Archiv für Juni 2014

Buchkritik: „Wir lassen sie verhungern“ von Jean Ziegler

Hungergestalt mit Weihnachtsmann-Mütze
In seinem Buch „ Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt“ (München, 2013) schreibt Jean Ziegler über die Spaltung der Welt in Hungernde und Satte, also über die weltweite Hungerkatastrophe und ihre Ursachen.
Der Autor war längere Zeit ein unbequemer Sonderberichterstatter bei den „United Nations“ (UN). Er hat sich dabei bis heute seine Wut und seine Empörung bewahrt und immer wieder kämpfte er gegen die Zustände auf der Welt an, die Hunger verursachen. Dafür wurde er von einigen Regierungen, wie der von den Vereinigten Staaten, als ‚Kryptokommunist‘ diffamiert. Das war zwar als Beleidigung gemeint, aber ganz falsch war das nicht, denn Ziegler bezeichnet sich laut Wikipedia selbst als Kommunisten im Sinne der Redewendung von Karl Marx „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ und sieht die Pariser Kommune von 1871 als „einzigen kommunistischen Staat, den es je gegeben hat“ an.

Die aktuelle Lage

Ziegler schreibt in seinem Buch bewusst von „Massenvernichtung“ und „Massaker des Hungers“, um zu verdeutlichen, dass der Hunger in der Welt keine Naturkatastrophe ist, sondern von Menschen verursacht. Denn Hunger ist eine politisches Katastrophe. Wenn Menschen hungern hat das viel mit Armut und den weltweiten Unterschieden in Bezug auf Reichtum zu tun. So war beispielsweise der Tageslohn eines Luxemburgers im Jahr 2000 höher als das Jahreseinkommen eines Äthiopiers. Hunger und Armut führen zu katastrophalen gesundheitlichen Folgen. In dem kleinen südafrikanischen Staat Swasiland beträgt z.B. das Durchschnittsalter 32 Jahre.
Hunger muss dabei aber nicht immer den Tod zur direkten Folge haben. Die Folgeschäden bei Hungerbabys sind körperliche und geistige Behinderungen. Laut Ziegler sind vom Hunger vor allem drei Gruppen betroffen: die arme Stadtbevölkerung, die arme Landbevölkerung und Katastrophenopfer. Zur armen Landbevölkerung gehören vor allem auch die landlose Landarbeiter/innen.

Ziegler unterscheidet allgemein zwischen Unterernährung und Mangelernährung, die er auch als „unsichtbaren Hunger“ bezeichnet. Bei Mangelernährung haben die Betroffenen oft Normalgewicht, sind aber eben trotzdem mangelernährt. Dass heißt, es fehlt ihnen z.B. an genügend Eisen, Zink, Jod und Vitaminen. Dieser Mangel hat Auswirkungen. So verliert alle vier Minuten ein Mensch sein Augenlicht durch Fehlernährung, meist ist es Vitamin-A-Mangel. Von einer Mangelernährung sind Schwangere und Kinder noch einmal besonders betroffen. Beispielsweise können in Mali nur etwa 25% der Mütter ihre Kinder ausreichend stillen.
Insgesamt ist die Hälfte aller Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren direkt oder indirekt auf eine Mangelernährung zurückzuführen. Aber bestimmte Verschärfungen können ähnliche Verhältnisse auch bei Erwachsenen hervorrufen. In den nordkoreanischen Arbeitslagern starben z.B. 40% der Insassen an Mangelernährung.

Neben dem Hunger in Form von Entkräftung gibt es auch noch spezielle Hungerkrankheiten wie Noma. Diese grausame Krankheit zerfrisst das Gesicht der Infizierten und befällt vor allem Kinder. Es gibt 140.000 Noma-Neuinfizierungen pro Jahr.

Obwohl Hunger in den westlichen Klischee-Vorstellungen vor allem mit Afrika verbunden wird, ist Indien das Land mit den meisten Hungernden. Mehr als 1/3 aller in Indien geborenen Kinder sind untergewichtig und 1/3 aller Hungernden weltweit leben in Indien. Das sind mehr schwerst und permanent unterernährte Kinder als im Subsahara-Afrika.
Neben dem Hunger findet hier in einem engen Zusammenhang damit noch eine weitere Tragödie statt. Allein von 1997 bis 2005 begingen 150.000 verarmte Bauern in Indien Selbstmord. Oft mit Hilfe von Pestizid, genau dem Stoff, der für ihre Verschuldung mitschuldig ist. Denn sie hatten sich durch den Kauf von (genmanipulierten) Saatgut und Pestiziden hoch verschuldet, ohne den versprochenen Gewinn zu machen.

Hunger betrifft zwar zum größten Teil Lateinamerika, Asien und Afrika, doch ist er auch in Europa an einigen Stellen zu finden. Im Waisenhaus von Torez in der Ukraine verhungerten laut Ziegler in den letzten drei Jahren im Jahresdurchschnitt 12 von 100 Kindern – wobei es sich meist um behinderte Kinder handelt, die nur mit Hilfe von Erwachsenen Nahrung einnehmen konnten.
Durch die Krise befördert arbeitet sich der Hunger auch an anderer Stelle nach Europa vor:

Im Mai 2012 veröffentlichte die Unicef ihren Bericht über die Lage der Kinder in Spanien. Wegen der von Bundeskanzlerin Angela Merkel der EU aufgezwungenen Austeritätspolitik reduzierte die Regierung Rajoy massiv die Sozialleistungen für 9 Millionen extrem arme Familien. Das Resultat: 2011 waren in Spanien 2,2 Millionen Kleinkinder schwerst, permanent unterernährt.

(Seite 46)

Als besonders brutales Beispiel für politisch verursachten Hunger führt Ziegler das UN-Programm „Oil for Food“ im Irak an, dass dort 1991 bis 2003 als „Diktatur des Sanktionsausschuss“ (Ziegler) herrschte. Auf Grund dieses Programms wurde die Einfuhr z.B. von Krebsmedikamenten oder Kühlgeräte (= Essen verdirbt, Hunger verbreitet sich) verweigert, weil es sich angeblich um mögliche Waffen-Bestandteile handeln könnte. Das hatte mit der Realität nur wenig zu tun, Ziegler schreibt von der „klammheimlichen Umwandlung des Programmes Oil for Food in eine Waffe zur Kollektivbestrafung des irakischen Volkes.“ (Seite 219). In der Folge starben 1996 bis 2000 550.000 irakische Kleinkinder an Unterernährung!

Die Ursachen des Hungers
Für den Autor sind vor allem drei internationale Organisationen und ihre Politik stark mitschuldig am Welthunger-Problem:

Die drei apokalyptische Reiter des Hungers sind die Organisationen WTO, IWF und, in geringerem Maße, die Weltbank.

(Seite 157)
Diese Institutionen fordern vor allem eine Totalliberalisierung aller Märkte. Das setzen sie u.a. über IWF-Strukturanpassungsprogramme durch, die häufig Bedingung für Kredite und Entwicklungs-Gelder sind. Ihre Anführer bezeichnet Ziegler deswegen als „Ayatollahs des neoliberalen Dogmas“.
Diese werden von diversen Regierungen unterstützt, u.a. auch von der US-Regierung, die sich immer wieder gegen Zieglers Engagement wandte:

Während meiner zwei Mandate als Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung habe ich nacheinander vier amerikanische Botschafter am europäischen Sitz der Vereinten Nationen in Genf erlebt: Ausnahmslos haben alle vier meine Berichte und alle meine Empfehlungen heftig bekämpft.

(Seite 159)

Viele Bäuerinnen und Bauern weltweit verfügen vielerorts nur über eine dürftige Ausrüstung zur Bestellung des Landes. So gibt es beispielsweise um südlichen Afrika kaum Dünger oder Speicher-Silos für die längerfristige Aufbewahrung der Ernten.

Der Welthunger wird auch durch Oligopole massiv verstärkt. Ein Oligopol ist eine Marktform, bei der viele Nachfrager wenigen Anbietern gegenüberstehen, die sich zum Teil (illegal) in ihrer Preispolitik untereinander abstimmen. Es handelt sich de facto um Monopole mehrerer Konzerne.
So kontrollieren die 200 größten Konzerne der Agrarindustrie rund ¼ der globalen Lebensmittelerzeugung. Das mag sich noch nicht so schlimm anhören, aber Oligopole kontrollieren im zunehmenden Maße ganze Nahrungsketten. So beherrschen zehn Unternehmen 1/3 des Saagutmarktes und 80% des Pestizidmarktes, sechs Unternehmen kontrollieren 77% des Düngermarktes und sechs Unternehmen kontrollieren 85% des Welthandels mit Getreide.

Ziegler wendet sich in seinem Buch auch gegen die menschenverachtenden Ideen von Thomas Malthus (1766-1833), der von Hunger als einer Art demografischen Selbstregulierung ausging. Das ist nicht nur menschenverachtend sondern auch schlichtweg falsch, da Einkommensarme und Hungernde in Wahrheit mehr Kinder bekommen, u.a. weil sie die einzige Altersabsicherung darstellen. Malthus Theorien blieben auch lange nach seinem Tod, nämlich etwa bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, wirkmächtig.

Als einen weiteren Grund für die Verschärfung des Welthungers benennt Ziegler den Anbau von Bio-Kraftstoffen auf Anbauflächen für Nahrung:

Wer auf einem Planeten, auf dem alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert, Anbauflächen für Nahrung ihrem Zweck entfremdet und Lebensmittel als Kraftstoff verbrennt, begeht ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

(Seite 254)
Das ‚Bio‘ vor dem ‚-Kraftstoff‘ meint aber lediglich, dass organische Stoffe verwendet werden, hat also mit der Herstellungsweise nichts zu tun. Bio-Kraftstoffe werden gerne als angebliche Wunderwaffe gegen den Klimawandel verkauft. Dabei braucht die Herstellung von einem Liter Bioethanol 4.000 Liter Wasser.

Lösungsansätze
Ziegler plädiert insgesamt für eine humanistische Sicht auf das Welthunger-Problem:

Das Bewusstsein von der Identität aller Menschen ist die Grundlage für das Recht auf Nahrung. Nur der Zufall der Geburt trennt uns von den Opfern.

(Seite 103)

Die bisherigen Ansätze zur Problemlösung verfangen trotz des guten Willens kaum, weil nur wenige Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. So ist das „World Food Programm“ (WFP) mit Sitz in Rom für die Bekämpfung des konjunkturellen Hunger zuständig, hat das „Recht auf Nahrung“ auf seine Agenda gesetzt, betreibt aber im Grunde nur eine Art Armutsverwaltung. Beispielsweise finanzierte das WFP in einigen Ländern Schulessen. Das Angebot von kostenlosen Essen an den Schulen führt u.a. dazu das Eltern ihre Kinder in die Schule schicken. Diese Maßnahme kostet pro Kopf etwa 50 Dollar pro Jahr. Im Jahr 2009 versorgte das WFP 22 Millionen Kindern in 70 Ländern mit Mahlzeiten im Wert von 460 Millionen Dollar. Als die Hilfsgelder an das WFP halbiert wurden, mussten auch viele die Schulspeisungen eingestellt werden.

Die Welternährungsorganisation FAO ist eigentlich für strukturellen Hunger zuständig. Sie wurde aber bewusst finanziell ausgetrocknet, so dass 70% ihres Budgets für Gehälter draufgeht. Ziegler verteidigt aber diese Institution, die durch Monitoring den Welthunger dokumentiert und damit den Ansatz für Analysen und Verbesserungen liefern würde.

Letztendlich ist das Privateigentum an Produktionsmitteln eine echte ‚Massenvernichtungswaffe‘, nicht vom Willen seiner Besitzer/innen, aber vom Effekt her. Nur dessen Abschaffung würde auch helfen den Hunger mit seinen Wurzeln zu besiegen. Selbst wenn das erst einmal nicht möglich ist, so wäre es durch eine Erhöhung der Etats des WFP und der FAO möglich ihn zumindest massiv einzudämmen.

Kritik an Zieglers Buch
Leider muss auch in Teilen eine Kritik an dem engagierten Buch von Ziegler geübt werden. So ist seine einseitig antiisraelische Haltung deutlich sichtbar. In einem eigenen Kapitel mit der tendenziösen Überschrift „Das Getto von Gaza“ beschreibt er sehr undifferenziert die Lage im Gaza-Streifen, den er auch als „Freiluftgefängnis“ bezeichnet. Generell hat er mit vielem nicht unrecht, aber er sagt zu wenig und verzerrt dadurch die Perspektive. Warum Israel den Gaza-Streifen isoliert, wird an keiner Stelle erwähnt. Ebensowenig, wie dass der Gaza-Streifen auch eine Grenze zu Ägypten besitzt und somit Israel für eine vollständige Blockade gar nicht verantwortlich sein kann. Der israelische Militäreinsatz auf den Gaza-Streifen im Jahr 2008 wird erwähnt, aber nicht das Raketen-Bombardement auf israelisches Gebiet, was ihm vorausging. Dass die Palästinenser/innen von einer selbst gewählten Regierung aus der korrupten PLO (Westjordanland) oder der islamistischen Hamas (Gaza) beherrscht werden und Gaza nicht mehr unter unmittelbarer Besatzung der Israelis steht, wird ebenso als Wissen vorausgesetzt. Dass besonders die Hamas bei dem Gaza-Krieg 2008, der viele zivile Todesopfer forderte, sich häufig hinter der Zivilbevölkerung verschanzte, wird auch nirgendwo erwähnt. So besticht das Kapitel zum Gaza-Streifen in dem Buch durch eine Einseitigkeit zuungunsten Israels.

Das vor allem der Profitgier und Neoliberalismus für den Welthunger verantwortlich sein sollen, ist eine These von Ziegler, die kritisch hinterfragt werden muss. An manchen Stellen hört es sich an, als ob am Hunger nur Spekulant/innen und korrupte Regierungen schuld seien:

Von den Kraken der Agrarindustrie sagt Joao Pedro Stedile: »Ihr Ziel ist es nicht, Lebensmittel zu erzeugen, sondern Waren, um Geld zu erzeugen«

(Seite 141-42)

Wirklich schuld an dieser Situation sind die Spekulanten – die Manager der Hedge Fonds, die noblen Großbankiers und andere Raubritter des globalisierten Finanzkapitals –, die aus Profitsucht und persönlichen Gewinnstreben, aber auch einer gehörigen Portion Zynismus das Weltfinanzsystem ruiniert und Vermögenswerte in Höhe von vielen Hundert Milliarden Euro vernichtet haben.

(Seite 198)
Natürlich hat auch die Spekulation mit Nahrungsmitteln eine Verstärkung des Hungers zur Folge. Dabei werden Nahrungsmittel wie andere Marktprodukte auch behandelt. Ziegler kritisiert durchaus richtig die neoliberale Radikalisierung des Kapitalismus. Es gibt aber eine reaktionäre und eine gerechtfertige Kritik an Spekulanten. Die gerechtfertigte erwähnt, dass Spekulationen untrennbar mit dem Kapitalismus verbunden, dessen legitime Kinder sie sind. Das vergisst Ziegler manchmal zu erwähnen.
Falsch ist sicher auch Zieglers Ansatz, das Problem für ein Charakterproblem zu halten:

Indem wir zunächst einmal gegen den Sittenverfall der Führungseliten in vielen Ländern der südlichen Hemisphäre kämpfen – gegen ihre Bestechlichkeit und die Besessenheit, mit der sie festhalten an der Macht ihrer Positionen und der Aussicht auf die Reichtümer, die diese ihnen versprechen.

(Seite 303)

Festzuhalten bleibt: Kapitalismus ist generell gewinn- und nicht bedürfnisorientiert. Auch gab es bereits vor dem globalen Siegeszug des Neoliberalismus weltweit immer wieder Millionen Hungertote. Hier ein paar Beispiele aus der ‚Welt-Geschichte des Hungers‘:
* 1840: In Irland verhungern 1840 etwa 1 Million Menschen.
* 1876-1900: Von 1876 bis 1900 sollen in China 40 Millionen Menschen verhungert sein.
* 1896/97 und 1899/1900: Hungersnöte ausgehend von Zentralindien fordern 6,1 bis 19 Millionen Tote in Indien.
* 1914-18: 70.000 von 140.000 Psychiatrie-Patient/innen verhungern im Ersten Weltkrieg in Deutschland durch Einsparmaßnahmen.
* 1918: Im Jahr 1918 verhungerten in Deutschland infolge des Weltkriegs ungefähr 800.000 Menschen.
* 1943-44: Durch den Zweiten Weltkrieg werden die Reislieferungen von der britischen Kolonie Burma in die britische Kolonie Indien unterbrochen. Unter anderem hatten die Kolonialherren die Kornspeicher geleert und die Ernten für die britischen Streitkräfte konfisziert, die die japanischen Truppen in Burma und auf anderen asiatischen Kriegsschauplätzen bekämpften. Das führt in Bengalen zu einer Hungersnot mit 2 bis 4 Millionen Toten.
* Insgesamt waren 1/3 aller Toten im Zweiten Weltkrieg Hungertote.

Zudem gibt es auch Faktoren, die zur Verstärkung des Hungers führen, die nichts mit dem Neoliberalismus zu tun haben. Hunger wird z.B. verstärkt durch das Patriarchat und traditionelle Herrschaftsstrukturen (z.B. das Kastensystem). An einer Stelle präsentiert Ziegler selbst ein erschütterndes Beispiel dafür:

Dazu muss man wissen, dass Frauen in den ländlichen Gebieten Asiens und Afrikas eine dauerhafte Diskriminierung erleiden, die mit ihrer Unterernährung zusammenhängt; in bestimmten Gesellschaften der Sudan-Sahelzone und Somalias bekommen Frauen und Mädchen nur die Reste, die die Männer und Jungen bei ihren Mahlzeiten übriglassen.
Die gleiche Benachteiligung erfahren alle Kleinkinder. Noch schlimmer ist die Diskriminierung von Witwen beziehungsweise Zweit- und Drittfrauen. […] Bei den somalischen Nomaden rühren die Frauen die Hirseschüssel oder das gegrillte Hammelfleisch nicht an, bevor die Männer ihre Mahlzeit beendet haben. Die Männer bedien sich, dann sind die Jungen an der Reihe. Erst wenn die Männer mit ihren Söhnen den Raum verlassen haben, nähern sich die Frauen der Matte mit den Schüsseln, die noch einige Reisbällchen enthalten, ein bisschen Weizen, einen Fetzen Fleisch, den die Männer übriggelassen haben. Wenn die Schüsseln leer sind, bekommen die Frauen und Mädchen nichts zu essen.

(Seite 47-48)

Auch die Präsentation des Programms „Food for Work“ (Seite 183) durch den Autor als Teil der Lösung ist zu kritisieren. Denn in dem Programm werden lediglich arbeitsfähige Hungeropfer in Naturalien, sprich Essen, für Arbeit entlohnt. Damit wird Essen als Bezahlung verwendet und damit zu einer Ware. Eine Logik die Ziegler an anderer Stelle kritisiert, hier aber seltsamerweise nicht hinterfragt.

Fazit: Menschen verhungern, ohne es zu müssen
Das Buch von Ziegler macht wütend und das soll es auch machen. Denn weltweit sterben Millionen von Menschen, ohne es zu müssen. Durch seinen journalistischen Stil bringt das Buch einem die Lage in den Hungergebieten dieser Welt näher. Der Autor war vor Ort und berichtet authentisch.
Auch wenn das Buch an einigen Stellen undifferenziert ist (Gaza-Kapitel), so sollte das nicht unbedingt von einem Kauf abhalten, denn an anderer Stelle liefert es dafür umso mehr Informationen. Diese kommen von einem Insider, der aus der UN-Bürokratie kommt und berichten kann, was sich hinter den Kulissen abspielt.

Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt, München 2013.

Traf sich ein Botschafter von Venezuela mit russischen und serbischen Nationalist/innen und einem deutschen Neofaschisten?

Ochsenreiter auf Symposium in Banja Luka
OBEN: Bild aus Nazi-Magazin „Zuerst!“ 6-2014

Am 26. April 2014 trafen sich in Banja Luka, der Haupstadt des serbischen Teils von Bosnien-Herzegowina mehrere Personen, um über das Thema „Coloured revolutions as an instrument of geopolitical transformation“1 („Farbrevolutionen als ein Instrument geopolitischer Transformation“) auszutauschen. Es geht offenbar, um das Verständnis von Revolutionen wie der orangenen etc. als rein us-amerikanisches Instrument. Sicher werden solche Bewegungen auch von den Vereinigten Staaten aus machtpolitischen Interessen unterstützt. Aber sie zu reinen Instrumenten der USA zu erklären, degradiert mündige Bürger/innen zu reinen Marionetten. An dem Treffen nahmen vor allem serbische Nationalisten und offenbar Putin nahe stehende russische Nationalist/innen teil.
Mit dabei war der Herausgeber des deutschen Nazi-Monatsmagazins „Zuerst!“, Manuel Ochsenreiter. Darüber berichtet Ochsenreiter auch in der neuesten Ausgabe seines Magazins (06-2014). Der Burschenschafter Ochsenreiter ist seit März 2011 Chefredakteur des Magazins „Zuerst!“ und sympathisiert offen mit dem Assad-Regime, Anhänger/innen von Saddam Hussein, Hamas und der Hisbollah, zu der er über gute Kontakte verfügt.
Nach einem Bericht soll auch der Botschafter von Venezuela in Belgrad, Dia Nader de al-Andari, an dem Treffen teilgenommen haben.
Offenbar soll hier hier im Schatten des Konflikts in der Ukraine die neue antiimperialistische Querfront aufgebaut werden.

„Fluchtpunkt Neonazi“ von Stefan Michael Bar

Fluchtpunkt Neonazi
Nazi-Aussteiger/innen-Biografien sind immer mit einiger Vorsicht zu genießen, denn viele Aussteiger/innen befinden sich noch im Prozess ihres Ausstiegs, wenn sie ihr bisheriges Leben in Buch-Form verwerten sollen oder wollen. Trotzdem ist, bei kritischer Distanz, die Lektüre solcher (Auto-)Biografien häufig interessant und mit Erkenntnisgewinnen gesegnet. Immerhin bekommt man hier Innenansichten aus der Szene vermittelt. Ältere Biografien von Aussteiger/innen können aktuell interessant sein, weil sie die Szene widerspiegeln, in der sich die späteren NSU-Mitglieder bewegten und radikalisierten.
Genau zu diesen Autobiografien gehört auch „Fluchtpunkt Neonazi. Eine Jugend zwischen Rebellion, Hakenkreuz und Knast“ (Berlin, 2003) von Stefan Michael Bar.
Stefan Michael Bar, Jahrgang 1976, entstammte einer jugendlichen Beziehung seiner Mutter mit einem jungen Italiener. Damals wurde dem jungen Paar die Heirat verweigert und der Mutter nach drei Jahren das Kind entzogen und zwangsweise in ein Heim gesteckt. Diese Zäsur begründet für Bar bis heute seinen Hass auf den Staat.
Aus dem Heim heraus adoptierte ihn bald ein gutbürgerliches Lehrer-Ehepaar. Nach außen hin ein Familien-Idyllen-Fassade, so hatten seine Adoptiv-Eltern kaum Zeit für ihn. Stattdessen wurde er auf Bildung getrimmt: Lernen, lernen, lernen. Irgendwann verweigerte er sich dieser Dressur und begann eine Kleinkriminellenkarriere. Mit 16 Jahren wurde er dann ein Neonazi und sollte es fast sieben Jahre bleiben. Später führte er auch das Schweigen seiner Eltern und Anderer an, warum er auf seinen Weg nach rechts nicht gestoppt wurde. Niemand habe mit ihm ein vernünftiges Gespräch führen wollen.
Bar war nur anfangs ein kleiner Mitläufer, mit der Zeit wurde aus ihm ein fanatisierter Vollzeit-Nazi. Der Autor betätigte sich zuerst in der „Deutsch Nationalen Partei“, wird dann mit 17 FAP-Mitglied bis zu deren Verbot 1995, schließt sich der „Aktionsgemeinschaft Sauberes Deutschland“ an und gründet schließlich mit Gleichgesinnten die „Nationale Aktionsfront“. Später schloss er sich noch der NPD an, auch wenn er die als strammer Neonazi eigentlich für zu ‚lasch‘ hält. Doch hatte die NPD damals für Neonazis gewisse Vorzüge:

Die geben uns sicheren Unterschlupf, den Schleier der Legalität, eine neue politische Heimat, bekommen Mitgliedsbeiträge, wir füllen mit unseren Leuten Demos und können ungestört weiterarbeiten.

(Seite 58)
Über sein Nazi-Leben berichtet Bar:

Es war, als wäre mir eine Droge injiziert worden, es gab nichts anderes mehr, wofür ich mich hätte begeistern können. Der Nationalsozialismus war meine Religion, Adolf Hitler mein Gott.

(Seite 37)
Nach einiger Zeit muss Bar eine mehrjährige Jugendhaftstrafe antreten. Er war beteiligt an einer antisemitischen Friedhofsschändung (25.000 DM Sachschaden), hatte Drohanrufe bei der jüdischen Gemeinde in Mannheim gemacht und sich eine Maschinenpistole besorgt. Ein Antisemit war Bar auf jeden Fall, ein Rassist aber will er nie gewesen sein und ein Staatsfeind blieb er auch nach seinem Ausstieg. Zumindest aber war Bar kein konsequenter Rassist, im Gefängnis befreundete er sich mit einigen Migranten. Das bewahrte ihn jedoch nicht davor auf einer Gefängnis-Zwischenstation von anderen Migranten sein Hakenkreuz-Tattoo mit dem glühenden Wasserkocher-Stab brutal ausgebrannt zu bekommen. Trotz seiner Freundschaften mit Migranten betätigte sich Bar auch vom Gefängnis aus als Neonazi, so füllt er hier z.B. Anti-Antifa-Listen. Auch sein Blatt „Reichsruf“ versucht er weiter vom Gefängnis aus herauszugeben.
Als er die Gefängnismauern hinter sich lässt, ist er der Nazi-Szene entfremdet. In der Szene gilt er als Märtyrer der Bewegung, doch kommt sie ihm nur noch tumb vor. Während er keine Zugeständnisse machte und sogar anfangs in den Hungerstreik trat, haben ihn seine ‚Kameraden‘ mit ihren Aussagen verraten. Wie viele Aussteiger/innen hat er anfangs keine inhaltliche Kritik an seiner Ideologie, sondern an deren Träger/innen, die zu ihren Idealen selbst nicht stehen würden. Allerdings erkennt er irgendwann auch den Zwangscharakter des soldatisch geprägten ‚Kameradschaft‘-Modells:

Wenn ich eines gelernt habe, dann diese brutale Kluft zwischen »Kameradschaft« und Freundschaft. Ein Unterschied wie Tag und Nacht. In der Szene ist jeder dein »Kamerad«, genauso wie du es für jeden bist, für jeden sein musst. Die freie Wahl hat niemand, alle für einen und einer für alle.

(Seite 134)
Trotz wachsender Zweifel betätigte sich Bar nach seiner Entlassung noch als Neonazi. Besonders aktiv war er dabei als Anti-Antifa, d.h. er spionierte den politischen Feind aus. Dabei machte er auch einige Unterschiede zwischen seiner und der linken Szene aus:

Trotzdem irritierten mich die linken Aufmärsche. Konnte man mit den Nazis gar nicht vergleichen. Bei denen herrschte Einheitskluft, kahlrasierte Schädel, Militärkleidung, Stiefel auf Asphalt. Im Gleichschritt Marsch. Aggression, Hass, Gewalt, scheiß Stimmung. Das Gefühl von Dagegen-Sein, gegen was war egal, einfach nur dagegen. Keine Farbe, nur monotones, erdrückendes Braun. Irgendwie bedrohlich, zog mich runter, stresste mich. Aber hier war alles bunt, voll Farbe. Junge, Alte, Punker, Freaks, Hippies, Christen-Ärsche, DGB-Schwätzer, Familien mit Kinderwagen, sogar Behinderte und Obdachlose. Die ganze Gesellschaft, vom Spießbürgertum bis hin zu Randgruppen. Viel mehr Mädchen als bei den Braunen. Hier konnte man einfach Mensch sein, egal wie du aussiehst, wo du herkommst. Lange Haare, keine Haare, Rasta, bunt, Löcher in der Hose, Piercing im Gesicht, keinen juckte das. Hier war jeder sich selbst, jeder ein Unikat. Da ging keiner in der Masse auf, darin verloren, hier war einfach Leben.

(Seite 130)
Der Szene fremd geworden und von den eigenen ‚Kameraden‘ angewidert erklärt Bar am 15. Mai 2001 öffentlich im ZDF-Magazin „Frontal“ seinen Ausstieg. Eineinhalb Jahre später erschien „Fluchtpunkt Neonazi“.
Im Rückblick erklärt Bar seine Taten, mit Ausnahme der Friedhofsschändung, nur vor sich allein verantworten zu müssen. Da schwingt ein wenig „Böhse Onkelz“-Mentalität mit. Außerdem ist das natürlich falsch. Bar war sieben Jahre lang in einer Hass-Bewegung aktiv, die anderen Menschen Angst und Schmerzen verursacht hat. Damit muss Bar sich natürlich auch vor den Betroffenen seiner Aktionen verantworten.

Interessant ist aus heutiger Sicht, nachdem der NSU und seine Mordserie in der Öffentlichkeit aufgeflogen sind, die Ansätze zum Rechtsterrorismus, die Bar beschreibt:

Bewaffneter Kampf von rechts, ohne Struktur und Führung. Das die kämpfenden »Zellen« und Einzelaktivisten einende Band ist die Ideologie; jeder kann mitmachen, jeder ist aufgefordert. Und dieser Aufforderung wollten wir nachkommen. Bei unseren Überlegungen orientierten wir uns stets an der RAF, die hatten »harmlos« begonnen, mit Kaufhausbränden, die kurz darauf in Mord und Totschlag mündeten. Wir standen jetzt an der gleichen Schwelle, dem Weg in den Terror, mit einer Maschinenpistole und dem Willen, es zu tun.

(Seite 73)
Das Gerede über eine „braune RAF“ entspringt also nicht nur der Extremismustheorie. In der Nazi-Szene gab es eine gewisse Sympathie und Orientierung an der RAF. Neben der gemeinsamen Feindstellung gegen die Regierung und einem in der RAF scheinbar verwirklichten Gewaltfetisch, mögen auch der Antiamerikanismus und der Antizionismus der RAF positive Bezugspunkte für manche Nazis gewesen sein.
Interessant ist der Tateifer, den Bar beschreibt. Er und sein Kumpel beschließen erst etwas zu ‚machen‘, in diesem Fall die Friedhofsschändung, und dann erst überlegen sie sich eine genauere Begründung für ihre Tat.
Bar war jedenfalls kurz davor zum Rechtsterroristen zu werden, wie er schreibt:

Ich bin als hundertprozentig überzeugter Nazi aus dem Knast, für mich war’s das Selbstverständlichste, mich zu bewaffnen. Weg damit, in alle Einzelteile zerlegen und entsorgen, dass damit nichts mehr anzufangen ist. Ich war nah dran, Guerilla zu werden, mein Leben einfach wegzuwerfen. Den Finger bereits am Abzug, wir hätten nur noch abzudrücken brauchen.

(Seite 143-44)
Andere haben den Abzug tatsächlich durchgezogen, dazu gehörten auch Beate Zschäpe, Uwe Bönhardt und Uwe Mundlos.

Stefan Michael Bar: Fluchtpunkt Neonazi. Eine Jugend zwischen Rebellion, Hakenkreuz und Knast., Berlin 2003.

„Völlig utopisch“ von Marc Engelhardt (Hg.)

Völlig Utopisch
Der Sammelband „Völlig utopisch. 17 Beispiele einer besseren Welt“ (München, 2014), herausgegeben von dem Journalisten Marc Engelhardt, hat sich zum Ziel gesetzt konkrete Utopien in anderen Ländern vorzustellen. Dafür präsentiert jede/r Autor/in ein Beispiel aus den Ländern Neuseeland, Niederlande, China, USA, Äthiopien. Griechenland, Namibia, Indonesien, Serbien, Brasilien, Israel, Spanien, Argentinien, Deutschland, Dänemark, Südafrika und Russland.
Im Vorwort von Ilija Trojanow heißt es dazu:

Die Revolution von morgen beginnt schon heute im Kleinen, das illustriert diese Sammlung von Reportagen aus aller Welt, in Strukturen, Netzwerken, Nischen, die Gegenentwürfe praktizieren und vorleben. Trotz eines Systems, das Eigennutz und Gier belohnt, erleben wir täglich solidarisches Handeln, gegenseitige Hilfe, gemeinschaftliche Lösungen.

(Seite 12)
In demselben Vorwort wird auch eine kluge Gegenposition gegen das vielgebrauchte „der Mensch ist ja nicht dazu fähig“-Argument präsentiert:

Der Mensch ist nicht gut genug, um gütig über seine Mitmenschen zu herrschen, er kann nicht weise und abgeklärt mit den eigenen Privilegien umgehen. Wer an das Schlechte im Menschen glaubt, der müsste erst recht ein System flacher Hierarchien und Transparenz auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens propagieren, der müsste sich rigoros die Überwindung von konzentrierter Macht und Vermögen auf die Fahnen schreiben.

(Seite 10)

Als erstes Beispiel für eine gelebte Utopie wird eine Familien-Siedlung in der Wildnis Neuseelands präsentiert. Das mag die Individual-Utopie eines Aussteigers sein, kann aber kaum als echte Gemeinschafts-Utopie betrachtet werden. Zudem haben die Lebensverhältnisse dort nur wenig Utopisches an sich. Der Text berichtet von Hungersnöten bei dem Aussteigerpaar, unverhältnismäßiger Arbeit ihrer Kinder und Kälte: Schön und gut, sagt Catherine, nachts bei Minustemperaturen unterwegs in einer Scheune schlafen – aber den Kinderpo in einer zugefrorenen Pfütze zu säubern ging selbst ihr zu weit. (Seite 24)
Das Ergebnis:

Ihre Finger haben unter der jahrelangen körperlichen Arbeit so sehr gelitten, dass sie steif geworden sind.

(Seite 23)

Spannender ist da schon das Alzheimerdorf oder „Pflegeheim in Dorfform“ in Weesp, 15 Kilometer südöstlich von Amsterdam. Hier können in 23 Häusern 152 Bewohner/innen relativ frei leben. Sie werden von 250 Festangstellten und 130 ehrenamtlichen Helfer/innen betreut. Kostenpunkt: 5.400 Euro im Monat pro Platz. In den Niederlanden trägt das tatsächlich die Pflegeversicherung. Ob das aber auch ein Modell für arme osteuropäische Länder beispielsweise wäre, ist in Anbetracht der Kosten fraglich.

In China wird eine chinesische Waldorfschule nahe Pelsing als Utopie präsentiert. Nun mag der staatliche, offenbar sehr autoritär geprägte Unterricht in China für Kinder und deren Entwicklung nicht sehr zuträglich sein, aber auch die okkult geprägte Rudolf-Steiner-Pädagogik steht nicht ganz grundlos in der Kritik. Die 4.300 Euro Schulgeld pro Jahr bedeuten zudem, dass es eine Schule für die chinesische Mittelschicht ist, auch wenn einige arme Kinder sie kostenlos besuchen dürfen.

Bei der Utopie in Äthiopien wird eine Kommune beschrieben. Es handelt sich um ein atheistisches Dorf in Nordäthiopien, in dem Religion verboten ist. Auch Frauenbeschneidung, Kinderarbeit und Zwangsverheiratung sind verboten, was für äthiopische Verhältnisse einen gewaltigen Fortschritt bedeutet.
Die Awra-Amba-Gemeinschaft scheint zudem relativ egalitär zu sein. Für die verschiedenen Aufgaben werden von der Dorfgemeinschaft bestimmte Komitees wie das „Problem-Identifizierungs-Komitee“ eingerichtet.
Im Ergebnis geht es dem Dorf besser als einem durchschnittlichen anderen Dorf der Gegend. Zur Erinnerung: Äthiopien ist das 15. ärmstes Land der Welt.
Doch beim genaueren Hinschauen offenbaren sich die Schattenseiten der Kommune. Das Alkohol verboten ist, mag ja noch angehen. Aber ebenso sind Feiern oder Trauer sind verboten, weil das die Produktivität der Gemeinschaft stört. Hochzeitsfeiern sind ebenso verboten, wegen der damit verbundenen hohen Ausgaben. Will sich ein Paar scheiden lassen, so bestimmt die Gemeinschaft über die Scheidung. Gegründet wurde die Kommune von Zumra Nuru, der die Gleichberechtigung in seiner Gemeinschaft mit den Erlebnissen seiner Kindheit begründet:

Als ich klein war, stand meine Mutter stets im Morgengrauen auf, um das Getreide zu mahlen, während mein Vater einfach liegen blieb. Sie erledigte fast die gesamte Arbeit und musste meinem Vater sogar die Füße waschen! Auch wir Kinder mussten schuften und wurden geschlagen.

(Seite 82)
Doch ist Zumra Nuru in Wahrheit gar kein Atheist, sonder eher ein pantheistischer Agnostiker und seine Gemeinschaft weist gewisse sektenartige Züge auf:

Ich stelle fest, dass Zumra Nuru und seine Jünger erfolgreicher als die meisten anderen äthiopischen Dörfer gegen Armut kämpfen, dass ihr Lebensstil im Vergleich zu dem der restlichen äthiopischen Gesellschaft durchaus innovativ und visionär ist, auch wenn das für Besucher aus einer anderen, einer reicheren, einer moderneren Welt oft schwer zu erkennen ist. Ich weiß, dass die Solidarität mit den Alten und Schwachen viele vor einem Leben in Einsamkeit und bitterer Armut bewahrt. Aber es bleiben viele »Abers«.
Ausgerechnet Zumra Nuru, der gegen die Macht der Religionen kämpft, lässt sich vergöttern.

(Seite 92)

Spannender ist da die Utopie in Namibia. Im Rahmen eines Modellprojektes wird dort in einem kleinem Dorf an die Bevölkerung das bedingungslose Grundeinkommen ausgezahlt. Damit wurde die lokale Wirtschaft stimuliert, die Kleinkriminalität sank rapide und der Anteil an mangelernährten Kindern ist von 42 auf unter 10 Prozent gesunken. Erste Befürchtungen, dass die Bewohner/innen nur alles vertrinken etc. erwiesen sich als ungerechtfertigt.

In der Utopie aus Indonesien werden die Samin-Bauern auf Java vorgestellt. Diese Gemeinschaft wurde von Surosentiko Samin (1859-1914) gegründet, der 1890 begann passiv Widerstand gegen die holländischen Kolonialherren zu leisten. Noch heute sind die Samin-Bauern oder „Sedulur Siken“ („Geschwister, die sich umarmen“) Steuerrebellen gegen den indonesischen Staat. Die auch „Amische Indonesiens“ genannte Gruppe betreibt eine Art der organischen Landwirtschaft. Sie sind Atheisten und lehnen den Zwang ab sich zu einer Religion zu bekennen. Ebenso gelten ihnen Neid und Tratsch als verwerflich. Ihre Entscheidungen werden auf wöchentlichen Versammlungen getroffen, die nach dem Konsensprinzip bestimmt werden. Teilnehmen können gleichberechtigt alle Mitglieder der Gemeinschaft. Egal ob Frau oder Mann, Jung oder Alt.
Problematisch ist, dass sie auch die Schulpflicht ablehnen und deswegen mehrheitlich Analphabeten sind.

Als Utopie aus Serbien wird die Iva-Farm, 70 Kilometer südlich von Belgrad, vorgestellt. Diese ist 12 Hektar groß und wird in arger Selbstausbeutung betrieben. Die aus ihrem vorherigen Leben ausgestiegenen Neu-Bäuerinnen und -Bauern arbeiten nicht selten 80 Stunden pro Woche. Betrieben wird die Farm mit der Rudolf-Steiner-Landwirtschaft. Diese ist okkult geprägt und der Nutzen davon, z.B. Kuhhörner zu vergraben, ist wissenschaftlich nicht nachweisbar.

Für Brasilien wird von der Autorin Christine Wollowski mit mangelnder Distanz eine Sekten-Gemeinschaft als Utopie verkauft, die Inkiri-Gemeinschaft der Gurus Angelina und Gabriel. Diese hat 80 Bewohner/innen und ist sehr esoterisch geprägt:

Etwa achtzig Menschen leben in Piracanga, mehr als die Hälfte davon Kinder. Das Lesen von Auren ist ihr zentrales Werkzeug. Um ihren Traum zu erkennen, aber auch sonst für beinahe alles: die eigene Entwicklung, das Lösen von Konflikten, die Entwicklung der Gemeinschaft.

(Seite 158)
Zwar wird die esoterische Prägung in der Reportage an mancher Stelle eingeräumt, aber ein kritisches Wort dazu findet sich kaum:

Ihre Ziele und Regeln haben sie in einem selbst verlegten Buch aufgeschrieben, das den Titel »Willkommen in der neuen Welt« trägt. […] Das mit Fotos von glücklichen Kindern und Erwachsenen bebilderte Werk liest sich wie ein abgehobenes esoterisches Märchen.

(Seite 160)

Interessanter ist der porträtierte Kibbuz Kishorit in Israel, der für 155 „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ da ist, sprich behinderte Menschen.

Das Utopien und Kommunen immer technikfeindlich sein müssen widerlegt die Hacklab-Siedlung Calofou in Katalonien (Spanien), die 2011 entstanden ist. Die 30 Siedler/innen sind linke Hacker/innen.

Als Beispiel für eine Utopie in Deutschland wurde ausgerechnet die ZEGG-Siedlung in Bad Belzig ausgewählt. ZEGG steht für „Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung“ und wird von Kritiker/innen als „autoritär-sexistische Psychosekte“ charakterisiert. Für Marc Engelhardt ist es dagegen der Ort, „wo die Liebe wohnt“. Zwar geht er kurz auf die Vorwürfe gegen ZEGG ein, verwirft sie aber. Das strikt bipolare Geschlechtermodell und die antifeministische Stoßrichtung fallen dabei allerdings unter den Tisch. Immerhin wird bei der ZEGG auch schon mal gegen „antimännlichen Sexismus“ und „Radikalfeministinnen“ gewettert. Das die Gemeinschaft mit Sabine Lichtenfels und Dieter Duhm Guru-Gestalten hat wird eher unter ‚ferner liefen‘ erwähnt. Das Literatur von dem Mystagogen Osho in der Bibliothek des ZEGG steht wird nur berichtet, aber nicht weiter kommentiert. Immerhin wird zum Ende noch angedeutet, dass Esoterik die Welt wohl kaum retten wird:

Trotz alledem: Die Aktivitäten sind vor allem nach innen gerichtet, auf die Gruppe oder das Selbst. Verändert man so die Welt?

(Seite 222)

Für Dänemark wird die seit 1971 bestehende Stadtteilsiedlung Christiania in Kopenhagen kurz und kritisch vorgestellt. Auf autofreien 34 Quadratkilometern leben 620 Erwachsene und 150 Personen unter 18 Jahren. Sie leben vor allem von den 500.000 Besucher/innen pro Jahr und vom Haschisch-Verkauf.

Die Utopie-Präsentation für Russland mag vielen eher als Dystopie erscheinen. Vorgestellt wird die „Reichskosaken-Siedlung“ in Sredneuralsk nahe Jekaterienenburg. Diese versucht Ex-Sträflinge und Obdachlose für ihr Projekt zu gewinnen. Tatsächlich treibt die Kälte im Winter zu den 70 Bewohner/innen noch weitere 100 Obdachlose hinzu, die aber wieder verschwinden sobald es wärmer wird. Vermutlich auch weil sie der Nationalismus und die Frömmlerei der Gemeinschaft abstößt:

Mittags beten Kosaken und Obdachlose gemeinsam im Speisesaal, dann gibt es Eintopf, eine Lautsprecherstimme philosophiert über das Verhältnis zwischen Gott und Individuum.

(Seite 262)

Fazit: alles andere als utopisch
Nicht alles was glänzt ist Gold. Viele der im Buch präsentierten Utopien sind gar keine. Da hätte man sich andere Projekt-Vorstellungen oder deutlich kritische Worte gewünscht. Statt dessen werden unkritisch offensichtliche Sekten-Gemeinschaften (Deutschland, Brasilien) porträtiert oder es werden kritiklos Rudolf-Steiner-Konzepte (China, Serbien) vorgestellt. Dazu kommen dann noch Individual-Utopien, die mit starker Selbstausbeutung, Bedürfnis-Reduzierung und Autarkie einhergehen (Neuseeland, Serbien). Dass sind für die meisten Menschen keine Utopien. Keines der vorgestellten Projekte scheint außerdem über den Rahmen eines selbstverwalteten Kapitalismus hinauszukommen.
Einzelne Kapitel lesen sich ganz spannend, was die Modelle des Zusammenlebens (Niederlande, Israel) angeht oder dass sich ohne westlichen Einfluss tendenziell egalitäre und nichtreligiöse Projekte in anderen Weltgegenden herausgebildet haben (Äthiopien, Indonesien). Doch viele progressive Projekte hätten anstelle der teilweise deutlich reaktionären Utopien viel eher ein eigenes Porträt verdient.
Das Buch enttäuscht insoweit und hält nicht, was der Titel verspricht. Störend ist vor allem die verhaltene bis nichtexistente Kritik in einigen Reportagen. Damit wird – vermutlich unabsichtlich – Werbung für reaktionäre Modelle gemacht.

Marc Engelhardt (Hg.): „Völlig utopisch. 17 Beispiele einer besseren Welt“, München 2014.