Archiv für September 2014

Buchkritik „Mirage“ von Matt Ruff

Was wäre wenn die Geschichte und damit die Gegenwart anders verlaufen wäre? Kontrafaktische Bücher enthalten solche spannenden Gedankenspiele. In „Mirage“ von Matt Ruff sind nicht die „Vereinigten Staaten von Amerika“, sondern die „Vereinigten Arabischen Staaten“ (VAS) mit 360 Millionen EinwohnerInnen die wichtigste Weltmacht. Die Mitgliedsstaaten der VAS heißen nicht Florida oder Kalifornien, sondern Katar, Sudan, Mauretanien, Jordanien, Kuwait, Ägypten und Palästina. Israel existiert auch in dieser Welt, aber nicht im Nahen Osten, sondern in Mitteleuropa. Nach dem Kriegsende wurde Deutschland in einen christlichen und einen jüdischen Staat aufgeteilt. Zu dem Israel in Mitteleuropa gehören Berlin und Frankfurt. Doch die jüdischen Siedlungen im Rheinland und in Bayern werden immer wieder von deutschnationalen und christlichen Terroristen attackiert. Zur Strafe bombardiert Israel dafür Wien. Die anderen europäischen Staaten sind Israel feindlich gesinnt, doch nur der britische Premierminister David Irving ruft noch offen zur Vernichtung Israels auf – eine offenkundige Anspielung auf den ehemaligen iranischen Präsidenten und Holocaustleugner Ahmadinedschad.
Daneben existieren in dieser literarischen Parallelwelt Staaten wie Persien, Kurdistan, New Mexiko, Coahuila oder die „Christlichen Staaten von Amerika“, die von der „Christlichen Demokratischen Partei“ regiert werden. Diese Christlichen Staaten versuchten zu expandieren und griffen deswegen ihre Nachbarstaaten an: Die „Evangelikale Republik Texas“, das „Pfingstliche Herzland Gilead“, das Oklahoma-Territorium das „Königreich Missisippi“ und das „Königreich Louisiana“. Weiter westlich leben die wilden Stämme der Rocky Mountains und die Mormonen. Aus dem Krieg der „Christlichen Staaten von Amerika“ mit der „Evangelikalen Republik Texas“ entstand der Golf-von-Mexiko-Krieg. Die VAS intervenieren auf der Seite von Texas und Texas gewinnt den Krieg. Als die „Christlichen Staaten von Amerika“ verlieren unterstützen sie angeblich das Attentat vom 9. November 2001 auf die Twin Towers in Bagdad. In Reaktion darauf marschieren Truppen der VAS in die „Christlichen Staaten von Amerika“ ein und besetzen u.a. Washington, wo eine grüne Zone eingerichtet wird.
Innerhalb der VAS gibt es unterschiedliche Machtgruppen und Interessengruppen. Mitglieder der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung diskriminieren teilweise Schiiten, Juden und Christen. Dagegen engagiert sich die „Arabische Bürgerrechtsunion“. Im Irak existiert die Baath-Gewerkschaft unter dem Alkoholschmuggler Saddam Hussein, die große Teile der organisierten Kriminalität kontrolliert. Osama bin Laden ist dagegen ein Senator in der VAS-Hauptstadt Riad und hat die geheime Antiterrororganisation „Al-Qaida“ gegründet.
Soweit das setting zu einem Krimi, der gegen Ende hin stärkere Fantasy-Elemente aufweist. Der Krimi ist nicht nur gut und spannend geschrieben. Das setting ist auch sehr einfallsreich konstruiert und weist für Kenner*innen allerhand witzige Anspielungen auf. Statt Photoshop, Ebay und Wikipedia gibt es in dieser Parallelwelt ‚Fotobasar‘, ‚e-Basar‘ und die elektronische ‚Bibliothek von Alexandria‘. Auch witzig ist es, wenn Ruff über die christlichen GastarbeiterInnen in der VAS schreibt. Oder das im Fernsehen eine populäre Serie namens „24/7 Jihad“ läuft.
In Reaktion auf die Anschläge vom 9. November wurde das „arabische Heimatschutzministerium“ gegründet. Für dieses arbeiten Mustafa al-Bagdadi, Samir und Amal, eine Tochter der Bürgermeisterin von Bagdad, der ersten Schiitin und Frau in diesem Amt. Früher arbeiteten diese drei bei der Halal-Behörde, ein Amt zur Durchsetzung der Prohibition gegen die muslimische Mehrheitsbevölkerung. Denn die VAS ist nicht einfach eine USA im Nahen und Mittleren Osten. Sie hat durchaus ihre Besonderheiten. Es gibt einige Protagonisten im Buch mit Zweitfrauen, Homosexualität steht unter Strafe und es gibt ein Alkohol-Verbot, was aber von vielen säkularen Muslimen missachtet wird.
In dieser Welt ermitteln in Bagdad die AgentInnen des „arabischen Heimatschutzministerium“ auf der Spur von christlichen Terroristen und stolpern dabei über geheimnisvolle Artefakte aus einer Parallelwelt, in der die USA Weltmacht sind und die arabischen Staaten einzeln und machtlos. Hier hat sich Ruff ganz offensichtlich von dem Buch „Das Orakel vom Berge“ von Philip K. Dick inspirieren lassen.
Ein herrlicher Leseschmaus voller Hintergründigkeiten für den/die, der/die sie zu erkennen vermag!