Archiv für September 2013

Buchkritik „Rechte Euro-Rebellion“ von Andreas Kemper

In der linken Szene gibt es im Zusammenhang mit der neugegründeten Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) Unsicherheiten und Fragen. Sind das Nazis? Sind das die neuen Republikaner? Oder doch nur ein paar (konservative) Wutbürger/innen in Parteiformat? Das Programm der AfD ist bisher noch sehr dünn. Vermutlich ist das kein Zufall. Die Beschränkung auf ein Rumpf-Programm vermindert auch geschickt die Angriffsfläche vor der Wahl. Zwar findet sich auch die rechte Forderung, dass die „ungeordnete Zuwanderung in unsere Sozialsysteme unbedingt unterbunden werden“ müsse, aber als ob das nicht ohnehin derzeit von der etablierten Politik praktiziert werden würde. So werden z.B. zum Islam keinerlei Aussagen getroffen, obwohl sich in der Partei antimuslimische Rassist/innen finden, u.a. mehrere hundert Überläufer/innen von der rechtspopulistischen Kleinstpartei „Die Freiheit“.
Rechte Euro-Rebellion
Was also will die AfD?
Andreas Kemper versucht in seinem Buch „Rechte Euro-Rebellion“ über die „Alternative für Deutschland und Zivile Koalition e.V.“ (Münster, 2013) das versteckte Programm der Protagonist/innen der neuen Partei offenzulegen. Natürlich ist dieses Programm nirgendwo konkret festgehalten, aber wichtige Funktionär/innen der AfD haben immer wieder politische Positionen bezogen, die mehr als bedenklich sind. In der Einleitung zum Buch heißt es:

In dem vorliegenden Buch wird deutlich werden, dass sich hier eine Gruppe zusammengefunden hat, deren Protagonist*innen das demokratische System verändern wollen.

(Seite 5)
Wenn die AfD sich also nach der Bundestagswahl ein richtiges Programm gibt, so steht zu befürchten, dass in dieses die Positionen ihrer maßgeblichen Funktionär/innen einfließen werden. Beispielsweise für den Fortbestand des selektiven Bildungssystems. Es gibt aber von einzelnen auch Forderungen, die eine antidemokratische Einschränkung des Parlamentarismus massiv vorantreiben würden, wie etwa die Forderung, dass nur Netto-Steuerzahler/innen ein Wahlrecht besitzen dürfen.
Für Kemper ist die Partei „zutiefst reaktionär“ und eine „aktuelle Variante von Nationalliberalismus, also einer bürgerlichen Demokratieverachtung.“ (Seite 6)
Der Autor legt offen, dass die Partei schon länger geplant war und dass eine Fraktion des deutschen Kapitals mit ihr sympathisiert:

Anders als die vorangegangenen rechtspopulistischen Parteien, ist die AfD nicht einfach nur ein Sammelbecken für rechtskonservative und nationalistische Interessen. Die AfD hat eine realere Grundlage, da sie die Interessen einer bestimmten Kapital-Fraktion vertritt.

(Seite 16)
Ein Netzwerk von marktradikalen, rechtskonservativen und nationalliberalen Organisationen und Einzelpersonen hat die Parteigründung gezielt vorangetrieben. Diese wollen das „Sarrazin-Potenzial“ nutzen und haben vor allem ein ökonomisches Programm, in dem sie für eine nichtsoziale Marktwirtschaft einstehen. Die AfD dient dabei eher als Mittel zum Zweck, auch um Druck auf die etablierten Parteien auszuüben, z.B. um den „Liberalen Aufbruch“ in der FDP zu unterstützen. Im Grunde strebt dieses Geflecht eine Entmachtung der Parteien aus reaktionären Motiven an, da Parteien und ihre Stiftungen als Konkurrenten bisher den Einfluss der thinktanks der Wirtschaft eindämmen. Bis zur AfD-Gründung versuchten diese Organisationen vor allem in Kampagnen zu arbeiten. Als wichtigste Organisation macht Kemper im Hintergrund dabei die „Zivile Koalition e.V.“ (ZK) aus. Wobei er betont, „»zivil« meint »bürgerlich«, und zwar nicht im Sinne von »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«, sondern von »Freiheit, Eigentum, Korporatismus« – und mit den Mitteln des Internets: Nationaliberalismus 2.0.“ (Seite 6)
Hinter der ZK und anderen AfD-nahen Gruppen stehen ideell und wohl auch finanziell Teile des Kapitals. Dieser Versuch von Reichen Politik zu machen ist direkter als früher. Da versuchten Reiche eher durch Spenden und Medienkampagnen Einfluss zu nehmen, jetzt gründen sie teilweise eigene Parteien, wie das „Team Stronach“ in Österreich.
Der Gründung der AfD geht jedenfalls eine längere Geschichte voraus. Anfangs setzten nämlich die Initiator/innen der AfD, nach deren Bundesauseweitung, auf die „Freien Wähler“ (FW) als Pferd. Nachdem deren Chef Aiwanger sich aber von den rechten FW-Gruppen in Düsseldorf und Frankfurt absetzte und erklärte Sarrazin nicht in seiner Partei haben zu wollen, war der Flirt wieder beendet.

Die AfD funktioniert vor allem über soziale Online-Netzwerke. Kemper nennt sie eine „Facebookpartei“. Der Zuspruch bei Facebook ist groß, der Erfolg an der Wahlurne aber bleibt ungewiss. Kemper macht dafür auch die zögerliche bzw. ablehnende Haltung der Bild verantwortlich:

Ich hatte ursprünglich gemutmaßt, dass der AfD der Einzug in den Bundestag gelingen könnte, wenn sie von der Bild unterstützt wird. Allerdings sieht es bislang nicht so aus, dass die Bild die AfD ernsthaft unterstützt. Sie bleibt ambivalent. Ohne Unterstützung der Bild wird eine rechtspopulistische Partei wenig Chancen auf Erfolg haben, da eine solche Partei auf ein Massenmedium mit verkürzenden Aussagen angewiesen ist.

(Seite 47)

„Fazit: Nationalliberalismus 2.0“
Im Fazit resümiert Kemper:

Wie ist die AfD einzuschätzen?
Zunächst würde ich sagen, dass es sich um die seit drei Jahren herbeigesehnte Sarrazin-Partei handelt, auch wenn Thilo Sarrazin, Friedrich Merz, Peter Sloterdijk nicht direkt dabei sind. Mit Hans-Olaf Henkel, Alexander Gauland, Konrad Adam verfügt die Partei über bekannte konservative Politiker. An der Spitze des Bundes- sowie der Landesverbände befinden sich neoliberale Wirtschaftsprofessoren, in der zweiten Reihe etabliert sich ein Netzwerk von Rechtspopulist*innen, aber auch von konservativen Intellektuellen, wie dem Assistenten von Sloterdijk.

“ (Seite 86)
Sollte die AfD bei der kommenden Bundestagswahl in den Bundestagswahl einziehen,

Dann könnten unternehmer*innennahe Kreise versuchen, mit der AfD eine »Reform der politischen Entscheidungsstrukturen« durchzusetzen. Hierin sehe ich die größte Gefahr: der nationalliberale Tabubruch, der das allgemeine Wahlrecht in Frage stellt.

(Seite 90)

Das Buch ist hilfreich und kommt gerade rechtzeitig. Manche könnten meinen, dass Buch wäre zu früh gekommen. Es sei nur so schnell erschienen, um sich gut verkaufen zu können. Dem ist aber nicht so. Kemper skizziert auch die ganze Vorgeschichte der AfD, die sich über mehrere Jahre erstreckt. Das Buch ist reich an Fakten und Zitaten und verfügt über ein hilfreiches Glossar. Im Gegensatz zu anderen Antifa-Büchern ist es nicht nur eine Zusammenstellung von Personalien mit ihrem rechten Vorleben, sondern es birgt auch eine Analyse. Wenn auch manchmal die Ich-Form des Autors verwirrt, so kann er doch alle seine Einschätzungen hinreichend belegen.
Natürlich ist das Buch in Teilen bereits wieder überholt bzw. es gibt neue Erkenntnisse und neue Protagonisten, die die Bühne der AfD betreten haben. Außerdem vermisst man auch so ein paar Dinge. Zum Beispiel die Erwähnung, dass nichtlinke Parteigründungen immer einen Narrensaum anziehen, was das innere Gefüge fragiler macht und Kritik leichter. Auch bei der AfD tauchen vermehrt Verschwörungsparanoiker/innen, Reichsbürger/innen oder Ex-Linke wie Jürgen Elsässer auf. Gruppen, die Kemper nicht als Teil der Parteibasis benennt. Zu anderen Punkten hätte man sich genauere Ausführungen gewünscht. Warum strebt die AfD Volksentscheide wie in der Schweiz wie in der Schweiz an? Auf welche Volksentscheide zielt sie ab? Mutmaßlich auf das Minarettverbott und die Ausschaffung „krimineller“ Ausländer/innen. Für Uneingeweihte ein nicht sichtbar rassistisch interpretierbarer Programmpunkt. Aber das alles kann ja in einem neuen Buch bzw. einer überarbeiteten Version thematisiert werden.
Das Buch gehört jedenfalls zur Pflichtlektüre für jede/n, die/der die AfD aus emanzipatorischer Sicht kritisieren will.

Andreas Kemper: Rechte Euro-Rebellion. Alternative für Deutschland und Zivile Koalition e.V., Münster 2013.

Buchkritik „Mit Pfeil, Kreuz und Krone. Nationalismus und autoritäre Krisenbewältigung in Ungarn“

Still ist es geworden um Ungarn und das Wirken der völkischen Regierung unter Viktor Orban. Anfangs schafften es die Ereignisse in Ungarn nach der Wahl 2010 noch auf das Titelblatt auch deutscher Zeitungen. Inzwischen wird das Geschehen in den Reaktionen offensichtlich in dem Ordner „ferner liefen“ abgelegt.
Einmal genauer hinzuschauen und kritisch zu analysieren, was da in Ungarn passiert, hat sich das Buch „Mit Pfeil, Kreuz und Krone“ des AutorInnen-Trios Andreas Koob, Holger Marcks und Magdalena Marsovszky vorgenommen.
Ungarn-Buch

Machtübernahme einer völkischen Mehrheit in Ungarn
Dass eine völkisch-konservative Partei (Fidesz) 2010 knapp über 50% der Stimmen und 2/3 der Parlamentssitze erringen konnte und eine faschistische Partei (Jobbik) zur drittstärksten Kraft wurde, hat eine Vorgeschichte. Die Autorin Magdalena Marsovszky stellt überzeugend dar, dass in Ungarn eine „völkische Revolution“ stattgefunden hat bzw. stattfindet und eine völkische Massenbewegung entstanden ist, die sich dann in diesen Wahlergebnissen äußerte und nun in politische Handlungen übersetzt wird:

Mit dem Fidesz und seinem KDNP-Anhängsel gelangten die völkischen Kräfte 2010 an die politische Macht und haben nun die diskursive Deutungshoheit. Die neue Verfassung, das neue Mediengesetz, die neue Roma-»Integrationsstrategie«, die Maßnahmen in der Kultur-, Bildungs- und Wirtschaftspolitik, die Judikative, die Exekutive – einfach das gesamte Handeln des Staates unterliegt heute völkisch-idealistischen Kategorien. Die Gewaltenteilung wird dadurch obsolet. Diejenigen Menschen, die in den Kategorien einer liberalen Demokratien denken, sind in der Minderheit.

(Seite 57)
Die Zweiteilung der ungarischen Gesellschaft in einen majoritären und dominanten völkischen Flügel und einen marginalisierten kleineren demokratischen Flügel lässt sich nicht generell strikt entlang der Parteigrenzen definieren. So arbeiten die im Parlament vertretene Grünen gegen Fidesz punktuell auch mit der faschistischen Jobbik-Partei zusammen.
Die von der Regierung betriebene und der völkischen Mehrheit unterstützte Transformation Ungarns zur imaginierten, nichtsdestotrotz wirkungsmächtigen, „Volksgemeinschaft“ lässt Antiziganismus und Antisemitismus aufleben und virulent werden. Der Antiziganismus ist in Ungarn problemlos mehrheitsfähig, so waren einer Umfrage nach 62% der UngarInnen überzeugt, dass Roma „kriminell veranlagt“ seien. Besonders gegen die zahlenstarke Roma-Minderheit richtet sich auch die verstärkte ethnische Schließung der Gesellschaft. Viele ungarische Roma leben ausgegrenzt am Rand der Gesellschaft. Die Säuglingssterblichkeit ist etwa doppelt so hoch wie beim Rest der Bevölkerung und im Schnitt haben Roma in Ungarn eine um zehn Jahre jünger Lebenserwartung.
Der Antisemitismus in Ungarn ist dagegen vor allem ein antiliberaler und antikommunistischer Antisemitismus, der sich (noch) eher gegen „symbolische Juden“ als gegen tatsächliche Jüdinnen und Juden. Wobei hier vor allem bei Jobbik und Umfeld durchaus auch ein steigender Antisemitismus gegen reale Jüdinnen und Juden zu beobachten ist.
Der Antisemitismus in Ungarn hat viel mit der Konzeption der ethnisch-völkischen Kulturnation zu tun. Die in Ungarn überall anzutreffende „Mystifizierung und Sakralisierung der Nation“ braucht Feindbilder zur Abgrenzung und Selbstdefinition. Diese Feindbilder sind „die Zigeuner“, Homosexuelle und „die Juden“. Menschen, die diese „irdische Metaphysik“ des Nationalismus ablehnen, werden schnell als quasi „nationale Atheisten“ verfemt.
Das nationalistische und völkische Gedankengut in Ungarn ist über Jahre hinweg in die Gesellschaft eingesickert. Inzwischen dominiert es auch im Geschichtsbild. Der Frieden von Trianon, bei dem der österreichisch-ungarische Teilstaat große Gebietseinbußen hinnehmen musste, wird in Ungarn ähnlich diskutiert, wie in der deutschen Rechten der „Schandfrieden von Versailles“ bis 1945.
Dass führt zu Großungarn-Träumen, nicht nur bei Jobbik. Die Fidesz-Regierung installierte ein Staatsbürgerrecht für AuslandsungarInnen, also für ungarischsprachige Minderheiten in den Nachbarländern. Das Gesetz wurde im Mai 2010 auch von Grünen und SozialistInnen mit verabschiedet. JedeR mit einer ungarischen „Blutslinie“ kann damit ungarischeR StaatsbürgerIn werden.
Die Jobbik-Partei ist aggressiver in ihrem Revanchismus und vertritt dabei „eine regelrechte Lebensraumideologie in Bezug auf das Karpathenbecken.“ In ihrer Außenpolitik ist Jobbik sehr antiwestlich ausgerichtet und versucht daher auch mit IslamistInnen zu kooperieren. Außerdem orientiert sich ein Teil der ungarischen Rechten am Turanismus. Dabei wird das ungarische Volk als Teil der großen turanischen Völkerfamilie gesehen, die u.a. in Zentralasien zu finden ist. In Wahrheit handelt es sich nur um weitläufig verwandte Sprachgruppen, was diese Version einer Rassen-Ideologie aber kaum anficht.

Rechtes Wirtschaften
Das Kapitel von Holger Marcks im Buch setzt sich mit der Wirtschafts- und Sozialpolitik unter Fidesz auseinander. Marcks konstatiert dabei, dass Fidesz versucht auch in der Wirtschaftspolitik seinen ideologischen Ansprüchen gerecht zu werden. Im Krisenkontext versucht Fidesz z.B. die Verstaatlichung des Bankensystems zu erreichen. Der Wirtschaftspolitik liegt generell eine Unterscheidung in gutes, ungarisches und schlechtes, ausländisches Kapital zugrunde. Fidesz unterstützt deswegen massiv die einheimische Kapital-Fraktion und bevorzugt ihr nahestehende Firmen. Ergebnis ist die Nationalisierung der Wirtschaft und eine Art von Protektionismus, der aber nicht alle ausländischen Investoren angreift.

Bei dieser Form der Krisenbewältigung handelt es sich um eine reaktionäre Exit-Option, die dem freien Markt autoritäre Wirtschaftsmaßnahmen und der »Globalisierung« die völkische Einheit entgegstellt – eine Art Antikapitalismus von rechts, der sich nicht auf eine Klasse stützt und nach innen wendet, sondern auf Basis der »Volksgemeinschaft« die Konfliktdynamiken nach außen zu kanalisieren versucht.

(Seite 114)
Daneben entstand im Bereich Arbeitsbeschaffung ein autoritäres Arbeitsregime, was Menschen dazu zwingt zwangsverpflichtende Arbeit abzuleisten. Eine Praxis, die sich vor allem gegen Roma richtet.
In der Wirtschafts-Außenpolitik sucht die Fidesz-Regierung mit antiwestliche Bündnissen z.B. mit China oder dem Iran ihre Abhängigkeit von der EU zu mindern
Natürlich ist die Wirtschaftspolitik auch gewerkschaftsfeindlich. Soziale Kämpfe werden ver- und behindert. Damit fehlt ein Ventil als Reaktion auf kapitalistische Verwerfungen. Mit der völkischen Politik gegen innere und äußere „Feinde“ steht dann ein Ersatz-Ventil zur Verfügung.

Spätestens hier wird der »volksgemeinschaftliche« Geist sichtbar, der die Reformpläne der Regierung durchdringt. Klassenkonflikte sollen autoritär gedeckelt werden und die arbeitende Masse sich ganz auf die Erbringung effizienter Leistung für die nationale Wirtschaft konzentrieren.

(Seite 144)
Es gibt auch Ansätze zu einer Art Volkskörperkultur, bei der z.B. „Steuern auf ungesunde Lebensmittel“ erlassen werden, um das ungarische Volk zu einer gesünderen Ernährung zu zwingen.

Mit deutscher Unterstützung
Im Buch wird auch erwähnt, dass die deutschen ChristdemokratInnen und die Regierung immer wieder mit Orban zusammenarbeiten. Besonders das CSU-regierte Bayern hofiert Orban geradezu.
Der CSU-Europaabgeordnete und sudetendeutsche Berufsvertriebene Bernd Posselt ist ein besonders energischer Fürsprecher der ungarischen Regierung.
Weiter existiert eine gemeinsame Arbeitsgruppe von Fidesz und Union und es gibt allerhand Schützenhilfe durch die EVP-Fraktion im Europaparlament, in der sowohl CDU/CSU als auch Fidesz Mitglied sind. Dieses Bündnis führt zur gemeinsamen PR-Arbeit deutscher und ungarischer Konservativer.

Insbesondere die deutschen Konservativen konnte er [Orban] davon überzeugen, seinem nationalen Projekt Rückendeckung zu geben. Und diese wirkten denn auch in die EU hinein, um den Druck auf Ungar zu mindern.

(Seite 180)
Dabei ist die Bundesrepublik für Ungarn enorm wichtig. Sie ist größter Investor und wichtigste Wirtschaftspartner Ungarns.

Fazit: Orbanisierung Ungarns
Ungarn wird von einer parlamentarisch-demokratischen Republik in eine Ethokratie unter Fidesz-Parteienvorherrschaft umgebaut. Die parlamentarische und außerparlamentarische Opposition wird eingeschränkt und behindert. Selbst das System von checks and balances funktioniert nicht mehr.
Folge der autoritären Fidesz-Herrschaft ist eine voranschreitende Entdemokratisierung des Landes. Der Umschwung nach rechts hat dabei zuerst im vorpolitischen Raum stattgefunden und hat sich nun auf das politische Handeln übertragen. Gramscis Kulturrevolutions-Theorie kann am Beispiel Ungarns geradezu exemplarisch belegt werden – wenn auch der Marxist Gramsci keine Freude daran hätte.
Die neofaschistische Jobbik-Partei dient bei dem ganzen Geschehen „mitunter als Schrittmacher der Fidesz-Politik“. So schwenkt Fidesz noch weiter nach rechts, um weiter mit der Jobbik um wichtige Stimmenanteile konkurrieren zu können. Diese Faschisierung lässt, wie die AutorInnen, im Fazit titeln eine „Option auf den Faschismus“ zu, auch wenn dieser Weg nicht ausgemacht ist.
Das Buch ist definitiv ein Lesetipp für jede und jeden, die/der mehr über die Situation in Ungarn und die Hintergründe dazu erfahren will. Das Kapitel über die Wirtschafts- und Sozialpolitik unter Fidesz liest sich für Nicht-Ökonomen manchmal etwas trocken, ist aber zum Verständnis der Situation in Ungarn notwendig.
Etwas allein zurückgelassen bleibt die LeserInnenschaft mit der sich notwendigerweise ergebenden Frage „Was tun?“. Aber die Antwort darauf gehört nicht unbedingt in so ein Buch.

* Andreas Koob, Holger Marcks, Magdalena Marsovszky: Mit Pfeil, Kreuz und Krone. Nationalismus und autoritäre Krisenbewältigung in Ungarn, Münster 2013.

RAF-Ausstellung im Haus der Geschichte in Stuttgart

RAF-Ausstellung Stuttgart
Derzeit gibt es die die Ausstellung „RAF – Terror im Südwesten“ im Stuttgarter Haus der Geschichte anzuschauen. Die Ausstellung ist durchaus ansprechend gestaltet und stellenweise informativ, allerdings in Bezug auf den Staat stark apologetisch (entschuldigend) und verharmlosend.
Völlig unter den Tisch fallen die Motive der RAF-Mitglieder und der Kontext ihrer Entstehung: Die hetzerische Darstellung in großen Teilen der Medien gegen Linke, der einengende Nachkriegs-Konservatismus, Nazi-Kontinuitäten, die Polizeigewalt gegen die 68er-Bewegung (Stichwort „Benno Ohnesorg“) und die Eskalation des Vietnamkrieges (u.a. Einsatz von Napalm und „Agent Orange“ gegen die Zivilbevölkerung). Nie wurde versucht zu erklären, wie und warum denn Kinder aus gutbürgerlichen Hause dazu kamen in den Untergrund zu gehen und den bewaffneten – und auch damals in Realität vollkommen aussichtslosen – Kampf aufzunehmen.
Während ein Teil der Linken die RAF unkritisch und schwärmerisch mystifiziert, gerät die Gruppe im deutschen Bürgertum zum entpolitisierten Schreckgespenst. Dabei gibt es bei der RAF auch aus links-libertärer und emanzipatorischer Perspektive einiges zu kritisieren. Die RAF war eine leninistisch-maoistisch ausgerichtete Gruppe, die antiamerikanische (das deutsche Volk war teilw. für die RAF das zu befreiende revolutionäre Subjekt und wurde analog zum vietnamesischen Volk gestellt) und antizionistisch-antisemitische Tendenzen (besonders in den Erklärungen und Aktionen zugunsten irgendwelcher palästinensischen BefreiungsnationalistInnen) aufwies. Ihre Texte und Erklärungen muten aus heutiger Sicht zumindest skurril und weltfremd bis sektenhaft an. Ihr leninistischer Rationalismus war durchaus bereit über die Leichen von Nichtinvolvierten, also Zivilisten, zu gehen. Wenn die Beschäftigten bei Springer durch eine RAF-Bombe verletzt wurden, dann ist es zu einfach die Springer-Leitung, die nicht räumen lassen wollte, allein verantwortlich zu machen. Denn gelegt hatte die Bombe schließlich die RAF.
Bei der Beschäftigung mit der RAF stellt sich die Frage welche Abzweigungen nahmen ihre Mitglieder bis sie vollkommen in der Sackgasse endeten? Diese Frage wird in der Ausstellung so gut wie gar nicht beleuchtet.
Ebenso wird die Polizei-Gewalt und Staatsrepression kaum kritisiert. Man spricht höchstens von „Übertreibungen“. Aber mehrere Unschuldige wurden in der „bleiernen Zeit“ von der Polizei erschossen: Ian Mc Leod (1972), Wolfgang Seliger (1972), Richard Epple (1972) und weitere.
Kein Wunder das den Polizisten der Finger damals so locker am Abzug saß, hieß es doch auf den Fahndungsplakaten: „Anarchistischer Gewalttäter – Vorsicht Schusswaffe“. Auf den Plakaten von damals in der Ausstellung sind auch einige Bilder durchgestrichen. Nicht jedeR der derart Durchgestrichenen war aber im Gefängnis gelandet, einige wurden auch erschossen.
Die Nazi-Vergangenheit von Akteuren auf staatlicher Seite wie Schleyer (vermutlich letzter SS-Kampfkommandant von Prag) oder Filbinger (NS-Marinerichter mit Beteiligung an mehreren Todesurteilen) wurde auch nirgends in der Ausstellung erwähnt. Wenn Filbinger in einer wiedergegebenen Rede davon spricht, man müsse das „Geschwür des Terrorismus“ herausschneiden, dann klingt das stark nach Nazi-Sprech. Immerhin wurde als ein interessantes Detail am Rande erwähnt, dass Schleyers Witwe Waltrud von dem tausendfachen Nazi-Massenmörder Dr. Martin Sandberger ein Kondolenzbrief erhielt. Über die Verwicklungen des Geheimdienstes schwieg sich die Ausstellung ebenfalls komplett aus (Stichwort „Celler Loch“).
Interessant war z.B., dass die ersten Kundgebungen gegen die RAF-Gewalt von linken und alternativen Gruppen organisiert und durchgeführt wurden.
In einem Nebenraum zu der Ausstellung gab es Statements verschiedener Persönlichkeiten zum Thema „Gewalt“. Interessant war hier Karola Bloch, die Kommunistin und Frau von Ernst Bloch, die den „abstrakten Hass auf Gewalt“ kritisierte und offen sagte: „Selbstverständlich bin ich für Gewalt gegen solche Menschen, die dem Fortschritt schaden.“

Fazit: Kann man sich ja mal anschauen, aber es ist nicht gerade eine staatsferne und kritische Ausstellung.