Archiv für Dezember 2013

Buchkritik „Zur Re-Biologisierung der Gesellschaft“ von Annett Schulze und Thorsten Schäfer

Re-Biologisierung der Gesellschaft
Der kleine, von Annett Schulze und Thorsten Schäfer herausgegebene, Sammelband „Zur Re-Biologisierung der Gesellschaft“ (Aschaffenburg, 2012) widmet sich „menschenfeindliche[n] Konstruktionen im Ökologischen und im Sozialen“, wie es im Untertitel heißt.

Im ersten Abschnitt nach der Einleitung befasst sich das Autor/innen-Duo Schulze und Schäfer mit dem Thema „‘Von gesunden Körpern und natürlicher Gesellschaft‘ – Normierungen in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft“.
Hier zeigen sie z.B. das Dicksein in der heutigen Gesellschaft zur Krankheit erklärt und gleichzeitig die Selbstverantwortlichkeit des Individuums überbetont wird:

Diese Aussagen legen nahe, dass Menschen selbst verantwortlich seien, wenn sie krank würden. Dementsprechend müssen sie auch selbst dafür einstehen. Gesellschaftliche Strukturen geraten aus dem Blick, weil das Spotlight auf das Individuum gerichtet wird.

(Seite 25)
Systemische Analysen und Erklärungen fallen damit weg. Im vorherrschenden Körperkult wird der eigene Körper als Unternehmen verstanden, welches im Kapitalismus natürlich möglichst leistungsfähig sein muss.
Im Anschluss daran stellen sie mehrere einflussreiche Akteure vor, die Naturbeobachtungen auf den Menschen übertragen haben und so einer „Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse“ Vorschub leisteten:

Menschen, die konservative Positionen vertreten, suchen nach Authentifizierung und setzen diese mit Naturverhältnissen gleich. Die Sehnsucht nach einem reinen, unbeschadeten Ursprung hat in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen Konjunktur.

(Seite 33)
Sie skizzieren exemplarisch für den Bereich Wissenschaft kurz das Werk von Ernst Haeckel (1834-1919), Konrad Lorenz (1903-1989) und Irenäus Eibl-Ebesfeldt (* 1928). Für den Bereich (Öko-)Politik Herbert Gruhl (1921-1993), Baldur Springmann (1912-2003) und Rudolf Bahro (1935-1997).
Diesen Protagonisten und Teilen der Wissenschaft attestieren die Autorin und der Autor ein falsches Naturverständnis, nämlich:

Natur als statisch und nicht als werdende Praxis zu begreifen, ermöglicht erst die Assoziation mit Ursprung, Unberührtheit und Reinheit – aus wertkonservativer Sicht.

(Seite 80)
Allerdings ist Natur dynamisch und wird von den gesellschaftlichen Verhältnissen beeinflusst:

So wird Natur zu gesellschaftlich vermittelten Naturverhältnissen und damit historisch. Das historische Werden von Natur durch das Verhältnis der Menschen zu ihrer Umwelt ist von Widersprüchen durchzogen, die konflikthaft sind. Diese Widersprüche ermöglichen Widersprechen.

(Seite 78)
Gegen den konservativen Mainstream der Wissenschaft führen sie die Kritische Theorie ins Feld. Anhänger/innen von dieser würden einen Minorstream von dissidentischen, widersprechenden Wissen produzieren. Hier betonen sie dann die Autonomie des/der Akteur/in, welche/r selbst entscheide, was sie/er vertritt.
Sie enden mit dem Appell zur Reflexion und Kritik:

Innerhalb der etablierten und meist als konservativ geltende Wissenschaftsdisziplinen wie der Geschichtswissenschaft wurde immer wieder Forschung praktiziert, die das produzierte Wissen hinterfragen sollte. Gemeinsam war ist all diesen Gegenpositionen das Infragestellen eines Wissens, das ‚Natürlichkeiten‘ rechtfertigt, Normen vorgibt und Rollen festschreibt.

(Seite 86)

Im darauf folgenden Kapitel schreibt Michael Gommel über „Die anderen sind unter uns – der Beitrag der zeitgenössischen Humanbiologie zu einer menschenfeindlichen Biopolitik“.
Er verweist darauf, dass subjektive Voreingenommenheiten in die Wissenschaften eindringen und fordert:

Die Forschenden müssen daher in ihrem Selbstverständnis ein hohes Maß an weltanschaulicher Neutralität kultivieren.

(Seite 99)
Am Beispiel von des 1943 von Konrad Lorenz eingeführten „Kindchen-Schema“ zeigt er, wie aus einer Vermutung ein Faktum wurde, was in die Schulbücher eingegangen ist und sich noch heute dort findet. Dabei ist „Kindchen-Schema“ im Grunde höchst unwissenschaftlich und basiert auf Anekdoten statt auf Empirie.
Gommel zeigt später auch auf, wie das Bild von ‚dem Anderen‘ produziert wird:

Die modernen wissenschaftlichen Bemühungen zu Beschreibung und Einteilung von Menschen hatten mittels dichotomer Trennung (d.h. durch das Behaupten, Menschen „hätten“ Eigenschaften, die sich in Gegensatzpaaren wie gesund-krank, weiß-schwarz, männlich-weiblich darstellen ließen) künstlich den Anderen erschaffen, der assimiliert oder aufgelöst werden sollte. Diesem Anderen, der nicht zur Norm passt, widerfährt durch die Sprache der Gewissheit und der Notwendigkeit eine andauernde Demütigung und Abwertung.

(Seite 104)
Diese Spaltung zwischen ‚wir‘ und ‚die Anderen‘ führte auch zu eugenischen Konzepten. Hier waren ‚die Anderen‘ die als ‚nicht gesund‘ Eingeordneten, die als die „Anderen der eugenischen Ordnung“ erkannt und klassifiziert wurden. Da Sexualität immer mit Fortpflanzung verbunden wurde – evtl. eine Hinterlassenschaft der Kirchen – versuchte man auch die Kontrolle über die Sexualität zu erlangen. Im Rahmen der Eugenik kam es in der Humanbiologie des 19. und 20. Jahrhunderts zu ‚Gärtner-Züchter-Chirurgen-Ambitionen‘. Nur ‚Geeignete‘ sollten sich künftig fortpflanzen dürfen. Im Nationalsozialismus radikalisierten sich dann diese Bestrebungen:

Dieser ‚Andere der Ordnung‘ war nicht mehr nur ein Feind. Er wurde zum ‚Ding‘: Er wurde nicht nur als krank, hässlich und minderwertig bezeichnet, sondern durch seine Darstellung als Unkraut oder Ungeziefer vollkommen entmenschlicht […]. Der so vollzogene Ausstoß aus der menschlichen Gesellschaft machte es leichter, ihn zu vernichten.

(Seite 112)
Gommel bezeichnet in diesem Zusammenhang Eugenik als ‚protonormalistische Strategie‘.
Während ‚die Anderen‘ in diesem Prozess von othering ausgiebig definiert werde, so erscheint dabei aber die Norm weder begründungs- noch untersuchungsbedürftig. Da bei vielen die Angst besteht zu ‚den Anderen‘ zu gezählt zu werden, entsteht ein Norm-Druck, die Angst nicht normal zu sein, die zur Selbst-Normierung führt.
Auch im in der Postmoderne finden ‚private Realitäten‘ Einfluss in die zeitgenössische Humanbiologie. Gommel bezeichnet das als Moderne und Vormoderne in der Postmoderne und stellt das am Beispiel der (traditionellen) Sexualitätsvorstellungen von Eibl-Eibesfeldt dar.
Am Ende appelliert auch Gommel:

Die Reflexion der eigenen Rolle als WissenschaftlerIn und der eigenen Wertvorstellungen im Zusammenhang mit den Werten und Normen der „Organisation Wissenschaft“ und der sich daraus möglicherweise ergebenden Interessens- und Rollenkonflikte ist eine wichtige Voraussetzung zur Ausbildung der eigenen wissenschaftlichen Integrität.

(Seite 125-26)

Vanessa Lux schreibt danach über „Verschiebungen in der biologistischen Diskussion: das Beispiel Sarrazin“ und anschließend Timo Plümecke über „Rassifizierte Gene und Genetifizierte ‚Rassen‘: Differenzen in den Lebenswissenschaften“. In ihrem Beitrag zeigt Vanessa Lux auf dass gesellschaftliche Unterschiede heute weiter biologisiert werden. Wobei die wissenschaftliche Rationalisierung von Anfang an zwei Seiten aufwies:

Durch den Fokus auf das Individuum und seinen Bezug auf die Naturwissenschaften ermöglichte er die Zurückweisung der göttlichen Ordnung des Feudalismus. Zugleich erlaubte er aber auch, die neu entstehenden Formen gesellschaftlicher Ungleichheit und deren strukturelle Verstetigung zu legitimieren. Unter Verweis auf wissenschaftliche Theorie konnte gerechtfertigt werden, dass nicht jede(r) in gleicher Weise am aufkommenden Wohlstand des Kapitalismus teil hatte.

(Seite 133)
Genau das tut Sarrazin. Wie das Beispiel Sarrazin zeigt wird dabei ein biologischer Determinismus um einen sozialen und kulturellen Determinismus ergänzt.
Der biologische Determinismus ist dabei aber keine Kontinuität vom NS-Rassismus. Statt Physiologie (Hautfarbe etc.) argumentiert man hier mit Genetik und damit vermeintlich rationaler.
Als Grundlage dazu dient die Entschlüsselung der DNA. Dadurch das fachwissenschaftliche Untersuchungen in populären Medien vereinfacht aufbereitet wurden, gab es das falsche Verständnis mit der DNA sei eine Art Bauplan abzulesen. In diesem sei auch die Herkunft vermerkt, so dass diese problemlos auslesbar sei. In diesem Zusammenhang verweist Plümecke auf die derzeit populären genetischen Abstammungstests, wo z.B. ermittelt wird zu wieviel Prozent man angeblich ‚jüdisch‘ sei. Aber auch scheinbar erfolgreiche Abstammungs-Ermittlungen in der Forensik scheinen eine ‚New Science of Race‘ in den Augen vieler rationaler zu machen.
Plümecke konstatiert sowohl Statik als auch Erneuerungen in den neuen ‚Rasse‘-Modellen:

Die Gleichzeitigkeit von Wandel und Konstanz biologischer ‚Rasse‘-Verständnisse wird in bisherigen Untersuchungs- und Darstellungsformen zur Kontinuität von ‚Rasse‘ und rassistischer Wissenschaft wenig beachtet. Das liegt vor allem daran, dass in vielen antirassistischen Untersuchungen zumeist nur auf die Kontinuitäten rassifizierender Konzepte fokussiert wird. Kontinuitäten werden darin anhand einzelner Personen, die schon in der Zeit des Nationalsozialismus arbeiteten, oder anhand einer ‚Schule‘, also der Weitergabe von rassistischen typologischen und nazistischen Konzepten von einzelnen AkteurInnen an die ‚SchülerInnen‘ aufgezeigt.

(Seite 173)

Christoph Kopke schreibt in seinem Kapitel am Buchende über „Kompost und Konzentrationslager – Alwin Seifert und die ‚Plantage‘ im KZ Dachau“. Der „Reichslandschaftsanwalt“ Alwin Seifert (1890-1972) versuchte im Nationalsozialismus Autobahnbau und Landschaftsschutz miteinander zu vereinbaren. Kopke weist nach, dass Seifert im Versuch seine Aktivitäten im Nationalsozialismus zu verschleiern gelogen hat. So stand Seifert in Kontakt mit dem Dachauer Obergärtner Franz Lippert und dem SS-Obergruppenführer Oswald Pohl und bekam auch „über Pohl und Lippert ein Bibelforscher-Ehepaar für seinen Haushalt“ ‚gestellt‘. Im KZ Dachau existierte ein Kräutergarten. „Ein auf Zwangsarbeit beruhender Großbetrieb“, in dem täglich von mehreren hundert bis zu 1.500 (1944) Menschen täglich zur Arbeit gepresst wurden. Seifert stand nicht nur in Kontakt mit diesem Projekt, er war offenbar auch in die Landschaftsplanung um Auschwitz involviert.

Der Sammelband ist lesenswert und regt zum Nachdenken darüber an, was man für ‚normal‘ und ‚natürlich‘ hält und deswegen kaum hinterfragt. Die Sprache des Buches ist Akademisch und es gibt nicht übersetzte Zitate in Fachenglisch, weswegen Menschen ohne einen entsprechenden akademischen background damit Probleme haben dürften. Am besten geeignet dürfte das Buch für Menschen ab dem zweiten oder dritten Semester sein. Hier kann die Lektüre sicher zur Entwicklung einer (selbst-)kritischen Perspektive beitragen.
Manchmal hätten anschauliche Beispiele die akademische Texte noch etwas aufgelockert. Beispielsweise, dass die nahe Verwandtschaft des europäische Hochadels zu einem großen Anteil an Blutern in dessen Reihen geführt hat. Wenn in dem einen Beitrag erwähnt wird, dass es in den USA ein Medikament nur für schwarze Amerikaner/innen gibt, dann hätte man mit dem Bluter-Beispiel zeigen können, warum es genauso sinnvoll wäre ein Medikament nur für den europäische Hochadel zu entwickeln.
In dem Beitrag zu modernisierten ‚Rasse‘-Konzepten wäre es interessant gewesen zu erfahren, wie der Begriff ‚Ethnie‘ eingeschätzt wird. Dieser scheint nämlich oftmals als unbelasteter Ersatzbegriff für ‚Rasse‘ zu fungieren.
Der Beitrag von Kopke wirkt etwas fehl am Platze in dem Band, da er sich mit einer speziellen Person und deren NS-Biografie auseinandersetzt und deswegen weniger theoretisch-analytisch ist.

Annett Schulze/Thorsten Schäfer: Zur Re-Biologisierung der Gesellschaft. Menschenfeindliche Konstruktionen im Ökologischen und im Sozialen, Aschaffenburg 2012.

Buchkritik „Alles würde gut“ von Felix Finkenberger

Alles würde gut
Es ist ein dünnes Bändchen, diese Streitschrift „Alles würde gut“ von Felix Finkenberger, die der Autor 2012 im Alter von 15 Jahren verfasst hat. Aber Hessels „Empört euch!“ ist auch nicht viel umfangreicher und nicht zufällig bezieht sich Finkenberger darauf.
Finkenberger kämpft mit einer Initiative seit Jahren für die Pflanzung von 1.000 Milliarden Bäumen auf dem Globus. Seine Motive dafür hat er in seiner Streitschrift zusammengetragen. Es geht um die in dieser Welt herrschenden Ungerechtigkeiten. Die Benennung der Missstände und ihre Kritik ist richtig, aber die Analyse ist zu einfach. Sie dringt nicht zu den Fundamenten vor und bleibt damit an der Oberfläche.

So sieht der Autor ein Problem im Nicht-Funktionieren der parlamentarischen Demokratie:

Gleichzeitig ist in der Globalisierung der Vorrang der Politik gegenüber der Wirtschaft verlorengegangen. Damit stecken wir nicht nur in einem Dilemma, sonder gleich in einem Trilemma, denn Globalisierung, nationale Souveränität und nationale Demokratie sind nicht gleichzeitig möglich. Was wir derzeit erleben ist eine Entwicklung eindeutig zu Lasten der Demokratie.

(Seite 17)
Wie demokratisch eine parlamentarische und staatliche Demokratie aber überhaupt sein kann, hinterfragt er nicht.

Auch glaubt er – wie so viele – an eine Zähmung des Kapitalismus:

Die Märkte brauchen Spielregeln, die der Staat vorgibt und genau dazu braucht es die Demokratie, in der es primär auf auf die Menschen ankommt und eben nicht auf das Geld.

(Seite 18)
Ähnlich wie der Mainstream von Attac glaubt er, dass man Banken nur regulieren müsste und wünscht sich eine Finanztransaktionssteuer bzw. eine „fairere Besteuerung“ (Seite 19).
Schwierig wird es auch, wenn Finkenberger an einer Stelle über die „Plutokratie, als Herrschaft des Geldes“ schimpft. Der Begriff ‚Plutokratie‘ hat eine Vorgeschichte und die Vorstellung von der „Herrschaft des Geldes“ endet in der verkürzten Kapitalismuskritik.

Hierarchien und Herrschaftssysteme wird von ihm ebenfalls nicht hinterfragt:

So hoffen wir, dass viele Politiker sich an die Spitze einer Bewegung für Nachhaltigkeit stellen werden.

(Seite 28)

Den Ägyptern fehlt jemand wie unser Helmut Kohl, jemand, der im richtigen Moment einen Zehn-Punkte-Plan präsentierte und die Revolution der Bürger im Osten nutzte für die deutsche Wiedervereinigung.

(Seite 32)
Nicht ohne Grund taucht in seiner Danksagung am Ende auch der Fürst von Monaco auf.
Die im Text auftauchende Kritik, dass internationale Verträge nicht unterschrieben oder eingehalten worden sind, ignoriert die Grundfrage, warum überhaupt Menschen überhaupt in die Positionen gelangen konnten, über ihre Mitmenschen zu entscheiden und ob das notwendig ist.
Revolution – was auch immer das im Speziellen sein soll – ist bei ihm nur eine Drohkulisse an die Entscheidungsträger*innen:

Ich habe damals nicht an Revolution gedacht und ich denke auch heute nicht daran. Versteht mich nicht falsch, ich rufe hier nicht zur Revolution auf. Ich weise nur darauf hin, dass sich Wut und Verzweiflung bei immer mehr intelligenten Jugendlichen aufbaut.

(Seite 31)

Finkenberger bleibt bei seinem Ursprungs-Projekt, dem Pflanzen von Bäumen:

Alles würde gut, wenn wir alle heute damit anfangen, gemeinsam Bäume zu pflanzen, und zwar solange, bis die Mächtigen diese unerträgliche Schieflage der Welt wieder gerade gerückt haben und wir wieder eine Demokratie haben, die den Namen verdient.

(Seite 33)

Alles würde gut, wenn auch die Unternehmer und die Vorstände von Aktiengesellschaften zum Bäumepflanzen kommen, nicht wegen des Images, sondern für die eigenen Kinder oder für die Kinder auf dieser Welt.

(Seite 34)
Immerhin gesteht er an einer Stelle ein, dass das Bäumepflanzen nur eine Art „Zeitjoker“ wäre

Neben der seichten Kapitalismuskritik, fehlt eine Herrschaftskritik völlig und Unterdrückungssysteme wie Rassismus, Antisemitismus oder das Patriarchat werden überhaupt nicht thematisiert.
Finkenberger ist also eine Art Al Gore Junior. Vieles lässt sich an ihm kritisieren. Andererseits war er bei der Abfassung seiner Streitschrift erst 15 Jahre alt. Er ist kein 30-jähriger Attac-Aktivist, der glaubt der schlechte Charakter der ‚Bankster‘ und ‚gierige Manager‘ seien an allem Schuld. So kann es nicht schaden, wenn ein paar Leute mehr durch seinen wütenden Text auf die Ungerechtigkeiten gestoßen werden. Die Analyse allerdings muss noch verfeinert werden, sie ist bisher systemimmanent und damit unzureichend und verkürzt. Doch Finkenberger hat ja noch ein paar Jahre vor sich, hoffentlich bleibt er jetzt nicht auf halber Strecke stehen.

„junge Welt“ feierte Worldtrade-Anschläge mit Tshirt-Motiv

junge Welt mag keine Hochhäuser
Im Jahr 2008 bot der joint-venture-shop von „junge Welt“ und „mondos arts Berlin“ im Verkaufssortiment neben Lenin-, DDR- und UdSSR-Fanartikeln auch ein Tshirt an mit der Produktbeschreibung „Ich mag keine Hochhäuser (Text auf arabisch) weiss auf schwarz Art.-Nr.: 333“.
So verherrlicht man mit einem scheinbar ‚witzigen‘ Tshirt-Motiv den Mord an tausenden Menschen – vom Manager bis zur prekarisierten Putzkraft – durch religiöse Fundamentalisten.

Buchkritik: „Antispeziesismus“ von Matthias Rude

In der unter Linken populären theorie.org-Reihe im Stuttgarter Schmetterlings-Verlag gibt es seit ein paar Wochen auch einen Band zum Thema Antispeziesismus von Matthias Rude: „Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken“ (Stuttgart, 2013). In dem Werk geht es aber kaum um das Theorie- und Begründungsgerüst des Antispeziesismus als vielmehr um eine (Ideen-)Geschichte des linken Vegetarismus und Tierschutz. Dieser Umstand macht das Buch auch für Nicht-Antispes lesenswert.
Antispe-Buch von Rude, Matthias
Obwohl es wohltuend wenig um die Antispeziesismus-Ideologie geht, hat das Buch doch damit zu tun. Ihm liegt nämlich ganz offensichtlich das Motiv zugrunde sich eine Ahnengalerie zu schaffen: „Das Engagement in verschiedenen linkspolitischen Strömungen, das Bestreben, diese miteinander in Verbindung zu bringen, sowie die dahinter stehende Absicht, die Forderung nach Befreiung nicht auf eine willkürliche Auswahl aus dem Kreis leidensfähiger Wesen zu beschränken, macht diese Menschen zu Vorläuferinnen und Vorläufern der heutigen, sich als antispeziesistisch verstehenden Strömung.“ (Seite 12)
Derartige Bedürfnisse, nämlich sich in eine ältere Tradition zu stellen, sind in der Linken weit verbreitet und scheinen zumeist eher eine Art von Rückprojektion in die Geschichte zu sein, als eine kritische, differenzierte und distanzierte Betrachtung. Der Wunsch verzerrt dabei nur allzuoft die Sicht. Was dazu führt, dass man sich nur die Fakten zusammensucht, die die gewünschten (Vor-)Annahmen belegen und den Rest einfach ignoriert.
Der Autor kritisiert auch gleich zu Anfang seines Buches die linke Traditionsvergessenheit:

„So gab es selbst in den Kreisen der sozialen Protestbewegungen und der linken Subkultur, aus denen heraus sich im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts erneut eine Tierbefreiungsbewegung zu formieren begann, nur mehr ein schwaches Bewusstsein darüber, dass zur Thematik bereits eine weit zurückreichende, genuin linke theoretische – und auch praktische – Tradition existierte.“

(Seite 10-11)

War Frankensteins Monster Vegetarier?
Tatsächlich zeigt Rude überzeugend auf, dass es sehr alte Traditionen von politisch begründeten Vegetarismus bzw. sogar Veganismus und Tierschutz in Teilen der Linken gibt. Diese Darstellung nimmt einen Großteil des Buches ein und ist hochinteressant.
Von Leonard Nelson und dem Internationale Sozialistischen Kampfbund oder den vegetarische Tolstoj-Kommunen in Russland und der UdSSR, die unter Stalin wieder verboten wurden, liest man ansonsten kaum. Auch die unbekannten vegetarischen oder tierschützerischen Seiten bekannter Autoren wie Mary Shelley, Verfasserin von ‚Frankenstein‘, und die Auswirkung auf ihre Werke, werden selten erwähnt. Wer hätte gewusst, dass Max Horkheimer ein überzeugter Antivivisektionist, also Tierversuchsgegner, war?
Diese Stränge linker Geschichte einem breiteren Publikum wieder sichtbar zu machen, ist dem Autor und seinem Werk positiv anzurechnen. Nur: Mit Antispeziesismus hat das wenig zu tun. Darüber stolpert der Autor auch selbst. Besonders die seltsame Konsequenzlosigkeit von Personen, die er als Ahnfrauen und -herren des Antispeziesismus aufbietet, mag er nicht zu erklären:

„Die Tierbefreiungsbewegung kann die speziesübergreifende Solidarität, die Verbundenheit, die Rosa Luxemburg mit allen leidenden Wesen fühlte – an Hans Diefenbach schrieb sie am 7. Januar 1917: »Sie wissen, ich fühle und leide mit jeglicher Kreatur« – eine Quelle ihrer Inspiration sein. Aus Sicht dieser Bewegung nicht nachvollziehbar ist, dass Rosa Luxemburg keine Verbindung herstellte zwischen dieser Empfindung und dem eigenen Konsum von Tierprodukten.“

(Seite 115-116)
Die naheliegende Erklärung, es ging Rosa Luxemburg und anderen eben NICHT um Antispeziesismus, sondern um Empathie mit bestimmten Tieren, selektiven Tierschutz und Vegetarismus, akzeptiert er offenbar nicht oder mag sie nicht akzeptieren.

Über einige historische Darstellungen des Autors ließe sich streiten, da sie nicht überzeugen. Beispielsweise ist die industrielle Schlachtung wohl nicht erst mit dem (Früh-)Kapitalismus entstanden. Bereits die großen Heere der Antike führten zur Versorgung ihrer Soldaten im Tross ganze Viehherden mit sich, die durchaus in industrieller Weise geschlachtet wurden.
Bei der Betrachtung der Geschichte des Vegetarismus und der damit zusammenhängenden Lebensreform-Bewegung wird deren völkische Durchsetzung kaum erwähnt bzw. gibt der Autor an es würde der völkische Strang zu sehr überbewertet. Dabei war der völkische Vegetarismus weit verbreitet, lässt sich aber durchaus vom sonstigen Vegetarismus dieser Zeit abgrenzen. Der Unterschied liegt in der primären Motivation des Vegetarismus. Entweder es ist für einen selbst (gesundheitlich) oder für andere Wesen (Empathie). Der ‚arische Vegetarismus‘ betonte zuvorderst den gesunden Leib des einzelnen (‚arischen‘) Menschen, der Teil des gesamten Volkskörpers sei.

Viele der Zitate von den dargestellten Personen legt der Autor einseitig in seinem Sinne aus. Natürlich kann dass so gemeint gewesen sein, muss es aber nicht. Wenn die im Gefängnis isolierte Rosa Luxemburg empathisch über Tiere schreibt, entdeckt sie ja möglicherweise vor allem sich selbst im gequälten Tier wieder. Wenn sie im Tier den besseren Menschen zu entdecken glaubt, dann beweist das lediglich die Empathie-Fähigkeit einer Rosa Luxemburg, aber nicht ihre Rolle als Vorläuferin des Antispeziesismus.
Auch dass Personen mit dem Vergleich von Mensch- und Tierbehandlung, etwa Sklav/innen werden wie Vieh behandelt, immer auch die Tierbehandlung kritisierten, überzeugt nicht. Häufig scheint es, als solle durch den Vergleich nur gesagt werden, Menschen sollen nicht wie Tiere behandelt werden. Denn die Tierbehandlung legitimiert Menschen-Knechtschaft, wenn aus den Menschen ihr Status als Mensch abgesprochen wird. So sollen viele der zitierten Vergleiche eher aussagen, dass es den Menschen so mies geht und nicht den Tieren.
Etwas anstrengend sind auch die nicht immer ins Deutsche übersetzten Zitate in altem Englisch, wo eine Übersetzung wünschenswert wäre.

Auf die Kritik am Antispeziesismus geht der Autor nicht ein, vielmehr wischt er darüber hinweg:

„Etwas intellektuell über solche Diffamierungen Hinausgehendes wird die »Kritik« am Veganismus und am Tierbefreiungsgedanken, die ihren vorläufigen geistig-moralischen Tiefpunkt in den Absonderungen der sogenannten »antideutschen« Szene finden wird, übrigens nie erreichen, weshalb sie an dieser Stelle keiner weiteren Behandlung würdig ist.“

(Seite 175)
Einmal abgesehen davon, dass es Personen gibt, die sich selber beiden Strömungen zuordnen, so gibt es aus dem antideutschen Spektrum durchaus auch anspruchsvollere Kritik am Konzept des Antispeziesismus. Zum Beispiel die Texte „Ich ess’ Blumen“ von Manfred Beier und Andreas Halberstädter (2007) oder „»Da steht ein Pferd auf‘m Flur…« – warum Antispeziesismus kein harmloser Schlager ist“ vom AK Gibraltar (2008). Da macht es sich der Autor ganz schön einfach.

Der Autor will die Tierbefreiungsbewegung als integralen Bestandteil in der Linken verankern:
„Wie die Tierbefreiungsbewegung notwendig antikapitalistisch sein muss, kann die antikapitalistische Linke die Forderung nach der Befreiung der Tiere nicht länger unbeachtet lassen. Zum Aufbau einer starken Bewegung, die ihrem Verlangen nach gesellschaftlichen Befreiung Ausdruck verleihen will, wären beide ideale Bündnispartner. Dazu muss die Tierbefreiungsbewegung aus dem Bann bürgerlicher Ideologie treten, und die Linke ihre Tierfeindlichkeit ablegen.“ (Seite 189)
Dazu ist ihm dass Marcuse-Zitat von 1972 vorzuhalten, was Rude selber einige Seiten vorher zitiert: „Angesichts des Leids, das Menschen von Menschen zugefügt wird, erscheint es unverantwortlich »verfrüht«, sich für universellen Vegetarismus oder synthetische Nahrungsmittel einzusetzen; angesichts der gegenwärtigen Welt hat menschliche Solidarität unter Menschen unbedingten Vorrang.“
Richtig ist, dass zumindest im Westen und in den urbanen Zentren Tierbehandlung kapitalistische Formen angenommen hat. Das Tier ist Massenware. Allerdings nimmt im Kapitalismus so ziemlich alles Warenform an, z.B. auch soziale Beziehungen (Austausch von Gefälligkeiten) oder Sex. Außerdem wurden bereits Jahrtausende vor dem Aufkommen des Kapitalismus Tiere als Ware behandelt und für den Eigenbedarf geschlachtet. In den ländlichen Regionen der Peripherie ist das noch immer so.
Dass dem Ziel des Antispeziesismus, nämlich der Befreiung aller Tiere, mit einer Reform des Konsums nicht gedient ist, sondern die Produktion verändert werden müsste, ist nachvollziehbar. Es ist deswegen folgerichtig, dass ein konsequenter Antispeziesismus antikapitalistisch sein müsste. Warum aber der Antikapitalismus antispieziesistisch sein muss, erschließt sich nicht. Da hilft auch dieses Buch nicht weiter.

Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013.