„Schwarzwaldmädels“ von Daniel Bachmann

SChwarzwaldmädel
Daniel Bachmann verfasste mit „Schwarzwaldmädels“ (Tübingen, 2011) eine Art linken Heimatroman. Es geht um Jutta Balder, die mit ihrer Schwester und ihrem Vater auf einem Einsiedlerhof, dem seit 400 Jahren existierenden „Balderhof“, im Schwarzwald lebt bis dieser einem Industrialisierungs-Projekt zum Opfer fällt, wobei auch ihr Vater stirbt bei dem Versuch Widerstand zu leisten.
Es gibt schöne Sätze in diesem Buch, Sätze wie:

„Ich wusste nicht, was Idylle bedeutete, und als ich Papa fragte, antwortete er: »Das ist ein anderes Wort für Lüge.«“

(Seite 28)
Die beiden Schwestern kommen als Mägde auf einem anderen Bauernhof unter. Doch bald flüchten sie aus den patriarchalen Verhältnissen nach Freiburg. Hier geraten sie in die linke Szene. Jutta initiiert mit der Hilfe ihrer neuen ‚Genoss*innen‘ ein Piraten-Radio, das „Piratenradio Oberrhein“. Das Radio wird zur Stimme des Schwarzwalds gegen das Industrialisierungs-Projekt, dem auch der heimische Hof zum Opfer fiel. Natürlich liegen zwischen den akademischen Linken in Freiburg und den Schwarzwaldbewohner*innen Welten, was der Autor immer wieder ganz gut einfließen lässt:
„Zwei Tage lang hatten wir uns darüber gestritten, ob wir den Begriff »Weltrevolution« verwenden sollten, an dem Juan eine Menge lag. Ich war dagegen, denn ich hatte Leute wie den Mayer-Bauer, den Bauer vom Fischerdobelhof oder den Kanonen-Karle vor Augen. Die hatten mit der mit der Weltrevolution nichts am Hut. Sie wollten ihre Heimat vor denen schützen, die in ihr nur die andere Form eines Geldscheins sahen.“ (Seite 84-85)

„Sven griff nach einer Bierflasche und öffnete sie mit den Zähnen. Diesen Trick hatte er sich bei Bauarbeitern abgeschaut, und er war seine engste Verbindung zum Proletariat.“

(Seite 137)
Manchmal ist der Roman etwas zu tümelnd. Wenn es heißt, im Schwarzwald lebe mensch noch „nach alter Väter Sitte“. Das klingt kernig, ja erdig, ist aber ein Konstrukt. Das die beiden Schwestern, wie auf dem Buchcover abgebildet, Bollenhüte tragen, wirkt wie eine uralte Schwarzwaldtracht. Dabei sind die meisten Trachten in Deutschland erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts quasi neu erfunden worden, eine Neo-Traditionalismus ohne Kontinuitätslinie. Wenn Bachmann über die Schwarzwald-Bergbauern und -bäuerinnen schreibt, dann hat das manchmal sehr etwas von Indianer-Romantik. Er beschreibt auch Zustände, wie es sie vielleicht vor einem Jahrhundert gab, aber nicht (mehr) vor drei Jahrzehnten. Der Zeit, in der der Roman spielt. Trotzdem ist der Roman unterhaltsam und liest sich flott. Eine durchaus selbstbewusste Frau* ist die Heldin der Geschichte und die Polizei wird auch einmal kritisch beschrieben. Ganz im Gegensatz zu den ganzen Krimis, in denen Polizist*innen die positiven Held*innen der Geschichte sind. In dieser Geschichte aber sind die Polizist*innen einfach nur Bullen. Sie schleusen sogar in der linken Szene einen Spitzel ein, um herauszubekommen, wer hinter dem Piraten-Radio steckt. Hier bewegt sich der Roman nah an der Wirklichkeit, da es solche Operationen ja immer wieder gab. Auch das „Piratenradio Oberrhein“ hat ein Vorbild in der Realität, nämlich das „Radio Dreyecksland“, was im Kampf gegen einen AKW-Neubau entstand.
Das der Autor immer wieder Dialekt in seinen Roman einstreut, z.B. Wörter wie „Randsteinschlotza“, macht das ganze authentischer.
Urteil: Lesenswert!

Daniel Bachmann: Schwarzwaldmädels, Tübingen 2011.