Buchkritik „Führerschule. Thingplatz, »Judenhaus«“ von Konstantin Hermann (Hg.)

Nach dem Erscheinen des Dresdner Täterbuchs wurde dieses Jahr unter der Herausgeberschaft von Konstantin Hermann ein ähnlicher Sammelband mit dem Titel „Führerschule. Thingplatz, »Judenhaus«“ (Dresden, 2014) veröffentlicht. Er widmet sich, wie der Untertitel verrät, dem Thema „Orte und Gebäude der nationalsozialistischen Diktatur in Sachsen“.
Führerschule Thingplatz Judenhaus
In der Einleitung des Buches heißt es über die „Auslöschung von Spuren der Vergangenheit“:

Das gezielte Beseitigen solch materieller Überreste führt zu einer »Erinnerungsasymmetrie«. Die ehemals Verfolgten verstehen das als Fortsetzung des ihnen angetanen Unrechts, »weil die Täter sich nach einer politischen Wende ins Vergessen retten, während die Opfer die Erinnerung als ihr kostbarstes Gut hüten. Diese Asymmetrie kann nicht durch gemeinsames Vergessen, sondern nur durch gemeinsames Erinnern abgebaut werden. An Stelle von Vergessen als einer Form der Vergangenheitsbewältigung muss unter diesen Umständen als einziger von den Nachgeborenen noch zu leistender Ausgleich die gemeinsame Erinnerung und Vergangenheitsbewahrung treten.«

(Seite 13)
Stattdessen wird ein kritische Einrahmung der NS-Tatorte und -Täter/innenorte in Sachsen eingefordert:

Konkrete historische Orte stellen die Instrumentarien zum Lesen der Geschichte bereit. Die Alltagsdimensionen der Diktatur ist ihnen mit einer Authentizität eingeschrieben, die kein Museum leisten kann. Deswegen ist es so wichtig, sie zu kennzeichnen.

(Seite 16)
Denn der Nationalsozialismus hat Spuren aus Stein hinterlassen, die bis heute existieren und nicht einfach als Gebäude abgetan werden können, die zufällig in der Zeit von 1933 bis 1945 entstanden sind:

Mehr als alle anderen politischen Systeme der Zeitgeschichte hat der Nationalsozialismus die Architektur als Form der Herrschaftsausübung begriffen. Diese Feststellung gilt sowohl für überdimensionierte Herrschaftsarchitektur als auch für die her unscheinbare Bauten, die ebenso eine politische und die Diktatur stabilisierende Dimension aufweisen.

(Seite 303)

Die insgesamt knapp 70 Beiträge im Buch unterteilen sich noch einmal in folgende Kategorien:
* „Raum und Region“
* „»Kampfzeit«“
* „»Machtergreifung« und »Gleichschaltung«“
* „Inszenierung, Massenbegeisterung und Medien“
* „Architektur und Städtebau“
* „Bildung und (Pseudo-)Wissenschaft“
* „Kirchen und Religionsgemeinschaften“
* „Kunst und Massenkultur“
* „Wirtschaft und Verkehr“
* „Widerstand, Verfolgung und Rettung“
* „Jüdisches Leben und Vernichtung“
* „Krieg und »Zusammenbruch«“

Die einzelnen Beiträge sind verhältnismäßig knapp gehalten, aber prägnant. Sie zeigen, dass jedes Gebäude und jeder Ort eine Geschichte hat, in diesem Fall eine NS-Geschichte. Auch der Umgang mit diesen Orten nach 1945 wird häufig erwähnt und wie ignorant oder verzerrend teilweise die SED-Geschichts und -Gedenkpolitik sein konnte – was nicht heißen soll, dass es in der Bundesrepublik besser war, eher im Gegenteil.
Es wird die Instrumentalisierung ganzer Regionen im NS erwähnt. So wurden das Erzgebirge und die Lausitz als propagandistisch als „Grenzland“ im Kampf gegen die Slawen dargestellt. Dabei wurde auch eine angebliche Blut- und Bodenständigkeit der Bauern herausgestellt. In der Lausitz kam noch die ‚Wendenfrage‘, als die Frage der Behandlung der sorbischen Minderheit, hinzu.
In anderen Beiträgen werden interessante und weitgehend unbekannte Details erwähnt, wie z.B. das es im Zuge der kriegsbedingten Autarkie-Maßnahmen eine Angorazucht in einem Außenlager des KZ Flossenbürg in Dresden gab.

Das Buch ist gut lesbar und wenn das Thema eines Beitrags eine/e Leser/in nicht interessiert, dann kann es übersprungen werden, da jeder Beitrag für sich steht. Es werden Beispiele aus den größeren Städten (Leipzig, Dresden, Chemnitz) ebenso angeführt wie Beispiele aus kleineren Orten. Allerdings fehlt Görlitz, weil es erst nach 1945 zu Sachsen kam. Ebenso fehlen bedauerlicherweise jegliche Landkarten zur geografischen Einordnung der erwähnten Orte.
Trotzdem ist der Sammelband auch für Nicht-Historiker/innen, die sich für die NS-Geschichte Sachsens interessieren ein sinnvolle Lektüre.

* Konstantin Hermann (Hg.): Führerschule. Thingplatz, „Judenhaus“, Dresden 2014