Buchkritik „Flucht aus Lager 14“ von Blaine Harden

Flucht aus Lager 14
Das Buch „Flucht aus Lager 14“ von Blaine Harden ist, wie es im Untertitel heißt „Die Geschichte des Shin Dong-hyuk, der im nordkoreanischen Gulag geboren wurde und entkam“. Über Nordkorea ist wenig bekannt und noch weniger über die Arbeitslager in dieser Diktatur. So ist der authentische Erfahrungsbericht eines Häftlings aus einem solchen Lager die seltene Möglichkeit mehr über die Verhältnisse vor Ort zu erfahren. Das hat Blaine Harden, Korrespondent der „Washington Post“ in Nordostasien, möglich gemacht. Der Autor hat mit der üblichen gebotenen Distanz zum Zeitzeugen die Geschichte von Shin Dong-hyuk aufgeschrieben. Das Buch ist im englischen Original im Jahr 2012 und dieses Jahr auf Deutsch erschienen.
Es ist die Beschreibung des Lebens von Shin Dong-hyuk, Jahrgang 1982, der heute Menschenrechtsaktivist ist und früher ein Häftling in nordkoreanischen Arbeitslager Nr. 14 war.
Ein Lager in Zentralnordkorea mit 15.000 Häftlingen.

Der Autor Blaine Harden liefert der/dem Leser/in auch die notwendigen Hintergrundinformationen über die Diktatur in Nordkorea. Diese mutet einem wie ein kafkaeskes Experiment an. Von einem autoritären Staatssozialismus pervertierte Nordkorea im Lauf der Jahrzehnte zu einer absoluten Monarchie mit stark faschistoiden Zügen. Der nordkoreanische Diktator wird wie ein Pharao verehrt und hat auch eine eigene Familiendynastie installiert.
Im Land gibt es seit Jahrzehnten Zwangsarbeitslager mit 150-200.000 Insass/innen, in denen wohl seit ihrer Existenz hunderttausende umgekommen sind. Die Gründe in einem solchen Lager zu landen sind willkürlich und bleiben selbst den Betroffenen häufig verborgen:

Die meisten Nordkoreaner, die in ein Lager geschickt werden, sind nicht einmal vor Gericht gestellt worden. Viele sterben dort, ohne jemals zu erfahren, aus welchem Grund sie interniert wurden. Mitarbeiter des Bowibu, der Nationalen Sicherheitsbehörde, holen sie – gewöhnlich in der Nacht – zu Hause ab. Teil der nordkoreanischen Rechtsauffassung ist, dass man kraft Verbindung oder Verwandtschaft schuldig wird, und so wird ein Übeltäter häufig zusammen mit seinen Eltern und Kindern ins Gefängnis eingeliefert. Kim Il Sung hat dazu 1958 folgendes Gesetz formuliert: »Klassenfeinde müssen ohne Ansehung der Person bis ins dritte Glied ausgemerzt werden.«

(Seite 21)

Die Insass/innen solcher Lager sind einfach nur Sklav/innen für den Staat und die Kinder der Häftlinge sind damit nichts anderes als Kindersklav/innen. Schuften müssen sie auf Farmen, in Fabriken oder Bergwerken.
Natürlich herrscht in diesen Lagern Hunger, aber nicht nur da. In Nordkorea sind 1/3 der Bevölkerung chronisch unterernährt.

Das »Essensproblem«, wie man in Nordkorea immer wieder den Hunger umschreibt, ist nichts auf die Lagerhäftlinge des Landes beschränkt. Es hat die körperliche Verfassung von Millionen Nordkoreanern schwer geschädigt. Männliche Jugendliche, die in den letzten zehn Jahren aus Nordkorea geflüchtet sind, waren im Durchschnitt zwölf Zentimeter kleiner und wogen elf Kilogramm weniger als ihre Altersgenossen in Südkorea.
Die geistige Unterentwicklung junger Nordkoreaner, bedingt durch die Unterernährung in früher Kindheit, führt dazu, dass etwa ein Viertel der zum Militär eingezogenen Männer geistig untauglich ist. Ermittelt hat dies der National Intelligence Council, ein Forschungsinstitut der US-Geheimdienste. Wie es in dem Bericht heißt, hätten die durch Unterernährung bedingten geistigen Defizite unter den jungen Menschen wahrscheinlich eine Beeinträchtigung des wirtschaftlichen Wachstums auch dann zur Folge, wenn Nordkorea sich dem Ausland öffnen oder mit Südkorea vereinigen sollte.

(Seite 39)
Das Regime versucht den Hunger zu verwalten, z.B. durch Kampagnen mit dem Titel „Zwei Mahlzeiten sind genug!“.

In Nordkorea hat sich eine Art von Kastensystem etabliert, was auf Vererbbarkeit bzw. dem Glauben an die Existenz einer Erbsünde beruht. Die politische Zuverlässigkeit wird (auch) am Stammbaum festgemacht.

Um seine vermuteten oder vermeintlichen politischen Gegner zu identifizieren, schuf Kim Il Sung 1957 eine neue, auf Abstammung gegründete, Hackordnung. Die Regierung teilte die gesamte nordkoreanische Bevölkerung nach der angenommenen Zuverlässigkeit der Eltern und Großeltern in drei Gruppen ein, die zudem weitgehend voneinander getrennt wurden. Sie bezeichnete Nordkorea zwar als das Arbeiterparadies, doch obwohl sie öffentlich erklärte, dem kommunistischen Ideal der Gleichheit anzuhängen, erfand sie eines der weltweit rigidesten Kastensysteme. Sie schuf drei große Klassen mit 51 Untergruppen: An der Spitze stehen die Mitglieder des loyalen Kerns, die Positionen in der Regierung, der Koreanischen Arbeiterpartei, als Offiziere im Militär und im Geheimdienst erhalten. Zu dieser loyalen Klasse gehören auch Landarbeiter, Familien von Soldaten, die im Koreakrieg gefallen sind, Familien von Soldaten, die unter Kim Il Sung gegen die japanischen Besetzung gekämpft haben, und Angestellte der Regierung.
Die zweite Kaste besteht aus Angehörigen der schwankenden oder neutralen Klasse, zu der die einfachen Soldaten, Techniker und Lehrer zählen. Zu dritten und untersten Kaste gehören jene, die man verdächtigt, in Opposition zum Regime zu stehen: ehemalige Grundbesitzer, Verwandte von Koreanern, die nach Südkorea geflohen sind, Christen und solche, die in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg für die japanische Kolonialregierung gearbeitet haben. Ihnen wird der Zugang zu Hochschulen verweigert.

(Seite 54-55)

So wächst Shin in einer doppelt isolierten Situation auf. Als im Lager geborenes Kind kennt er nur das Lager und dessen Regeln und drumherum gibt es die ‚normale‘ Diktatur Nordkorea, die ebenfalls vom Rest der Welt isoliert ist. Allerdings sickern nach Nordkorea über die Grenze zu China andere Einflüsse ein, ohne dass das Regime das will.

Diese TV-Serien haben Jahrzehnte der nordkoreanischen Propaganda zunichtegemacht, die noch immer behauptet, der Süden sei ein armes, unterdrücktes und unglückliches Land und dass sich die Südkoreaner danach sehnten, mit dem Norden wiedervereinigt zu werden, natürlich unter der väterlichen Hand der Kim-Dynastie.

(Seite 187)
Die Lager in Nordkorea sind aber noch einmal eigene Welten. Den Insass/innen werden bestimmte Dinge wie der Personenkult um den „großen Führer“ gar nicht erst beigebracht, sie werden dessen für nicht würdig erachtet. Stattdessen gibt es andere Regeln in Shins Leben. Er befindet sich in einer ständigen Konkurrenz mit den anderen Häftlingen, in einem Überlebenskampf um Nahrung. Für ihn sind das Lagerleben und die Zwangsarbeit Normalität.

Vor seiner Zeit im Gefängnis und bevor sein Lehrer angefangen hatte, die Schüler gegen ihn aufzustacheln, wäre Shin niemals der Gedanke gekommen, jemanden die schuld dafür zu geben, dass er im Lager 14 geboren worden war. Seine bescheidene Existenz beschränkte sich auf die suche nach Nahrung und die Vermeidung von Schlägen. Der Außenwelt stand er gleichgültig gegenüber, seinen Eltern ebenso wie der Geschichte seiner Familie. Soweit er überhaupt an etwas glaubte, war es das Mantra seiner Wärter von der Erbsünde. Für einen Spross von Verrätern gab es nur einen Weg zur Erlösung und zur Abwendung eines Hungertodes: harte Arbeit.

(Seite 97)

Und so konnte es Shin nicht passieren, dass der Kummer über seine traurige Lage in völlige Hoffnungslosigkeit mündete. Für ihn gab es keine Hoffnung, die er hätte verlieren, keine Vergangenheit, der er hätte nachtrauern und keinen Stolz, den er hätte verteidigen können. Er fand nichts dabei, verschüttete Suppe vom Boden aufzulecken. Er schämte sich nicht, vor seinem Lehrer niederzuknien und ihn um Verzeihung zu bitten. Er empfand keine Gewissensbisse, einen Freund zu denunzieren, wenn er dafür eine Extraration Essen bekam. Das alles waren Methoden zum Überleben und kein Anlass für einen Selbstmord.

(Seite 100)
Fluchtversuche werden mit dem Tod bestraft, Denunziationen belohnt. Shin wächst mit diesem Verhalten als Norm auf und verrät ohne Reue seine Mutter und seinen Bruder. Nicht nur durch Hinrichtungen sterben Häftlingen, auch an den Folgen von Strafen sterben viele im Lager. Die Wärter agieren im Lager als grausame Götter. Shin berichtet Harden davon, wie ein Mädchen für fünf bei ihm gefundene Maiskörner totgeschlagen wurde. Außerdem kommt es gegen weibliche Häftlinge immer wieder zu sexualisierter Gewalt.

Shin weiß wenig über die Außenwelt, erst durch den Kontakt mit zwei Häftlingen erfährt er mehr. Hier trifft er seine erste eigene Entscheidung, nämlich diese Häftlinge nicht zu bespitzeln. Durch seine neue Bekanntschaft erfährt er überhaupt zu ersten Mal, was ein Lied ist:

Shin hatte in seinem ganzen Leben noch kein Lied gesungen. Nur ein einziges Mal hatte er überhaupt nur zufällig Musik gehört, als aus den Lautsprechern von Lastwagen militärische Musik ertönte, während die Häftlinge ein Feld jäteten. Shin betrachtete das Singen als unnatürlich und wahnsinnig gefährlich.

(Seite 135)
Am 2. Januar 2005 versucht er mit einem zweiten Häftling zu fliehen. Sein Mithäftling kommt gleich am Anfang um, doch durch unglaubliches Glück schafft es Shin die chinesische Grenze zu erreichen und diese zu überqueren. Dabei war nicht etwa so etwas Abstraktes wie ‚Freiheit‘ sein Fluchtmotiv, sondern die Vorstellung von gebratenem Fleisch, an dem er seinen ständigen Hunger stillen könnte.

Schließlich kommt Shin über China nach Südkorea, wo er mit den Menschen in seiner Sprache kommunizieren kann. Doch es fällt Shin sichtlich schwer sich an das Leben in (kapitalistischer) Freiheit zu gewöhnen. Auch findet seine Geschichte hier kaum Gehör. Der Autor des Buches betont, dass sich weder in Südkorea noch anderswo jemand groß für die Lager oder die Situation in Nordkorea insgesamt interessiert. Es gibt keine starke Lobby von oder für nordkoreanische Flüchtlinge. Dass Weltinteresse hält sich wohl auch deswegen in Grenzen weil Nordkorea seit 1956 nicht expansiv war, obwohl nordkoreanische Angriffe auf Südkorea im Laufe der Jahre das Leben von hunderten von Südkoreaner/innen forderten. Jedenfalls scheint es, dass die Diktatur in Nordkorea zu ruhig und damit zu unspektakulär ist.

Das Buch ist auf jeden Fall sehr lesenswert, weil es die einzigartige Geschichte eines Menschen darstellt und auch die Hintergründe dazu erläutert.

Blaine Harden: Flucht aus Lager 14, Berlin 2014.