Deutsche Salafisten inszenieren sich als die ‚neuen Juden‘

In einem Online-Beitrag mit Video berichtet der deutsche Salafist Ibrahim Al Almani über seinen Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau und zieht dabei Vergleiche zur heutigen Lage der Muslime in Deutschland.
Dieser Vergleich, der teilweise auch auf eine Gleichsetzung hinausläuft, ist aus zwei Gründen problematisch.
Screenshot Salafist Ibrahim Al Almani
Erstes ist die Gleichsetzung von Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus sehr umstritten. Viele lehnen sie ab, da wichtige Unterschiede zwischen diesen beiden Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit existieren. Die bekannteste Form von Antisemitismus, der Mythos von der „jüdischen Weltverschwörung“, beinhaltet eine komplette Welterklärung. Mit ihr wird versucht die Moderne und ihr zugeordnete Phänomene (Liberalismus, Oktoberrevolution, Staatssozialismus, Kapitalismus bzw. dessen Finanzsphäre, Hollywood etc.) zu erklären. Hinter allem stecken der Wahnvorstellung von Antisemit/innen nach „die Juden“. Diese verfügen, dem antisemitischen Weltbild nach, über nahezu unbegrenzte Macht und unheimliche Fähigkeiten. Die ‚Bedrohung‘ liegt hier also in der ‚Qualität‘ der Gruppe.
Der Antisemitismus als Welterklärung hat sich als sehr anpassungsfähig und kritikresistent erwiesen. Auch neue Weltgeschehen und die Postmoderne werden von Antisemit/innen in ihr Gebäude der ‚jüdischen Weltverschwörung(en)‘ eingepasst. Sei es das Erdbeben auf Haiti, die September-Attentate von New York oder selbst der Nationalsozialismus. Um einer Kritik auszuweichen, werden teilweise Begriffe wie ‚die Juden‘ oder ‚Alljuda‘ durch ‚die Zionisten‘ oder ‚Israel‘ ersetzt, was aber am Inhalt wenig ändert. Wenn dem israelischen Geheimdienst Mossad eine Allmacht zugesprochen wird und er z.B. mit dem 11.09.2001 in Verbindung gebracht wird, dann handelt es sich lediglich um den Bestandteil eines modernisierten antisemitischen Weltverschwörungs-Glauben.
Der antimuslimische Rassismus dagegen beinhaltet zwar auch teilweise Verschwörungsglauben, etwa den an eine von ominösen Hintergrundmächten gesteuerte „Islamisierung Europas“, aber generell wird eher mit der Quantität der angefeindeten Gruppe argumentiert. Diese würde sich ständig vermehren bzw. als Masse von außen in das „christliche Abendland“ ‚hineindrängen‘. Dem einzelnen Muslim wird vom antimuslimischen Rassisten dabei keine besondere Macht zugesprochen. Im Weltbild eine/r antimuslimischen Rassist/in ist ein Muslim oder eine Muslima Angehörige/r eines dem Westen ‚unterlegenen‘ Kulturkreises.
Darüber hinaus hat der Antisemitismus mit seinem Vorläufer, dem christlichen Antijudaismus, eine sehr lange Geschichte im deutschsprachigen Raum, die dem antimuslimischen Rassismus fehlt. Auch wenn es seit den Türkenkriegen in Europa durchaus negative Stereotype über „die Türken“ gab.

Zweitens ist es problematisch, wenn die Kritik am antimuslimischen Rassismus von Salafisten stammt, die dieser Kritik gerne nicht nur den real existierenden antimuslimischen Rassismus zuschlagen, sondern auch die Kritik am Islamismus, d.h. dem politisierten Islam, bzw. am konservativen Islam und dessen Regelwerk.
Neben einer atheistischen General-Kritik an Religionen ist eine Kritik an ihren fundamentalistischen Strömungen kein Ausdruck von antimuslimischen Rassismus, wenn sich die Kritik differenziert äußert und Vorurteile vermeidet.
Zu den fundamentalistischen Strömungen des Islams gehört definitiv auch der Salafismus. Während diese Strömung in Saudi-Arabien Staatsreligion ist, hängen ihr in der Bundesrepublik nur ein paar tausend Menschen an. Ihre Wortführer sind hierzulande nicht selten Konvertiten, also Personen aus Familien ohne muslimischen Hintergrund. Der derzeit bekannteste deutsche Salafist ist der Konvertit Pierre Vogel.

In dem Beitrag „Hetze gegen Muslime: Ibrahim Al Almani besucht das KZ-Lager in Dachau“ heißt es nun durchaus richtig: „Es gibt sie, die Hetze gegen Muslime.“ Weiter heißt es:

Als wir auf dem Weg nach München waren um unsere Bühne abzuholen, die wir haben bauen lassen, kamen wir an dem Ort Dachau vorbei.
Dort entstand sozusagen 1933 das Vorzeigemodel für die späteren Vernichtungslager (KZ) für bestimmte Gruppen von Menschen und alles was dem Regime im Weg stand.
[…] Vielleicht finden Sie es auf dem ersten Blick übertrieben was wir hier sagen, aber machen sie sich doch mal ihr eigenes Bild und teilen sie ihre Meinung mit uns.
Selbst Medien wie RTL schrecken nicht zurück, ohne Rücksicht auf Verluste lügnerische Berichte zu senden, wie der von vor 3 Jahren. Dort hieß es in einer Reportage:“ In dieser Moschee will man kleine Kinder zu Terrorsiten [sic!] erziehen!“ Dabei kannte man die betroffenen Muslime und ihre Einstellung ganz genau. Diese Muslime lebte 5 Jahre friedlich in Mönchengladbach und sprachen sie sogar öffentlich gegen Terrorismus aus.

Mag der RTL-Beitrag auch in typischer Medienmanier reißerisch gewesen sein, es gibt aber Bezüge zwischen deutschen Salafisten und islamistischen Terrorist/innen. Die Radikalisierung späterer islamistischer Terrorist/innen aus Deutschland fand häufig im salafistischen Milieu statt. Sie fungieren damit als Durchlauferhitzer. Doch auch ohne diese Verbindung, wäre der Salafismus mit seiner extrem ausgeprägten Patriarchats-Ideologie und seinen persönlichkeitseinengenden Anforderungen noch immer sehr kritikwürdig.

Die Kritik am real existierenden antimuslimischen Rassismus führt damit über die Analogisierung mit der NS-Judenverfolgung zu einer Kritik-Abwehr am Salafismus.
So inszenieren sich deutsche Salafisten quasi als die ‚Juden von heute‘. Ähnlich wie die antimuslimischen Rassist/innen, die nicht in der Lage sind zwischen Strömungen im Islam zu differenzieren oder Individuen mit muslimischen Hintergrund als Individuen wahrzunehmen, sind die deutschen Salafisten nicht fähig oder willens zwischen antimuslimischen Rassismus und Kritik am Islamismus zu unterscheiden. Schwierig macht es natürlich, dass sie sich beidem gegenübersehen: Legitimer Kritik, aber ebenso rassistisch motivierter Anfeindung.