„Fluchtpunkt Neonazi“ von Stefan Michael Bar

Fluchtpunkt Neonazi
Nazi-Aussteiger/innen-Biografien sind immer mit einiger Vorsicht zu genießen, denn viele Aussteiger/innen befinden sich noch im Prozess ihres Ausstiegs, wenn sie ihr bisheriges Leben in Buch-Form verwerten sollen oder wollen. Trotzdem ist, bei kritischer Distanz, die Lektüre solcher (Auto-)Biografien häufig interessant und mit Erkenntnisgewinnen gesegnet. Immerhin bekommt man hier Innenansichten aus der Szene vermittelt. Ältere Biografien von Aussteiger/innen können aktuell interessant sein, weil sie die Szene widerspiegeln, in der sich die späteren NSU-Mitglieder bewegten und radikalisierten.
Genau zu diesen Autobiografien gehört auch „Fluchtpunkt Neonazi. Eine Jugend zwischen Rebellion, Hakenkreuz und Knast“ (Berlin, 2003) von Stefan Michael Bar.
Stefan Michael Bar, Jahrgang 1976, entstammte einer jugendlichen Beziehung seiner Mutter mit einem jungen Italiener. Damals wurde dem jungen Paar die Heirat verweigert und der Mutter nach drei Jahren das Kind entzogen und zwangsweise in ein Heim gesteckt. Diese Zäsur begründet für Bar bis heute seinen Hass auf den Staat.
Aus dem Heim heraus adoptierte ihn bald ein gutbürgerliches Lehrer-Ehepaar. Nach außen hin ein Familien-Idyllen-Fassade, so hatten seine Adoptiv-Eltern kaum Zeit für ihn. Stattdessen wurde er auf Bildung getrimmt: Lernen, lernen, lernen. Irgendwann verweigerte er sich dieser Dressur und begann eine Kleinkriminellenkarriere. Mit 16 Jahren wurde er dann ein Neonazi und sollte es fast sieben Jahre bleiben. Später führte er auch das Schweigen seiner Eltern und Anderer an, warum er auf seinen Weg nach rechts nicht gestoppt wurde. Niemand habe mit ihm ein vernünftiges Gespräch führen wollen.
Bar war nur anfangs ein kleiner Mitläufer, mit der Zeit wurde aus ihm ein fanatisierter Vollzeit-Nazi. Der Autor betätigte sich zuerst in der „Deutsch Nationalen Partei“, wird dann mit 17 FAP-Mitglied bis zu deren Verbot 1995, schließt sich der „Aktionsgemeinschaft Sauberes Deutschland“ an und gründet schließlich mit Gleichgesinnten die „Nationale Aktionsfront“. Später schloss er sich noch der NPD an, auch wenn er die als strammer Neonazi eigentlich für zu ‚lasch‘ hält. Doch hatte die NPD damals für Neonazis gewisse Vorzüge:

Die geben uns sicheren Unterschlupf, den Schleier der Legalität, eine neue politische Heimat, bekommen Mitgliedsbeiträge, wir füllen mit unseren Leuten Demos und können ungestört weiterarbeiten.

(Seite 58)
Über sein Nazi-Leben berichtet Bar:

Es war, als wäre mir eine Droge injiziert worden, es gab nichts anderes mehr, wofür ich mich hätte begeistern können. Der Nationalsozialismus war meine Religion, Adolf Hitler mein Gott.

(Seite 37)
Nach einiger Zeit muss Bar eine mehrjährige Jugendhaftstrafe antreten. Er war beteiligt an einer antisemitischen Friedhofsschändung (25.000 DM Sachschaden), hatte Drohanrufe bei der jüdischen Gemeinde in Mannheim gemacht und sich eine Maschinenpistole besorgt. Ein Antisemit war Bar auf jeden Fall, ein Rassist aber will er nie gewesen sein und ein Staatsfeind blieb er auch nach seinem Ausstieg. Zumindest aber war Bar kein konsequenter Rassist, im Gefängnis befreundete er sich mit einigen Migranten. Das bewahrte ihn jedoch nicht davor auf einer Gefängnis-Zwischenstation von anderen Migranten sein Hakenkreuz-Tattoo mit dem glühenden Wasserkocher-Stab brutal ausgebrannt zu bekommen. Trotz seiner Freundschaften mit Migranten betätigte sich Bar auch vom Gefängnis aus als Neonazi, so füllt er hier z.B. Anti-Antifa-Listen. Auch sein Blatt „Reichsruf“ versucht er weiter vom Gefängnis aus herauszugeben.
Als er die Gefängnismauern hinter sich lässt, ist er der Nazi-Szene entfremdet. In der Szene gilt er als Märtyrer der Bewegung, doch kommt sie ihm nur noch tumb vor. Während er keine Zugeständnisse machte und sogar anfangs in den Hungerstreik trat, haben ihn seine ‚Kameraden‘ mit ihren Aussagen verraten. Wie viele Aussteiger/innen hat er anfangs keine inhaltliche Kritik an seiner Ideologie, sondern an deren Träger/innen, die zu ihren Idealen selbst nicht stehen würden. Allerdings erkennt er irgendwann auch den Zwangscharakter des soldatisch geprägten ‚Kameradschaft‘-Modells:

Wenn ich eines gelernt habe, dann diese brutale Kluft zwischen »Kameradschaft« und Freundschaft. Ein Unterschied wie Tag und Nacht. In der Szene ist jeder dein »Kamerad«, genauso wie du es für jeden bist, für jeden sein musst. Die freie Wahl hat niemand, alle für einen und einer für alle.

(Seite 134)
Trotz wachsender Zweifel betätigte sich Bar nach seiner Entlassung noch als Neonazi. Besonders aktiv war er dabei als Anti-Antifa, d.h. er spionierte den politischen Feind aus. Dabei machte er auch einige Unterschiede zwischen seiner und der linken Szene aus:

Trotzdem irritierten mich die linken Aufmärsche. Konnte man mit den Nazis gar nicht vergleichen. Bei denen herrschte Einheitskluft, kahlrasierte Schädel, Militärkleidung, Stiefel auf Asphalt. Im Gleichschritt Marsch. Aggression, Hass, Gewalt, scheiß Stimmung. Das Gefühl von Dagegen-Sein, gegen was war egal, einfach nur dagegen. Keine Farbe, nur monotones, erdrückendes Braun. Irgendwie bedrohlich, zog mich runter, stresste mich. Aber hier war alles bunt, voll Farbe. Junge, Alte, Punker, Freaks, Hippies, Christen-Ärsche, DGB-Schwätzer, Familien mit Kinderwagen, sogar Behinderte und Obdachlose. Die ganze Gesellschaft, vom Spießbürgertum bis hin zu Randgruppen. Viel mehr Mädchen als bei den Braunen. Hier konnte man einfach Mensch sein, egal wie du aussiehst, wo du herkommst. Lange Haare, keine Haare, Rasta, bunt, Löcher in der Hose, Piercing im Gesicht, keinen juckte das. Hier war jeder sich selbst, jeder ein Unikat. Da ging keiner in der Masse auf, darin verloren, hier war einfach Leben.

(Seite 130)
Der Szene fremd geworden und von den eigenen ‚Kameraden‘ angewidert erklärt Bar am 15. Mai 2001 öffentlich im ZDF-Magazin „Frontal“ seinen Ausstieg. Eineinhalb Jahre später erschien „Fluchtpunkt Neonazi“.
Im Rückblick erklärt Bar seine Taten, mit Ausnahme der Friedhofsschändung, nur vor sich allein verantworten zu müssen. Da schwingt ein wenig „Böhse Onkelz“-Mentalität mit. Außerdem ist das natürlich falsch. Bar war sieben Jahre lang in einer Hass-Bewegung aktiv, die anderen Menschen Angst und Schmerzen verursacht hat. Damit muss Bar sich natürlich auch vor den Betroffenen seiner Aktionen verantworten.

Interessant ist aus heutiger Sicht, nachdem der NSU und seine Mordserie in der Öffentlichkeit aufgeflogen sind, die Ansätze zum Rechtsterrorismus, die Bar beschreibt:

Bewaffneter Kampf von rechts, ohne Struktur und Führung. Das die kämpfenden »Zellen« und Einzelaktivisten einende Band ist die Ideologie; jeder kann mitmachen, jeder ist aufgefordert. Und dieser Aufforderung wollten wir nachkommen. Bei unseren Überlegungen orientierten wir uns stets an der RAF, die hatten »harmlos« begonnen, mit Kaufhausbränden, die kurz darauf in Mord und Totschlag mündeten. Wir standen jetzt an der gleichen Schwelle, dem Weg in den Terror, mit einer Maschinenpistole und dem Willen, es zu tun.

(Seite 73)
Das Gerede über eine „braune RAF“ entspringt also nicht nur der Extremismustheorie. In der Nazi-Szene gab es eine gewisse Sympathie und Orientierung an der RAF. Neben der gemeinsamen Feindstellung gegen die Regierung und einem in der RAF scheinbar verwirklichten Gewaltfetisch, mögen auch der Antiamerikanismus und der Antizionismus der RAF positive Bezugspunkte für manche Nazis gewesen sein.
Interessant ist der Tateifer, den Bar beschreibt. Er und sein Kumpel beschließen erst etwas zu ‚machen‘, in diesem Fall die Friedhofsschändung, und dann erst überlegen sie sich eine genauere Begründung für ihre Tat.
Bar war jedenfalls kurz davor zum Rechtsterroristen zu werden, wie er schreibt:

Ich bin als hundertprozentig überzeugter Nazi aus dem Knast, für mich war’s das Selbstverständlichste, mich zu bewaffnen. Weg damit, in alle Einzelteile zerlegen und entsorgen, dass damit nichts mehr anzufangen ist. Ich war nah dran, Guerilla zu werden, mein Leben einfach wegzuwerfen. Den Finger bereits am Abzug, wir hätten nur noch abzudrücken brauchen.

(Seite 143-44)
Andere haben den Abzug tatsächlich durchgezogen, dazu gehörten auch Beate Zschäpe, Uwe Bönhardt und Uwe Mundlos.

Stefan Michael Bar: Fluchtpunkt Neonazi. Eine Jugend zwischen Rebellion, Hakenkreuz und Knast., Berlin 2003.