„Die Vereinigung jiddischer Polizisten“ von Michael Chabon

Vereinigung jiddischer Polizisten & Kippa
Das Buch ‚Die Vereinigung jiddischer Polizisten‘ von Michael Chabon ist ein Krimi, der in einem fiktiven Nordamerika angesiedelt ist. Es ist eine kontrafaktische oder was-wäre-wenn-Geschichte, in der Jüdinnen und Juden ab 1941 in Süd-Alaska eine Art Ersatz-Israel, quasi ein ‚Judalaska‘, aufgebaut haben. In diesem Gebiet im Distrikt Sitka gibt es deswegen eine mehrheitlich jüdische und jiddischsprachige Bevölkerung mit „KosherMart“ und Tageszeitung „Sitka Tog“.
In dieser Umgebung ermittelt der jüdischer Polizist Meyer Lansmann:

Gibt es ein Verbrechen zu bekämpfen, rast Lansman durch Sitka wie ein Mann, in dessen Hose ein Feuerwerkskörper steckt. Als würde im Hintergrund ein Soundtrack laufen, mit besonders vielen Kastagnetten. Das Problem sind die Stunden, in denen er nicht arbeitet und seine Gedanken durch das offene Fenster seines Hirns fortgeweht werden wie Blätter vom Schreibtisch. Manchmal braucht man einen mächtigen Briefbeschwerer, um sie festzuhalten.

(Seite 11)

Irgendwie ist die Weltgeschichte auch sonst anders abgelaufen, wie man häppchenweise am Rande des Buchs erfährt. So gab es 1946 einen Atombombenabwurf auf Berlin, wurde Israel 1948 von seinen arabischen Feinden zerstört und in den 1960er Jahren gab es einen Kubakrieg. Außerdem gibt es Staaten wie die Mandschurei oder die dritte Russische Republik. Die Shoah forderte zwei Millionen Opfer statt sechs. Viele Juden und Jüdinnen leben in dieser Alternativ-Realität noch in der Diaspora, z.B. in Städten wie Beirut. Aber zwei Millionen europäische Juden und Jüdinnen siedelten sich im Distrikt Sitka an, in dem in der Gegenwart des Buches 3,2 Millionen Sitka-Juden leben. Daneben gibt es auch viele Filipinos in Sitka, denn statt Hispanics erfüllen im Norden philippinische Arbeitskräfte die Rolle der Billiglohnarbeiter*innen. Um den jüdische Distrikt herum leben in kleinen Gemeinden etwa 50.000 Native American (‚Indianer‘) vom Volk der Tinglit, mit denen es immer wieder Landstreitigkeiten gibt.
Doch über Sitka schwebt der drohende Schatten der „Revesion“. Das Buch spielt im Jahr 2008 und der 1948 abgeschlossene Ansiedlungs-Vertrag für Jüdinnen und Juden über 60 Jahre läuft aus. Das Gebiet soll seine Autonomie verlieren und an die Tinglit zurückfallen. Viele jüdische Sitkaer planen die Auswanderung, andere haben eine Aufenthaltsgenehmigung für das Distrikt-Gebiet beantragt. In dieser Übergangszeit wächst Unsicherheit:

Sie sind wie Goldfische in einer Tüte, die wieder in den großen schwarzen See der Diaspora geschüttet werden sollen.

(Seite 241)
Die jüdische Bewohnerschaft Sitkas spricht mehrheitlich Jiddisch. Der Autor schreibt zwar im Original auf Englisch streut aber immer wieder jiddische Wörter ein. Dieses Jiddismen sind wie Schokostreusel auf dem Kuchen der Geschichte und machen sie erst so richtig authentisch. So heißt ein Handy im Buch ‚Shoyter‘ und der Polizist ist der ‚Schammes‘.
Überhaupt gelingt es Chabon immer wieder dicht und überzeugend Szenerien zu skizzieren:

Der verborgene Meister des chinesischen Donuts nach Filipinoart ist Benito Taganes, Inhaber und König der blubbernden Bottiche im Mabuhay. Der Laden – düster, eng, von der Straße aus unsichtbar – hat die ganze Nacht über geöffnet. Nach Geschäftsschluss nimmt er das Treibgut aus Bars und Cafes auf, versammelt die Bösen und Schuldigen an seinen abgeplatzten Resopaltresen und summt vom Getratsch der Verbrecher, Polizisten, Schtarker und Schlemiele, Huren und Nachteulen. Wenn das Fett in den Fritteusen applaudiert, die Lüftung brüllt und der Streetblaster die todunglücklichen kundimans aus Benitos Kindheit in Manila plärrt, rückt die Kundschaft mit ihren Geheimnissen heraus. Eine goldene Wolke koscheren Öls hängt in der Luft und täuscht die Sinne. Wer könnte schon beim Blubbern des koscheren Fetts und dem Wehklagen von Diomedes Naturan jemanden belauschen.

(Seite 207)

So erschuff Chabon eine ganz eigene Welt, die sich im Grunde nochmal in zwei aufteilt. Denn es gibt in Sitka säkular bzw. gemäßigt gläubige ‚Jids‘ und die chassidischen „Schwarzhutsekten“, die in eigenen Vierteln bzw. auf eigenen Inseln leben und streng die 613 Gebote der Thora und deren Auslegung durch ihren ‚Rebbe‘ (Rabbi) folgen. Mit einer dieser Gruppierungen, den Verbovern, hat der Hauptprotagonist immer wieder zu tun. Die Verbover sind einerseits so ultrareligiös wie die anderen Chassiden, bilden aber andererseits eine Art Kosher Nostra.
Kommissar Lansmann legt sich im Verlauf der Geschichte sowohl mit weltlichen, als auch mit religiösen Autoritäten an, um den Mord aufzuklären, mit dem am Anfang die Geschichte eröffnet wird. Wer ist der ermordete Junkie, der nur wenige Zimmer neben dem von Lansmann, der in derselben Absteige wie das Mordopfer untergekommen ist, wohnt? Zu allem Unglück wird Lansmann auch noch seine ehemalige Frau, Bina, als seine Vorgesetzte vor die Nase gesetzt, um ihn auszubremsen. Dabei empfindet er auch nach der langen Trennung von ihr noch Begehren für sie:

Vergeblich versucht er zu übersehen, wie ihre schweren Brüste, deren Leberflecke und Sommersprossen er noch immer Sternbilder im Planetarium seiner Phantasie projizieren kann, die Taschen und Laschen ihrer Bluse spannen.

(Seite 73)
Michael Chabon kann gut schreiben und aus seiner Feder kommen immer wieder so schöne und grandiose Sätze wie die folgenden:

Bina nimmt das Kompliment an wie eine Limonadendose, von der sie glaubt, dass er sie vorher geschüttelt hat.

(Seite 70)

»Sie sehen aus wie etwas, das aus einem vollen Staubsaugerbeutel gefallen ist.«

(Seite 130)

Die Uhr an der Wand summte vor sich hin und brach mit dem Minutenanzeiger zunehmend unruhig kleine Bröckchen der Nacht ab.

(Seite 145)

„Keine Stunde mehr bis zum Sonnenuntergang, und der fallende Schnee gleicht Splittern gebrochenen Tageslichts.

(Seite 152)

»Mein Samstagabend. Der ist wie ein Mikrowellen-Burger, Meyer. Ziemlich schwer, etwas zu ruinieren, das von vornherein so schlecht ist.«

(Seite 226)

Sechs Männer mit den bunt wechselnden Nachnamen verdammter Crewmitglieder aus einem U-Boot-Film halten jeweils in Zweierteams vierstündig Wache. Einer ist schwarz, die anderen sind rosa Riesen mit Haarschnitten, die die kleine Lücke zwischen Astronaut und pädophilen Gruppenleiter schließen.

(Seite 432)

Aber wenn Landsman es wagt ein oder zwei Fragen zu formulieren, ergießt sich eine erstickende Stille über sie wie tausend Gallonen Wasser aus einem Flugzeug.

(Seite 432)

»Sie fragen nach Ihnen, meine Liebe«, sagt sie sie mit krankenschwesternhafter Zärtlichkeit zu der älteren Frau.

(Seite 247)
Zwar ist die Gestalt des heruntergekommenen Kommissars mit Alkoholproblem wahrlich nicht neu in der Geschichte der Kriminalromane, aber Chabon entwirft doch ein überzeugendes Bild von ihm:

Das Bedürfnis nach einem Glas Alkohol ist wie ein fehlender Zahn. Er muss ständig daran denken, und doch ist etwas Angenehmes daran, in der Lücke herumzubohren.

(Seite 237)

Für Freund*innen des Krimi-Genres und Interessierte der jüdischen Kultur eine Leseempfehlung!

Michael Chabon: Die Vereinigung jiddischer Polizisten, München, 3. Auflage 2013