Die Spur des Mehltaus – Wahlkampf der AfD in Thüringen

Am 14. September 2014 wird in Thüringen ein neuer Landtag gewählt. Rechts von der CDU konkurrieren dabei die NPD und neugegründete AfD miteinander beim Versuch über die 5%-Hürde zu springen. Um auch das rechte Wahlvolk anzusprechen, hat Björn Höcke, Spitzenkandidat der AfD Thüringen zur Landtagswahl, ein 10-Punkte-Programm veröffentlicht, was einiges rechtspopulistisches Potenzial beinhaltet. Bereits im ersten Punkt heißt es:

„Meinungsfreiheit und freies Denken nutzen – notwendige Debatten führen
Die sogenannte politische Korrektheit liegt wie der Mehltau auf unserem Land. Eine ergebnisoffene Erörterung zukunftsbedeutender Politikbereiche wie Einwanderung, Demographie und Währung wird vom Altparteienkartell unterbunden. Die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit muß verwirklicht werden.“

Die Selbstinszenierung als Tabubrecher gegen angebliche Sprechverbote ist ein Kennzeichen des Rechtspopulismus. Die angeblichen Sprechverbote betreffen dabei zumeist das unverhohlene Äußern von rassistischen, sexistischen oder homophoben Statements bzw. die Verwendung derartig geprägter Vokabeln.
In dem ersten Punkt des 10-Punkte-Programms von Höcke findet sich auch, die einprägsame und literarisch schöne Metapher, dass etwas „wie der Mehltau auf unserem Land“ liege.
Höcke, Björn
Diese Mehltau-Metapher scheint Höcke aus der Rede von einem gewissen Prof. Günter Scholdt aus Saarbrücken übernommen zu haben. Scholdt, ein Germanist und Historiker, war nicht nur Leiter des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsaß, sondern bewegt sich auch im Dunstkreis der so genannten „Neuen Rechten“. Er war Autor für die neurechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und das neurechte Strategieblatt „Sezession“. Zudem veröffentlichte er 2011 in dem neurechten Verlag „Edition Antaios“ das Buch „Das konservative Prinzip“. Als Referent trat er mehrfach für das „Institut für Staatspolitik“ (2005, 2012, 2014) auf und war 2012 bei dem großen rechten Vernetzungstreffen „Zwischentag“ in Berlin der Festredner. Beim Thüringer Landesverband der AfD hielt er am 7. Dezember 2013 zum Auftakt der Programmdebatte den Vortrag „Der historische Auftrag der AfD aus der Sicht eines Konservativen” . Im auch online veröffentlichten Skript seines Vortrages bei der AfD findet sich der Satz:

„Befreien Sie uns von einem Korrektheits-Terror, der wie Mehltau auf Deutschland liegt!“

Scholdt verwendete diese Sprachfigur übrigens bereits 2011 in seiner Laudatio für Ernst Nolte, einen Historiker, der sich im Laufe seines Lebens immer mehr der extremen Rechten annäherte. In der „Jungen Freiheit“ 48/2011 ist diese Laudatio abgedruckt. In ihr heißt es an einer Stelle:

„Vergleichbares haben inzwischen zahlreiche andere erfahren in einem Land, auf dem der Mehltau des Tugendterrors liegt.“

Diese Forderung scheint Höcke inklusive der Metapher von Scholdt übernommen zu haben. Dieses Beispiel zeigt, dass Exponenten aus dem erweiterten Kreis der „Neuen Rechten“ offenbar auf Inhalte der AfD-Programmatik konkret Einfluss nehmen.