Buchkritik „Zur Re-Biologisierung der Gesellschaft“ von Annett Schulze und Thorsten Schäfer

Re-Biologisierung der Gesellschaft
Der kleine, von Annett Schulze und Thorsten Schäfer herausgegebene, Sammelband „Zur Re-Biologisierung der Gesellschaft“ (Aschaffenburg, 2012) widmet sich „menschenfeindliche[n] Konstruktionen im Ökologischen und im Sozialen“, wie es im Untertitel heißt.

Im ersten Abschnitt nach der Einleitung befasst sich das Autor/innen-Duo Schulze und Schäfer mit dem Thema „‘Von gesunden Körpern und natürlicher Gesellschaft‘ – Normierungen in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft“.
Hier zeigen sie z.B. das Dicksein in der heutigen Gesellschaft zur Krankheit erklärt und gleichzeitig die Selbstverantwortlichkeit des Individuums überbetont wird:

Diese Aussagen legen nahe, dass Menschen selbst verantwortlich seien, wenn sie krank würden. Dementsprechend müssen sie auch selbst dafür einstehen. Gesellschaftliche Strukturen geraten aus dem Blick, weil das Spotlight auf das Individuum gerichtet wird.

(Seite 25)
Systemische Analysen und Erklärungen fallen damit weg. Im vorherrschenden Körperkult wird der eigene Körper als Unternehmen verstanden, welches im Kapitalismus natürlich möglichst leistungsfähig sein muss.
Im Anschluss daran stellen sie mehrere einflussreiche Akteure vor, die Naturbeobachtungen auf den Menschen übertragen haben und so einer „Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse“ Vorschub leisteten:

Menschen, die konservative Positionen vertreten, suchen nach Authentifizierung und setzen diese mit Naturverhältnissen gleich. Die Sehnsucht nach einem reinen, unbeschadeten Ursprung hat in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen Konjunktur.

(Seite 33)
Sie skizzieren exemplarisch für den Bereich Wissenschaft kurz das Werk von Ernst Haeckel (1834-1919), Konrad Lorenz (1903-1989) und Irenäus Eibl-Ebesfeldt (* 1928). Für den Bereich (Öko-)Politik Herbert Gruhl (1921-1993), Baldur Springmann (1912-2003) und Rudolf Bahro (1935-1997).
Diesen Protagonisten und Teilen der Wissenschaft attestieren die Autorin und der Autor ein falsches Naturverständnis, nämlich:

Natur als statisch und nicht als werdende Praxis zu begreifen, ermöglicht erst die Assoziation mit Ursprung, Unberührtheit und Reinheit – aus wertkonservativer Sicht.

(Seite 80)
Allerdings ist Natur dynamisch und wird von den gesellschaftlichen Verhältnissen beeinflusst:

So wird Natur zu gesellschaftlich vermittelten Naturverhältnissen und damit historisch. Das historische Werden von Natur durch das Verhältnis der Menschen zu ihrer Umwelt ist von Widersprüchen durchzogen, die konflikthaft sind. Diese Widersprüche ermöglichen Widersprechen.

(Seite 78)
Gegen den konservativen Mainstream der Wissenschaft führen sie die Kritische Theorie ins Feld. Anhänger/innen von dieser würden einen Minorstream von dissidentischen, widersprechenden Wissen produzieren. Hier betonen sie dann die Autonomie des/der Akteur/in, welche/r selbst entscheide, was sie/er vertritt.
Sie enden mit dem Appell zur Reflexion und Kritik:

Innerhalb der etablierten und meist als konservativ geltende Wissenschaftsdisziplinen wie der Geschichtswissenschaft wurde immer wieder Forschung praktiziert, die das produzierte Wissen hinterfragen sollte. Gemeinsam war ist all diesen Gegenpositionen das Infragestellen eines Wissens, das ‚Natürlichkeiten‘ rechtfertigt, Normen vorgibt und Rollen festschreibt.

(Seite 86)

Im darauf folgenden Kapitel schreibt Michael Gommel über „Die anderen sind unter uns – der Beitrag der zeitgenössischen Humanbiologie zu einer menschenfeindlichen Biopolitik“.
Er verweist darauf, dass subjektive Voreingenommenheiten in die Wissenschaften eindringen und fordert:

Die Forschenden müssen daher in ihrem Selbstverständnis ein hohes Maß an weltanschaulicher Neutralität kultivieren.

(Seite 99)
Am Beispiel von des 1943 von Konrad Lorenz eingeführten „Kindchen-Schema“ zeigt er, wie aus einer Vermutung ein Faktum wurde, was in die Schulbücher eingegangen ist und sich noch heute dort findet. Dabei ist „Kindchen-Schema“ im Grunde höchst unwissenschaftlich und basiert auf Anekdoten statt auf Empirie.
Gommel zeigt später auch auf, wie das Bild von ‚dem Anderen‘ produziert wird:

Die modernen wissenschaftlichen Bemühungen zu Beschreibung und Einteilung von Menschen hatten mittels dichotomer Trennung (d.h. durch das Behaupten, Menschen „hätten“ Eigenschaften, die sich in Gegensatzpaaren wie gesund-krank, weiß-schwarz, männlich-weiblich darstellen ließen) künstlich den Anderen erschaffen, der assimiliert oder aufgelöst werden sollte. Diesem Anderen, der nicht zur Norm passt, widerfährt durch die Sprache der Gewissheit und der Notwendigkeit eine andauernde Demütigung und Abwertung.

(Seite 104)
Diese Spaltung zwischen ‚wir‘ und ‚die Anderen‘ führte auch zu eugenischen Konzepten. Hier waren ‚die Anderen‘ die als ‚nicht gesund‘ Eingeordneten, die als die „Anderen der eugenischen Ordnung“ erkannt und klassifiziert wurden. Da Sexualität immer mit Fortpflanzung verbunden wurde – evtl. eine Hinterlassenschaft der Kirchen – versuchte man auch die Kontrolle über die Sexualität zu erlangen. Im Rahmen der Eugenik kam es in der Humanbiologie des 19. und 20. Jahrhunderts zu ‚Gärtner-Züchter-Chirurgen-Ambitionen‘. Nur ‚Geeignete‘ sollten sich künftig fortpflanzen dürfen. Im Nationalsozialismus radikalisierten sich dann diese Bestrebungen:

Dieser ‚Andere der Ordnung‘ war nicht mehr nur ein Feind. Er wurde zum ‚Ding‘: Er wurde nicht nur als krank, hässlich und minderwertig bezeichnet, sondern durch seine Darstellung als Unkraut oder Ungeziefer vollkommen entmenschlicht […]. Der so vollzogene Ausstoß aus der menschlichen Gesellschaft machte es leichter, ihn zu vernichten.

(Seite 112)
Gommel bezeichnet in diesem Zusammenhang Eugenik als ‚protonormalistische Strategie‘.
Während ‚die Anderen‘ in diesem Prozess von othering ausgiebig definiert werde, so erscheint dabei aber die Norm weder begründungs- noch untersuchungsbedürftig. Da bei vielen die Angst besteht zu ‚den Anderen‘ zu gezählt zu werden, entsteht ein Norm-Druck, die Angst nicht normal zu sein, die zur Selbst-Normierung führt.
Auch im in der Postmoderne finden ‚private Realitäten‘ Einfluss in die zeitgenössische Humanbiologie. Gommel bezeichnet das als Moderne und Vormoderne in der Postmoderne und stellt das am Beispiel der (traditionellen) Sexualitätsvorstellungen von Eibl-Eibesfeldt dar.
Am Ende appelliert auch Gommel:

Die Reflexion der eigenen Rolle als WissenschaftlerIn und der eigenen Wertvorstellungen im Zusammenhang mit den Werten und Normen der „Organisation Wissenschaft“ und der sich daraus möglicherweise ergebenden Interessens- und Rollenkonflikte ist eine wichtige Voraussetzung zur Ausbildung der eigenen wissenschaftlichen Integrität.

(Seite 125-26)

Vanessa Lux schreibt danach über „Verschiebungen in der biologistischen Diskussion: das Beispiel Sarrazin“ und anschließend Timo Plümecke über „Rassifizierte Gene und Genetifizierte ‚Rassen‘: Differenzen in den Lebenswissenschaften“. In ihrem Beitrag zeigt Vanessa Lux auf dass gesellschaftliche Unterschiede heute weiter biologisiert werden. Wobei die wissenschaftliche Rationalisierung von Anfang an zwei Seiten aufwies:

Durch den Fokus auf das Individuum und seinen Bezug auf die Naturwissenschaften ermöglichte er die Zurückweisung der göttlichen Ordnung des Feudalismus. Zugleich erlaubte er aber auch, die neu entstehenden Formen gesellschaftlicher Ungleichheit und deren strukturelle Verstetigung zu legitimieren. Unter Verweis auf wissenschaftliche Theorie konnte gerechtfertigt werden, dass nicht jede(r) in gleicher Weise am aufkommenden Wohlstand des Kapitalismus teil hatte.

(Seite 133)
Genau das tut Sarrazin. Wie das Beispiel Sarrazin zeigt wird dabei ein biologischer Determinismus um einen sozialen und kulturellen Determinismus ergänzt.
Der biologische Determinismus ist dabei aber keine Kontinuität vom NS-Rassismus. Statt Physiologie (Hautfarbe etc.) argumentiert man hier mit Genetik und damit vermeintlich rationaler.
Als Grundlage dazu dient die Entschlüsselung der DNA. Dadurch das fachwissenschaftliche Untersuchungen in populären Medien vereinfacht aufbereitet wurden, gab es das falsche Verständnis mit der DNA sei eine Art Bauplan abzulesen. In diesem sei auch die Herkunft vermerkt, so dass diese problemlos auslesbar sei. In diesem Zusammenhang verweist Plümecke auf die derzeit populären genetischen Abstammungstests, wo z.B. ermittelt wird zu wieviel Prozent man angeblich ‚jüdisch‘ sei. Aber auch scheinbar erfolgreiche Abstammungs-Ermittlungen in der Forensik scheinen eine ‚New Science of Race‘ in den Augen vieler rationaler zu machen.
Plümecke konstatiert sowohl Statik als auch Erneuerungen in den neuen ‚Rasse‘-Modellen:

Die Gleichzeitigkeit von Wandel und Konstanz biologischer ‚Rasse‘-Verständnisse wird in bisherigen Untersuchungs- und Darstellungsformen zur Kontinuität von ‚Rasse‘ und rassistischer Wissenschaft wenig beachtet. Das liegt vor allem daran, dass in vielen antirassistischen Untersuchungen zumeist nur auf die Kontinuitäten rassifizierender Konzepte fokussiert wird. Kontinuitäten werden darin anhand einzelner Personen, die schon in der Zeit des Nationalsozialismus arbeiteten, oder anhand einer ‚Schule‘, also der Weitergabe von rassistischen typologischen und nazistischen Konzepten von einzelnen AkteurInnen an die ‚SchülerInnen‘ aufgezeigt.

(Seite 173)

Christoph Kopke schreibt in seinem Kapitel am Buchende über „Kompost und Konzentrationslager – Alwin Seifert und die ‚Plantage‘ im KZ Dachau“. Der „Reichslandschaftsanwalt“ Alwin Seifert (1890-1972) versuchte im Nationalsozialismus Autobahnbau und Landschaftsschutz miteinander zu vereinbaren. Kopke weist nach, dass Seifert im Versuch seine Aktivitäten im Nationalsozialismus zu verschleiern gelogen hat. So stand Seifert in Kontakt mit dem Dachauer Obergärtner Franz Lippert und dem SS-Obergruppenführer Oswald Pohl und bekam auch „über Pohl und Lippert ein Bibelforscher-Ehepaar für seinen Haushalt“ ‚gestellt‘. Im KZ Dachau existierte ein Kräutergarten. „Ein auf Zwangsarbeit beruhender Großbetrieb“, in dem täglich von mehreren hundert bis zu 1.500 (1944) Menschen täglich zur Arbeit gepresst wurden. Seifert stand nicht nur in Kontakt mit diesem Projekt, er war offenbar auch in die Landschaftsplanung um Auschwitz involviert.

Der Sammelband ist lesenswert und regt zum Nachdenken darüber an, was man für ‚normal‘ und ‚natürlich‘ hält und deswegen kaum hinterfragt. Die Sprache des Buches ist Akademisch und es gibt nicht übersetzte Zitate in Fachenglisch, weswegen Menschen ohne einen entsprechenden akademischen background damit Probleme haben dürften. Am besten geeignet dürfte das Buch für Menschen ab dem zweiten oder dritten Semester sein. Hier kann die Lektüre sicher zur Entwicklung einer (selbst-)kritischen Perspektive beitragen.
Manchmal hätten anschauliche Beispiele die akademische Texte noch etwas aufgelockert. Beispielsweise, dass die nahe Verwandtschaft des europäische Hochadels zu einem großen Anteil an Blutern in dessen Reihen geführt hat. Wenn in dem einen Beitrag erwähnt wird, dass es in den USA ein Medikament nur für schwarze Amerikaner/innen gibt, dann hätte man mit dem Bluter-Beispiel zeigen können, warum es genauso sinnvoll wäre ein Medikament nur für den europäische Hochadel zu entwickeln.
In dem Beitrag zu modernisierten ‚Rasse‘-Konzepten wäre es interessant gewesen zu erfahren, wie der Begriff ‚Ethnie‘ eingeschätzt wird. Dieser scheint nämlich oftmals als unbelasteter Ersatzbegriff für ‚Rasse‘ zu fungieren.
Der Beitrag von Kopke wirkt etwas fehl am Platze in dem Band, da er sich mit einer speziellen Person und deren NS-Biografie auseinandersetzt und deswegen weniger theoretisch-analytisch ist.

Annett Schulze/Thorsten Schäfer: Zur Re-Biologisierung der Gesellschaft. Menschenfeindliche Konstruktionen im Ökologischen und im Sozialen, Aschaffenburg 2012.