„Völlig utopisch“ von Marc Engelhardt (Hg.)

Völlig Utopisch
Der Sammelband „Völlig utopisch. 17 Beispiele einer besseren Welt“ (München, 2014), herausgegeben von dem Journalisten Marc Engelhardt, hat sich zum Ziel gesetzt konkrete Utopien in anderen Ländern vorzustellen. Dafür präsentiert jede/r Autor/in ein Beispiel aus den Ländern Neuseeland, Niederlande, China, USA, Äthiopien. Griechenland, Namibia, Indonesien, Serbien, Brasilien, Israel, Spanien, Argentinien, Deutschland, Dänemark, Südafrika und Russland.
Im Vorwort von Ilija Trojanow heißt es dazu:

Die Revolution von morgen beginnt schon heute im Kleinen, das illustriert diese Sammlung von Reportagen aus aller Welt, in Strukturen, Netzwerken, Nischen, die Gegenentwürfe praktizieren und vorleben. Trotz eines Systems, das Eigennutz und Gier belohnt, erleben wir täglich solidarisches Handeln, gegenseitige Hilfe, gemeinschaftliche Lösungen.

(Seite 12)
In demselben Vorwort wird auch eine kluge Gegenposition gegen das vielgebrauchte „der Mensch ist ja nicht dazu fähig“-Argument präsentiert:

Der Mensch ist nicht gut genug, um gütig über seine Mitmenschen zu herrschen, er kann nicht weise und abgeklärt mit den eigenen Privilegien umgehen. Wer an das Schlechte im Menschen glaubt, der müsste erst recht ein System flacher Hierarchien und Transparenz auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens propagieren, der müsste sich rigoros die Überwindung von konzentrierter Macht und Vermögen auf die Fahnen schreiben.

(Seite 10)

Als erstes Beispiel für eine gelebte Utopie wird eine Familien-Siedlung in der Wildnis Neuseelands präsentiert. Das mag die Individual-Utopie eines Aussteigers sein, kann aber kaum als echte Gemeinschafts-Utopie betrachtet werden. Zudem haben die Lebensverhältnisse dort nur wenig Utopisches an sich. Der Text berichtet von Hungersnöten bei dem Aussteigerpaar, unverhältnismäßiger Arbeit ihrer Kinder und Kälte: Schön und gut, sagt Catherine, nachts bei Minustemperaturen unterwegs in einer Scheune schlafen – aber den Kinderpo in einer zugefrorenen Pfütze zu säubern ging selbst ihr zu weit. (Seite 24)
Das Ergebnis:

Ihre Finger haben unter der jahrelangen körperlichen Arbeit so sehr gelitten, dass sie steif geworden sind.

(Seite 23)

Spannender ist da schon das Alzheimerdorf oder „Pflegeheim in Dorfform“ in Weesp, 15 Kilometer südöstlich von Amsterdam. Hier können in 23 Häusern 152 Bewohner/innen relativ frei leben. Sie werden von 250 Festangstellten und 130 ehrenamtlichen Helfer/innen betreut. Kostenpunkt: 5.400 Euro im Monat pro Platz. In den Niederlanden trägt das tatsächlich die Pflegeversicherung. Ob das aber auch ein Modell für arme osteuropäische Länder beispielsweise wäre, ist in Anbetracht der Kosten fraglich.

In China wird eine chinesische Waldorfschule nahe Pelsing als Utopie präsentiert. Nun mag der staatliche, offenbar sehr autoritär geprägte Unterricht in China für Kinder und deren Entwicklung nicht sehr zuträglich sein, aber auch die okkult geprägte Rudolf-Steiner-Pädagogik steht nicht ganz grundlos in der Kritik. Die 4.300 Euro Schulgeld pro Jahr bedeuten zudem, dass es eine Schule für die chinesische Mittelschicht ist, auch wenn einige arme Kinder sie kostenlos besuchen dürfen.

Bei der Utopie in Äthiopien wird eine Kommune beschrieben. Es handelt sich um ein atheistisches Dorf in Nordäthiopien, in dem Religion verboten ist. Auch Frauenbeschneidung, Kinderarbeit und Zwangsverheiratung sind verboten, was für äthiopische Verhältnisse einen gewaltigen Fortschritt bedeutet.
Die Awra-Amba-Gemeinschaft scheint zudem relativ egalitär zu sein. Für die verschiedenen Aufgaben werden von der Dorfgemeinschaft bestimmte Komitees wie das „Problem-Identifizierungs-Komitee“ eingerichtet.
Im Ergebnis geht es dem Dorf besser als einem durchschnittlichen anderen Dorf der Gegend. Zur Erinnerung: Äthiopien ist das 15. ärmstes Land der Welt.
Doch beim genaueren Hinschauen offenbaren sich die Schattenseiten der Kommune. Das Alkohol verboten ist, mag ja noch angehen. Aber ebenso sind Feiern oder Trauer sind verboten, weil das die Produktivität der Gemeinschaft stört. Hochzeitsfeiern sind ebenso verboten, wegen der damit verbundenen hohen Ausgaben. Will sich ein Paar scheiden lassen, so bestimmt die Gemeinschaft über die Scheidung. Gegründet wurde die Kommune von Zumra Nuru, der die Gleichberechtigung in seiner Gemeinschaft mit den Erlebnissen seiner Kindheit begründet:

Als ich klein war, stand meine Mutter stets im Morgengrauen auf, um das Getreide zu mahlen, während mein Vater einfach liegen blieb. Sie erledigte fast die gesamte Arbeit und musste meinem Vater sogar die Füße waschen! Auch wir Kinder mussten schuften und wurden geschlagen.

(Seite 82)
Doch ist Zumra Nuru in Wahrheit gar kein Atheist, sonder eher ein pantheistischer Agnostiker und seine Gemeinschaft weist gewisse sektenartige Züge auf:

Ich stelle fest, dass Zumra Nuru und seine Jünger erfolgreicher als die meisten anderen äthiopischen Dörfer gegen Armut kämpfen, dass ihr Lebensstil im Vergleich zu dem der restlichen äthiopischen Gesellschaft durchaus innovativ und visionär ist, auch wenn das für Besucher aus einer anderen, einer reicheren, einer moderneren Welt oft schwer zu erkennen ist. Ich weiß, dass die Solidarität mit den Alten und Schwachen viele vor einem Leben in Einsamkeit und bitterer Armut bewahrt. Aber es bleiben viele »Abers«.
Ausgerechnet Zumra Nuru, der gegen die Macht der Religionen kämpft, lässt sich vergöttern.

(Seite 92)

Spannender ist da die Utopie in Namibia. Im Rahmen eines Modellprojektes wird dort in einem kleinem Dorf an die Bevölkerung das bedingungslose Grundeinkommen ausgezahlt. Damit wurde die lokale Wirtschaft stimuliert, die Kleinkriminalität sank rapide und der Anteil an mangelernährten Kindern ist von 42 auf unter 10 Prozent gesunken. Erste Befürchtungen, dass die Bewohner/innen nur alles vertrinken etc. erwiesen sich als ungerechtfertigt.

In der Utopie aus Indonesien werden die Samin-Bauern auf Java vorgestellt. Diese Gemeinschaft wurde von Surosentiko Samin (1859-1914) gegründet, der 1890 begann passiv Widerstand gegen die holländischen Kolonialherren zu leisten. Noch heute sind die Samin-Bauern oder „Sedulur Siken“ („Geschwister, die sich umarmen“) Steuerrebellen gegen den indonesischen Staat. Die auch „Amische Indonesiens“ genannte Gruppe betreibt eine Art der organischen Landwirtschaft. Sie sind Atheisten und lehnen den Zwang ab sich zu einer Religion zu bekennen. Ebenso gelten ihnen Neid und Tratsch als verwerflich. Ihre Entscheidungen werden auf wöchentlichen Versammlungen getroffen, die nach dem Konsensprinzip bestimmt werden. Teilnehmen können gleichberechtigt alle Mitglieder der Gemeinschaft. Egal ob Frau oder Mann, Jung oder Alt.
Problematisch ist, dass sie auch die Schulpflicht ablehnen und deswegen mehrheitlich Analphabeten sind.

Als Utopie aus Serbien wird die Iva-Farm, 70 Kilometer südlich von Belgrad, vorgestellt. Diese ist 12 Hektar groß und wird in arger Selbstausbeutung betrieben. Die aus ihrem vorherigen Leben ausgestiegenen Neu-Bäuerinnen und -Bauern arbeiten nicht selten 80 Stunden pro Woche. Betrieben wird die Farm mit der Rudolf-Steiner-Landwirtschaft. Diese ist okkult geprägt und der Nutzen davon, z.B. Kuhhörner zu vergraben, ist wissenschaftlich nicht nachweisbar.

Für Brasilien wird von der Autorin Christine Wollowski mit mangelnder Distanz eine Sekten-Gemeinschaft als Utopie verkauft, die Inkiri-Gemeinschaft der Gurus Angelina und Gabriel. Diese hat 80 Bewohner/innen und ist sehr esoterisch geprägt:

Etwa achtzig Menschen leben in Piracanga, mehr als die Hälfte davon Kinder. Das Lesen von Auren ist ihr zentrales Werkzeug. Um ihren Traum zu erkennen, aber auch sonst für beinahe alles: die eigene Entwicklung, das Lösen von Konflikten, die Entwicklung der Gemeinschaft.

(Seite 158)
Zwar wird die esoterische Prägung in der Reportage an mancher Stelle eingeräumt, aber ein kritisches Wort dazu findet sich kaum:

Ihre Ziele und Regeln haben sie in einem selbst verlegten Buch aufgeschrieben, das den Titel »Willkommen in der neuen Welt« trägt. […] Das mit Fotos von glücklichen Kindern und Erwachsenen bebilderte Werk liest sich wie ein abgehobenes esoterisches Märchen.

(Seite 160)

Interessanter ist der porträtierte Kibbuz Kishorit in Israel, der für 155 „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ da ist, sprich behinderte Menschen.

Das Utopien und Kommunen immer technikfeindlich sein müssen widerlegt die Hacklab-Siedlung Calofou in Katalonien (Spanien), die 2011 entstanden ist. Die 30 Siedler/innen sind linke Hacker/innen.

Als Beispiel für eine Utopie in Deutschland wurde ausgerechnet die ZEGG-Siedlung in Bad Belzig ausgewählt. ZEGG steht für „Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung“ und wird von Kritiker/innen als „autoritär-sexistische Psychosekte“ charakterisiert. Für Marc Engelhardt ist es dagegen der Ort, „wo die Liebe wohnt“. Zwar geht er kurz auf die Vorwürfe gegen ZEGG ein, verwirft sie aber. Das strikt bipolare Geschlechtermodell und die antifeministische Stoßrichtung fallen dabei allerdings unter den Tisch. Immerhin wird bei der ZEGG auch schon mal gegen „antimännlichen Sexismus“ und „Radikalfeministinnen“ gewettert. Das die Gemeinschaft mit Sabine Lichtenfels und Dieter Duhm Guru-Gestalten hat wird eher unter ‚ferner liefen‘ erwähnt. Das Literatur von dem Mystagogen Osho in der Bibliothek des ZEGG steht wird nur berichtet, aber nicht weiter kommentiert. Immerhin wird zum Ende noch angedeutet, dass Esoterik die Welt wohl kaum retten wird:

Trotz alledem: Die Aktivitäten sind vor allem nach innen gerichtet, auf die Gruppe oder das Selbst. Verändert man so die Welt?

(Seite 222)

Für Dänemark wird die seit 1971 bestehende Stadtteilsiedlung Christiania in Kopenhagen kurz und kritisch vorgestellt. Auf autofreien 34 Quadratkilometern leben 620 Erwachsene und 150 Personen unter 18 Jahren. Sie leben vor allem von den 500.000 Besucher/innen pro Jahr und vom Haschisch-Verkauf.

Die Utopie-Präsentation für Russland mag vielen eher als Dystopie erscheinen. Vorgestellt wird die „Reichskosaken-Siedlung“ in Sredneuralsk nahe Jekaterienenburg. Diese versucht Ex-Sträflinge und Obdachlose für ihr Projekt zu gewinnen. Tatsächlich treibt die Kälte im Winter zu den 70 Bewohner/innen noch weitere 100 Obdachlose hinzu, die aber wieder verschwinden sobald es wärmer wird. Vermutlich auch weil sie der Nationalismus und die Frömmlerei der Gemeinschaft abstößt:

Mittags beten Kosaken und Obdachlose gemeinsam im Speisesaal, dann gibt es Eintopf, eine Lautsprecherstimme philosophiert über das Verhältnis zwischen Gott und Individuum.

(Seite 262)

Fazit: alles andere als utopisch
Nicht alles was glänzt ist Gold. Viele der im Buch präsentierten Utopien sind gar keine. Da hätte man sich andere Projekt-Vorstellungen oder deutlich kritische Worte gewünscht. Statt dessen werden unkritisch offensichtliche Sekten-Gemeinschaften (Deutschland, Brasilien) porträtiert oder es werden kritiklos Rudolf-Steiner-Konzepte (China, Serbien) vorgestellt. Dazu kommen dann noch Individual-Utopien, die mit starker Selbstausbeutung, Bedürfnis-Reduzierung und Autarkie einhergehen (Neuseeland, Serbien). Dass sind für die meisten Menschen keine Utopien. Keines der vorgestellten Projekte scheint außerdem über den Rahmen eines selbstverwalteten Kapitalismus hinauszukommen.
Einzelne Kapitel lesen sich ganz spannend, was die Modelle des Zusammenlebens (Niederlande, Israel) angeht oder dass sich ohne westlichen Einfluss tendenziell egalitäre und nichtreligiöse Projekte in anderen Weltgegenden herausgebildet haben (Äthiopien, Indonesien). Doch viele progressive Projekte hätten anstelle der teilweise deutlich reaktionären Utopien viel eher ein eigenes Porträt verdient.
Das Buch enttäuscht insoweit und hält nicht, was der Titel verspricht. Störend ist vor allem die verhaltene bis nichtexistente Kritik in einigen Reportagen. Damit wird – vermutlich unabsichtlich – Werbung für reaktionäre Modelle gemacht.

Marc Engelhardt (Hg.): „Völlig utopisch. 17 Beispiele einer besseren Welt“, München 2014.