Archiv für Juli 2014

Germanisierungs-Wahn im deutschen Siegestaumel

Das auch der Fußball-Patriotismus eine gehörige Portion Chauvinismus enthält, zeigt sich u.a. in den bei Facebook verbreiteten Bildern. Ein beliebtes Motiv schien es dabei zu sein, die Christus-Statue auf dem Zuckerhut in Rio de Janeiro quasi zu „germanisieren“, also durch ein deutsches Nationalsymbol zu ersetzen oder wenigstens mit deutscher Nationalsymbolik zu ‚verzieren‘.
Dabei sind die Unterschiede zwischen Neonazis, die die Christus-Statue durch einen Reichsadler ersetzen, Deutschnationalen die an stelle des Christus die „Hermann, der Cherusker-Fürst“-Statue (im Original im Teutoburger Wald) setzen oder Unternehmen wie GMX, die die Statue in ein schwarzrotgoldenes Gewand hüllen, nur partiell.

Zuckerhut germanisiert a

Zuckerhut germanisiert b

Zuckerhut germanisiert c

„Wir sind Weltmeister!“ – ein kritischer Kommentar zur Männer-Fußball-WM

Park wegen WM geschlossen
Aus. Schluss. Vorbei. Die Männer-Fußball-WM ist vorüber. Überall hieß es nach der Finalrunde „Wir sind Weltmeister!“ Zuvor hieß es schon „Wir sind Papst!“ oder „Wir sind Exportweltweister!“ Der nationale Narrativ ist derzeit in Deutschland so lebendig wie schon lange nicht mehr, aber natürlich nur im positiv gewendeten Sinne. Denn „Tätervolk“ will irgendwie niemand sein.
Der schwarzrotgoldene Spuk dürfte erfahrungsgemäß trotzdem nach ein paar Tagen abebben. Die Autofahnen werden zerfleddern und der schwarzrotgoldene Ausschlag im Gesicht wird abgewaschen werden, leider diesmal nicht von den Tränen der Niederlage.
Für kritische Beobachter_inne bleiben ein paar Erkenntnisse zurück.

Hilflose Gegenstimmen
Die antinationale Linke agierte relativ hilflos. Die besseren Teile der Linke sind heutzutage antinational eingestellt. Hier gehört es sogar zum guten Ton sich antinational zu geben, aber mit Analyse und Praxis des Spektakels hapert es häufig dennoch. Unklar ist auch, ob jede_r die_der ein Deutschlandfähnchen klaut, auch wirklich begründen kann, was genau an Nationalismus bzw. am deutschen Nationalismus so schlimm ist.
Die relative Hilflosigkeit der antinationalen Linken in Deutschland ist nicht neu. Spätestens seit 2006 werden antinationale Linke bei der Männer-EM und -WM immer aufs Neue durch den aufkommenden Fußball-Nationalismus aufgeschreckt und versuchen sich dann in mehr oder weniger klugen Texte an einer Analyse und Kritik. Die klügeren Texte versuchen dabei zu analysieren, wie der neue deutsche Nationalismus funktioniert und wo seine Gefahren liegen. Die weniger klugen Texte versuchen ihn als Verschwörung des Kapitals zu entlarven mit dem Ziel die Klassengegensätze zu verdecken oder es wird versucht den Faschismus im Fußball-Nationalismus ausfindig zu machen. Zwar bewegen sich mancherorts Neonazis tatsächlich mit ihren Reichkriegsflaggen im schwarzrotgoldenen Fahnenmeer wie Fische im Wasser, sie sind aber trotzdem nur selten irgendwo wirklich dominant. Im Gegenteil, ihr enger völkischer Nationalismus widerspricht sogar dem Mainstream-Nationalismus, der durchaus anerkennt dass Deutschland eine Einwanderungs-Gesellschaft ist. So muss eine Kritik des neuen deutschen Nationalismus im Grunde erst einmal ohne den Verweis auf Neonazis und Nationalsozialismus auskommen, um zu überzeugen. Den Otto-Normalo-Fans Michael, Mehmet und Malika von der Ecke kann man mit dem Verweis auf braune Umtriebe und die NS-Vergangenheit kaum beikommen.

Neuer deutscher Nationalismus und Neo-Rassismus
Frei.Wild und Deutschland
Trotzdem ist der neue deutsche Nationalismus natürlich kein antirassistischer Nationalismus. Was per definitionem einen Widerspruch darstellen würde, denn Nationalismus schafft immer eine outgroup und eine ingroup und bewertet diese unterschiedlich. Im neuen deutschen Nationalismus ist aber eine andere Form von Rassismus zu finden, als der plumpe alte oldstyle-Rassismus. Diesem nach, wird, wer nicht weiß und deutschstämmig ist, einfach nicht als ‚Deutsch‘ anerkannt. Die ‚Volksgemeinschaft‘ wird völkisch definiert. Vertreten wird dieser völkische Rassismus in Deutschland als politische Agenda von der extremen Rechten von der „Deutschen Burschenschaft“ bis zur NPD. Er ist aber auch noch in großen Teilen der Bevölkerung zu finden, besonders im ländlichen Raum und unter Älteren ist er häufiger anzutreffen.
Der Neorassismus verbindet sich hingegen stärker mit der Leistungsgesellschaft als mit dem ‚Volksgemeinschafts‘-Gedanken. Er ist ein Nützlichkeitsrassismus. Hier wird zwar die unterschiedliche Herkunft durchaus wahrgenommen, aber die Beteiligung an der Gesellschaft wird erst einmal nicht für alle Minderheiten generell abgelehnt. Sie wird erst dann in Frage gestellt, wenn das Individuum oder die Bevölkerungsgruppe nach mehrheitsgesellschaftlicher Auffassung dem Standort Deutschland keine Vorteile (mehr) bringen. Menschen mit Migrationsgeschichte werden damit zu einer Art ‚Deutsche auf Bewährung‘. Wenn aber die Leistungserwartungen enttäuscht werden, dann wird dem Neu-Deutschen von den ‚echten‘ Deutschen schnell wieder der Status als ‚Deutscher‘ aberkannt. Das kann ein migrantischer Fußballspieler für die deutsche Männer-Fußballmannschaft mit vermeintlich ungenügenden Leistungen sein, das kann aber auch eine Person mit Migrationsgeschichte sein, die es wagt nicht mit genügend Fanatismus für Deutschland zu jubeln.
Die AfD-Nachwuchsmannschaft „Junge Alternative Hessen“ empörte sich zwar im Juli 2014 über die vermeintlich fehlende Vaterlandsliebe migrantischer Spieler in der deutschen Männer-Mannschaft, in dem sie kritisierte diese würden die Nationalhymne nicht mitsingen und forderte:

Deutsche Fußballer singen auch die deutsche Nationalhymne!
Denn über sie wissen wir mit Sicherheit:
Sie tragen auf jeden Fall Deutschland in ihrem Herzen!

Aber insgesamt war es bei den meisten Fans die Leistung, die aus allen Team-Angehörigen ‚Deutsche‘ machte. Die „Junge Alternative“ oder die NPD waren mit ihrer Klage über die Zusammensetzung des deutschen Teams oder dessen zu wenig nationalistischen Verhaltens im öffentlichen Diskurs klar erkennbar in der Minderheit.
Im öffentlichen Diskurs gelten derzeit vor allem Flüchtlinge als Belastung für den Standort Deutschland. Einer Studie aus diesem Jahr ergab, dass 55 bis 76% der Bevölkerung Flüchtlinge abwerten, wohingegen generell rassistische Einstellungen gegen ‚Fremde‘ allgemein sinken. Der Neo-Rassismus ist also in Deutschland mehrheitsfähig geworden.

Naturalisierung des Nationalismus
Wenn jemand als ‚Deutsche_r‘ gelabelt wurde, dann ‚muss‘ diese Person für das deutsche Team sein, so die häufig anzutreffende ‚Logik‘ während der WM. Erklärt eine Person dann diese ‚Logik‘ nicht teilen zu wollen, wird sie von deutscher Fan-Seite als irgendwie ’seltsam‘ bis ‚geistesgestört‘ betrachtet. Denn die Zugehörigkeit zu einer ‚Nation‘ ist im Glauben der meisten nicht nur fest verwurzelt, sondern quasi eingewachsen. Deutschland-Fan-Sein wird weniger als Entscheidung betrachtet, denn eher als angeboren. Zumindest, wenn man als ‚Deutsche_r‘ markiert wurde. Diese Naturalisierung von Nationalismus wurde nicht selten durch die Nachfrage „Aber Du bist doch Deutsch, oder?“ noch einmal unterstrichen. Lediglich den Nachfahren von Eingewanderten wollte man zugestehen, nicht loyal zur deutschen Mannschaft zu stehen. Hier lebt ein Element des völkischen Nationalismus im neuen deutschen Nationalismus weiter.
Ausgehend von dieser Naturalisierung von Nationalismus ist Nationalismus für viele auch keine politische Haltung, sondern in den Augen der Nationalist_innen lediglich eine Selbstverständlichkeit. In diesem Verständnis liegt auch die Erklärung für die Selbstwahrnehmung von rechten Hooligans als „unpolitisch“, wenn sie Fans im Stadion angreifen, die sich offen gegen Rassismus oder Homophobie positionieren. Diese rechten Schläger sind in ihrer Selbstwahrnehmung tatsächlich ‚unpolitisch‘, weil sie die in ihrer Kurve zuvor existierende Toleranz und Dominanz von Homophobie und Rassismus als ‚natürlich‘ und ‚gegeben‘ ansehen. So ist die Forderung nach „Keine Politik im Stadion!“ von politisch sehr weit rechts Stehenden gar nicht so verlogen wie es scheint, da diese Leute in ihrer Position oft nichts Politisches zu entdecken vermögen.
Der Mythos vom natürlichen Nationalismus, gerne auch als ‚gesunder Patriotismus‘ verbrämt, wird auch von den Medien bedient. So schreibt der SPIEGEL in seiner Ausgabe 29/2014 über „Die entkrampfte Nation“, andere Medien schrieben von einer „Enttabuisierung“ des deutschen Nationalismus. Auch die Formulierung vom „antideutschen Selbsthass“ ist ein klarer Hinweis auf eine Naturalisierung von Kollektiv-Identitäten.

Deutschland macht mobil
Gerade zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs hätten kluge Köpfe den Nationalismus als unheimliche Mobilisierungskraft von Nationalismus stärker thematisieren sollen. Sie trieb damals Millionen junger Männer* freiwillig in die Schützengräben und nicht selten auch in den Tod.
Die Nähe zum Krieg ist nicht dabei gar nicht allzusehr bemüht. So schrieb die BILD am 14. Juli: „Wir haben Argentinien in einer großen Schlacht mit 1:0 nach Verlängerung in die Knie gezwungen.“ Offenbar wirkt hier die starke Beteiligung ehemaliger Mitglieder von Wehrmachts- und Waffen-SS-Propagandakompanien in den westdeutschen Redaktionsstuben Nachkriegsdeutschlands noch immer nach.
Nationalismus ist wie vor hundert Jahren eine Kraft quer durch alle Schichten. Von den ökologisch korrekten Solardächern flatterte das Schwarzrotgold genauso herab wie von den Haupthäusern auf Bauernhöfen mit Massenzuchtanlagen. Das kollektive Aufstöhnen wenn ein Spieler ‚unserer‘ Mannschaft das Tor verfehlte, war aus den offenen Fenstern der Verbindungsvillen der Universitätsstädte ebenso zu hören, wie aus den Arbeiterschließfächern in den Plattenbau-Vierteln der Großstädte.
Mit über 34 Millionen, exklusive „Public Viewing“, hatte die Finalrunde in Deutschland die höchste je gemessene Zahl an Zuschauer_innen. Offenbar verbrachte ein Mehrheit der Menschen in Deutschland den Final-Abend damit den Bildschirm oder eine Leinwand anzuschreien und zuzujubeln. Damit war der Fußball-Nationalismus in Deutschland zumindest gegen Ende der WM hegemonial. Immer wieder wurde durch diese Hegemonie auch Gruppendruck ausgeübt. Selbst Leute, die Deutschland und seine Mannschaft nicht interessierten, sahen sich im Freundeskreis gezwungen Partei für das deutsche Team zu ergreifen oder sich das Spiel anzusehen.
Sogar bekennende Antinationale wurden gegen ihren willen an jeder Ecke mit dem deutschen Fußballnationalismus konfrontiert. Die Aufkleber-Botschaft „xyz ist mir wichtiger als Deutschland“ ward damit etwas verfehlt. Zwar rangiert die Wichtigkeit von Deutschland bei dem Verfasser dieser Zeilen irgendwo zwischen den Fuseln, die sich im Bauchnabel finden, und den täglichen Börsennachrichten, aber das Problematische war, dass Deutschland sich wichtig machte und sich ungefragt in das Leben aller einmischte. Ohne es zu wollen, wurde damit Deutschland im Alltag aller wichtiger. Es waren kaum noch Produkte ohne Schwarzrotgold zu erwerben. Selbst der WC-Reiniger kleidete sich in die Landesfarben.
WC-Reiniger Schwarzrotgold

Friedlicher neuer deutscher Nationalismus?
Es gilt bei einer Kritik des Fußball-Nationalismus immer auch die selbst behauptete Friedfertigkeit des neuen deutschen Nationalismus als Falschbehauptung zu entlarven. Diese vorgebliche Friedfertigkeit ist nämlich an strikte Bedingungen geknüpft. Beispielsweise sollte man sich nicht in der Gegenwart deutscher Fans auffällig über die Siege der Gegner-Mannschaften Deutschlands oder die Niederlage Deutschlands freuen. Nach den gemachten Erfahrungen der letzten Fußball-Großereignisse war es ebenfalls nicht ratsam mit den Fanutensilien der gegnerischen Mannschaften durch größere Anhäufungen deutscher Fans zu spazieren. Auf keinen Fall sollte auf Public-Viewing durch vom deutschen Mainstream abweichendes Verhalten (Applaus für gegnerische Mannschaft) die Hegemonie in Frage gestellt werden. Denn auch dem neuen deutschen Nationalismus wohnt Gefahr inne. Wird er gereizt, kann er durchaus schon mal aggressiv werden.

Fazit: Was tun?
Letztendlich geht es darum, etwas vulgär ausgedrückt, den Menschen klar zu machen, dass auch Scheiße mit Vanillesoße drüber Scheiße bleibt. Der neue deutsche Nationalismus muss als eigenständiges Phänomen analysiert und kritisiert werden.
Nicht nur die Gegenargumentation der antinationalen Linken war in einigen Punkten verfehlt, auch der Zeitpunkt. Antinationale Kampagnen machen im Grunde eher außerhalb des fußballnationalistischen Trubels Sinn. Hier besteht eher die Möglichkeit mit einzelnen Personen ernsthaft zu diskutieren. Auf dem Höhepunkt war der deutsche Fußball-Nationalismus stark emotionalisiert und fanatisiert und trat nicht selten in der Gruppe auf.
Mit rationalen Argumenten war da nichts mehr zu machen. Genausogut hätte man die Leute darüber aufklären können, dass das Anschreien der Fernsehgeräte keine Wirkung auf das Dargestellte hat. Letztendlich gilt: Wenn das Herz zur Fahne fliegt ist der Verstand in der Vuvuzela.
Deswegen sollte die antinationale Linke statt panisch zur Männer-WM/EM mal wieder eine antinationale Kampagne aufzulegen, gerade außerhalb solcher hoch-emotionalisierten Zeiten gegen Nationalismus argumentieren und arbeiten.
Zur WM-/EM-Zeiten selbst sollten eher für antinational eingestellte Menschen Zufluchtsstätten geschaffen werden, wo sie sich von den nationalistischen Zumutungen erholen können.
Natürlich ist es legitim auch zu den Hoch-Zeiten des Fußball-Nationalismus die Nationalist_innen zu kritisieren und zu ärgern. Aber Vorsicht: Wer heute Deutschlandfahnen verbrennt, schafft morgen vielleicht schon Deutschland ab! Das immerhin lässt doch hoffen.