Archiv für März 2013

Nazis schlagen sich gegenseitig

Nazis Selbstprügel
Pack verträgt sich, Pack schlägt sich

Buchkritik „ Der Tod des Märchenprinzen von Svende Merian

Der Märchenprinz
Das 1979 verfasste Buch „Der Tod des Märchenprinzen“ von Svende Merian schlug seinerzeit Wellen. Heute ist es aber ziemlich unbekannt. In dem Roman mit offensichtlich stark biografischen Zügen schildert die Ich-Erzählerin ihre Probleme mit Männern allgemein und mit einem Mann im speziellen. Dieser spezielle Mann heißt Arne. Er ist anders als andere Männer und doch wieder gleicht er ihnen. Er ist ein linker Mann, „‘n ganz lieber Chauvi“. Die Autorin beschreibt den Typus im Buch wie folgt:

„Ich habe Männer erlebt, die auf den ersten Blick schwach und beschützenswert wirkten. Weich und unmännlich. Aber dann eine total objekthafte Männersexualität draufhatten. Ein Softi ist ein Chauvi, der Kreide gefressen hat, nichts anderes.“ (Seite 178)

„Das Private ist politisch“
Dieses Buch ist extrem subjektiv und hat viel von einem Tagebuch. Es ist radikal ehrlich. Als ein als Mann sozialisierter Leser ist man häufig versucht Arne zu entschuldigen. Die Kritik an ihm scheint zu hart. Einiges an seinem Verhalten ist bescheuert, anderes menschlich verständlich. Einiges von diesem bescheuerten Verhalten ist männlich verwurzelt, anderes scheint eher ein individueller Charakterfehler zu sein.
Treffend analysiert sie das Geschlechterregime und seine Folgen:

„Wenn ich ein Mann wäre, würde ich nicht im Slalom durch die Öffentlichkeit jonglieren. Aber ich bin eine Frau. Mir ist dieses defensive Ausweichen vor Anmachen schon so in Fleisch und Blut übergegangen, daß ich es nicht einmal mehr merke. Daß ich erst wieder mal einen Mann an meiner Seite haben muß, damit mir auffällt, was Männerfreiheit bedeutet auf unseren Straßen. Männer haben den Territorialanspruch auf die Öffentlichkeit. Frauen bestenfalls ein Transitvisum.“ (Seite 322-23)

Über weite Strecken des Buches verfolgt man den Kampf zwischen Arne und der Ich-Erzählerin.Das Ganze spielt in den 1980er Jahren in Hamburg. Sie ist eine Feministin und im Kommunistischen Bund aktiv und er ist Autonomer und in einer Anti-AKW-Bürgerinitiative aktiv. Bei ihm stört am meisten, dass er ihre Kritik nicht ernst nimmt. Außerdem ist er ein typischer linker Politmacker, wie es sie damlas gab und auch noch heute gibt.
Trotzdem mag mensch sich nicht ganz auf ihre Seite schlagen. Während sie sich über sein irrationales Verhalten empört, beansprucht sie Verständnis für das eigene widersprüchliche Verhalten. So kann sie sich nicht entscheiden ob sie mit ihm zusammen sein will oder nicht.
Dabei sind letztlich beide beschädigte Individuen. Arne ist ein ehemaliges Heimkind, dass nicht ohne Grund nur sehr selten lacht. Am Ende siegt dann auch das Mitleid mit Arne. Die Autorin hat sich offensichtlich mit Arne eher den Falschen als Proto-Chauvinisten ausgesucht, wie sie am Ende selber erkennt. Er ist zu wenig einfühlsam, zu oberflächlich, aber das hhat wohl eher mit seiner individuellen Biografie zu tun.
So erscheint ihr Verhalten übertrieben. Sie ohrfeigt ihn und besprüht seinen Hauseingang.
Trotzdem analysiert sie gut das Verhalten linker Männer*:

„Frauen müssen immer stärker sein als Männer, wenn sie das gleiche wollen. Brauchen immer doppelten Krafteinsatz, um das gleiche Resultat zu erzielen.
Arne ist ein fortschrittlicher Mann. Arne will keine Frauen unterdrücken. Er will es ehrlich nicht. Aber er tut es. Und er wird es bei allem utem Willen immer weiter tun, wenn er sich nicht endlich damit beschäftigt, wie subtil Frauenunterdrückung ablaufen kann. Er hat diese Verhaltensweisen erst mal durch seine Erziehung und Umwelteinflüsse drauf. Er musste aktiv was dafür tun, diese Sachen in seinem Kopf abzubauen. Aber das tut er nicht. Er meint, wenn er sich passiv hinsetzt und sich sagt: Ich will keine Frauen unterdrücken, dann reicht das. Das meint er ganz ehrlich so. Daß es so nicht geht, sieht er nicht.
Und er ist nicht alleine. Die meisten Männer denken so. Wenn sie erst mal theoretisch den Anspruch richtig finden, Frauen gleichberechtigt behandeln zu wollen, dann denken sie auch, sie tun das ganz automatisch.“ (Seite 196-197)

Dieses Buch sei besonders linken Männern zur Lektüre empfohlen, die ihre Partnerinnen besser verstehen wollen. Es ist immer noch aktuell. Und es ist wirklich feministisch, nicht etwa wie „Feuchtgebiete“:

„Für diese Utopie kämpfe ich. Ich bin nicht gegen Männer. Aber ich bin gegen das, was sie im Kopf haben. […] Ich bin keine »Schwanz ab«-Feministin. Sie dürfen ihn ruhig behalten. Aber ich bin dagegen, daß sie aus den paar Zentimetern, die sie mehr in der Hose haben als wir, den logischen Schluß ziehen, sie hätten auch mehr im Kopf.“ (Seite 326)

Svende Merian: Der Tod des Märchenprinzen, Reinbek 1983

„Tod eines Kritikers“ von Martin Walser

Der 2002 erschienene Roman „Tod eines Kritikers“ von Martin Walser führte bereits vor seiner Veröffentlichung zu einer Kontroverse. Es war bekannt geworden, dass Martin Walser darin, seinen Disput mit dem Literaturkritiker Macrel Reich-Ranicki in Romanform verarbeitet hatte.
In dem Buch verschwindet in einer Winternacht der Literaturkritiker Andre Ehrl-König, kurz nachdem ihm der Schriftsteller Hans Lach nach einem Verriss seines Werkes gedroht hatte:

„Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Sehen sie sich vor, Herr Ehrl-König. Ab heute Nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen.“ (Seite 54)

Zum Beweis von Lachs Unschuld macht sich Michael Landolf, der Hauptprotagonist des Buches auf, und recherchiert in der Literaten- und KünstlerInnen-Szene Münchens.
Walser schildert genau um was für eine Person es sich bei Andre Ehrl-König handelt, nämlich um einen machthungrigen und egomanischen Chefkritiker, der ein seltsam verdrehtes Deutsch spricht („Literatür“ statt Literatur). Jemanden, der trotz seines unansehnlichen Äußeren, gerne junge blonde Frauen umgarnt und jungen Frauen („Mädelchen“) nachstellt. Walser lässt an den „Literatür makelnden Machtmenschen“ (Seite 108) kein gutes Haar. Walser kennzeichnet seine literaische Karikatur von Reich-Ranicki in seinem Roman auch als Holocaust-Überlebenden und Sohn des jüdischen Bankier König aus Nancy. Noch dazu ist Ehrl-König ein Fremder, ein „der als Monsieur Nichts aus Lothringen in unser Land wechselte“ (Seite 111). Mit der Kennzeichnung des Bösewichts des Buches als jüdisch besteht zumindest eine bedenkliche antisemitische Deutungsoption für Kontextkenner_innen, auf die Walser auch leicht verzichten hätte können.
Abseits davon ist „Der Tod eines Kritikers“ auch kein gutes Buch. Es fehlt ihm an Spannung und am Fesselnden. Einige Abschnitte sind eher ein Fall für den oder die Sexualtherapeut_in als für die Leserschaft.

Martin Walser, Jahrgang 1927, ist kein Rechtsradikaler, aber ein anschauliches Beispiel für einen Reaktionär und Nationalist in der Mitte der Gesellschaft. Immer wieder fällt Walser hier unangenehm auf. So schrieb er 1988 die NDR-Tatort-Folge „Armer Nanosch“, die von antiziganistischen Stereotypen nur so strotzt oder rief dazu auf, „die Wunde namens Deutschland offenzuhalten”. Auch kaum verwunderlich, war er Kuratoriumsmitglied des 1990 gegründeten nationalistischen Vereins „Deutsche Gesellschaft e. V. zur Förderung kultureller, politischer und wirtschaftlicher Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik“. Und 2010 hielt er die Eröffnungsrede zur Marbacher Ernst-Jüngers-Ausstellung und erklärt darin den Kriegsschriftsteller Ernst Jünge zur moralischen Instanz:

„Wenn man sieht, wie er sich lebenslänglich mit dem Krieg konfrontiert sah, und wenn wir glauben, wir könnten unsere Kriege immer mehr von Söldnern führen lassen, dann sehe ich, wie mangelhaft unser Bewusstsein geworden ist“