Buchkritik: „Antispeziesismus“ von Matthias Rude

In der unter Linken populären theorie.org-Reihe im Stuttgarter Schmetterlings-Verlag gibt es seit ein paar Wochen auch einen Band zum Thema Antispeziesismus von Matthias Rude: „Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken“ (Stuttgart, 2013). In dem Werk geht es aber kaum um das Theorie- und Begründungsgerüst des Antispeziesismus als vielmehr um eine (Ideen-)Geschichte des linken Vegetarismus und Tierschutz. Dieser Umstand macht das Buch auch für Nicht-Antispes lesenswert.
Antispe-Buch von Rude, Matthias
Obwohl es wohltuend wenig um die Antispeziesismus-Ideologie geht, hat das Buch doch damit zu tun. Ihm liegt nämlich ganz offensichtlich das Motiv zugrunde sich eine Ahnengalerie zu schaffen: „Das Engagement in verschiedenen linkspolitischen Strömungen, das Bestreben, diese miteinander in Verbindung zu bringen, sowie die dahinter stehende Absicht, die Forderung nach Befreiung nicht auf eine willkürliche Auswahl aus dem Kreis leidensfähiger Wesen zu beschränken, macht diese Menschen zu Vorläuferinnen und Vorläufern der heutigen, sich als antispeziesistisch verstehenden Strömung.“ (Seite 12)
Derartige Bedürfnisse, nämlich sich in eine ältere Tradition zu stellen, sind in der Linken weit verbreitet und scheinen zumeist eher eine Art von Rückprojektion in die Geschichte zu sein, als eine kritische, differenzierte und distanzierte Betrachtung. Der Wunsch verzerrt dabei nur allzuoft die Sicht. Was dazu führt, dass man sich nur die Fakten zusammensucht, die die gewünschten (Vor-)Annahmen belegen und den Rest einfach ignoriert.
Der Autor kritisiert auch gleich zu Anfang seines Buches die linke Traditionsvergessenheit:

„So gab es selbst in den Kreisen der sozialen Protestbewegungen und der linken Subkultur, aus denen heraus sich im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts erneut eine Tierbefreiungsbewegung zu formieren begann, nur mehr ein schwaches Bewusstsein darüber, dass zur Thematik bereits eine weit zurückreichende, genuin linke theoretische – und auch praktische – Tradition existierte.“

(Seite 10-11)

War Frankensteins Monster Vegetarier?
Tatsächlich zeigt Rude überzeugend auf, dass es sehr alte Traditionen von politisch begründeten Vegetarismus bzw. sogar Veganismus und Tierschutz in Teilen der Linken gibt. Diese Darstellung nimmt einen Großteil des Buches ein und ist hochinteressant.
Von Leonard Nelson und dem Internationale Sozialistischen Kampfbund oder den vegetarische Tolstoj-Kommunen in Russland und der UdSSR, die unter Stalin wieder verboten wurden, liest man ansonsten kaum. Auch die unbekannten vegetarischen oder tierschützerischen Seiten bekannter Autoren wie Mary Shelley, Verfasserin von ‚Frankenstein‘, und die Auswirkung auf ihre Werke, werden selten erwähnt. Wer hätte gewusst, dass Max Horkheimer ein überzeugter Antivivisektionist, also Tierversuchsgegner, war?
Diese Stränge linker Geschichte einem breiteren Publikum wieder sichtbar zu machen, ist dem Autor und seinem Werk positiv anzurechnen. Nur: Mit Antispeziesismus hat das wenig zu tun. Darüber stolpert der Autor auch selbst. Besonders die seltsame Konsequenzlosigkeit von Personen, die er als Ahnfrauen und -herren des Antispeziesismus aufbietet, mag er nicht zu erklären:

„Die Tierbefreiungsbewegung kann die speziesübergreifende Solidarität, die Verbundenheit, die Rosa Luxemburg mit allen leidenden Wesen fühlte – an Hans Diefenbach schrieb sie am 7. Januar 1917: »Sie wissen, ich fühle und leide mit jeglicher Kreatur« – eine Quelle ihrer Inspiration sein. Aus Sicht dieser Bewegung nicht nachvollziehbar ist, dass Rosa Luxemburg keine Verbindung herstellte zwischen dieser Empfindung und dem eigenen Konsum von Tierprodukten.“

(Seite 115-116)
Die naheliegende Erklärung, es ging Rosa Luxemburg und anderen eben NICHT um Antispeziesismus, sondern um Empathie mit bestimmten Tieren, selektiven Tierschutz und Vegetarismus, akzeptiert er offenbar nicht oder mag sie nicht akzeptieren.

Über einige historische Darstellungen des Autors ließe sich streiten, da sie nicht überzeugen. Beispielsweise ist die industrielle Schlachtung wohl nicht erst mit dem (Früh-)Kapitalismus entstanden. Bereits die großen Heere der Antike führten zur Versorgung ihrer Soldaten im Tross ganze Viehherden mit sich, die durchaus in industrieller Weise geschlachtet wurden.
Bei der Betrachtung der Geschichte des Vegetarismus und der damit zusammenhängenden Lebensreform-Bewegung wird deren völkische Durchsetzung kaum erwähnt bzw. gibt der Autor an es würde der völkische Strang zu sehr überbewertet. Dabei war der völkische Vegetarismus weit verbreitet, lässt sich aber durchaus vom sonstigen Vegetarismus dieser Zeit abgrenzen. Der Unterschied liegt in der primären Motivation des Vegetarismus. Entweder es ist für einen selbst (gesundheitlich) oder für andere Wesen (Empathie). Der ‚arische Vegetarismus‘ betonte zuvorderst den gesunden Leib des einzelnen (‚arischen‘) Menschen, der Teil des gesamten Volkskörpers sei.

Viele der Zitate von den dargestellten Personen legt der Autor einseitig in seinem Sinne aus. Natürlich kann dass so gemeint gewesen sein, muss es aber nicht. Wenn die im Gefängnis isolierte Rosa Luxemburg empathisch über Tiere schreibt, entdeckt sie ja möglicherweise vor allem sich selbst im gequälten Tier wieder. Wenn sie im Tier den besseren Menschen zu entdecken glaubt, dann beweist das lediglich die Empathie-Fähigkeit einer Rosa Luxemburg, aber nicht ihre Rolle als Vorläuferin des Antispeziesismus.
Auch dass Personen mit dem Vergleich von Mensch- und Tierbehandlung, etwa Sklav/innen werden wie Vieh behandelt, immer auch die Tierbehandlung kritisierten, überzeugt nicht. Häufig scheint es, als solle durch den Vergleich nur gesagt werden, Menschen sollen nicht wie Tiere behandelt werden. Denn die Tierbehandlung legitimiert Menschen-Knechtschaft, wenn aus den Menschen ihr Status als Mensch abgesprochen wird. So sollen viele der zitierten Vergleiche eher aussagen, dass es den Menschen so mies geht und nicht den Tieren.
Etwas anstrengend sind auch die nicht immer ins Deutsche übersetzten Zitate in altem Englisch, wo eine Übersetzung wünschenswert wäre.

Auf die Kritik am Antispeziesismus geht der Autor nicht ein, vielmehr wischt er darüber hinweg:

„Etwas intellektuell über solche Diffamierungen Hinausgehendes wird die »Kritik« am Veganismus und am Tierbefreiungsgedanken, die ihren vorläufigen geistig-moralischen Tiefpunkt in den Absonderungen der sogenannten »antideutschen« Szene finden wird, übrigens nie erreichen, weshalb sie an dieser Stelle keiner weiteren Behandlung würdig ist.“

(Seite 175)
Einmal abgesehen davon, dass es Personen gibt, die sich selber beiden Strömungen zuordnen, so gibt es aus dem antideutschen Spektrum durchaus auch anspruchsvollere Kritik am Konzept des Antispeziesismus. Zum Beispiel die Texte „Ich ess’ Blumen“ von Manfred Beier und Andreas Halberstädter (2007) oder „»Da steht ein Pferd auf‘m Flur…« – warum Antispeziesismus kein harmloser Schlager ist“ vom AK Gibraltar (2008). Da macht es sich der Autor ganz schön einfach.

Der Autor will die Tierbefreiungsbewegung als integralen Bestandteil in der Linken verankern:
„Wie die Tierbefreiungsbewegung notwendig antikapitalistisch sein muss, kann die antikapitalistische Linke die Forderung nach der Befreiung der Tiere nicht länger unbeachtet lassen. Zum Aufbau einer starken Bewegung, die ihrem Verlangen nach gesellschaftlichen Befreiung Ausdruck verleihen will, wären beide ideale Bündnispartner. Dazu muss die Tierbefreiungsbewegung aus dem Bann bürgerlicher Ideologie treten, und die Linke ihre Tierfeindlichkeit ablegen.“ (Seite 189)
Dazu ist ihm dass Marcuse-Zitat von 1972 vorzuhalten, was Rude selber einige Seiten vorher zitiert: „Angesichts des Leids, das Menschen von Menschen zugefügt wird, erscheint es unverantwortlich »verfrüht«, sich für universellen Vegetarismus oder synthetische Nahrungsmittel einzusetzen; angesichts der gegenwärtigen Welt hat menschliche Solidarität unter Menschen unbedingten Vorrang.“
Richtig ist, dass zumindest im Westen und in den urbanen Zentren Tierbehandlung kapitalistische Formen angenommen hat. Das Tier ist Massenware. Allerdings nimmt im Kapitalismus so ziemlich alles Warenform an, z.B. auch soziale Beziehungen (Austausch von Gefälligkeiten) oder Sex. Außerdem wurden bereits Jahrtausende vor dem Aufkommen des Kapitalismus Tiere als Ware behandelt und für den Eigenbedarf geschlachtet. In den ländlichen Regionen der Peripherie ist das noch immer so.
Dass dem Ziel des Antispeziesismus, nämlich der Befreiung aller Tiere, mit einer Reform des Konsums nicht gedient ist, sondern die Produktion verändert werden müsste, ist nachvollziehbar. Es ist deswegen folgerichtig, dass ein konsequenter Antispeziesismus antikapitalistisch sein müsste. Warum aber der Antikapitalismus antispieziesistisch sein muss, erschließt sich nicht. Da hilft auch dieses Buch nicht weiter.

Matthias Rude: Antispeziesismus. Die Befreiung von Mensch und Tier in der Tierrechtsbewegung und der Linken, Stuttgart 2013.