Berbermord in Tübingen

In der eigentlich sehr friedlichen Kleinstadt Tübingen kommt es zu einem Mord. Opfer ist nicht etwa ein bekannter Tübinger Professor, sondern ein Obdachloser, von dem man anfangs nur seinen Spitznamen kennt: „Wolfi“.
So fängt der 2013 erschienene Krimi „Berbertod“ von Werner Bauknecht an. In ihm begeben sich die Tübinger Kripo-Kommissare Gerd Stammler und Monika Berger unter ihrem Chef Christian Löffler auf Tätersuche. An einer Stelle heißt es:

„Wir sind CSI, bloß auf tübingerisch.“ (S. 251)

Da Obdachlose am Rande der Gesellschaft leben, ist es mühsamer ihr Leben zu recherchieren, wie auch das Trio von der Polizei feststellen muss. Ihre Spurensuche führt sie zu den öffentlichen Plätzen, an denen sich die Berber der Stadt tagsüber aufhalten, in das Männerwohnheim oder in die Sozialwohnungen. Auch in der schmucken Universitätsstadt am Neckar gibt es nämlich Armut.
Unklar ist das Motiv hinter dem Mord. War es sozialdarwinistisch motivierte Gewalt gegen Obdachlose?
Das Buch enthält etwas, was anderen Büchern häufig fehlt: Geruchsbeschreibungen. Etwa wenn von dem, nach „Altmännerschweiß“ riechenden Wohnheim die Rede ist.
In „Berbertod“ finden sich immer wieder vergnügliche Spitzen gegen die Tübinger Akademiker-Kaste und das Biomüslibürgertum der Stadt. Auch dem Ermittler Christian Löffler ist das Spezielle an Tübingen aufgefallen:

„Der Hauptkommissar seufzte. Dieses Seufzen hatte er sich in Tübingen angewöhnt. In Hamburg war das nicht nötig gewesen. Das Tübinger Leben in seinem Inseldasein war da schon von anderem Kaliber. Es war eine Seufzerstadt.“ (S. 107)

Witzig wird es, wenn die Berber im Buch über das „faule Studentenpack“ schimpfen, was ihnen im Park den Platz wegnimmt, oder wenn Klaus Löffler, der Vater von Christian, erzählt, wie er das Tübinger Akademikertum mit falschen Zitaten vorführt:

„Dann stehen sie da, und nicken weise mit dem Kopf. Sozusagen als Bestätigung dieser ungeheuren Weisheit. […] Alle keine Ahnung, aber große Klappen. Tja, das ist halt Tübingen. Alles Schaumschläger und Radfahrer.“ (S. 85)

Etwas sehr holzschnittartig haben Vertreter der antirassistischen Linken im Buch einen Gastauftritt. Hintergrund ist u.a. die lokale Diskussion um die Verwendung des Begriffes „Mohrenkopf“. Dass die Leserbrief-Auseinandersetzung KritikerInnen des Begriffs Briefe mit Drohungen einbrachte, ging an dem Autor offenbar vorbei. Dieser nutzt die Diskussion lediglich als Vorlage um Kritik an diesen Begriffen in seinem Buch ins Lächerliche zu ziehen. Auch die einem Protagonisten in den Mund gelegte Aussage „Es gibt vermutlich keine nazifreiere Kommune in Deutschland.“, darf angezweifelt werden. Immerhin hat der bundesweit bedeutsame extrem rechte Hohenrain-Verlag seit Jahrzehnten seinen Sitz in Tübingen.
Bauknecht liefert mit „Berbertod“ einen authentischen Provinzkrimi, der für Tübingen-KennerInnen voller Lokalkolorit, Details mit Wiedererkennungs-Faktor und Anspielungen steckt, etwa wenn vom „radelnden Oberbürgermeister“ die Rede ist. Die Dialoge sind über längere Strecken in Schwäbisch und machen die Szenerie authentisch. Im zweiten Teil des Buches wird aber schnell klar, wer hinter den Morden steckt, wodurch die Spannung gemindert wird, da es letztendlich nur noch um den Beweis geht, den die Polizei finden muss. Deren VertreterInnen werden fast durchweg nur positiv beschrieben. Dabei haben in anderen Städten in der Realität PolizistInnen Anteil an der Verdrängung von Obdachlosen und BettlerInnen aus den Innenstädten. Vielleicht kann der Autor in seinem nächsten Tübingen-Krimi ja mal einen autoritären Staatsdiener auftreten lassen?
„Berbertod“ ist bis dahin aber ein Lestipp, und zwar sowohl für Tübingen-Liebhaber, wie für Tübingen-Überdrüssige.

Werner Bauknecht: Berbertod. Ein Tübingen-Krimi, Reutlingen 2013