Archiv für Februar 2014

„Wer mit der NPD marschiert IST ein Nazi!“ – über die rassistischen Proteste im sächsischen Schneeberg und anderswo

In den ländlichen Räumen wurden gegen Ende 2013 die rassistisch motivierten Abwehr-Bewegungen von großen Bevölkerungs-Teilen gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in der zweiten Jahreshälfte immer heftiger und größer. Im thüringischen Greiz marschierten wöchentlich bis zu mehreren hundert Bürger/innen und Neonazis auf und in Schneeberg hatte ein NPD-Politiker zu einem Fackelzug (‚Lichtellauf‘), an dem bis zu 1.800 Menschen teilnahmen. Die Ordner in Schneeberg bestanden nach den Berichten von Szene-Kenner/innen ausnahmslos aus organisierten Neonazis und der Initiator des Aufmarsches war der lokale NPD-Funktionär Stefan Hartung. Das NPD-Blatt „Deutsche Stimme“ 12-2013 titelte: „Ein Nationaldemokrat rief – und Tausend kamen“.
Die Demonstrant/innen waren eine Mischung aus zumeist angereisten Neonazis und Bürger/innen der Region, die Arm in Arm und „Wir sind das Volk“ rufend, gegen Flüchtlinge aufmarschierten. Sie waren in Schneeberg tatsächlich das Volk oder zumindest ein Teil davon, denn Schneeberg hat nur 14.000 Einwohner/innen.
Doch gab es erfreulicherweise auch Gegenproteste, die offenbar mit dafür sorgten, dass die Teilnehmer-Zahl am ‚Lichtellauf‘ wieder abnahm. Die Gegendemonstrant/innen riefen häufig die Parole „Wer mit der NPD marschiert, ist ein Nazi!“ und wiesen so auf die Verbrüderung im Geiste und auf der Straße hin.
Es kamen zum ‚Lichtellauf‘ in Schneeberg …
… am 19. Oktober 2013 800 Rassist/innen.
Am Vortag gab es eine Gegenkundgebung an der mehrere hundert Leute teilnahmen.
… am 2. November 2013 1.800-2.000 Rassist/innen, die Veranstalter/innen sprachen sogar von 2.500.
Etwa 5-600 bezogen unter dem Motto „Refugees welcome! – Gegen den rassistischen Mob in Schneeberg und überall!“ eine antirassistische Gegenposition.
… am 17. November 2013 1.000-1.500 Rassist/innen.
Etwa 1.500-2.000 bundesweit angereiste Antirassist/innen, vor allem aus dem autonomen Spektrum, demonstrierten dagegen.
Schneeberg-Demo: We are fucking angry!
… am 25. Januar 2014 2014 250 Rassist/innen.
Eine angemeldete Gegenveranstaltung hatte es diesmal nicht gegeben, nur vereinzelte Grüppchen protestierten am Rande des rassistischen Aufmarsches.

In der Provinz wird gezündelt
Ein weiteres Zentrum des rassistischen Protests ist der Ortsteil Pätz der Gemeinde Bestensee bei Königs Wusterhausen in Brandenburg, die dortige Bürgerinitiative gegen Flüchlingsunterbringungen drohte bereits mit der Zerstörung der noch unbezogenen Räume: Weitere Straßenproteste gab es letztes Jahr auch in Leipzig-Gohlis, in Chemnitz, in Greiz-Pohlitz1 in Thüringen oder im Berliner Bezirk Hellersdorf.
Mit dem Aufkommen von Fackelmärschen gegen Flüchtlinge war es nur noch eine Frage der Zeit bis auch die ersten Brandfackeln geworfen wurden. So wurden in Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern) am 7. Oktober 2013, in Premnitz (Brandenburg) am 16. September 2013, in Arnstadt (Thüringen) oder in Oldenburg (Niedersachsen) am 21. Oktober 2013, in Wehr (Baden-Württemberg) am 19. Oktober 2013 und in Gemünden (Bayern) am 17. Oktober 2013 Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte oder dafür vorgesehene Gebäude verübt. Menschen kamen dabei bisher (noch) nicht zu Schaden. 
Laut „Report Mainz“ wurden 2013 mindestens 21 gewalttätige Übergriffe auf Flüchtlinge und deren Unterkünfte registriert. Dreimal so viel wie im Jahr 2012, in dem es sieben registrierte Vorfälle gab.

Eigentlich müsste man sich am Wochenende treffen und gemeinsam das Haus in Pätz einreißen […] So kommt niemand zu Schaden und wir haben unseren Seelenfrieden wieder.

Auch mit den Pogromen von Rostock wurde gedroht, wenn in Diskussionen eine Person laut dem „Tagesspiegel“ rief, dass „Asylbewerberheime besser in Hoyerswerda oder Rostock aufgehoben“ wären.
Insgesamt haben sich im vergangenen Jahr die Zahl der Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte vorläufigen Zahlen zufolge nahezu verdoppelt.

Hinter den Bürgerprotesten gegen Flüchtlinge (ver-)steckte (sich) häufig die NPD, was aber nicht überall so sichtbar ist war in Schneeberg. Nach Recherchen von „Report Mainz“ hatte die NPD im Jahr 2013 bundesweit mindestens 47 Demonstrationen gegen Flüchtlinge und deren Unterkünfte organisiert oder war daran maßgeblich beteiligt. Insgesamt gab es 2013 67 solcher Aktionen gegen Flüchtlinge. Damit ist die NPD für rund 70 Prozent solcher Veranstaltungen verantwortlich. Die übrigen Proteste gingen vor allem auf das Konto von „Pro NRW“, „Pro Deutschland“ und der Partei „Die Rechte“.

Andere Länder, andere Unsitten
Großbritannien ging eigene Wege gegen Flüchtlinge. Die dortige Regierung hatte erst im Juli dafür gesorgt, dass Lieferwagen mit überdimensionierten Plakaten durch mehrere Londoner Viertel mit hohem Migrant/innenanteil fuhren. Auf den Plakaten stand: „Leben Sie illegal hier? Gehen Sie nach Hause oder richten Sie sich auf eine Festnahme ein.“
Später gab es ähnliche Aufforderungen/Drohungen per SMS an 39.100 Empfänger/innen. Auch interessant wäre es zu wissen, wie die Regierung an diese Nummern von vermeintlich ‚Illegalen‘ gekommen ist.

In den Straßen von Moskau tobte sich dagegen im August 2013 der rassistische Pöbel aus. Die autoritäre Regierung gab dem Mob nach und veranstaltete Razzien gegen ‚Illegale‘. Unter anderem wurde ein Internierungslager für Näher/innen aus Vietnam eingerichtet, die in einer unterirdischen Fabrik, gefälschte Markenartikel hergestellt hatten. Inzwischen wurden die Insass/innen des Lagers nach Vietnam deportiert.

Staat und Bürger/innen gegen Flüchtlinge
Nicht nur in ihren Lagern, auch an ihren Grenzen ist die Festung Europa unmenschlich. Viele Flüchtlinge kommen gar nicht erst in der deutschen Provinz an, um hier in Lagern dahinvegetieren zu „können“. Zwischen Europa und Afrika/Asien liegt immer noch dass Massengrab Mittelmeer. Vor ein paar Monaten sorgte das Unglück/Verbrechen von Lampedusa für Schlagzeilen: Während Deutschland am 3. Oktober den Fall der Mauer feierte, starben mehrere hundert Flüchtlinge vor Lampedusa an den unsichtbaren Mauern EU-Europas. Ein Schiff sank einen Kilometer vor der Küste von Lampedusa und mindestens 364 Menschen starben dabei. Giusi Nicolini, Bürgermeisterin von Lampedusa , wurde kurz danach in den Medien mit folgenden Worten zitiert:

Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden? Ich bin über die Gleichgültigkeit erzürnt, die alle angesteckt zu haben scheint; mich regt das Schweigen von Europa auf, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat und nichts sagt, obwohl es hier ein Massaker gibt, bei dem Menschen sterben, als sei es ein Krieg.

In Hamburg wurde in einer ‚Aktion Lampedusa‘ von der Polizei jede/r mit schwarzer Hautfarbe zwangskontrolliert. Diese Jagd sollte dazu dienen, afrikanische Flüchtlinge, die über Lampedusa nach Europa fanden, aufzuspüren.
Das AZ Flora stellte daraufhin der Stadt ein Ultimatum den Scheiß zu lassen. Sehr sympathisch wenn auch mal anders herum Ultimaten gestellt werden.
Bis zu 10.000 Menschen demonstrierten in Hamburg gegen die rassistische Abschiebepolitik des Senates. Der Protestmarsch fand nach dem Spiel des FC St. Pauli statt und wurde von über 100 Vereinen, Fanorganisationen und Stadtteilinitiativen unterstützt. Eine weitere Demonstration gegen Abschiebung und für Erhalt der Flora brachte kurz vor Weihnachten erneut tausende auf die Straße.
Demo in Schneeberg
In diesem Jahr scheint die rassistische Straßenmobilisierung erst einmal wieder abgeebbt zu sein. Mal schauen ob das auch so bleibt.

HolocaustleugnerInnen-Gruppe nahm an homophober Demo in Köln Teil

Am 18. Januar 2014 demonstrierten in Köln vor allem christliche FundamentalistInnen unter dem Motto „Stoppt den Sexualkundezwang an Grundschulen“. Ein Youtube-Mitschnitt der Demonstration zeigt ein großes Transparent mit der Aufschrift „Frühsexualisierung STOPPEN!!! Kinder brauchen GUTE Werte: wahre Liebe, Ehre, Treue!!!“. Darunter steht die URL „www.europaeische-aktion.org“. Das ist die Adresse der Homepage der nazistischen und extrem antisemitischen „Europäischen Aktion“.
Europäische Aktion auf christlich-homophober Demo in Köln

Buchkritik „Casa Pound Italia“ von Heiko Koch

Vor ein paar Monaten eröffnete in Pirna das „Haus Montag“, benannt nach dem Hauptprotagonisten der literarischen Dystopie „Fahrenheit 451“, in der dieser als Mitglied der „Feuerwehr“ Bücher als Relikte einer früheren Zeit und eines nicht mehr tolerierten Individualismus verbrennt. Der Held der Geschichte läuft aber schließlich zur Gegenseite über und kritisiert diese totalitäre Diktatur. Die neofaschistischen Casa-Pound-Bewegung in Italien nannte ihr erstes Zentrum „Casa Montag“, da sie sich auch im Kampf gegen eine totalitäre Diktatur sah.
Hinter dem „Haus Montag“ in Pirna dagegen stecken deutsche Neonazis, die sich am Stil und Inhalt von Casa-Pound orientieren und offenbar hoffen so von deren Erfolg zu profitieren.
Eine gute und kritische Darstellung dieser Bewegung findet sich in dem Buch „Casa Pound Italia. Mussolinis Erben“ von Heiko Koch (Münster, 2013).
Casa Pound von Heiko Koch

Ein Netzwerk mit Bewegungs-Charakter
Ursprünglich war „Casa Pound Italia“ (CPI) Teil der traditionsfaschistischen Partei „Fiamma Tricolore“, ging dann aber eigene Wege und ist heute mehr als nur ein Verein. Es ist tatsächlich ein Netzwerk mit Bewegungs-Charakter:

Derart strukturiert und vernetzt, ausgestattet mit kulturellen und sozialen Initiativen und um eine hohe Präsenz auf der Straße und in den Medien bemüht kann man bei der Casa Pound von einer jungen Sozialbewegung von rechts reden, die seit Ende 2012 auch den Status einer Partei inne hat

. (Seite 20)
Zum CPI-Netzwerk gehören das Web-Fernsehen „Tortuga-TV“, ein Webradio, eine Monats- und eine Quartalszeitschrift, 20 Bars und 15 Buchläden. Es gibt karikative Gruppen, eine eigene Naturschutzorganisation, eine Mütterorganisation, eine Gewerkschaft, der Bekleidungsladen „Badabing“ und eigene oder nahe stehende Modemarken. Man hat sogar mit „Comunita Solidarista Popolu Onlus“ eine Solidaritätsorganisation, die eine bewaffnete Befreiungsorganisation der Karen-Minderheit in Burma, die „Karen Freedom Fighter“, unterstützt. Das CPI-Nahe Internetportal „Zentropa“ fungiert laut Heiko Koch als eine „rechte Internet-Volkshochschule“. CPI als Organisation verfügt über 13 Provinz-Gliederungen mit 51 Standorten.
Im Grunde handelt es sich um eine eigene Parallelwelt.
CPI verfügt über mehrere besetzte Häuser. Teilweise geschah oder geschieht das mit Duldung oder gar Unterstützung der Behörden. So erwarb Roms Bürgermeister Alemanno (2008 bis 2012), der selbst über eine neofaschistische Vergangenheit verfügt, den CPI-Hauptsitz in der Via Napoleone III für 11,8 Millionen Euro für die Stadt, um ihn dann CPI zu überschreiben.
In CPI sind im Kern 4.000 Mitglieder organisiert, aber das Umfeld ist um ein Vielfaches größer. Für ihre Straßenpolitik kann CPI problemlos tausende auf die Straße mobilisieren. Nicht selten werden bei Aktionen auf der Straße Choreografien aufgeführt, die man sich bei den Ultras im Stadien abgeschaut hat.
Besonders auch unter jungen AkademikerInnen scheint CPI populär zu sein. Die CPI-Studentorganisation „Blocco Studentesco“ erhielt in Rom bei den Studierendenwahlen 2009 11.000 Stimmen (29%) und entsandte 100 VertreterInnen in die Schülerparlamente.

Modernes und ansprechendes Äußeres – faschistische Inhalte
Letztendlich ist Casa Pound auch eine Strategie und ein Stil:

Casa Pound kann man als praktischen Versuch bewerten, die bis dato vor allem akademisch geführte Debatte der Nouvelle Droite auf den Straßen und Piazzas Italiens umsetzen und in das normale Leben zu transformieren, die Neue Rechte vom Kopf auf die Füße zu stellen.

(Seite 107)
Wie Heiko Koch es formuliert steht CPI statt für den „alten brachialen Stiefelfaschismus“ für einen ein „hippe[n] und smarte[n] Turnschuhfaschismus“. Die Mitglieder des CPI nennen sich selbst „die Faschisten des 3. Jahrtausends“.
Das Buch ist reich bebildert, um zu zeigen dass CPI vor allem auch eine neue und ansprechende Ästhetik herausgebildet hat, eine Art Comicfaschismus. So werden nonkonforme Helden aus Film , Comic und der Historie schnell als Ikonen der eigenen Bewegung adaptiert. Das geschieht im „copy and paste“-Verfahren. So taucht sogar der anarchistische Revolutionär Nestor Machno aus der Ukraine in der Bildern von CPI auf. Attraktiv machen ihn aber für die NeofaschistInnen nicht seine Inhalte, sondern seine Haltung gegen den Status Quo und ein entpolitisierter Gewalt-Bezug.
Überhaupt gilt Gewalt bei CPI als gemeinschaftsstiftend. Gemeint ist die Selbstinszenierung als gewalttätig, aber auch der Bezug vor allem auf die Gewalt der verschiedenen Faschismus-Varianten in der europäischen Geschichte.

Ein genauerer Blick auf die von Casa Pound in Schrift und Bild vertretenen Inhalte offenbart schnell den reaktionären und faschistischen Charakter. Man orientiert sich ganz offen am historischen Faschismus in seiner Bewegungs-Phase.
Trotz der modernen und jugendlichen Haltung ist das Frauenbild bei CPI reaktionär. Man(n) ist gegen Abtreibung und strikt antifeministisch eingestellt. Wobei zwar diese Haltung mit dem traditionalistischen Katholizismus geteilt wird, dieser aber wegen seiner eher universalistischen Ausrichtung oftmals abgelehnt wird.
Der Antikapitalismus von CPI ist mehr als verkürzt, denn er bezieht Eigentums- und Produktionsverhältnisse nicht mit ein. Stattdessen fordert man eine nationale Autarkie und eine Renationalisierung der Wirtschaft. Außerdem übt man sich in einem nationalrevolutionären Aktionismus gegen „Hochfinanz“ und „Freimaurer“. So taucht auch nicht selten das Bild des Vampirs, der Krake oder des Blutsaugers im ‚Antikapitalismus‘ von CPI auf.
Ebenso wie der Antikapitalismus ist auch der Antiimperialismus ein rechter. Globalisierung wird als Gefahr für die Kollektiv-Identität wahrgenommen und es wird ein Ethnopluralismus als Gegenmodell propagiert, d.h. alle ‚Völker‘ sollen für sich und mit möglichst wenig Austausch leben.

Fazit: konforme Rebellen
CPI reklamiert für sich selber den Begriff „nonconforme“, aber in Wahrheit handelt es sich bei Casa Pound um konforme Rebellen von Rechts, da sie Kollektiv-Denken, Wirtschaftsform, Staats-Organisation, Patriarchat nicht in Frage stellen. Trotzdem kommt ihre neue Ästhetik und ihr Rebellen-Gestus gut an. Mit CPI kommt es in Italien zu einer Enttabuisierung und Aufwertung des Faschismus. Es findet eine „popkulturelle Annäherung an die Jugend Italiens“ statt. Der Autor resümiert:

Man kann bei der Casa Pound von einem Modernisierungsschub innerhalb der außerparlamentarischen Rechten und einem Qualitätssprung für die extreme Rechte sprechen. Sie stellt ein ausbaufähiges Modell dar, dass es in der ökonomischen Krise schafft sich Ausgegrenzten und Etablierten gleichermaßen als Alternative anzubieten.

(Seite 109)
Die moderne und ansprechende Ästhetik der CPI-Neofaschist/innen – ein Element was schon im alten Faschismus mit dem Bezug auf den Futurismus zu finden war – sollte aber nicht über den faschistischen Charakter täuschen. Auch in Italien hat CPI schon seine tödlichen Qualitäten bewiesen als der CPI-Anhänger Gianluca Casseri im Dezember 2011 zwei senegalesische Straßenhändler erschoss.

Heiko Koch hat für ein deutschsprachiges Publikum Casa Pound und seine Besonderheiten ausgezeichnet dargestellt und vieles Unverständliches für Uneingeweihte dechiffriert. Das Buch sei jeder/jedem an dem Thema Neofaschismus in Italien Interessierten/m zum Kauf empfohlen!

Heiko Koch: Casa Pound Italia. Mussolinis Erben, Münster 2013

Deutsche Salafisten inszenieren sich als die ‚neuen Juden‘

In einem Online-Beitrag mit Video berichtet der deutsche Salafist Ibrahim Al Almani über seinen Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau und zieht dabei Vergleiche zur heutigen Lage der Muslime in Deutschland.
Dieser Vergleich, der teilweise auch auf eine Gleichsetzung hinausläuft, ist aus zwei Gründen problematisch.
Screenshot Salafist Ibrahim Al Almani
Erstes ist die Gleichsetzung von Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus sehr umstritten. Viele lehnen sie ab, da wichtige Unterschiede zwischen diesen beiden Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit existieren. Die bekannteste Form von Antisemitismus, der Mythos von der „jüdischen Weltverschwörung“, beinhaltet eine komplette Welterklärung. Mit ihr wird versucht die Moderne und ihr zugeordnete Phänomene (Liberalismus, Oktoberrevolution, Staatssozialismus, Kapitalismus bzw. dessen Finanzsphäre, Hollywood etc.) zu erklären. Hinter allem stecken der Wahnvorstellung von Antisemit/innen nach „die Juden“. Diese verfügen, dem antisemitischen Weltbild nach, über nahezu unbegrenzte Macht und unheimliche Fähigkeiten. Die ‚Bedrohung‘ liegt hier also in der ‚Qualität‘ der Gruppe.
Der Antisemitismus als Welterklärung hat sich als sehr anpassungsfähig und kritikresistent erwiesen. Auch neue Weltgeschehen und die Postmoderne werden von Antisemit/innen in ihr Gebäude der ‚jüdischen Weltverschwörung(en)‘ eingepasst. Sei es das Erdbeben auf Haiti, die September-Attentate von New York oder selbst der Nationalsozialismus. Um einer Kritik auszuweichen, werden teilweise Begriffe wie ‚die Juden‘ oder ‚Alljuda‘ durch ‚die Zionisten‘ oder ‚Israel‘ ersetzt, was aber am Inhalt wenig ändert. Wenn dem israelischen Geheimdienst Mossad eine Allmacht zugesprochen wird und er z.B. mit dem 11.09.2001 in Verbindung gebracht wird, dann handelt es sich lediglich um den Bestandteil eines modernisierten antisemitischen Weltverschwörungs-Glauben.
Der antimuslimische Rassismus dagegen beinhaltet zwar auch teilweise Verschwörungsglauben, etwa den an eine von ominösen Hintergrundmächten gesteuerte „Islamisierung Europas“, aber generell wird eher mit der Quantität der angefeindeten Gruppe argumentiert. Diese würde sich ständig vermehren bzw. als Masse von außen in das „christliche Abendland“ ‚hineindrängen‘. Dem einzelnen Muslim wird vom antimuslimischen Rassisten dabei keine besondere Macht zugesprochen. Im Weltbild eine/r antimuslimischen Rassist/in ist ein Muslim oder eine Muslima Angehörige/r eines dem Westen ‚unterlegenen‘ Kulturkreises.
Darüber hinaus hat der Antisemitismus mit seinem Vorläufer, dem christlichen Antijudaismus, eine sehr lange Geschichte im deutschsprachigen Raum, die dem antimuslimischen Rassismus fehlt. Auch wenn es seit den Türkenkriegen in Europa durchaus negative Stereotype über „die Türken“ gab.

Zweitens ist es problematisch, wenn die Kritik am antimuslimischen Rassismus von Salafisten stammt, die dieser Kritik gerne nicht nur den real existierenden antimuslimischen Rassismus zuschlagen, sondern auch die Kritik am Islamismus, d.h. dem politisierten Islam, bzw. am konservativen Islam und dessen Regelwerk.
Neben einer atheistischen General-Kritik an Religionen ist eine Kritik an ihren fundamentalistischen Strömungen kein Ausdruck von antimuslimischen Rassismus, wenn sich die Kritik differenziert äußert und Vorurteile vermeidet.
Zu den fundamentalistischen Strömungen des Islams gehört definitiv auch der Salafismus. Während diese Strömung in Saudi-Arabien Staatsreligion ist, hängen ihr in der Bundesrepublik nur ein paar tausend Menschen an. Ihre Wortführer sind hierzulande nicht selten Konvertiten, also Personen aus Familien ohne muslimischen Hintergrund. Der derzeit bekannteste deutsche Salafist ist der Konvertit Pierre Vogel.

In dem Beitrag „Hetze gegen Muslime: Ibrahim Al Almani besucht das KZ-Lager in Dachau“ heißt es nun durchaus richtig: „Es gibt sie, die Hetze gegen Muslime.“ Weiter heißt es:

Als wir auf dem Weg nach München waren um unsere Bühne abzuholen, die wir haben bauen lassen, kamen wir an dem Ort Dachau vorbei.
Dort entstand sozusagen 1933 das Vorzeigemodel für die späteren Vernichtungslager (KZ) für bestimmte Gruppen von Menschen und alles was dem Regime im Weg stand.
[…] Vielleicht finden Sie es auf dem ersten Blick übertrieben was wir hier sagen, aber machen sie sich doch mal ihr eigenes Bild und teilen sie ihre Meinung mit uns.
Selbst Medien wie RTL schrecken nicht zurück, ohne Rücksicht auf Verluste lügnerische Berichte zu senden, wie der von vor 3 Jahren. Dort hieß es in einer Reportage:“ In dieser Moschee will man kleine Kinder zu Terrorsiten [sic!] erziehen!“ Dabei kannte man die betroffenen Muslime und ihre Einstellung ganz genau. Diese Muslime lebte 5 Jahre friedlich in Mönchengladbach und sprachen sie sogar öffentlich gegen Terrorismus aus.

Mag der RTL-Beitrag auch in typischer Medienmanier reißerisch gewesen sein, es gibt aber Bezüge zwischen deutschen Salafisten und islamistischen Terrorist/innen. Die Radikalisierung späterer islamistischer Terrorist/innen aus Deutschland fand häufig im salafistischen Milieu statt. Sie fungieren damit als Durchlauferhitzer. Doch auch ohne diese Verbindung, wäre der Salafismus mit seiner extrem ausgeprägten Patriarchats-Ideologie und seinen persönlichkeitseinengenden Anforderungen noch immer sehr kritikwürdig.

Die Kritik am real existierenden antimuslimischen Rassismus führt damit über die Analogisierung mit der NS-Judenverfolgung zu einer Kritik-Abwehr am Salafismus.
So inszenieren sich deutsche Salafisten quasi als die ‚Juden von heute‘. Ähnlich wie die antimuslimischen Rassist/innen, die nicht in der Lage sind zwischen Strömungen im Islam zu differenzieren oder Individuen mit muslimischen Hintergrund als Individuen wahrzunehmen, sind die deutschen Salafisten nicht fähig oder willens zwischen antimuslimischen Rassismus und Kritik am Islamismus zu unterscheiden. Schwierig macht es natürlich, dass sie sich beidem gegenübersehen: Legitimer Kritik, aber ebenso rassistisch motivierter Anfeindung.