Buchkritik: „Die Resistenza. Italien im Zweiten Weltkrieg“ von Gerhard Feldbauer

Resistenza
Gerhard Feldbauer schreibt in seinem kurzen Buch „Die Resistenza“ (Köln, 2014) über „Italien im Zweiten Weltkrieg“ mit Schwerpunkt auf der Geschichte des antifaschistischen Widerstand. Er beschreibt wie und mit wessen Unterstützung der Faschismus in Italien an die Macht gelangen konnte und wer sich ihm entgegen stellte.
In seine Darstellung fließt auch eine Beschreibung des Spanischen Bürgerkrieges ein, in dem bis 1939 auf beiden Seiten Italiener kämpften. Später trat Italien an der Seite Deutschlands in den Krieg ein und stellt Deutschland u.a. Truppen für seinen ‚Russland-Feldzug‘ zur Verfügung. Bereits vor Weltkriegsbeginn hatte Italien ab 1935 versucht in Äthiopien, neben Liberia der letzte unabhängige Staat Afrikas, sein Kolonialreich auszudehnen. Hunderttausende starben. Feldbauer erwähnt das interessante Detail, dass 1935 38 Kommunisten nach Äthiopien gingen, um in der Armee Kaiser Haile Selasies I. gegen die Truppen Mussolinis zu kämpfen.
Die mit Verlauf des Weltkrieges zunehmenden Verluste an Soldaten, die ansteigenden Kriegslasten und der Eindruck der Landung der Alliierten in Süditalien führten im Jahr 1943 zu einer faschistischen Palastrevolte und Mussolini wurde abgesetzt. Mussolini wurde später befreit und etabliert mit der „Republi von Salo“ in Norditalien einen faschistischen Rumpfstaat, der von Deutschlands Gnaden abhängig war. Mussolini fungierte nunmehr nur noch als eine Art „Gauleiter von Italien“.
Die von der 1926 verbotenen „Italienischen Kommunistischen Partei“ (IKP) dominierten Widerstandskräfte beschlossen 1944 die „Wende von Salerno“, in der sie sich entscheiden zuvorderst die Besatzung und ihre Kollaborateure zu bekämpfen und das Ziel einer Revolution zuerst einmal hinten anzustellen. Diese Strategie ermöglicht breite Bündnisse und damit einen verstärkten Widerstand. Auf der Seite der Partisan/innen kämpften dabei auch nicht wenige Frauen, wie der Autor berichtet:

„35.000 Frauen gehörten Partisaneneinheiten an, 512 von ihnen waren Kriegskommissarinnen. 4.629 Frauen wurden verhaftet, eingekerkert und gefoltert, 2.750 nach Deutschland deportiert. 623 Frauen fielen im Kampf oder wurden nach ihrer Verhaftung von den Deutschen umgebracht.“ (Seite 62-63)

Anfang 1944 waren 15 Divisionen der Wehrmacht durch Partisan/innen-Aktivitäten gebunden.

„Ein »Sicherheitsbericht« des Wehrmachtskommandos gab im Juni 1944 an, dass im Mai des Jahres 2.035 und im Juni ungefähr 2.200 Partisanenaktionen stattfanden, dabei im Juni 17 Munitionsdepots und 24 Kasernen und Garnisonen des republikanischen Heeres (die faschistischen Hilfstruppen Mussolinis) sowie eine deutsche Kommandantur angegriffen wurden.“ (Seite 67-68)

Zuletzt zählte PartisanInnen-Armee 256.000 Mitglieder, davon waren 155.000 Angehörige der Garibaldi-Brigaden der IKP, die ihre Basis vornehmlich in der norditalienischen Industriearbeiterschaft hatte.
Die Besatzer und ihre Kollaborateure schlugen aber grausam zurück. In der faschistischen Salo-Republik wurden täglich 165 Zivilisten umgebracht.
Gegen Kriegsende wurde im besetzten Norditalien ein Generalstreik ausgerufen, der am 25. April in einen allgemeinen Aufstand überging. So wurden in Norditalien 200 Städte durch die Partisan/innen noch vor Eintreffen der alliierten Truppen befreit.
Im Anschluss daran bestand laut dem Autor bis Oktober 1945 eine revolutionäre Situation, die aber nicht genutzt wurde. Als letzten Sieg der IKP bezeichnete er am 2. Juli 1946 das erfolgreiche Referendum über die Abschaffung der Monarchie.

Kritik: Voreingenommene Perspektive
Der Autor schildert die Widerstands-Geschichte Italiens vor allem aus der Sicht der IKP und verwendet das marxistisch-leninistische Modell von der Geschichte als „Geschichte von Klassenkämpfen“. Dieses sehr vereinfachende Modell wird der Komplexität von Geschichte kaum gerecht. Zudem wird die Perspektive des Autors auch noch durch eine Anti-USA-Haltung verzerrt.
Während die UdSSR von aller Kritik verschont wird, wir besonders den USA beständig ein böser Wille unterstellt, sie wird als „äußere Reaktion“ gebrandmarkt.
Zur Erinnerung: Die Vereinigten Staaten landeten 1943 in Süditalien und kämpften von da ab in Italien gegen die Wehrmacht und ihre Verbündeten. Die USA brachten dafür viele Opfer in einem weit entfernten Land. Die Zahl dieser Opfer nennt Feldbauer nicht. Stattdessen mäkelt er am Verhalten der USA herum, sie hätten dem Widerstand zu wenig Waffen geliefert oder sie wären zu langsam vorgerückt. Sowieso seien die Absichten der Vereinigten Staaten nur machtpolitisch motiviert:

„Den angloamerikanischen Alliierten ging es vor allem, dass die UdSSR sich in der gewaltigen militärischen Auseinandersetzung mit Deutschland weiter ausblutete und dass Italien als Mittelmeermacht ausgeschaltet und ein abhängiger Staat werden sollte.“ (Seite 49)

Natürlich können die Motive der Vereinigten Staaten vielfältig gewesen sein und auch antikommunistische Motive dürften eine Rolle gespielt haben. Aber die Motive der USA darauf zu beschränken und ihnen immer von vornherein nur die unlautersten Motive zu unterstellen zeugt von einer starken Voreingenommenheit. Wenn dann Feldbauer zur Unterstreichung seiner Argumentation in einer Fußnote aus einem Roman von Dieter Dehm zitiert, wird es vollends lächerlich.
Seine Vorwürfe hätte der Autor besser belegen oder sie unterlassen sollen. Den dabei freigewordenen Platz hätte er für eine Darstellung des Widerstands im italienisch besetzten Äthiopien verwenden können, wo zeitweise bis zu 500.000 Partisan/innen gegen Italiens Besatzung gekämpft haben sollen. Auch wären ein wenig mehr Informationen über Inhalte und Ursprünge des italienischen Faschismus sinnvoll gewesen.

Gerhard Feldbauer: Die Resistenza. Italien im Zweiten Weltkrieg, Köln 2014.