Buchkritik „Das rote Jahrzehnt“ von Gerd Koenen

Der Autor Gerd Koenen beschreibt in seinem Buch „Das rote Jahrzehnt“ (Frankfurt/Main, 2. Auflage 2004) auf 500 Seiten das Jahrzehnt von 1967 bis 1977 in Westdeutschland mit Schwerpunkt auf der außerparlamentarischen Linken. Koenen ist dabei selber Zeitzeuge, war er doch der Frankfurter Sekretär im „Kommunistischen Bund Westdeutschland“ (KBW). In seinem im März 2001 beendeten Buch nimmt er eine sehr (selbst-)kritische Perspektive ein.
So versucht er auch einige Mißverständnisse und Mythen aufzuklären, jedenfalls aus seiner Sicht. So hätten z.B. nicht die 68er, sondern die 58er bereits für eine Aufweichung der starren Nachkriegsggesellschaft gesorgt:

Tatsächlich wären die unpolitisch-hedonistischen Subkulturen des Jahrzehnts vor 1968 mit dem Prädikat »antiautoritär« sehr viel genauer bezeichnet als ihre politisierten Nachfolger. Sie […] waren vielleicht die eigentlichen Pioniere des Ausbruchs aus den Bigotterien der Nachkriegsjahre.

(Seite 79)
Das rote Jahrzehnt
Obwohl Koenen sein rotes Jahrzehnt – zu Recht – in der Perspektive sehr kritisch beachtet, singt er nicht wie Andere einen unkritischen Lobgesang auf die ‚andere Seite‘. Er erkennt durchaus, dass es dem antikommunistisch eingestellten Bürgertum entgegen der Eigebukundung nicht wirklich um Freiheit ging:

Und gegen Diktatur und Kollektivismus der stalinistischen Regimes des Ostens wurden nicht zuerst westliche Demokratie und individuelle Freiheit, sondern traditionelle Kollektivwerte von Familie, Religion und Eigentum ins Feld geführt. So bildete eine weitgehend anachronistische Ideologie des »christlichen Abendlandes « auch das Fundament der ersten Phase der europäischen Einigung […].

(Seite 72)
Aus dem „Konflikt von Weltkriegs- und Nachkriegsgeneration“ entstand der Bruch von 1967/68 und der sich daran anschließende Gang in die K-Gruppen. Diese waren sehr elitär und litten an einer Verkaderung. Immerhin war Koenens KBW weniger konform und uniform als die anderen K-Gruppen. Koenen legt in seinem Buch die Gruppendynamiken dar, die dazu führten und die sich auch schon im SDS fanden. Die K-Gruppen steigerten gegenüber dem SDS ihre eschatologischen (endzeitlichen) Erwartungen. Der Gedanke, dass die Weltrevolution demnächst ins Haus steht, trieb alle zu einem „Hochleistungsaktivismus“ an. Dadurch wurden AktivistInnen verheizt, doch für die Verbrauchten stießen immer neue dazu. Die K-Gruppen waren eher an der Spitze von 68ern besetzt, darunter mischten sich Alt- und Nach-68er. Überall glaubte man die Anzeichen für den „Weltklassenkrieg“ zu entdecken, in allen Ecken des Globus. Da es in der Bundesrepublik nicht so gut lief, stürzte man sich hier in einen unkritischen thirdworldism, der in der „Dritten Welt“ Solidaritäts-Objekte entdeckte.
Andere waren Ströumgen in der Neuen Linken waren undogmatischer als die K-Gruppen, wie etwa die Kommune I, die es verstand 1967 in der Medienhysterie über sie gut daran zu verdienen. Am Rande erfährt man bei Koenen auch, dass Andreas Baader 22.000 DM aus der „politischen Haushaltskasse“ einer Kommune klaute, in der er lebte, und sich davon einen Mercedes kaufte.
Wiederum andere wanden sich dem Maoismus und der Kulturrevolution als (vermeintlicher) Antithese zum Bürgertum zu. Maos „Rote Bibel“ diente dabei als „eine lyrisch-revolutionäre Hausapotheke.“
Wie andere K-Gruppen so vollzogen auch die Parteimaoisten erstaunliche politische Wendungen, so waren sie z.B. zeitweise aus Parteinahme gegen den sowjetischen „Sozialimperialismus“ für die NATO und die Bundeswehr eingestellt.
Im Innern der K-Gruppen war man rigoros in Bezug auf Selbstdisziplinierung und das Einhalten der jeweils gültigen Linie. So wurden z.T. „lumpenproletarische Elemente“ aus den eigenen Reihen aussortiert. Es entwickelte sich ein „eigentümlich deutscher Theorie-Fanatismus, der auf den Mangel an realen Erfahrungen, Traditionen und Anknüpfungen verwies“ (Seite 190).
Die K-Gruppen orientierten sich nicht selten an bestimmten sozialistischen Regimen wie China, Kampuchea (Pol Pot) oder Albanien, das damalige Nordkorea Europas. Wenn das jeweilige Regime sie als offiziellen Partner in Deutschland akzeptierte war das so etwas wie eine höhere Weihe. Die „politische Halbprozentsekte“ DKP wurde natürlich von der DDR gestützt, sie erhielt dabei durch die DDR konstanter und weitaus umfangreichere geheime Spenden als die CDU durch die Industrie (z.B. Flick & Co). Ironischerweise war die DKP ebensowenig wie die anderen K-Gruppen, trotz des Bezugs auf das Proletariat, in ihrer Sozialstruktur eine Arbeiterpartei.

Trotz des sehr aktiven Personals waren die K-Gruppen aber weder an der Wahlurne noch längerfristig bei Kampagnen erfolgreich. Warum? Koenen bietet eine mögliche Antwort an:

Jenseits all dieser Bewegungen links (wie rechts) außen gelang es dem neuen Bundeskanzler Willy Brandt, durch sein Versprechen »mehr Demokratie zu wagen«, den Sozialstaat weiter auszubauen und eine Öffnung nach Osten einzuleiten, einen Gutteil der gesellschaftlichen Veränderungsenegien über die Sozialdemokratie zu integrieren und zu kanalisieren.

(Seite 203)
Letztlich war 1968 in Deutschland auch keine echte Machtprobe, da die 68er zu ohnmächtig waren. Doch die Niederlagen verstanden sie immerhin zu feiern:

Ach, unsere Niederlagen, die mindestens so grandios waren wie die Siege, die wir beinahe errungen hätten. Der ARBEITERKAMPF war immer vorneweg beim nächsten fälligen Rückzug. Er war, wenn [man] so sagen darf, das Organ des heroischen Opportunismus […].

(Seite 309)
Ein größerer Teil assimilierte sich mit der Zeit in die Realpolitik und kam mit der rotgrünen Regierung ab 1998 zu Amt und Würden. Da hatten sie aber schon die Institutionen durch sich hindurch marschieren lassen. Aus dem Straßenkämpfer Joschka Fischer war ein Kriegsminister geworden.

Koenen beleuchtet auch das Entstehen der neuen, linken Frauenbewegung, die sich bald von den 68ern emanzipierte und eigene Wege ging. Ihnen ging die informelle Herrschaft der Männer z.B. im SDS auf die Nerven. Diese männliche Dominanz funktionierte auch gut ohne feste Hierarchien:

Gerade in den unstrukturierten, angeblich antiautoritären Formen von Öffentlichkeit und »Selbstorganisation«, dieser nie abreißenden Kette von »Teach-ins«, »Vollversammlungen«, »Plena« usw., konnten die Frauen sich kaum Gehör verschaffen (soweit ihnen das überhaupt verlockend erschien). Was in der Bewegungslyrik beständig als Vorwegnahme von Elementen einer »befreiten Gesellschaft« oder von »Rätestrukturen« in der eigenen Organisation beschworen wurde, das war in Realität eine Mischung aus Hackordnung und Dauerbalz. Dabei bedurfte es keiner besonderen patriarchalen Entschlossenheit zur Unterdrückung der Frauen.

(Seite 126-27)

So war auch das RAF-Mitglied Andreas Baader ein widerlicher Sexist, der z.B. Ulrike Meinhof als „bürgerliche Fotze“ beschimpfte. Baader verlangte auch im Knast per Kassiber (geheime Gefangenen-Nachricht), die Forderungen der Gruppe zu den Haftbedingungen müssten so formuliert sein, dass „sich jeder Rocker oder auch jeder, der seine Alte abgejakst hat, darin findet“.

Nichts geRAFft – linke Geschichtsrelativierung und antisemitischer Antizionismus
In der RAF kumulierten sowieso viele der schlechten Seiten der 68er. Beispielsweise eine anmaßende Selbst-Gleichsetzung mit den Nazi-Opfern. So schrieb Gudrun Ensslin:

Unterschied toter Trakt und Isolation: Auschwitz zu Buchenwald. Der unterschied ist einfach: Buchenwald haben mehr überlebt als Auschwitz […] Wie wir drin ja, um das mal klar zu sagen, uns nur wundern können, daß wir nicht abgespritzt werden. Sonst über nichts […]

Dazu passt, dass sich die Neue Linke schon vor der RAF häufiger als „neue Juden“ bezeichnet hatte. Dieser historische Relativismus führte dann bei der RAF schnell in den antisemitischen Antizionismus. Ulrike Meinhof bewertete 1972 das Olympia-Attentat von München u.a. mit folgenden Sätzen:

An der Aktion des Schwarzen September in München gibt es nichts mißzuverstehen. Sie haben Geiseln genommen von einem Volk, das ihnen gegenüber Ausrottungspolitik betreibt. Sie haben ihr Leben eingesetzt, um ihre Genossen zu befreien. Sie wollten nicht töten […] Die deutsche Polizei hat die Revolutionäre und die Geiseln massakriert.

Neben der Verniedlichung der palästnensischen TerroristInnen, die eine Handgranate in einen Hubschrauber mit Geiseln warfen, fällt hier vor allem der Hass auf Israel auf. Koenen resümiert:

Dieser »Antizionismus« unterschied sich vom traditionellen Antisemitismus allerdings dadurch, daß er wütend bestritt, sich gegen die Juden als solche zu richten. Das wäre ja Rassismus gewesen! Rassisten waren aber gerade die Israelis »als Volk« (wie Ulrike Meinhof schrieb) und dann die Vertreter jüdischer (»zionistischer«) Organisationen im Westen, darunter auch in der BRD.

(Seite 412)
Neben dem Antizionismus fand sich bei der RAF auch der, in der Linken vielerorts anzutreffende, Antiamerikanismus. Koenen zitiert den Moro-Entführer Valerio Morucci

Die RAF […] interessierte sich immer nur für eine internationale Thematik […], daher heißt ihr Hauptfeind Amerika. Ein deutsch-nationales Gefühl spielte da mit.

Nationalismus spielte auch bei den Neuen Linken eine gewisse, häufig eher untergründige, Rolle. Das war schon beim SDS so. So warf Rudi Dutschke der Union den Verrat an Deutschland vor:

Niemand von uns liebte die Mauer, nur wenige hielten die DDR und die SED für wirklich sozialistisch, aber fast alle haßten die heuchlerische Adenauer-Republik, die Doppelzüngigkeit der SPD und den Verrat der deutschen Wiedervereinigung.

Mit deutschnationalem Antiamerikanismus ließen sich die Deutschen gut in die Reihe der Opfer einreihen, was auch Linke taten. So hieß es in einer RAF-Kommandoerklärung zur Anschlagsserie im Mai 1972:

Die Menschen in der Bundesrepublik unterstützten die Sicherheitskräfte bei der Fahndung nach den Bombenattentätern nicht, weil sie […] Auschwitz, Dresden und Hamburg nicht vergessen haben, weil sie wissen, daß gegen die Massenmörder von Vietnam Bombenanschläge gerechtfertigt sind.

Koenen kommt zu dem Schluss, dass die Analyse häufig von Verdrängtem stark beeinflusst war:

Die Auflösung in marxistische Klassen-Kategorien war vielfach nur eine verstellte Redeform, um sich mit der Geschichte der eigenen Eltern und der eigenen Gesellschaft nicht zu persönlich und konkret auseinandersetzen zu müssen. Die Überführung der Kritik des Nazismus vermittels eines banalisierten Begriffs des Faschismus in die Kritik des Kapitalismus bedeutete bei aller verbaler Schärfe eine Milderung der singulären Verbrechen und eventueller schuldhafter Verstrickungen. Es war also in Wirklichkeit nicht um Volksgemeinschaft, Rassenreinheit und Vernichtung des »Weltjudentums« gegangen, sondern um Imperialismus, Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeiterbewegung – lauter universelle, geradezu vertraute Dinge.

(Seite 485)

Das Buch ist lesenswert, aber häufig hätte man mehr gerne erfahren, was der Autor nun denn jeweils darüber denkt. Koenen wühlt viel in der Zitatekiste, aber besonders in der ersten Buchhälfte bleibt bei vielen Zitaten über das „rote Jahrzehnt“ unklar, ob sie dem Autor damit zu einer gewissen Distanz verhelfen sollen oder ihm als Versteck für seine Meinung dienen. Was ist z.B. mit den sprachlichen Parallelsetzungen von 1968 und dem NS? Ist das ernst gemeint? Nicht, dass er das direkt so behauptet. Aber die sprachliche Gleichsetzung ist schon auffällig, wenn eine Kapitelüberschrift „Schwarze Milch des Terrors“ heißt oder er von der „Landser-Geschichte eines eingebildeten Welt-Revolutionärs“ schreibt.
Zwischen den Zitaten liegen viele kluge Gedanken und Einschätzungen versteckt. Der Autor nimmt immer wieder eine Psychologisierung vor, die einiges für sich hat, aber der man auch nicht zwingend folgen muss. Obwohl er es auch thematisiert, hat man machmal den Eindruck, er unterschätzt den Antikommunismus und Postnazismus in der Bundesrepublik, der dort bis weit in in die 1970er sehr wirkmächtig war.
Schade ist auch, dass der Autor seine Kapitalismuskritik in seiner kritischen Rückschau gleich mit entsorgt zu haben scheint. Jedenfalls scheint eine Überwindung des Systems keine Rolle mehr für ihn zu spielen. Dabei ist das keine zwingende Schlussfolgerung aus seiner Kritik. Die ist nämlich an vielen Stellen richtig.

Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt, Frankfurt/Main, 2. Auflage 2004