Buchkritik: „Wir lassen sie verhungern“ von Jean Ziegler

Hungergestalt mit Weihnachtsmann-Mütze
In seinem Buch „ Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt“ (München, 2013) schreibt Jean Ziegler über die Spaltung der Welt in Hungernde und Satte, also über die weltweite Hungerkatastrophe und ihre Ursachen.
Der Autor war längere Zeit ein unbequemer Sonderberichterstatter bei den „United Nations“ (UN). Er hat sich dabei bis heute seine Wut und seine Empörung bewahrt und immer wieder kämpfte er gegen die Zustände auf der Welt an, die Hunger verursachen. Dafür wurde er von einigen Regierungen, wie der von den Vereinigten Staaten, als ‚Kryptokommunist‘ diffamiert. Das war zwar als Beleidigung gemeint, aber ganz falsch war das nicht, denn Ziegler bezeichnet sich laut Wikipedia selbst als Kommunisten im Sinne der Redewendung von Karl Marx „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ und sieht die Pariser Kommune von 1871 als „einzigen kommunistischen Staat, den es je gegeben hat“ an.

Die aktuelle Lage

Ziegler schreibt in seinem Buch bewusst von „Massenvernichtung“ und „Massaker des Hungers“, um zu verdeutlichen, dass der Hunger in der Welt keine Naturkatastrophe ist, sondern von Menschen verursacht. Denn Hunger ist eine politisches Katastrophe. Wenn Menschen hungern hat das viel mit Armut und den weltweiten Unterschieden in Bezug auf Reichtum zu tun. So war beispielsweise der Tageslohn eines Luxemburgers im Jahr 2000 höher als das Jahreseinkommen eines Äthiopiers. Hunger und Armut führen zu katastrophalen gesundheitlichen Folgen. In dem kleinen südafrikanischen Staat Swasiland beträgt z.B. das Durchschnittsalter 32 Jahre.
Hunger muss dabei aber nicht immer den Tod zur direkten Folge haben. Die Folgeschäden bei Hungerbabys sind körperliche und geistige Behinderungen. Laut Ziegler sind vom Hunger vor allem drei Gruppen betroffen: die arme Stadtbevölkerung, die arme Landbevölkerung und Katastrophenopfer. Zur armen Landbevölkerung gehören vor allem auch die landlose Landarbeiter/innen.

Ziegler unterscheidet allgemein zwischen Unterernährung und Mangelernährung, die er auch als „unsichtbaren Hunger“ bezeichnet. Bei Mangelernährung haben die Betroffenen oft Normalgewicht, sind aber eben trotzdem mangelernährt. Dass heißt, es fehlt ihnen z.B. an genügend Eisen, Zink, Jod und Vitaminen. Dieser Mangel hat Auswirkungen. So verliert alle vier Minuten ein Mensch sein Augenlicht durch Fehlernährung, meist ist es Vitamin-A-Mangel. Von einer Mangelernährung sind Schwangere und Kinder noch einmal besonders betroffen. Beispielsweise können in Mali nur etwa 25% der Mütter ihre Kinder ausreichend stillen.
Insgesamt ist die Hälfte aller Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren direkt oder indirekt auf eine Mangelernährung zurückzuführen. Aber bestimmte Verschärfungen können ähnliche Verhältnisse auch bei Erwachsenen hervorrufen. In den nordkoreanischen Arbeitslagern starben z.B. 40% der Insassen an Mangelernährung.

Neben dem Hunger in Form von Entkräftung gibt es auch noch spezielle Hungerkrankheiten wie Noma. Diese grausame Krankheit zerfrisst das Gesicht der Infizierten und befällt vor allem Kinder. Es gibt 140.000 Noma-Neuinfizierungen pro Jahr.

Obwohl Hunger in den westlichen Klischee-Vorstellungen vor allem mit Afrika verbunden wird, ist Indien das Land mit den meisten Hungernden. Mehr als 1/3 aller in Indien geborenen Kinder sind untergewichtig und 1/3 aller Hungernden weltweit leben in Indien. Das sind mehr schwerst und permanent unterernährte Kinder als im Subsahara-Afrika.
Neben dem Hunger findet hier in einem engen Zusammenhang damit noch eine weitere Tragödie statt. Allein von 1997 bis 2005 begingen 150.000 verarmte Bauern in Indien Selbstmord. Oft mit Hilfe von Pestizid, genau dem Stoff, der für ihre Verschuldung mitschuldig ist. Denn sie hatten sich durch den Kauf von (genmanipulierten) Saatgut und Pestiziden hoch verschuldet, ohne den versprochenen Gewinn zu machen.

Hunger betrifft zwar zum größten Teil Lateinamerika, Asien und Afrika, doch ist er auch in Europa an einigen Stellen zu finden. Im Waisenhaus von Torez in der Ukraine verhungerten laut Ziegler in den letzten drei Jahren im Jahresdurchschnitt 12 von 100 Kindern – wobei es sich meist um behinderte Kinder handelt, die nur mit Hilfe von Erwachsenen Nahrung einnehmen konnten.
Durch die Krise befördert arbeitet sich der Hunger auch an anderer Stelle nach Europa vor:

Im Mai 2012 veröffentlichte die Unicef ihren Bericht über die Lage der Kinder in Spanien. Wegen der von Bundeskanzlerin Angela Merkel der EU aufgezwungenen Austeritätspolitik reduzierte die Regierung Rajoy massiv die Sozialleistungen für 9 Millionen extrem arme Familien. Das Resultat: 2011 waren in Spanien 2,2 Millionen Kleinkinder schwerst, permanent unterernährt.

(Seite 46)

Als besonders brutales Beispiel für politisch verursachten Hunger führt Ziegler das UN-Programm „Oil for Food“ im Irak an, dass dort 1991 bis 2003 als „Diktatur des Sanktionsausschuss“ (Ziegler) herrschte. Auf Grund dieses Programms wurde die Einfuhr z.B. von Krebsmedikamenten oder Kühlgeräte (= Essen verdirbt, Hunger verbreitet sich) verweigert, weil es sich angeblich um mögliche Waffen-Bestandteile handeln könnte. Das hatte mit der Realität nur wenig zu tun, Ziegler schreibt von der „klammheimlichen Umwandlung des Programmes Oil for Food in eine Waffe zur Kollektivbestrafung des irakischen Volkes.“ (Seite 219). In der Folge starben 1996 bis 2000 550.000 irakische Kleinkinder an Unterernährung!

Die Ursachen des Hungers
Für den Autor sind vor allem drei internationale Organisationen und ihre Politik stark mitschuldig am Welthunger-Problem:

Die drei apokalyptische Reiter des Hungers sind die Organisationen WTO, IWF und, in geringerem Maße, die Weltbank.

(Seite 157)
Diese Institutionen fordern vor allem eine Totalliberalisierung aller Märkte. Das setzen sie u.a. über IWF-Strukturanpassungsprogramme durch, die häufig Bedingung für Kredite und Entwicklungs-Gelder sind. Ihre Anführer bezeichnet Ziegler deswegen als „Ayatollahs des neoliberalen Dogmas“.
Diese werden von diversen Regierungen unterstützt, u.a. auch von der US-Regierung, die sich immer wieder gegen Zieglers Engagement wandte:

Während meiner zwei Mandate als Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung habe ich nacheinander vier amerikanische Botschafter am europäischen Sitz der Vereinten Nationen in Genf erlebt: Ausnahmslos haben alle vier meine Berichte und alle meine Empfehlungen heftig bekämpft.

(Seite 159)

Viele Bäuerinnen und Bauern weltweit verfügen vielerorts nur über eine dürftige Ausrüstung zur Bestellung des Landes. So gibt es beispielsweise um südlichen Afrika kaum Dünger oder Speicher-Silos für die längerfristige Aufbewahrung der Ernten.

Der Welthunger wird auch durch Oligopole massiv verstärkt. Ein Oligopol ist eine Marktform, bei der viele Nachfrager wenigen Anbietern gegenüberstehen, die sich zum Teil (illegal) in ihrer Preispolitik untereinander abstimmen. Es handelt sich de facto um Monopole mehrerer Konzerne.
So kontrollieren die 200 größten Konzerne der Agrarindustrie rund ¼ der globalen Lebensmittelerzeugung. Das mag sich noch nicht so schlimm anhören, aber Oligopole kontrollieren im zunehmenden Maße ganze Nahrungsketten. So beherrschen zehn Unternehmen 1/3 des Saagutmarktes und 80% des Pestizidmarktes, sechs Unternehmen kontrollieren 77% des Düngermarktes und sechs Unternehmen kontrollieren 85% des Welthandels mit Getreide.

Ziegler wendet sich in seinem Buch auch gegen die menschenverachtenden Ideen von Thomas Malthus (1766-1833), der von Hunger als einer Art demografischen Selbstregulierung ausging. Das ist nicht nur menschenverachtend sondern auch schlichtweg falsch, da Einkommensarme und Hungernde in Wahrheit mehr Kinder bekommen, u.a. weil sie die einzige Altersabsicherung darstellen. Malthus Theorien blieben auch lange nach seinem Tod, nämlich etwa bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, wirkmächtig.

Als einen weiteren Grund für die Verschärfung des Welthungers benennt Ziegler den Anbau von Bio-Kraftstoffen auf Anbauflächen für Nahrung:

Wer auf einem Planeten, auf dem alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert, Anbauflächen für Nahrung ihrem Zweck entfremdet und Lebensmittel als Kraftstoff verbrennt, begeht ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

(Seite 254)
Das ‚Bio‘ vor dem ‚-Kraftstoff‘ meint aber lediglich, dass organische Stoffe verwendet werden, hat also mit der Herstellungsweise nichts zu tun. Bio-Kraftstoffe werden gerne als angebliche Wunderwaffe gegen den Klimawandel verkauft. Dabei braucht die Herstellung von einem Liter Bioethanol 4.000 Liter Wasser.

Lösungsansätze
Ziegler plädiert insgesamt für eine humanistische Sicht auf das Welthunger-Problem:

Das Bewusstsein von der Identität aller Menschen ist die Grundlage für das Recht auf Nahrung. Nur der Zufall der Geburt trennt uns von den Opfern.

(Seite 103)

Die bisherigen Ansätze zur Problemlösung verfangen trotz des guten Willens kaum, weil nur wenige Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. So ist das „World Food Programm“ (WFP) mit Sitz in Rom für die Bekämpfung des konjunkturellen Hunger zuständig, hat das „Recht auf Nahrung“ auf seine Agenda gesetzt, betreibt aber im Grunde nur eine Art Armutsverwaltung. Beispielsweise finanzierte das WFP in einigen Ländern Schulessen. Das Angebot von kostenlosen Essen an den Schulen führt u.a. dazu das Eltern ihre Kinder in die Schule schicken. Diese Maßnahme kostet pro Kopf etwa 50 Dollar pro Jahr. Im Jahr 2009 versorgte das WFP 22 Millionen Kindern in 70 Ländern mit Mahlzeiten im Wert von 460 Millionen Dollar. Als die Hilfsgelder an das WFP halbiert wurden, mussten auch viele die Schulspeisungen eingestellt werden.

Die Welternährungsorganisation FAO ist eigentlich für strukturellen Hunger zuständig. Sie wurde aber bewusst finanziell ausgetrocknet, so dass 70% ihres Budgets für Gehälter draufgeht. Ziegler verteidigt aber diese Institution, die durch Monitoring den Welthunger dokumentiert und damit den Ansatz für Analysen und Verbesserungen liefern würde.

Letztendlich ist das Privateigentum an Produktionsmitteln eine echte ‚Massenvernichtungswaffe‘, nicht vom Willen seiner Besitzer/innen, aber vom Effekt her. Nur dessen Abschaffung würde auch helfen den Hunger mit seinen Wurzeln zu besiegen. Selbst wenn das erst einmal nicht möglich ist, so wäre es durch eine Erhöhung der Etats des WFP und der FAO möglich ihn zumindest massiv einzudämmen.

Kritik an Zieglers Buch
Leider muss auch in Teilen eine Kritik an dem engagierten Buch von Ziegler geübt werden. So ist seine einseitig antiisraelische Haltung deutlich sichtbar. In einem eigenen Kapitel mit der tendenziösen Überschrift „Das Getto von Gaza“ beschreibt er sehr undifferenziert die Lage im Gaza-Streifen, den er auch als „Freiluftgefängnis“ bezeichnet. Generell hat er mit vielem nicht unrecht, aber er sagt zu wenig und verzerrt dadurch die Perspektive. Warum Israel den Gaza-Streifen isoliert, wird an keiner Stelle erwähnt. Ebensowenig, wie dass der Gaza-Streifen auch eine Grenze zu Ägypten besitzt und somit Israel für eine vollständige Blockade gar nicht verantwortlich sein kann. Der israelische Militäreinsatz auf den Gaza-Streifen im Jahr 2008 wird erwähnt, aber nicht das Raketen-Bombardement auf israelisches Gebiet, was ihm vorausging. Dass die Palästinenser/innen von einer selbst gewählten Regierung aus der korrupten PLO (Westjordanland) oder der islamistischen Hamas (Gaza) beherrscht werden und Gaza nicht mehr unter unmittelbarer Besatzung der Israelis steht, wird ebenso als Wissen vorausgesetzt. Dass besonders die Hamas bei dem Gaza-Krieg 2008, der viele zivile Todesopfer forderte, sich häufig hinter der Zivilbevölkerung verschanzte, wird auch nirgendwo erwähnt. So besticht das Kapitel zum Gaza-Streifen in dem Buch durch eine Einseitigkeit zuungunsten Israels.

Das vor allem der Profitgier und Neoliberalismus für den Welthunger verantwortlich sein sollen, ist eine These von Ziegler, die kritisch hinterfragt werden muss. An manchen Stellen hört es sich an, als ob am Hunger nur Spekulant/innen und korrupte Regierungen schuld seien:

Von den Kraken der Agrarindustrie sagt Joao Pedro Stedile: »Ihr Ziel ist es nicht, Lebensmittel zu erzeugen, sondern Waren, um Geld zu erzeugen«

(Seite 141-42)

Wirklich schuld an dieser Situation sind die Spekulanten – die Manager der Hedge Fonds, die noblen Großbankiers und andere Raubritter des globalisierten Finanzkapitals –, die aus Profitsucht und persönlichen Gewinnstreben, aber auch einer gehörigen Portion Zynismus das Weltfinanzsystem ruiniert und Vermögenswerte in Höhe von vielen Hundert Milliarden Euro vernichtet haben.

(Seite 198)
Natürlich hat auch die Spekulation mit Nahrungsmitteln eine Verstärkung des Hungers zur Folge. Dabei werden Nahrungsmittel wie andere Marktprodukte auch behandelt. Ziegler kritisiert durchaus richtig die neoliberale Radikalisierung des Kapitalismus. Es gibt aber eine reaktionäre und eine gerechtfertige Kritik an Spekulanten. Die gerechtfertigte erwähnt, dass Spekulationen untrennbar mit dem Kapitalismus verbunden, dessen legitime Kinder sie sind. Das vergisst Ziegler manchmal zu erwähnen.
Falsch ist sicher auch Zieglers Ansatz, das Problem für ein Charakterproblem zu halten:

Indem wir zunächst einmal gegen den Sittenverfall der Führungseliten in vielen Ländern der südlichen Hemisphäre kämpfen – gegen ihre Bestechlichkeit und die Besessenheit, mit der sie festhalten an der Macht ihrer Positionen und der Aussicht auf die Reichtümer, die diese ihnen versprechen.

(Seite 303)

Festzuhalten bleibt: Kapitalismus ist generell gewinn- und nicht bedürfnisorientiert. Auch gab es bereits vor dem globalen Siegeszug des Neoliberalismus weltweit immer wieder Millionen Hungertote. Hier ein paar Beispiele aus der ‚Welt-Geschichte des Hungers‘:
* 1840: In Irland verhungern 1840 etwa 1 Million Menschen.
* 1876-1900: Von 1876 bis 1900 sollen in China 40 Millionen Menschen verhungert sein.
* 1896/97 und 1899/1900: Hungersnöte ausgehend von Zentralindien fordern 6,1 bis 19 Millionen Tote in Indien.
* 1914-18: 70.000 von 140.000 Psychiatrie-Patient/innen verhungern im Ersten Weltkrieg in Deutschland durch Einsparmaßnahmen.
* 1918: Im Jahr 1918 verhungerten in Deutschland infolge des Weltkriegs ungefähr 800.000 Menschen.
* 1943-44: Durch den Zweiten Weltkrieg werden die Reislieferungen von der britischen Kolonie Burma in die britische Kolonie Indien unterbrochen. Unter anderem hatten die Kolonialherren die Kornspeicher geleert und die Ernten für die britischen Streitkräfte konfisziert, die die japanischen Truppen in Burma und auf anderen asiatischen Kriegsschauplätzen bekämpften. Das führt in Bengalen zu einer Hungersnot mit 2 bis 4 Millionen Toten.
* Insgesamt waren 1/3 aller Toten im Zweiten Weltkrieg Hungertote.

Zudem gibt es auch Faktoren, die zur Verstärkung des Hungers führen, die nichts mit dem Neoliberalismus zu tun haben. Hunger wird z.B. verstärkt durch das Patriarchat und traditionelle Herrschaftsstrukturen (z.B. das Kastensystem). An einer Stelle präsentiert Ziegler selbst ein erschütterndes Beispiel dafür:

Dazu muss man wissen, dass Frauen in den ländlichen Gebieten Asiens und Afrikas eine dauerhafte Diskriminierung erleiden, die mit ihrer Unterernährung zusammenhängt; in bestimmten Gesellschaften der Sudan-Sahelzone und Somalias bekommen Frauen und Mädchen nur die Reste, die die Männer und Jungen bei ihren Mahlzeiten übriglassen.
Die gleiche Benachteiligung erfahren alle Kleinkinder. Noch schlimmer ist die Diskriminierung von Witwen beziehungsweise Zweit- und Drittfrauen. […] Bei den somalischen Nomaden rühren die Frauen die Hirseschüssel oder das gegrillte Hammelfleisch nicht an, bevor die Männer ihre Mahlzeit beendet haben. Die Männer bedien sich, dann sind die Jungen an der Reihe. Erst wenn die Männer mit ihren Söhnen den Raum verlassen haben, nähern sich die Frauen der Matte mit den Schüsseln, die noch einige Reisbällchen enthalten, ein bisschen Weizen, einen Fetzen Fleisch, den die Männer übriggelassen haben. Wenn die Schüsseln leer sind, bekommen die Frauen und Mädchen nichts zu essen.

(Seite 47-48)

Auch die Präsentation des Programms „Food for Work“ (Seite 183) durch den Autor als Teil der Lösung ist zu kritisieren. Denn in dem Programm werden lediglich arbeitsfähige Hungeropfer in Naturalien, sprich Essen, für Arbeit entlohnt. Damit wird Essen als Bezahlung verwendet und damit zu einer Ware. Eine Logik die Ziegler an anderer Stelle kritisiert, hier aber seltsamerweise nicht hinterfragt.

Fazit: Menschen verhungern, ohne es zu müssen
Das Buch von Ziegler macht wütend und das soll es auch machen. Denn weltweit sterben Millionen von Menschen, ohne es zu müssen. Durch seinen journalistischen Stil bringt das Buch einem die Lage in den Hungergebieten dieser Welt näher. Der Autor war vor Ort und berichtet authentisch.
Auch wenn das Buch an einigen Stellen undifferenziert ist (Gaza-Kapitel), so sollte das nicht unbedingt von einem Kauf abhalten, denn an anderer Stelle liefert es dafür umso mehr Informationen. Diese kommen von einem Insider, der aus der UN-Bürokratie kommt und berichten kann, was sich hinter den Kulissen abspielt.

Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt, München 2013.