Buchkritik „Alles würde gut“ von Felix Finkenberger

Alles würde gut
Es ist ein dünnes Bändchen, diese Streitschrift „Alles würde gut“ von Felix Finkenberger, die der Autor 2012 im Alter von 15 Jahren verfasst hat. Aber Hessels „Empört euch!“ ist auch nicht viel umfangreicher und nicht zufällig bezieht sich Finkenberger darauf.
Finkenberger kämpft mit einer Initiative seit Jahren für die Pflanzung von 1.000 Milliarden Bäumen auf dem Globus. Seine Motive dafür hat er in seiner Streitschrift zusammengetragen. Es geht um die in dieser Welt herrschenden Ungerechtigkeiten. Die Benennung der Missstände und ihre Kritik ist richtig, aber die Analyse ist zu einfach. Sie dringt nicht zu den Fundamenten vor und bleibt damit an der Oberfläche.

So sieht der Autor ein Problem im Nicht-Funktionieren der parlamentarischen Demokratie:

Gleichzeitig ist in der Globalisierung der Vorrang der Politik gegenüber der Wirtschaft verlorengegangen. Damit stecken wir nicht nur in einem Dilemma, sonder gleich in einem Trilemma, denn Globalisierung, nationale Souveränität und nationale Demokratie sind nicht gleichzeitig möglich. Was wir derzeit erleben ist eine Entwicklung eindeutig zu Lasten der Demokratie.

(Seite 17)
Wie demokratisch eine parlamentarische und staatliche Demokratie aber überhaupt sein kann, hinterfragt er nicht.

Auch glaubt er – wie so viele – an eine Zähmung des Kapitalismus:

Die Märkte brauchen Spielregeln, die der Staat vorgibt und genau dazu braucht es die Demokratie, in der es primär auf auf die Menschen ankommt und eben nicht auf das Geld.

(Seite 18)
Ähnlich wie der Mainstream von Attac glaubt er, dass man Banken nur regulieren müsste und wünscht sich eine Finanztransaktionssteuer bzw. eine „fairere Besteuerung“ (Seite 19).
Schwierig wird es auch, wenn Finkenberger an einer Stelle über die „Plutokratie, als Herrschaft des Geldes“ schimpft. Der Begriff ‚Plutokratie‘ hat eine Vorgeschichte und die Vorstellung von der „Herrschaft des Geldes“ endet in der verkürzten Kapitalismuskritik.

Hierarchien und Herrschaftssysteme wird von ihm ebenfalls nicht hinterfragt:

So hoffen wir, dass viele Politiker sich an die Spitze einer Bewegung für Nachhaltigkeit stellen werden.

(Seite 28)

Den Ägyptern fehlt jemand wie unser Helmut Kohl, jemand, der im richtigen Moment einen Zehn-Punkte-Plan präsentierte und die Revolution der Bürger im Osten nutzte für die deutsche Wiedervereinigung.

(Seite 32)
Nicht ohne Grund taucht in seiner Danksagung am Ende auch der Fürst von Monaco auf.
Die im Text auftauchende Kritik, dass internationale Verträge nicht unterschrieben oder eingehalten worden sind, ignoriert die Grundfrage, warum überhaupt Menschen überhaupt in die Positionen gelangen konnten, über ihre Mitmenschen zu entscheiden und ob das notwendig ist.
Revolution – was auch immer das im Speziellen sein soll – ist bei ihm nur eine Drohkulisse an die Entscheidungsträger*innen:

Ich habe damals nicht an Revolution gedacht und ich denke auch heute nicht daran. Versteht mich nicht falsch, ich rufe hier nicht zur Revolution auf. Ich weise nur darauf hin, dass sich Wut und Verzweiflung bei immer mehr intelligenten Jugendlichen aufbaut.

(Seite 31)

Finkenberger bleibt bei seinem Ursprungs-Projekt, dem Pflanzen von Bäumen:

Alles würde gut, wenn wir alle heute damit anfangen, gemeinsam Bäume zu pflanzen, und zwar solange, bis die Mächtigen diese unerträgliche Schieflage der Welt wieder gerade gerückt haben und wir wieder eine Demokratie haben, die den Namen verdient.

(Seite 33)

Alles würde gut, wenn auch die Unternehmer und die Vorstände von Aktiengesellschaften zum Bäumepflanzen kommen, nicht wegen des Images, sondern für die eigenen Kinder oder für die Kinder auf dieser Welt.

(Seite 34)
Immerhin gesteht er an einer Stelle ein, dass das Bäumepflanzen nur eine Art „Zeitjoker“ wäre

Neben der seichten Kapitalismuskritik, fehlt eine Herrschaftskritik völlig und Unterdrückungssysteme wie Rassismus, Antisemitismus oder das Patriarchat werden überhaupt nicht thematisiert.
Finkenberger ist also eine Art Al Gore Junior. Vieles lässt sich an ihm kritisieren. Andererseits war er bei der Abfassung seiner Streitschrift erst 15 Jahre alt. Er ist kein 30-jähriger Attac-Aktivist, der glaubt der schlechte Charakter der ‚Bankster‘ und ‚gierige Manager‘ seien an allem Schuld. So kann es nicht schaden, wenn ein paar Leute mehr durch seinen wütenden Text auf die Ungerechtigkeiten gestoßen werden. Die Analyse allerdings muss noch verfeinert werden, sie ist bisher systemimmanent und damit unzureichend und verkürzt. Doch Finkenberger hat ja noch ein paar Jahre vor sich, hoffentlich bleibt er jetzt nicht auf halber Strecke stehen.