Buchkritik „Casa Pound Italia“ von Heiko Koch

Vor ein paar Monaten eröffnete in Pirna das „Haus Montag“, benannt nach dem Hauptprotagonisten der literarischen Dystopie „Fahrenheit 451“, in der dieser als Mitglied der „Feuerwehr“ Bücher als Relikte einer früheren Zeit und eines nicht mehr tolerierten Individualismus verbrennt. Der Held der Geschichte läuft aber schließlich zur Gegenseite über und kritisiert diese totalitäre Diktatur. Die neofaschistischen Casa-Pound-Bewegung in Italien nannte ihr erstes Zentrum „Casa Montag“, da sie sich auch im Kampf gegen eine totalitäre Diktatur sah.
Hinter dem „Haus Montag“ in Pirna dagegen stecken deutsche Neonazis, die sich am Stil und Inhalt von Casa-Pound orientieren und offenbar hoffen so von deren Erfolg zu profitieren.
Eine gute und kritische Darstellung dieser Bewegung findet sich in dem Buch „Casa Pound Italia. Mussolinis Erben“ von Heiko Koch (Münster, 2013).
Casa Pound von Heiko Koch

Ein Netzwerk mit Bewegungs-Charakter
Ursprünglich war „Casa Pound Italia“ (CPI) Teil der traditionsfaschistischen Partei „Fiamma Tricolore“, ging dann aber eigene Wege und ist heute mehr als nur ein Verein. Es ist tatsächlich ein Netzwerk mit Bewegungs-Charakter:

Derart strukturiert und vernetzt, ausgestattet mit kulturellen und sozialen Initiativen und um eine hohe Präsenz auf der Straße und in den Medien bemüht kann man bei der Casa Pound von einer jungen Sozialbewegung von rechts reden, die seit Ende 2012 auch den Status einer Partei inne hat

. (Seite 20)
Zum CPI-Netzwerk gehören das Web-Fernsehen „Tortuga-TV“, ein Webradio, eine Monats- und eine Quartalszeitschrift, 20 Bars und 15 Buchläden. Es gibt karikative Gruppen, eine eigene Naturschutzorganisation, eine Mütterorganisation, eine Gewerkschaft, der Bekleidungsladen „Badabing“ und eigene oder nahe stehende Modemarken. Man hat sogar mit „Comunita Solidarista Popolu Onlus“ eine Solidaritätsorganisation, die eine bewaffnete Befreiungsorganisation der Karen-Minderheit in Burma, die „Karen Freedom Fighter“, unterstützt. Das CPI-Nahe Internetportal „Zentropa“ fungiert laut Heiko Koch als eine „rechte Internet-Volkshochschule“. CPI als Organisation verfügt über 13 Provinz-Gliederungen mit 51 Standorten.
Im Grunde handelt es sich um eine eigene Parallelwelt.
CPI verfügt über mehrere besetzte Häuser. Teilweise geschah oder geschieht das mit Duldung oder gar Unterstützung der Behörden. So erwarb Roms Bürgermeister Alemanno (2008 bis 2012), der selbst über eine neofaschistische Vergangenheit verfügt, den CPI-Hauptsitz in der Via Napoleone III für 11,8 Millionen Euro für die Stadt, um ihn dann CPI zu überschreiben.
In CPI sind im Kern 4.000 Mitglieder organisiert, aber das Umfeld ist um ein Vielfaches größer. Für ihre Straßenpolitik kann CPI problemlos tausende auf die Straße mobilisieren. Nicht selten werden bei Aktionen auf der Straße Choreografien aufgeführt, die man sich bei den Ultras im Stadien abgeschaut hat.
Besonders auch unter jungen AkademikerInnen scheint CPI populär zu sein. Die CPI-Studentorganisation „Blocco Studentesco“ erhielt in Rom bei den Studierendenwahlen 2009 11.000 Stimmen (29%) und entsandte 100 VertreterInnen in die Schülerparlamente.

Modernes und ansprechendes Äußeres – faschistische Inhalte
Letztendlich ist Casa Pound auch eine Strategie und ein Stil:

Casa Pound kann man als praktischen Versuch bewerten, die bis dato vor allem akademisch geführte Debatte der Nouvelle Droite auf den Straßen und Piazzas Italiens umsetzen und in das normale Leben zu transformieren, die Neue Rechte vom Kopf auf die Füße zu stellen.

(Seite 107)
Wie Heiko Koch es formuliert steht CPI statt für den „alten brachialen Stiefelfaschismus“ für einen ein „hippe[n] und smarte[n] Turnschuhfaschismus“. Die Mitglieder des CPI nennen sich selbst „die Faschisten des 3. Jahrtausends“.
Das Buch ist reich bebildert, um zu zeigen dass CPI vor allem auch eine neue und ansprechende Ästhetik herausgebildet hat, eine Art Comicfaschismus. So werden nonkonforme Helden aus Film , Comic und der Historie schnell als Ikonen der eigenen Bewegung adaptiert. Das geschieht im „copy and paste“-Verfahren. So taucht sogar der anarchistische Revolutionär Nestor Machno aus der Ukraine in der Bildern von CPI auf. Attraktiv machen ihn aber für die NeofaschistInnen nicht seine Inhalte, sondern seine Haltung gegen den Status Quo und ein entpolitisierter Gewalt-Bezug.
Überhaupt gilt Gewalt bei CPI als gemeinschaftsstiftend. Gemeint ist die Selbstinszenierung als gewalttätig, aber auch der Bezug vor allem auf die Gewalt der verschiedenen Faschismus-Varianten in der europäischen Geschichte.

Ein genauerer Blick auf die von Casa Pound in Schrift und Bild vertretenen Inhalte offenbart schnell den reaktionären und faschistischen Charakter. Man orientiert sich ganz offen am historischen Faschismus in seiner Bewegungs-Phase.
Trotz der modernen und jugendlichen Haltung ist das Frauenbild bei CPI reaktionär. Man(n) ist gegen Abtreibung und strikt antifeministisch eingestellt. Wobei zwar diese Haltung mit dem traditionalistischen Katholizismus geteilt wird, dieser aber wegen seiner eher universalistischen Ausrichtung oftmals abgelehnt wird.
Der Antikapitalismus von CPI ist mehr als verkürzt, denn er bezieht Eigentums- und Produktionsverhältnisse nicht mit ein. Stattdessen fordert man eine nationale Autarkie und eine Renationalisierung der Wirtschaft. Außerdem übt man sich in einem nationalrevolutionären Aktionismus gegen „Hochfinanz“ und „Freimaurer“. So taucht auch nicht selten das Bild des Vampirs, der Krake oder des Blutsaugers im ‚Antikapitalismus‘ von CPI auf.
Ebenso wie der Antikapitalismus ist auch der Antiimperialismus ein rechter. Globalisierung wird als Gefahr für die Kollektiv-Identität wahrgenommen und es wird ein Ethnopluralismus als Gegenmodell propagiert, d.h. alle ‚Völker‘ sollen für sich und mit möglichst wenig Austausch leben.

Fazit: konforme Rebellen
CPI reklamiert für sich selber den Begriff „nonconforme“, aber in Wahrheit handelt es sich bei Casa Pound um konforme Rebellen von Rechts, da sie Kollektiv-Denken, Wirtschaftsform, Staats-Organisation, Patriarchat nicht in Frage stellen. Trotzdem kommt ihre neue Ästhetik und ihr Rebellen-Gestus gut an. Mit CPI kommt es in Italien zu einer Enttabuisierung und Aufwertung des Faschismus. Es findet eine „popkulturelle Annäherung an die Jugend Italiens“ statt. Der Autor resümiert:

Man kann bei der Casa Pound von einem Modernisierungsschub innerhalb der außerparlamentarischen Rechten und einem Qualitätssprung für die extreme Rechte sprechen. Sie stellt ein ausbaufähiges Modell dar, dass es in der ökonomischen Krise schafft sich Ausgegrenzten und Etablierten gleichermaßen als Alternative anzubieten.

(Seite 109)
Die moderne und ansprechende Ästhetik der CPI-Neofaschist/innen – ein Element was schon im alten Faschismus mit dem Bezug auf den Futurismus zu finden war – sollte aber nicht über den faschistischen Charakter täuschen. Auch in Italien hat CPI schon seine tödlichen Qualitäten bewiesen als der CPI-Anhänger Gianluca Casseri im Dezember 2011 zwei senegalesische Straßenhändler erschoss.

Heiko Koch hat für ein deutschsprachiges Publikum Casa Pound und seine Besonderheiten ausgezeichnet dargestellt und vieles Unverständliches für Uneingeweihte dechiffriert. Das Buch sei jeder/jedem an dem Thema Neofaschismus in Italien Interessierten/m zum Kauf empfohlen!

Heiko Koch: Casa Pound Italia. Mussolinis Erben, Münster 2013