Archiv für April 2013

Buchkritik „Das Zwickauer Terror-Trio“ von Maik Baumgärtner und Marcus Böttcher

Im Folge der Aufdeckung der NSU-Mordserie erschienen in den letzten eineinhalb Jahren mehrere Bücher zu diesem Thema. Eines davon ist „Das Zwickauer Terror-Trio“ von Maik Baumgärtner und Marcus Böttcher (Berlin 2012).
Das Zwickauer Trio
Bereits am Anfang des Buches skizziert in einem Gastbeitrag der Berliner Professor Hajo Funke treffend die neonazistischen Sozialisationsmilieus der 1990er, die das untergetauchte Trio entscheidend prägten:

Eine Art subkultureller Bürgerkrieg rechter Schlägertrupps gegen Gleichaltrige. Weder die Eltern noch die Schule, Jugendfreizeiteinrichtungen, die Stadt und erst recht nicht Polizei, Verfassungsschutz und Justiz waren auch nur ansatzweise in der Lage oder willens, den späteren Mitgliedern der Zelle und ihrem Umfeld Grenzen zu signalisieren und durchzusetzen.

(Seite 16)

Die Darstellung ist chronologisch und zeigt gut die Pleiten, Pech und Pannen beim versuchten Aufspüren der drei Untergetauchten. So sorgt das Buch beständig für Gymnastik beim Lesen, es verursacht nämlich häufiges Kopfschütteln. Das Versagen der Behörden, verursacht u.a. durch eine Ämterrivalität, hätte kaum größer sein können. Allein die These von der türkisch-nationalistischen Mafia als Urheber war zu keiner Zeit besonders glaubhaft, da unter den Opfern zwei oder drei Kurden und ein Grieche waren. Trotzdem hielten die Ermittlungsbeamten diese These bis zuletzt aufrecht. Der wiedergegebene Kommentar von Canan Bayram, Abgeordnete von B90/Grüne in Berlin erläutert warum das so war:

Es ist seit vielen Jahren so, dass bei Angriffen oder Auseinandersetzungen häufig die rassistische Motivation der Täter von den Behörden geleugnet wird. Da gibt es eine mangelnde Bereitschaft, genauer hinzuschauen. Die Fahnder der Soko Bosporus haben anscheinend sehr festgelegt auf der Suche nach ihrem Idealtäter ermittelt und nicht über den Tellerrand geschaut. Es entsteht der Eindruck, dass den Ermittlungen stigmatisierende Migrantenbilder zugrunde lagen.

(Seite 150)

Etwas nervig sind im Buch die vielen verwendeten Decknamen für die ganzen Nazi-ProtagonistInnen. Diese verwirren, besonders da heute ein Großteil der Namen relativ bekannt ist und sie damit auch heute einfach zu identifizieren sind. Sicher war man mit diesem Vorgehen auf der juristisch sicheren Seite, aber mit Vornamen und abgekürzten Nachnamen hätte das auch funktioniert.
Stellenweise ist man geneigt zu sagen, dass das Autoren-Duo zu viele Details wiedergibt, andererseits machen die detailreichen Schilderungen die Beschreibungen plastischer.
Etwas seltsam wirkt es für kritische Autoren, wenn ohne Abstand Günther Beckstein, Ministerpräsident a. D., in seinem Selbstlob zitiert wird:

Wir machen zum Beispiel eine Politik, die Sicherheit und Ordnung Vorrang gibt. Ich selbst bin lieber ein harter Hund für Law and Order als ein Weichei für Unrecht und Unordnung.

Negativ anzumerken ist, dass es zum schnellen Nachschlagen kein Register gibt, sicher auch wegen der Decknamen.

Das Buch hat den Stand vom 12. Juli 2012, ist also in einigen Bereichen von neuen Erkenntnissen schon überholt worden.
Trotzdem ist kann das Buch auch heute noch mit (Wissens-)Gewinn gelesen werden.

* Maik Baumgärtner, Marcus Böttcher: Das Zwickauer Terror-Trio, Berlin 2012