„Tod eines Kritikers“ von Martin Walser

Der 2002 erschienene Roman „Tod eines Kritikers“ von Martin Walser führte bereits vor seiner Veröffentlichung zu einer Kontroverse. Es war bekannt geworden, dass Martin Walser darin, seinen Disput mit dem Literaturkritiker Macrel Reich-Ranicki in Romanform verarbeitet hatte.
In dem Buch verschwindet in einer Winternacht der Literaturkritiker Andre Ehrl-König, kurz nachdem ihm der Schriftsteller Hans Lach nach einem Verriss seines Werkes gedroht hatte:

„Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Sehen sie sich vor, Herr Ehrl-König. Ab heute Nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen.“ (Seite 54)

Zum Beweis von Lachs Unschuld macht sich Michael Landolf, der Hauptprotagonist des Buches auf, und recherchiert in der Literaten- und KünstlerInnen-Szene Münchens.
Walser schildert genau um was für eine Person es sich bei Andre Ehrl-König handelt, nämlich um einen machthungrigen und egomanischen Chefkritiker, der ein seltsam verdrehtes Deutsch spricht („Literatür“ statt Literatur). Jemanden, der trotz seines unansehnlichen Äußeren, gerne junge blonde Frauen umgarnt und jungen Frauen („Mädelchen“) nachstellt. Walser lässt an den „Literatür makelnden Machtmenschen“ (Seite 108) kein gutes Haar. Walser kennzeichnet seine literaische Karikatur von Reich-Ranicki in seinem Roman auch als Holocaust-Überlebenden und Sohn des jüdischen Bankier König aus Nancy. Noch dazu ist Ehrl-König ein Fremder, ein „der als Monsieur Nichts aus Lothringen in unser Land wechselte“ (Seite 111). Mit der Kennzeichnung des Bösewichts des Buches als jüdisch besteht zumindest eine bedenkliche antisemitische Deutungsoption für Kontextkenner_innen, auf die Walser auch leicht verzichten hätte können.
Abseits davon ist „Der Tod eines Kritikers“ auch kein gutes Buch. Es fehlt ihm an Spannung und am Fesselnden. Einige Abschnitte sind eher ein Fall für den oder die Sexualtherapeut_in als für die Leserschaft.

Martin Walser, Jahrgang 1927, ist kein Rechtsradikaler, aber ein anschauliches Beispiel für einen Reaktionär und Nationalist in der Mitte der Gesellschaft. Immer wieder fällt Walser hier unangenehm auf. So schrieb er 1988 die NDR-Tatort-Folge „Armer Nanosch“, die von antiziganistischen Stereotypen nur so strotzt oder rief dazu auf, „die Wunde namens Deutschland offenzuhalten”. Auch kaum verwunderlich, war er Kuratoriumsmitglied des 1990 gegründeten nationalistischen Vereins „Deutsche Gesellschaft e. V. zur Förderung kultureller, politischer und wirtschaftlicher Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik“. Und 2010 hielt er die Eröffnungsrede zur Marbacher Ernst-Jüngers-Ausstellung und erklärt darin den Kriegsschriftsteller Ernst Jünge zur moralischen Instanz:

„Wenn man sieht, wie er sich lebenslänglich mit dem Krieg konfrontiert sah, und wenn wir glauben, wir könnten unsere Kriege immer mehr von Söldnern führen lassen, dann sehe ich, wie mangelhaft unser Bewusstsein geworden ist“