt bekleidete er den Rang eines Oberleutnants und später hatte er in der Bundeswehr den Rang eines Hauptmanns der Reserve inne.

Nach 1945 war er ob seiner Erfahrungen an der Front Innensenator in Hamburg und Wehrexperte der SPD. Damit war er auch zuständig für die Kontakten zu den Veteranen-Verbänden. Darunter auch zu denen der Waffen-SS, die sich in dem „Bundesverband der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS e.V. – Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit“ (HIAG) zusammenschlossen. Die HIAG liebäugelte in der Nachkriegszeit aus Gründen der sozialeren Note (besonders mit Blick auf Veteranen-Pensionen) lange Jahre mit der SPD. So manches SS-Mitglied engagierte sich damals auch direkt in der SPD.
Um diese Klientel an die partei zu binden, setzte man auch Schmidt als Kontaktperson ein. Der ehemalige Wehrmachtsleutnant war dabei natürlich besonders glaubwürdig, weil er über eine ähnliche „street credibility“ verfügte wie seine Kameraden von der Waffen-SS. So referierte Schmidt 1954, damals Mitglied des SPD-Bundesvorstandes, u.a. auch bei der HIAG-Hamburg zum Thema „Soldatentum und Sozialdemokratie“. Der SPIEGEL berichtet über einen dieser Auftritte:

„Die Bundestagswahl steht bevor, und der Redner, ein kleingewachsener, schneidiger ehemaliger Oberleutnant, wirbt um Hitlers einstige Elitetruppe. Als alter Kriegskamerad müsse er sagen, dass er „immer das Gefühl besonderer Zuversicht“ gehabt habe, wenn die Waffen-SS neben ihm kämpfte. Leider würden deren Angehörige oft mit denen der Gestapo verwechselt und zu Unrecht angeklagt, berichtet später erfreut eine Zeitschrift der Waffen-SS-Veteranen über die Veranstaltung.
Die Reaktion des Publikums auf die Rede ist nicht überliefert, aber einiges spricht dafür, dass der Hamburger Verkehrsdezernent dröhnenden Applaus bekam. Der Mann ist Sozialdemokrat, Volkswirt, steht damals am Beginn einer beispiellosen politischen Karriere und heißt: Helmut Schmidt.“

Schmidt sagte HIAG-Vertretern zu „bei seiner künftigen Arbeit im Bundestag auf eine gleichmäßige Gerechtigkeit zugunsten aller ehemaligen Soldaten hinzuwirken“. Schmidt biederte sich als SPD-Kontaktmann bei den „Vernichtungskriegern“ (Stephan Grigat) an und versuchte diese zu entlasten, indem er meinte „die Waffen-SS werde zu Unrecht mit der Schuld anderer ‚Runenträger‘ belastet“. Das Enschuldungs-Prinzip funktioniert hier wie im Kindergarten: Die Wehrmacht zeigt mit dem Finger auf die Waffen-SS und die Waffen-SS wiederum zeigt auf die Totenkopf- oder Lager-SS. In Wahrheit haben sich alle schuldig gemacht und die ständigen Wechsel zwischen Waffen- und Totenkopf-SS lässt eine scharfe Trennung der beiden Gruppen sowieso unmöglich werden. Unpolitisch war keiner der drei, sie alle zusammen stellten den bewaffneten Arm des Nationalsozialismus.

In Hamburg nutzte der ehemalige Wehrmachtsleutnant seine militärischen Organisations-Erfahrungen während der großen Sturmflut 1962 und erhielt den schmückenden Beinamen „Deichgraf“. Ein Talent, was er auch noch später einzusetzen wusste. Schmidt sagte selbst über den kleinen Krisenstab während des „Deutschen Herbstes“ 1977:

„Wir waren ja erwachsene Männer und keine Jugendlichen. Wir hatten alle die Kriegsscheiße hinter uns. Strauß hatte den Krieg hinter sich, Zimmermann hatte den Krieg hinter sich, Wischnewski hatte den Krieg hinter sich. Wir hatten alle genug Scheiße hinter uns und waren abgehärtet. Und wir hatten ein erhebliches Maß an Gelassenheit bei gleichzeitig äußerster Anstrengung des eigenen Verstandes. Der Krieg war eine große Scheiße, aber in der Gefahr nicht den Verstand zu verlieren, das hat man damals gelernt.“

Schmidt ist aber nicht nur durch seine Wehrmachts-Biografie und den Flirt mit den Männern von der Waffen-SS aufgefallen. Er äußerte sich auch immer wieder ressentimentgeladen gegen Minderheiten.
Noch 1980 soll Bundeskanzler Schmidt, den Vorschlag, den anti-homosexuellen Paragrafen abzuschaffen, damit kommentiert haben:

„Ich bin Kanzler der Deutschen, nicht Kanzler der Schwulen.“

Schmidt war immer mal wieder für einen rassistischen Spruch gut.
Im November 1981 sagte er auf einer DGB-Veranstaltung in Hamburg:

„Wir können nicht noch mehr Ausländer verdauen, das gibt Mord und Totschlag.“

In der Zeitung „Die Zeit“ vom 5. Februar 1982 wir er wiedergegeben mit den Worten:

„Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze“

Und auch folgende Worte stammen von ihm:

„Die multi-kulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen.“

Trotzdem oder möglicherweise auch gerade wegen solcher Sprüche war und ist Schmidt äußerst beliebt. Da sorgt es zwar für Irritationen, aber nicht für eine Welle des Protests und des Widerspruchs, dass er kürzlich in einem Interview mit dem „Zeit“-Magazin das Massaker während des Volksaufstandes 1989 auf dem Tiananmen-Platz in Peking verteidigte:

„Sie [die Soldaten] haben zunächst ausgehalten, aber sie wurden mit Steinen und Molotowcocktails angegriffen und haben sich gewehrt“

Auch die vom Roten Kreuz geschätzte Zahl der Toten von 2.600 hielt er für „weit übertrieben“.

Schmidt ist deutschnational, rassistisch, homophob und autoritär. Zu stören scheint das niemanden. Warum eigentlich? Man lässt es ihm durchgehen oder sympathisiert mit ihm. Schmidt als Sozialdemokrat funktioniert dabei wie Sarrazin, man kann sich auf ihn gefahrenlos beziehen, ohne von der Nazi-Keule niedergestreckt zu werden. Zusammen mit Sarrazin ist er wohl auch der einzige Sozi, auf den sich Neonazis positiv beziehen und das sogar mit eigenen Stickern machen.
Schmidt auf Nazi-Sticker
Außerdem scheinen Ältere sich auch an Schmidt als den Mann zu erinnern, der auch mal hart durchgreifen konnte. Insofern scheint sich in Schmidt auch die deutsche Sehnsucht nach einem Ersatz-Kaiser zu verkörpern.

Neonazistische Bildquelle in „Preussisch-Allgemeiner Zeitung“

vom Weltnetzladen
Ein Wolfgang Kaufmann bespricht in der „Preussisch-Allgemeinen Zeitung“ (PAZ) Nr. 43 vom 27. Oktober 2012 Seite das Bändchen „Am Ende eines Lebenswerks. Letzte Reden 2011/12“ des Geschichtsrevisionisten Ernst Nolte, dass im neurechten Verlag „Edition Antaios“ erschienen ist.
Die Buchbesprechung unter der Überschrift „Wider den Zeitgeist – Ernst Nolte gibt nicht auf“ ist sehr positiv gehalten.
Interessant aber, woher das Bild zur Rezension stammt. Schaut man genauer hin, dann erkennt man die Homepage „www.weltnetzladen.de“. Der „Weltnetzladen“ mit Postfach in Heilbronn ist ein neonazistischer Bücher-Versand.