Buchkritik „Die Hoffnung ist ein Hundesohn“ von Marcus Staiger

Das Buch „Die Hoffnung ist ein Hundesohn“ von Marcus Staiger ist eine kontrafaktische Geschichte. Solche Was-wäre-wenn-Geschichten setzen meist zu bestimmten Punkten der Geschichte ein und lassen sie ab diesem Zeitpunkt anders verlaufen.
Staiger lässt in seinem literarischen Paralleluniversum die Wiedervereinigung platzen. Im Oktober 1989 kommt es ähnlich wie beim „Massaker am Platz des Himmlischen Friedens“ zum „Massaker von Leipzig“, bei dem 700 bis 3.000 Menschen sterben. Die SED-Führung schlägt so die friedliche Oppositionsbewegung blutig nieder und bleibt an der Macht. Der BRD-Kanzler Kohl lässt in der dadurch ausgelösten „Deutschlandkrise“ Panzer an den Grenzen auffahren und inszeniert sich so als ’starker Mann‘. Bei der darauf folgenden Wahl 1990 erhält die CDU 75% der Stimmen. Im Jahr 1992 wird dann die NATO aufgelöst, weil sie sich als handlungsunfähig entpuppt hat. Als die CDU 1994 bei den Wahlen auf 60% absackt, reagiert sie mit einem autoritären Kurs. Im Jahr 1996 werden die Grünen verboten, nachdem sie zuvor jahrelang schon unter Beobachtung des Geheimdienstes ‚Verfassungsschutz‘ standen. Im Jahr 1998 benennt sich die CDU in „Deutsche Union“ (DU) um. Von 1998 bis 2003 herrscht in Westdeutschland eine Zeit des verstärkten Terrors und der Verfolgung. Politische Gegner/innen werden in so genannten „Wiedereingliederungslagern“ interniert, kirchliche Organisationen werden als Oppositions-Sammelpunkte verboten und die DU-Jugendorganisation „Deutsche Junge Union“ greift als Rollkommando Treffen der Opposition an. Es entwickelt sich eine Einparteien-Diktatur der DU. Die Medien wurden quasi ‚berlusconisiert‘ und betreiben eine Hofberichterstattung für Kohl.
Gegen die Bevölkerung mit Migrationshintergrund wird eine Politik der Segregation angewandt. Kinder deren Eltern oder Großeltern als ‚nicht deutsch‘ bestimmt werden, gehen an getrennte Schulen. Migrant/innen wohnen in der Bundesrepublik in größeren Städten in eigenen, abgetrennten Vierteln (z.B. Neukölln und Kreuzberg) an deren Zugänge es Checkpoints gibt. Die autoritäre Bundesrepublik unter dem „großen Vorsitzenden“ Kohl versöhnt sich nach ein paar Jahren mit der DDR-Führung und der Osten dient dem Westen seitdem als billiges Arbeitskräftereservoir. Durch diese Annäherungs-Politik wird die Olympiade 2008 im geteilten Berlin abgehalten, dessen Westteil Hauptstadt der Bundesrepublik geworden ist. Kleine Teile der westdeutschen Opposition leben in der DDR in grenznahen Gebieten.
Für die Olympiade wurden sogar das Vorgehen und einige Gesetze gegen Opposition und Minderheiten entschärft. Die Geschichte setzt vier Jahre später ein, im Jahr 2012. Das Buch hat mehrere Protagonisten und gibt deren Sicht auf die Geschehnisse wieder. Da ist zum einen der Ronald Kotsch, angelehnt an den CDU-Politiker Roland Koch, der seit 1998 als Innenminister den Hardliner für Recht und Ordnung gibt („Wollt ihr die totale Abschiebung?“). Ironischerweise legt Staiger Kotsch auch ein paar Sarrazin-Zitate in den Mund. Da ist Jedele, der personifizierte, hässliche Stammtisch-Deutsche, der voller Rassismus, Antisemitismus und Frauenhass steckt. Da ist Stefan, Journalist bei der regierungsnahen BZ, der sich mit Atakan angefreundet hat. Atakan
ist der Chef eines arabisch-kurdischen Klan, der aus dem Libanon stammt, und der mit Schmuggel mit dem Osten und Mafia-Geschäften sein Geld verdient. Als Atakans Cousin erschossen wird brechen in Kreuzberg und Neukölln Unruhen aus, Panzer fahren auf und Kotsch predigt im Fernsehen öffentlich den Kulturkampf. In diesen Unruhen bewegt sich noch Sabine, eine Werbeagenturmitarbeiterin aus einem oppositionellen Elternhaus, die mit Stefan liiert war.
Da die Abschnitte im Buch meist aus der Sicht der Protagonist/innen geschrieben sind, erinnert das streckenweise an Gonzo-Journalismus. Das wirkt authentisch und drastisch zugleich. Etwa wenn beschrieben wird, was Jedele denkt, während er zu Erotik-Clips im TV masturbiert. Überhaupt steckt dieses Buch voller Orgasmen. Da wird gewichst, gefingert und gefickt, was das Zeug hält. Es finden sich aber auch zwei realistische Beschreibungen von sexualisierter Gewalt im Buch. Deswegen an dieser Stelle eine Trigger-Warnung an alle Leser/innen.
Im Verlauf der Lektüre schrumpft die Anzahl der Identifikationsfiguren dieser Geschichte stark zusammen. Eigentlich bleibt nur noch eine Person übrig, mit der man sich identifizieren mag.
Das Buch ist gut geschrieben, der Stil hart aber gerade dadurch authentisch und mitreißend.

Marcus Staiger: Die Hoffnung ist ein Hundesohn, Frankfurt 2014.