„Die Rebellion der Habenichtse“ von Boris Kanzleiter und Dirk Pesara

Rebellion der Habenichtse
Das Buch ist etwas veraltet, aber in Teilen durchaus noch aktuell. Das Autoren-Duo Boris Kanzleiter und Dirk Pesara verfasste 1997 den Band „Die Rebellion der Habenichtse“ mit dem Untertitel „Der Kampf für Land und Freiheit gegen deutsche Kaffeebarone in Chiapas“.
Letztlich geht es um die Geschichte des südmexikanischen Bundesstaates Chiapas, der seit dem Aufstand der Zapatisten 1994 weltweit unter Linken bekannt ist. In vielen linken WGs trinkt man bis heute den Chiapas-Soli-Kaffee.
Um zu verstehen, warum es gerade in dieser Region den „Aufstand der Würde“ gab, muss man ihre Geschichte näher betrachten. Genau das tut das Buch auch: Es beleuchtet wichtige Abschnitte und Bereiche in der Geschichte von Chiapas.
Besonders intensiv betrachtet werden die deutsch-mexikanischen Verflechtungen. Diese beginnen bei der ungleichen Land-Verteilung in Chiapas ab Ende des 19. Jahrhunderts. Damals vergab die Regierung in Chiapas große Teile des Landes an Kolonialgesellschaften. Dieses Vorgehen war Bestandteil einer Art Kolonialisierung des Hinterlandes, was damals vor allem von Indigenen bewohnt war. An dieser Kolonialisierung waren ähnlich wie in Guatemala auch Deutsche beteiligt, die als deutschstämmige Großgrundbesitzer-Familien bzw. deutsche Kaffeebarone bis heute einen wichtigen Teil der kleinen aber umso mächtigeren Oberschicht in Chiapas stellen.
Mit diesem Wissen verwundert es nicht, dass z.B. ein Hamburgo oder ein Prusia (Preußen) in Chiapas gibt. Die deutschen Siedler*innen verstanden sich gegenüber der indigenen Bevölkerung als Kolonialist*innen und „Zivilisationsbringer*innen“.
So gab es in der Hauptstadt des Bundesstaates, Tapachula, auch einen Deutschen Klub mit bis zu 200 Mitgliedern. Dieser Klub wurde 1938 von Unbekannten niedergebrannt. Mutmaßlich als Reaktion auf den Putsch-Versuch im Mai 1938 von General Cedillo, der von Nazi-Deutschland und dem faschistischen Italien unterstützt wurde. Die Chiapas-Deutschen hielten nämlich die Verbindungen in die „alte Heimat“. Einzelne, wie z.B. Hermann Schimpf, dienten auch in der Wehrmacht und auf ihren Kaffee-Plantagen wehte zum Teil auch die Hakenkreuzflagge. Diese Kontakte nach Deutschland verschaffte den deutschen Kaffeebaronen privilegierte Lieferkanäle in die einstige Heimat. So gingen zeitweise 70% der Gesamternte der mexikanischen Pazifikküste nach Hamburg oder Bremen.
Die Parteinahme für Nazi-Deutschland war aber im antifaschistisch orientierten Mexiko zeitweise auch nachteilig. Im Juni 1942 wurden 77 Kaffeeplantagen deutschstämmiger Besitzer in Chiapas von der Regierung konfisziert. Allerdings wurden diese 1946-50 wieder zurückgegeben.
Es gab aber auch aus Deutschland stammende Personen, die in Chiapas lebten und positiv wirkten. Beispielsweise Karl Mayen, der 1923 am missglückten Thälmann-Aufstand teilnahm und ab 1926 das Lateinamerika-Institut der „Kommunistische Internationalen“ leitete. Dieser ging 1929 nach Soconusco in Chiapas und half dort die parteikommunistischen und gewerkschaftlichen Aktivitäten zu organisieren.
Auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges dauerten diese deutsch-mexikanischen Verflechtungen in Chiapas fort. So war die Bundesrepublik zum Zeitpunkt des Erscheinen des Buches nach den USA der weltweit größte Rohkaffee-Importeur und in Chiapas wurden 30% des mexikanischen Kaffees geerntet. Davon ging ein größerer Teil auf alten Handelswegen in die Bundesrepublik. Die Kundschaft im fernen Deutschland bekam dabei schon früh auch spezielle Bedürfnisse erfüllt, z.B. der Wunsch nach Kaffee, produziert nach Rudolf Steiners okkulten Lehre. Auf der Finca Irlanda der Familie Peters wurde schon früh nach anthroposophischen Grundlagen gewirtschaftet:

„Rudolf Peters, Gründer der Plantage, lernte sein Handwerk noch persönlich beim obersten Anthroposophen-Priester Rudolf Steiner. Mittlerweile wird die Ökofarm von der dritten Generation bewirtschaftet, die der anthroposophischen Lebensweise noch immer treu verpflichtet ist.“

(Seite 39-40)
Bis heute wird dort nach Demeter-Richtlinien gehandelt. An der Ausbeutung der Landarbeiter*innen ändert das freilich nichts.
Die extreme Ungleichverteilung des Landes und die Ausbeutung der Landarbeiter*innen führten schließlich zu Farm-Besetzungen. Diese waren zwar inspiriert von den Zapatist*innen, fanden aber offenbar teilweise unabhängig von deren Organisationen statt. Es waren einfach über die Verhältnisse empörte Landarbeiter*innen, die die Farmen von Großgrundbesitzer-Familien besetzten, auf denen sie bis dahin für den sprichwörtlichen Hungerlohn schuften mussten.
Im Bündnis mit dem Staat schlugen die ehemaligen Besitzer-Familien natürlich zurück. Die Armee wurde in die Provinz entsandt und bewaffnete Banden, so genannte „weiße Garden“, angeheuert. Teilweise waren im Zuge der Aufstandsbekämpfung 1/3 der Streitkräfte Mexikos in der Provinz stationiert. Bei der gewaltsamen Rückeroberung besetzter Plantagen und der allgemeinen Unterdrückung von Landarbeiter*innen durch die weißen Garden und die Armee starben bis 1997 mehrere hundert Menschen. Die gepanzerten Wagen der Armee stammten teilweise von Mercedes Benz. Auch eine Art von deutsch-mexikanischer Verflechtung.

* Boris Kanzleiter / Dirk Pesara: Die Rebellion der Habenichtse. Der Kampf für Land und Freiheit gegen deutsche Kaffeebarone in Chiapas, Berlin 1997